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| Foto © copyright 2015 Konrad Kustos |
Es soll hier nicht um das übliche Klagen gehen, dass Radfahrer entweder eine bedrohte Spezies oder asozial seien. Stattdessen wird gefragt, ob massenhaftes Radfahren wirklich eine Alternative für die Verkehrsprobleme der Städte ist. Von Utrecht lernen, heißt da verstehen lernen. In der Innenstadt herrscht teilweise bis zum - hier zugegebenermaßen nahen - Horizont ein Stahlgewitter von Zwei-Etagen-Boxen zum Abstellen der „Fietsen“. Nun sind holländische Städte außer in manchen Innenstädten in der Regel sowieso nicht besonders ansehnlich, doch hierdurch erhalten sie den Charme von Schrottplätzen.
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Doch die Probleme hören beim Stehen nicht auf, sondern fangen
beim Fahren erst richtig an. Utrecht hat in der Innenstadt ein komplexes
Fahrradwegenetz in die Stadtlandschaft implantiert, meistens auf Kosten der
Fußgänger (der Autoverkehr staut sich ja aus gutem Grund ohnehin nur noch so
durch die Gegend). Die letzten Fußgänger, die sich noch auf ihre verbliebenen
kaum meterbreiten Streifen wagen, werden dabei zum Freiwild für die aus beiden
Richtungen kommenden dynamischen Blechkolonnen. Überqueren die Fahrradkarawanen
Autotrassen, so spielt die Farbe von Ampeln nur eine nebensächliche Rolle.
Die toleranten Holländer am Steuer hupen dabei weder noch schimpfen
sie - entweder ertragen sie ihr Schicksal ergeben oder sie bewegen sich einfach
ähnlich enthemmt wie ihre Gegenspieler. „Die wissen schon, wann und wie sie
ausweichen müssen“, meinte unser Freund in Amsterdam, der das Vorhandensein von
Fahrradfahrern bei seinem Fahrstil mehr oder weniger konsequent ausblendete.
Nur durch diese Neuinterpretation der Gesetze des Dschungels, also die
freiwillige Unterwerfung der Fahrradfahrer, erklärte sich, dass da nicht umgehend
Zweiräder in die Grachten oder eben den Autokühler krachten.
Eine solche Zukunft steht nun auch den deutschen Städten
bevor; in Berlin ist der Ausbau zur fahrradfreundlichen Stadt erklärter
politischer Wille. Dabei werden die Verdrängungsfolgen für den ÖPNV und den
Wirtschaftsverkehr völlig ignoriert - wenn schon der Individualverkehr als
politisch ungewollt bei solchen Effektivitätsgesichtspunkten bewusst
ausgeblendet werden soll. Pekinger Verhältnisse für die Bundeshauptstadt. Die
kollektive Ignoranz der Entscheider macht aber in Berlin nicht Halt; auch
anderswo gibt es nach Aussage von Politikern und Medien ohne massenhaftes
Fahrradfahren keine Zukunft für den Verkehr. Utrecht ist bald überall.
Berlin ist schon jetzt die Hauptstadt der Radfahrer. Pro Tag
werden hier gemäß einer aktuellen Forsa-Studie 1,5 Millionen Wege auf zwei
unmotorisierten Rädern zurückgelegt. Das sind doppelt so viele wie noch vor
zehn Jahren. Ein Drittel der Befragten fahren auch zur Arbeit (15% mehr als im
Bundesdurchschnitt). Mehr als 60% fühlen sich von rücksichtslosen Autofahrern
bedrängt (Hamburg 73%). Nach eigener Aussage halten sich 25% der Radler nicht
an die Verkehrsregeln. Das ärgert wiederum die restlichen Radfahrer, sogar noch
mehr (Berlin 59%, bundesweit 49%) als das Fehlen von Radwegen (49%). Bei all
diesen Zahlen muss natürlich mit einer erheblichen Dunkelziffer gerechnet
werden, die aus persönlichem Schamgefühl, Selbstgerechtigkeit oder ideologischer
Grundhaltung entspringt.
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Diese Fahrradspuren sind eigentlich tatsächlich ein Gewinn,
sie schaffen Sicherheit für die Radfahrer und optimieren das Vorankommen. Aber
dies ist kein Gewinn für die Gesamtgesellschaft, sondern eben für eine
Minderheit, die im Trend fährt. Die gesellschaftliche Gesamtbilanz müsste
relativiert werden, denn die Trassen sind das ganze Jahr dort und nicht nur in
den bestenfalls sechs wärmeren Monaten (und auch da nur genutzt, solange es
nicht regnet), in denen die Radfahrer voller Stolz und Gesundheitsbewusstsein das
eigene Auto sowie Busse und Bahnen meiden.
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Ein einziger Doppeldeckerbus der BVG befördert rund 130
Passagiere. Wie lang ist im Vergleich eine Schlange von 130 Drahteseln - und
wie lange braucht sie, um an der Ampel überhaupt vom Fleck zu kommen? Wie oft
werden Busse auf „ihren“ Spuren zum Bremsen oder zu komplizierten, die 130
Fahrgäste durcheinanderschüttelnden Ausweichmanövern gezwungen? Ansonsten
gelten für den Bus oder die Straßenbahn natürlich noch ganz ähnliche Einschränkungen
durch Radfahrer, wie sie auch den normalen Autofahrer behindern.
Mit dem politischen Vorsatz des Ausbaus des saisonabhängigen
Fahrradverkehrs müssen außerdem die Verkehrssysteme fortan zweigleisig geplant
werden: Im Sommer ist dadurch der ÖPNV weniger ausgelastet, in der
ungemütlichen Zeit blockieren die ungenutzten Fahrstreifen und -wege und die
dadurch reduzierten konventionellen Fahrspuren unnütz und ungenutzt den
motorisierten Verkehr. Auch ökonomisch ist es ein Desaster, denn die Kosten des
ÖPNV pro Beförderungsfall steigen bei einer schlechteren Ausnutzung, was
wiederum unter anderem das Fahrplanangebot des öffentlichen Nahverkehrs reduziert.
Das Radfahren ist also objektiv ein direkter Gegenspieler aller
privaten (das mag gewollt sein) und aller öffentlichen Verkehre (das aber ist
im Weltbild derjenigen, die uns das kollektive Radfahren verkaufen wollen,
angeblich schützenswert). Die Zunahme der Zahl der Radfahrer bedeutet zudem
keineswegs, dass die Zahl der Autos abnimmt. Die stehen eben gegebenenfalls vor
den Haustüren herum, blockieren dort das knappe Straßenland und werden aus
ökologischer Sicht - noch zusätzlich zu den Fahrrädern - ebenso teuer und
umweltschädlich weiter produziert wie entsorgt.
Aber auch für die Radfahrer selbst ist es ein
zweischneidiges Vergnügen. Reden wir nicht von allerlei Ungemütlichkeiten wie dem
Wetter, der Anstrengung, dem Lärm und dem Gestank. Reden wir von der
Gefährlichkeit: Als im Juli einem 30-jährigen Radfahrer ein Insekt ins Auge
flog, stürzte er, knallte gegen ein parkendes Auto und verletzte seinen Sohn im
Kindersitz schwer. Es müssen eben nicht immer die Autofahrer schuld sein, aber
ja, Radfahren ist auch gefährlich, weil viele Autofahrer rücksichtslos oder
unfähig oder beides davon sind. Traurige Realität eben, der man nicht unbedingt
Leben und Gesundheit anvertrauen sollte.
Vor allem aber ist das scheinbar so gesunde
Fortbewegungsmittel objektiv gefährlich, weil es keinen Schutz gegen Aufprall
bietet, weil es schneller rutscht und weil es schwerer zu bremsen ist. Weil es
eben nur auf zwei Rädern fährt. Im Bekanntenkreis von Konrad Kustos hat es in
den zurückliegenden Jahren keine verletzten Autofahrer, aber etliche verletzte
Radfahrer gegeben, wobei letztere sämtlichst nicht dem Autoverkehr, sondern
unkalkulierbaren objektiven Hindernissen von der Bananenschale bis zur
Straßenbahnschiene zum Opfer fielen.
Laut Unfallstatistik ist 2014 auf Berlins Straßen alle zwei
Stunden ein Radfahrer verunglückt. Dabei kamen zehn Radfahrer ums Leben, 598
wurden schwer, 4761 leicht verletzt. Das ganze verkopfte Modell eines massenhaften
„gesunden“ Radfahrens verlässt sich letztlich nur auf einen gut geölten kollektiven
Verdrängungsapparat. Es wird ja schon dem anderen passieren.
Wenn es schon nicht gesund ist, wie steht es dann mit der
anderen Behauptung von der Umweltfreundlichkeit? Selbst da ist Ungemach
möglich, etwa angesichts des CO2 oder anderer Schadstoffe die im Vergleich zu
anderen Verkehrsmitteln vom Radfahrer pro zurückgelegter Strecke und
Transportvolumen freigesetzt werden? Immerhin hat der menschliche Körper
bekanntermaßen im Vergleich zu mechanischen Motoren eine deutlich schlechtere
Energiebilanz.
Auch wenn in diesem Post nicht über das Phänomen des
sozialen und rechtlichen Fehlverhaltens eines Großteils der Radfahrer
schwadroniert werden sollte, bleibt ein Faktor der Gesamtsicht, das Radfahren eben
vielerorts auch eine gesellschaftliche Einübung in antisoziales Verhalten ist.
Dies ergibt sich auch aus der weitgehenden Unkontrollierbarkeit radlerischen
Fehlverhaltens. Es fällt auf, dass es nicht einmal Überlegungen gibt, durch
verstärkte Kontrollen oder ein Nummernschild für Fahrräder für eine
Gleichbehandlung bei der Erzwingung korrekten Verhaltens zu sorgen. Durch die
Überhöhung des Radelns werden verletzte Fußgänger zu Kollateralschäden des
Fortschritts.
Es wäre natürlich alles einfacher, wenn sich möglichst alle Radfahrer
an die Regeln hielten. Angesichts der zunehmenden Herrschaft des
Individualismus kann davon jedoch nicht ausgegangen werden. Da hilft es auch wenig,
wenn sich wirklich, wie die Forsa-Studie suggeriert, 75% der Radfahrer an die
Regeln hielten, denn allein der Rest kann für ausreichend Schaden und Schrecken
sorgen.
Dieser Individualismusvorwurf betrifft aber wie gezeigt auch
die Korrekten unter den Pedalrittern. Schließlich wird ihr Vorankommen zunehmend
auf Kosten derjenigen ermöglicht, die sich bei aller Umweltproblematik mit
höherer Effektivität für das Gemeinwesen herkömmlich motorisiert bewegen. Paradox,
dass das individuelle, auf Kosten anderer Vorankommen im verkürzten Denken des
Niedergangs gerade als objektiver Vorzug herausgestellt wird. Die Zusammenhänge
werden sich spätestens dann offenbaren, wenn zunehmender Massenkonsum eine
kritische Schwelle überschreitet. Vielleicht wäre die kritische Grenze sogar
schon erreicht, sollten einmal alle Radfahrer, die illegal die Bürgersteige
befahren, auf die Straße oder die Fahrradwege verwiesen werden, aber damit muss
ja nun wirklich nicht gerechnet werden.
Verkehr bedeutet Mobilität. Das Auto kann Menschen sicherer,
schneller (bei größeren Strecken) und komfortabler bewegen, der ÖPNV befördert
größere Menschenmengen sicher und zuverlässig. Das Fahrrad kann sich als
nützlich erweisen, wenn es als schnelle Verbindung für kürzere Strecken die
verbleibenden Freiräume des konventionellen Verkehrs nutzt. Als zentrales
Verkehrsmittel ist es und sein Umfeld jedoch vollkommen überfordert.
Wenn das System trotzdem auf das Radfahren als
Massenverkehrsmittel setzt, bedient es partikuläre Interessen auf Kosten der
Allgemeinheit, weil andere, leistungsfähigere und damit auch ökonomisch und
ökologisch effektivere Verkehrssysteme automatisch in den Hintergrund rücken.
Willkommen im vorindustriellen Weltbild.
Und was wird eigentlich in dieser Utopie dynamischer Einzelkämpfer auf zwei Rädern aus den Alten, den Behinderten und den Kindern? Jeder zweite tote Radfahrer 2014 war über 65 Jahre alt. Und überhaupt: 396 Radfahrer starben im Vorjahr, was immerhin 12% der Gesamtopfer des Straßenverkehrs ausmacht. 78.000 Radfahrer wurden verletzt, davon 14.500 schwer. Angesichts dieser Zahlen ist weniger die Frage nach der Schuld gefragt, als die nach den Folgen. Werden also Menschen, denen das Radfahren in der Stadt bisher zu gefährlich war, mit dieser Umverteilung von Beförderungsressourcen nicht zunehmend gegen ihren Willen zum gefährlichen Radfahren genötigt?
Und was wird eigentlich in dieser Utopie dynamischer Einzelkämpfer auf zwei Rädern aus den Alten, den Behinderten und den Kindern? Jeder zweite tote Radfahrer 2014 war über 65 Jahre alt. Und überhaupt: 396 Radfahrer starben im Vorjahr, was immerhin 12% der Gesamtopfer des Straßenverkehrs ausmacht. 78.000 Radfahrer wurden verletzt, davon 14.500 schwer. Angesichts dieser Zahlen ist weniger die Frage nach der Schuld gefragt, als die nach den Folgen. Werden also Menschen, denen das Radfahren in der Stadt bisher zu gefährlich war, mit dieser Umverteilung von Beförderungsressourcen nicht zunehmend gegen ihren Willen zum gefährlichen Radfahren genötigt?
Muss man schließlich erst paranoid sein, um zu glauben, dass
die Förderung des Radfahrerverkehrs durch unsere Kommunen nicht nur eine
Förderung individualistischen Vorankommens, sondern auch ein Ausdruck einer
bewussten, ideologisch motivierten Behinderungspolitik für den Autoverkehr ist?
Auch hier bietet Holland, allerdings diesmal völlig gegensätzlich vorbildlich, interessanten
Anschauungsunterricht: Denn hier gibt es dramatisch weniger Verkehrsschilder
zur Geschwindigkeitsregelung. Die in Deutschland seit Jahren zu beobachtende
Reguliererei, die auf Autobahnen den verkehrssicherheitsstabilisierenden Tempomaten
zunehmend obsolet macht und auf städtischen Hauptstraßen Stop and Go auf Kosten
aller Beteiligten verursacht, ist hier so gut wie unbekannt.
(Dieser Text erschien aufgrund eines technischen Fehlers bereits vor einiger Zeit für wenige Leser sichtbar. Dies ist die offiziell und umfassend verbreitete Version.)
(Dieser Text erschien aufgrund eines technischen Fehlers bereits vor einiger Zeit für wenige Leser sichtbar. Dies ist die offiziell und umfassend verbreitete Version.)





Ik ♥ Utrecht
AntwortenLöschen"Da hilft es auch wenig, wenn sich wirklich, wie die Forsa-Studie suggeriert, 75% der Radfahrer an die Regeln hielten ..." Welche Regeln ? Radfahrer müssen kein einziges Verkehrsschild kennen, können also einfach drauflos "radeln", ein wichtiger Punkt, den ich hier völlig vermisse. "Vielleicht wäre die kritische Grenze sogar schon erreicht, sollten einmal alle Radfahrer, die illegal die Bürgersteige befahren, auf die Straße oder die Fahrradwege verwiesen werden ...". Also ich fühle mich (wenn ich mal das Rad benutze) auf dem Bürgersteig am sichersten. Liegt sicherlich auch daran, dass ich hinten keine Augen habe. Grundvorraussetzung ist hier sicherlich "vorrausschauendes Fahren" was aus dem motorisierten Straßenverkehr bekannt sein sollte. Im PKW blende ich Radfahrer meistens aus, nach dem Motto: Wem tut's mehr weh :-) Sollten Radfahrer ebenso denken (was die meisten eben nicht tun), wären einige Probleme schon gelöst. Ansonsten guter Artikel.
AntwortenLöschenWetten: der Autor ist weder Velofahrer, äh Fahrradfahrer, noch Fussgänger. Sondern einer, dem die Räder bereits an den Füssen angewachsen sind.
AntwortenLöschenWetten: der Verfasser ist weder Fahrradfahrer noch Fussgänger. Dem sind die Autoräder bereits an die Füsse gewachsen & die Abgase machen sich bereits im Denkzentrum bemerkbar.
AntwortenLöschen> Immerhin hat der menschliche Körper bekanntermaßen im
AntwortenLöschen> Vergleich zu mechanischen Motoren eine deutlich schlechtere
> Energiebilanz.
Das ist Humbug. Der Energieaufwand, um einen Radfahrer nebst Rad durch die Gegend zu bewegen ist der niedrigste überhaupt - ein Fußgänger hat einen schlechteren Wirkungsgrad, und ein Fisch im Wasser erst recht.
Ein Fahrrad lässt sich mit einer Leistungsabgabe des Radfahrers von 100 Watt recht problemlos mit 20 km/h bewegen (hier http://www.kreuzotter.de/deutsch/speed.htm ausrechnen).
Das bedeutet, daß ein Radfahrer, der sich mit 20 km/h bewegt, nur 5 Wh/km benötigt.
Mit 1 kWh käme ein solcher Radfahrer also 200 km weit.
Wie weit kommt ein typisches KFZ mit 1 kWh?