Wenn Silvester vor der Tür steht, wächst bei ihnen die Angst vor Raketen in den Gardinen und Böllern im Hausflur - meist geschossen und geworfen von den so schützenswerten Kleinen. Den Rest des Jahres müssen die Oldies den Lärm vom Kinderspielplatz, dem Schulhof, in der U-Bahn oder überhaupt den einer neuen Welt, die sie kaum verstehen, ertragen, und jede vorsichtige Kritik daran macht sie zu herzlosen oder negativen alten Cholerikern. Müttern mit Kinderwagen, die schon mal einen Alten, der nicht schnell genug beiseitespringen kann, unter die Räder kommen lassen, wird demonstrativ in den Bus geholfen, damit sie auf dem Sitz platznehmen, den ein gebrechlicher Alter nicht schnell genug erreichen konnte.
Alte haben keine Lobby. Während evolutionär bestimmt der Nachwuchs das Wichtigste in der menschlichen Gemeinschaft ist, weil er das Überleben dieser Gruppe sicherstellt, sind die Alten der Müll, der nur anstandshalber mitgeschleift wird. An den Rand mit dem Müll, der sich erdreistet, mit seiner statistisch zunehmenden Lebenszeit unsere Rentenkassen zu ruinieren. Dabei hat diese Randexistenz von dieser lebensverlängernden Statistik oft nicht viel, denn für sie ist das Alter unabhängig von dessen Dauer eine Erfahrung zunehmender Schwäche, eines Verlustes an körperlichen und geistigen Fähigkeiten sowie eine Zeit schmerzvoller Gebrechen und existentieller Ängste.
Weil die Gesellschaft das nicht wahrhaben will, erzählt sie dem Alten obendrein, dass er bis ins hohe Alter gesund bleiben kann, wenn er nur Vollkornbrot und Vitamine zu sich nimmt, Karate trainiert und geistig rege bleibt, indem er Gedächtnisübungen macht und Ginseng-Kapseln nascht. Alles nachgewiesener Blödsinn, denn entscheidend sind die Gene, und alt werden müssen irgendwann auch die genetisch Bevorzugten.
Die Formel ‚Ginseng geht über Gene’ soll auch gar nicht helfen oder wahr sein, sondern sie dient dazu, die Schuldfrage zu klären. Denn schuld an seiner Situation ist der Alte, weil er eben nicht genug Gedächtnisübungen gemacht hat und sich völlig unnötig über Kinderlärm aufregt. Hauptsache, die noch Aktiven der Gesellschaft müssen sich um die nicht mehr Gebrauchten keine Gedanken machen. Dafür läuft der Propagandaapparat von Apothekenumschauen, Krankenkassen, Fernsehsendern und Bundesregierung auf Hochtouren: Man ist so alt, wie man sich fühlt, und wer sich alt fühlt, weil er alt ist, ist ein Querulant.
Warum stört nun eigentlich die Alten der Kinderlärm mehr als andere? Weil sie schwächer geworden sind und viel mehr Regenerationsphasen brauchen als früher. Was früher nebenbei erledigt wurde, dauert plötzlich den ganzen Vormittag. Das Regenerieren wird auch immer schwieriger. Wo ein junger Mensch sich notfalls fünf Minuten zum Powernapping auf die Couch knallt, braucht der alte Stunden, und die Erholung will sich auch ohne Kinderlärm nur schwer einstellen.
Hinzu kommt, dass nur große Kinderaugen die Welt als Platz zum Wohlfühlen (und sich selbst im Mittelpunkt) ansehen können. Wer alt ist, hat jede Menge Überlebenskampf, Verletzungen, Verrat und Enttäuschungen hinter sich, die ihn misstrauisch machen. Dazu wachsen Existenz- und Versagensängste. Das ist nicht schön und bei jedem Individuum unterschiedlich ausgeprägt, aber es ist der Lauf der Welt.
Und deshalb sind Alte auch wirklich oft quengelig und unleidlich und schon gar nicht tolerant, weil für sie nämlich das Leben immer schwerer wird und sie intuitiv dafür mehr Rücksichtnahme erwarten. Eine Rücksichtnahme, die die Jüngeren nicht zu geben gewillt sind, weil sie sich das Problem des Altseins gar nicht vorstellen können oder wollen.
Vor Beginn der Niedergangsgesellschaft waren die Alten sogar noch brauchbar, denn sie wurden im Familienverbund geduldet und erzählten Geschichten, mit denen sie wichtiges Erfahrungswissen vermittelten. Wer braucht, so heißt es, heute noch Erfahrungswissen, wo die Weltanschauung aus den computergesteuerten Denkschmieden der Wissenschaft, der Verbände, der Unternehmensberater, der Medien oder der Politik kommt?
Opa und Oma waren auch meist gut gelitten, weil sie sich im Haus nützlich machten und Kinder vor den strengen Eltern mal in Schutz nahmen. Heute halten es die Menschen ja kaum noch in einer Zweierbeziehung aus, die ihrem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung im Wege steht. Selbst Doppelbetten gibt es kaum noch in den Möbelhäusern. Nützlich machen können die Alten sich höchstens noch, indem sie für ihre eigentlich schon rechtens erarbeitete Rente nochmal ein paar Jahre im Beruf an der Abnutzung ihrer Physis arbeiten dürfen.
Die Alten sind in Zeiten des Niedergangs der Müll der Gesellschaft – und Müll gehört schließlich nachhaltig getrennt. Weil sie ihren Wert für die kinderliebe, humanistische Gesellschaft verloren haben, steht ihnen Humanität und Rücksichtnahme nicht zu. Auch früher gab es eine Ellbogengesellschaft, doch das Kollektiv hatte sich Regeln gegeben, die individuellem Verstoß entgegenstanden und auf deren Einhaltung im sozialen Verbund geachtet wurde. „Mittagsruhe von Eins bis Drei“, „Das Spielen auf dem Hof ist verboten“, “Kein Rennen auf dem Bahnsteig“ sind solche Regeln, die bei dynamischen Gutmenschen heute höchstens noch höhnisches Gelächter hervorrufen und als unzulässige Einschränkung der individuellen Rechte, bisweilen gar der Menschenrechte dieser irgendwann Erwachsenen gescholten wird. Früher mussten Kinder diese Regeln lernen und befolgen, was nicht immer sinnvoll war, aber im ganzen dem Schutz der Gemeinschaft diente. Das nannte man Erziehung.
Erziehung heute ist, wenn ein erwachsenes Individuum ein noch unerzogenes Individuum bittet, nicht zu nerven, und bei Nichtbefolgen schicksalsergeben die Augen verdreht: „Ist es nicht süß, das Kleine?“ Das Kleine wird aber mal groß und wird dann Rücksicht nur als Phänomen beim Autospiegel kennen. Solche Toleranz ist ein zweischneidiges Schwert, denn was einer dem einen durchgehen lässt, belastet in gleichem Maße ihn selbst oder andere. Toleranz funktioniert nur sinnvoll, wenn das, was toleriert wird, auch tolerabel ist. Ansonsten wird diese neue, negative Toleranz nur zum Persilschein für jene, die ihre Interessen gegenüber der Gemeinschaft durchsetzen wollen, also zum Schafspelz für die neuen Wölfe des Niedergangs.
Falsche Toleranz gegenüber Kindern führt dann direkt zu intoleranten Jungbürgern. Dennoch ist sie längst weitgehend sakrosankt, per Gesetz geregelt und ein Leuchtfeuer am Himmel der Aufklärung. Nur die Toleranz mit „Senioren“, wie der offizielle Kampfeuphemismus der Jungen lautet, der den Alten das Recht zum Altsein abspricht, ist nicht opportun. Sie werden verlacht, ausgegrenzt, instrumentalisiert. Ein bisschen Alte nur ein bisschen und sehr Alte eben sehr. Die Alten haben in der Liga der Jungen mitzuspielen, und wenn sie das nicht mehr können, haben sie möglichst unsichtbar und kostenneutral zu sein. Wir haben Kinderschutz, Jugendschutz, Naturschutz, Migrantenschutz und Frauenschutz, aber wir denken gar nicht daran, die Alten zu schützen. Verkürzt gesagt: Kinder dürfen alles und Alte nichts - außer weiterfunktionieren wie die Jüngeren, die sie definitiv nicht mehr sind. Wo also bleibt das Altenschutzprogramm?
Nur zu den Kindersätzen: Nimm doch eine Woche lang einmal einen Kinderwagen mit im öffentlichen Verkehr ( Strasse, U-Bahn, Bus usw) dann bekommst du mit wie "Kinderfreundlich" unsere Gesellschaft ist. Kinder werden von Alte gnadenlos zur Seite geschoben, darf man auch treten, hab ich schon gehört von einer Alten.
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