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Samstag, 26. November 2016

kurz-geklagt: Senklot Augstein


Wie der kleine Jakob den Faschismus versteht

Wie tief kann man sinken? Als Mensch, als Journalist? Wer dazu eine gewisse Vorstellung erworben hat, kann durch Jakob Augstein lernen, dass es immer noch ein Darunter gibt. Wie bei einem Senklot mit sehr langer Schnur geht es bei dem Freitag-Herausgeber, Spiegel-Autor und Namenserbe eines berühmten Nichtvaters in Tiefen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Nach Jahren antisemitischer Propaganda (Broder: „antisemitische Dreckschleuder“), Gerichtsverfahren gegen die eigene Belegschaft und regelmäßiger Hassbotschaften u.a. über seine Spiegel-online-Kolumne im Stürmer-Stil hat er nun mit einer so persönlichen wie katastrophalen Faschismus-Definition noch einen drauf gesetzt.


Das klingt dann so: „Faschismus. Das Wort hatten wir lange nicht. Alle reden vom Rechtspopulismus - blanke Verniedlichung. Donald Trump ist kein Rechtspopulist - er ist ein Faschist. Marine Le Pen ist keine Rechtspopulistin - sie ist eine Faschistin.“ Augstein behauptet das einfach und meint nicht, es nötig zu haben, sich auf eine wissenschaftliche oder gebräuchliche Definition zu berufen oder wenigstens eine eigene zu definieren. Faschismus. Keule. Fertig. Ein demokratisch gewählter Präsident: Faschist. Bürgerliche Opposition: Faschistin. AfD: alles Faschisten. So ruiniert der offensichtlich immerhin von sich selbst überzeugte Eiferer nicht nur die Spielregeln des intellektuellen Austauschs, sondern vor allem das politische Klima im Lande.

Er ist damit ein Brandstifter und Brunnenvergifter. Ausdrücklich konstruiert er den Gegensatz „seines“ Faschismus‘ zum Populismus. „Wer Trump, die Brexiteers, Le Pen und die AfD und ihresgleichen nur als Rechtspopulisten bezeichnet, verwischt dieses entscheidende Merkmal der rechten Revolution.“ Man schaue wirklich genau hin, denn in dieser Aufzählung von Augstein-Faschisten gibt es nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch die breite britische Volksbewegung, die nichts anderes getan hat, als sich ein Stück nationale Unabhängigkeit von einem der Hauptakteure der Globalisierung, der EU, zu verschaffen.

Man weiß nicht, was schlimmer ist: der Hass, der aus seinen Worten spricht, oder die Plattheit, die er uns zumutet. „Die Lust an der Unvernunft ist bis heute das große Gemeinsame aller faschistischen Bewegungen. Denn der Faschismus ist ja erst ein psychologisches Phänomen und wird dann zum politischen.“ Aha, aus einer Facette der menschlichen Natur, die jedes, aber wirklich jedes Phänomen unseres Zusammenlebens mitbestimmt, wird für Augstein beinahe naturgemäß unvernünftig ein Kriterium des Faschismus.

Und so geht es weiter, wenn er unter Bezugnahme auf Trump aufzählt: „Der Hass auf das Fremde, die Furcht vor Veränderung, die Erniedrigung von Frauen, die Verachtung der Schwachen, die Verherrlichung der Starken, die Wut auf die Eliten, die man angeblich hinwegfegen will, denen man sich aber in Wahrheit andient - all das ist Faschismus, die Drohung nach Washington, nach Brüssel, nach Berlin, den Sumpf trocken zu legen.“ All dies sind aber sehr allgemeine Phänomene, die nicht einmal ansatzweise den Faschismus charakterisieren können und zudem auf Trump zum großen Teil nicht einmal zutreffen.

Das ist natürlich auch die zur Zeit gängige Methode des Mainstreams, politische Widersacher zu desavouieren, doch selten geschieht dies in einer derartigen Verbindung von Aggressivität und Unredlichkeit. Faschismus, das ist in Wirklichkeit unter anderem die Außerkraftsetzung der Bürgerrechte, ist Gewalt gegen unschuldige Minderheiten und Opponenten, ist Gesetzesmissbrauch. Es ist vor allem eine politische, organisierte Bewegung mit klaren ideologischen Vorstellungen und in der deutschen Variante mit zu Berge getürmten Leichen Unschuldiger. All davon ist in Augsteins Milchmädchenfaschismuslehre nicht die Rede, kann es auch nicht sein weil doch seine üblichen Verdächtigen noch gar nicht die Gelegenheit (und den Willen) hatten, derartige Strukturen aufzubauen.

Halten wir seinem Schwadronieren doch einmal eine sehr einfache und sachliche Faschismusdefinition entgegen, die ausdrücklich auch für Kinder (und damit vielleicht auch für Herrn Augstein) verständlich sein soll. „Der Faschismus zeichnet sich vor allem durch folgende Merkmale aus: Er ist in hohem Maße antidemokratisch und antikommunistisch. An der Spitze einer faschistischen Bewegung steht immer ein Führer, der von ‚seinem‘ Volk verehrt oder sogar verklärt wird (Führerkult). Der einzelne Mensch im Volk aber zählt nichts; im Mittelpunkt der Politik steht vielmehr das vermeintliche Wohl der sogenannten Volksgemeinschaft, hinter der alle Rechte, Wünsche und Bedürfnisse des Einzelnen zurückstehen. Eine faschistische Partei oder Bewegung herrscht alleine und diktatorisch (Einparteienstaat) und versucht, alle Bereiche des Staates und der Gesellschaft vollständig zu durchdringen. Auch ein übersteigerter Nationalismus, die Hervorhebung des eigenen Volkes als etwas ganz Besonderes, gehört zu den Merkmalen des Faschismus. Außerdem schließt der Begriff Faschismus immer auch eine hohe Gewaltbereitschaft ein. Und schließlich zeichnen sich faschistische Bewegungen zumeist durch einen starken Willen zur Macht aus und scheuen nicht davor zurück, diese Macht mit Gewalt zu erringen.“

Na Jakob, das hätten Sie doch auch mal googeln können. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass man Faschismus auch als historisches Phänomen begreifen kann, was den Begriff für die Jetztzeit sowieso obsolet macht. Das stört natürlich nicht jemanden, der von seinem Nichtvater (früher hätte man ihn deshalb Bastard genannt) Rudolf Augstein die Kontrolle über dessen 160 Millionen Euro schweres Erbe überlassen bekam, sich mit solchen Phrasen als edellinke Führerfigur zu gerieren.

Fakt ist, dass jeder, der den Begriff Faschismus, also die ultimate Bezeichnung für eine Herrschaftsform, die unsägliches Leid über die Welt gebracht hat, verwässert und sich mitschuldig macht, wenn neue, ähnlich schreckliche Herrschaftsformen zur Macht drängen. Dann gibt es nämlich keinen warnenden Begriff mehr, dieses Schreckliche in Worte zu fassen. Das ist wie in der alten Geschichte von dem Kind, das immer aus Spaß rief „Die Wölfe kommen“ und dann gefressen wurde, als sie wirklich kamen.

Der Missbrauch des Begriffs im Sinne einer inflationären Verwendung hat in der Tat eine lange Tradition. Das neue ist, dass sich damit jemand selber schriftlich in seiner ganzen extremen und extremistischen Unbedarftheit festnagelt. Dennoch ist Augstein nur ein Paradigma in einer rasanten Entwicklung, verallgemeinernd, dichotomisch und verlogen zu kommunizieren. Kürzlich erst geriet ich in einen Facebook-Thread, in dem der österreichische Präsidentschaftskandidat Hofer kurzerhand zum Faschisten erklärt wurde. Begeistert stimmte die Blase der Follower dem Autor zu, forderte Gesetzesänderungen, die solche Kandidaten verhindern, und gar Gefängnisstrafen für derartige Untermenschen (der Begriff fiel dann so aber doch - noch - nicht).

Faschismus ist inzwischen also alles, was einem nicht gefällt. Erdbeereis ist voll fascho, ey. Es geht los mit rechtsaffin und rechtspopulistisch, weiter über rechtsradikal und rechtsextrem, um schließlich bei faschistisch zu enden, doch gemeint ist zunehmend dasselbe, weil der Intellekt der Verwender weitergehende Differenzierung entweder nicht ermöglicht oder aus strategischen Gründen nicht vorsieht.

Praktisch tritt es als negativer Kampfbegriff anstelle des ursprünglich wertfreien  „konservativ“, steht also für alles, was sich nicht dem Diktat des bedingungs- und besinnungslosen sozialen „Fortschritts“ unterwirft. Dieser Fortschritt ist längst nicht mehr die klassische Variante, in der es letztlich um ideelle oder materielle Leistungssteigerung in unserem Zusammenleben ging. Das wird jetzt als Sozialdarwinismus oder Ähnliches verleumdet. Jetzt mutiert Fortschritt zum Anspruch, dass es allen Menschen jenseits jeder Machbarkeit gut gehen möge.

Weil dies aber nicht möglich ist, unter anderem, weil dem materielle Interessen und die Struktur des menschlichen Wesens an sich entgegenstehen, war diese Idee von Fortschritt von Anfang an dazu verdammt, eine zunehmend virtuelle Existenz zu führen. Wer sich damit begnügt, einer alten Frau über die Straße zu helfen, hat es leicht, mit seinem Altruismus noch in der Realität verankert zu sein. Wer für acht Milliarden Menschen gleich gute Lebensbedingungen anstrebt, hat die Realität nicht verstanden und muss in den Wahn ausweichen.

Einen Wahn übrigens, der dazu neigt, sich kollektiv zu organisieren und Feindbilder zu kreieren, wobei wir fast schon wieder beim Thema Faschismus sind. Faschismus in heutigen Spielform ist eben nicht automatisch rechts, allein deshalb, weil die Begriffe rechts und links längst nicht mehr greifen. Dies mag auch ein Grund sein, warum der Begriff im neolinken Milieu so beliebt ist: Die Illusion, Faschismus müsse automatisch „rechts“ sein, befreit sprachlich das eigene Tun von jedem Verdacht. Dabei steht solche Virtualität immer auf wackeligen Füßen und muss sich schon etwas einfallen lassen, um die Realität zu dominieren. Was wäre da mehr geeignet als Ideologie und Repression?

1 Kommentar:

  1. Faschismus als Deckelbegriff für alles was in der Zwischenkriegszeit im autoritären Topf kochte, ist fragwürdig. Der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus waren Ausflüsse der Jugendbewegung, die Franco-Diktatur überhaupt nicht. Im Gegenteil: die Republikaner waren Reformisten.
    Der italienische Faschismus war stark durch den Futurismus geprägt, der Nationalsozialismus eher durch einen Mix aus Germanenschwärmerei, romantischen Antikapitalismus und Nietzsche. Der Antikapitalismus und der Antisemitismus spielten im italienischen Faschismus dagegen nicht die große Rolle. Zu den Gründern der Partei zählten in Italien zahlreiche Juden. Mussolini war schwer beleidigt, als Hitler ihm Vorträge über die Verseuchung der Italiener mit Negerblut hielt. Er rächte sich mit der Behauptung, daß die NSDAP ein Päderastenverein wäre.
    Die großen und auch die kleinen europäischen Nationen haben ihre eigenen großen Erzählungen. Auf diesen baut die Politik auf.
    Im Rückspiegel ist die Kategorisierung der "Faschismen" zu sehr auf die Bündnissysteme des Weltkriegs II abgestellt worden und zu wenig auf die "großen Erzählungen".

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