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Samstag, 13. August 2016

Neue Verdiente Verdiener

Produktivitätsgewinne, aber nicht für Werktätige
1,7 Milliarden Euro haben Hartz-IV-Bezieher in den letzten zehn Jahren durch Sanktionen der Jobcenter verloren, was nur dann keine beeindruckende Zahl ist, wenn man überlegt, dass Berlin demnächst für ungefähr dieselbe Summe seine Verkehrsinfrastruktur zugunsten der Radfahrer-Community ruinieren muss. Doch für den einzelnen der mehr als vier Millionen Menschen, die oft unverschuldet in Not gekommen sind, ist eine Kürzung der ohnehin geringen Bezüge oft existenzerschütternd. Ebenso schlimm der psychische Druck, der durch Sanktionsinstrumente der als Dienstleistungsstelle getarnten Behörde aufgebaut wird. Es wird so getan, als gäbe es Arbeitsplätze im Überfluss, doch ist das nur ein virtueller Popanz, um Druck auf die Sozialsysteme und die (potentiellen) Mitarbeiter auszuüben. Gerade im Bereich der qualifizierten Arbeitsplätze, um die es angeblich hinsichtlich des Angebots Jobsuchender so schlecht bestellt ist, sieht es besonders dürftig aus. Und hinsichtlich der immer nötigen billigen Dreckjobs ist man ja gerade dabei, sich reichlich neue Billiglöhner ins Land zu holen. All dies spielt sich vor einem Hintergrund der Umverteilung ab, zu dem es hier schon am 16. Juni 2012 niederschmetternde Fakten und Analysen zu lesen gab...

Deutschland produziert zu teuer, die Lohnnebenkosten sind zu hoch, die Gehälter erst recht und die Rente ist nicht mehr bezahlbar- mit diesen Parolen aus dem reichhaltigen Sprachschatz der Umverteiler von Volksvermögen mussten wir uns hier in letzter Zeit häufig herumschlagen. Nun aber rechnet uns das Statistische Bundesamt mit harten Zahlen das vor, was wir kybernetisch schon immer gewusst haben: Die Wirtschaft produziert immer effektiver und will dafür immer weniger bezahlen.

Die Arbeitsproduktivität eines jeden Deutschen, so das Bundeszahlenamt, ist zwischen 1991 und 2011 um 22,7% gestiegen. In jeder erbrachten Arbeitsstunde stieg die Produktivität sogar um 34,8%. Inflationsbereinigt wohlgemerkt. Und das alles, obwohl die durchschnittliche Zahl der Arbeitsstunden pro Beschäftigten auch noch um 9,7% zurückging.

Irgendwelche revolutionären Elemente in der Behörde haben dem Bericht kongenial die Zunahme der Lohnkosten pro Arbeitnehmer für denselben Zeitraum hinzugefügt: Inflationsbereinigt knapp 2%. Obwohl all diese Zahlenspielereien nicht die komplexe Situation darstellen können, lässt sich über den statistischen Daumen gepeilt durchaus sagen, dass da einer um 20% mehr profitiert hat als der andere. Oder auf Kosten des anderen?

In den fünf Jahren bis 2010 stieg die Produktivität in Deutschland je Erwerbstätigenstunde um 4%, Durchschnittseuropa dümpelt dagegen bei 3,4%. Warum also sollen die Erwerbstätigen hierzulande sich weiter einreden lassen, dass sie zur Bewältigung „der Krise“ auf Feiertage, Urlaub und Geld zu verzichten hätten? Und überhaupt an allem Schuld seien? Warum können zum Beispiel die wegen einer alternden Gesellschaft zweifellos steigenden Rentenkosten nicht aus den von den künftigen Rentnern zusätzlich geschaffenen Mehrwerten bezahlt werden? Es muss ja keine Abwärtsumverteilung in einem immer noch reichen Land geben, aber wenigstens eine parallele Beteiligung der Bevölkerung am größeren Reichtum des Volkes sollte doch drin sein.

Natürlich sind die deutschen Erwerbstätigen in den letzten 20 Jahren nicht plötzlich so viel fleißiger oder geschickter geworden. Ein Produktivitätsgewinn entsteht aus dem Faktor Information und seiner rasant zunehmenden Bedeutung für das Produktionsgeschehen. Immer bessere Methoden und Maschinen lassen Menschen immer effektiver arbeiten. Somit ist das durchaus auch ein Verdienst der Unternehmen und Manager, die den technischen Fortschritt nutzen, um Deutschland mehr als konkurrenzfähig zu halten. Und deshalb sollen ruhig auch sie ihre Scheibe vom Kuchen abbekommen, aber nicht auf Kosten derer, ohne die sie trotz aller Maschinen immer noch den Laden dicht machen müssten, nämlich der Werktätigen.

Schon gar nicht darf dieser Produktivitätsgewinn auf der Zerstörung sozialer Stabilität aufbauen. Die Angst vor dem Jobverlust kann Menschen auch antreiben, über ihre körperlichen oder psychischen Möglichkeiten zu gehen. In vielen Betrieben ist der 8-Stunden-Tag längst eine verlachte Reminiszenz an die Soziale Marktwirtschaft. In der Generation Praktikum arbeiten Jugendliche teilweise jahrelang ohne Bezahlung. Und während die einen Überstunden schieben, warten die anderen bei der Arbeitsagentur und lassen sich Faulpelze schimpfen (Faulpelze gibt es da natürlich auch reichlich, aber das ist ein anderes Thema).

Wenn die Leute krank vor Überarbeitung werden, heißt das heute in der Zeitung „psychische Beschwerden nehmen zu“. Dabei ist es nur am einfachsten, sich mit einer Psychomacke beim Arzt den gelben Zettel für ein paar Erholungstage mehr zu verschaffen. Aber egal, wie man es nennen will, die Fehltage wegen psychischer Leiden und Verhaltensstörungen sind nach Aussage der Bundesregierung in den letzten zehn Jahren von 33,6 auf 53,5 Millionen gestiegen.

Auch zusätzliche vorzeitige Rentner gab es durch die „produktive Überlastung“: Aus 19.000 männlichen Erwerbstätigen im Jahr 2000 wurden 31.700 Rentner 2010, das ist eine Zunahme von 66%. Noch drastischer sieht es bei den Frauen aus. Hier gingen statt 20.000 nun 39.000 in die Erwerbsminderungsrente. Jede Wette, dass die meisten von denen glücklicher wären, wenn sie mit weniger Stress weiter am Arbeitsleben teilhaben könnten.

Das belastet nicht nur die Individuen, sondern über die erheblichen Kosten auch die Volkswirtschaft. Um dann noch die gewünschten Profite für die Unternehmen noch zu ermöglichen, muss die soziale Schere immer weiter geöffnet werden. Das scheint sogar der OECD zuviel, denn Ende vergangenen Jahres brach sie erstmals ihre eigene Doktrin vom Wohlstand für alle durch Umverteilung nach oben. „Der Sozialvertrag beginnt sich in vielen Ländern aufzulösen“, sagte OECD-Chef Angel Gurría, und ergänzte: „Zunehmende Ungleichheit schwächt die Wirtschaftskraft eines Landes“.

Donnerwetter, dass Konrad Kustos nochmal die OECD zum Zeugen aufrufen würde, hätte er nicht gedacht. Man nimmt eben, was man kriegt. Die Fakten, die sie beibringt, sind auch erschreckend. Danach hat die Kluft zwischen Arm und Reich in den Industrieländern den höchsten Stand seit über drei Jahrzehnten erreicht. In Deutschland hat die Ungleichheit seit 1990 im internationalen Vergleich sogar überdurchschnittlich zugenommen.

Das Land nähere sich so amerikanischen Verhältnissen an, auch wenn der hiesige Sozialstaat noch nicht ganz seine ausgleichende Wirkung eingebüßt habe. Gurria setzte sogar noch einen drauf: „Es ist kein Naturgesetz, dass Ungleichheit immer mehr zunimmt.“ Die größten Erfolge für die Wirtschaft verspräche eine Politik für mehr Arbeitsplätze, besonders für hochwertige Arbeitsplätze. Dafür müssten Staaten mehr in Bildung investieren und benachteiligte Kinder möglichst früh fördern. Meine Rede.

Wenn es ans Bezahlen geht, gehen unsere Meinungen aber wieder auseinander. Populistisch fordert der OECD-Chefdenker nämlich höhere Steuern für Gutverdiener sowie auf Vermögen und Grundbesitz. Zusätzlich seien staatliche Transferzahlungen wichtiger als je zuvor, um die Belastungen für Menschen mit niedrigen Einkommen auszugleichen. Was so gut klingt, ist aber nur der Versuch einer neuerlichen Umverteilung. Individuen mit ihrem - wie viel auch immer - ehrlich verdienten Geld und der Staat (und damit wieder Individuen) sollen für die Kosten aufkommen, von einer Verpflichtung der Unternehmen mit ihrer dramatisch gewachsenen Produktivität ist seltsamerweise nicht die Rede.

Also schwindet weiter das Mittelstandsbürgertum, die Leistungsfähigkeit, die Lebensfähigkeit und die Gesundheit der Allgemeinheit. Ausdrücklich nennt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Anfrage der Linken „Leiharbeit, flexible Beschäftigung, steigende Anforderungen und häufige Unterbrechungen der Beschäftigungsverhältnisse“ als Ursachen für die starke Zunahme gesundheitlicher Probleme.

Man kennt das aus dem Sport: Viele Tennisspieler, Turner oder Ruderer bringen als Jugendliche hohe Leistungen und sind dann schnell verbraucht oder sogar invalide. Deshalb ist es nicht allein eine moralische Frage, einen Mittelweg zwischen Produktivitätszuwachs und verträglichen Arbeitsbedingungen zu fordern. Ein kurz- oder mittelfristiges, aber endgültiges Auspowern der Werteschaffenden führt zu erheblichen sozialen Kosten (Krankheit, Verrentung), aber auch und besonders zu einem Verlust an Produktivitätspotenzial. Und damit ist weder dem Arbeitgeber noch dem Arbeitnehmer gedient.

Weil sich aber Moral nicht nur um humanitäre Belange kümmert, sondern auch als eine Art „Volksgewissen“ um das Funktionieren und wirtschaftliche Wohlergehen der Gemeinschaft, ist der Umgang mit der gewachsenen Produktivität und die Forderung nach einer menschenangemessene Arbeitssituation dann doch eine allumfassende moralische Frage. 

Kommentare:

  1. Seit 1991 gab es auf folgenden Gebieten Steuererhöhungen:
    Tabaksteuer
    Energiesteuer
    Umsatzsteuer
    EEG und KWK
    Stromsteuer
    Grundsteuer
    Grunderwerbssteuer
    Die Umlagesätze für alle Sozialkassenhaben sich erhöht.
    Ein guter Teil der Produktivitätsgewinne ist beim Staat gelandet. Sonst wäre beispielweise die Rente schon lange gescheitert.

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    1. Moment! Dass Teile der Gewinne, die dann doch über Steuern tatsächlich bezahlt werden und nicht über Subventionen zurückgeholt werden, beim Staat landen, heißt doch nicht, dass das Geld auch angemessen in die Altersversorgung fließt. Bitte hängen Sie doch Ihrem Kommentar mal eine Liste der Positionen der Hauptausgabensteigerungen des Staates an...

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