Am Mittwoch spielte der FC Bayern München daheim gegen den
FC Zürich um den Einzug in die Hauptrunde der Champions League. Gomez
traf fast alles, also die Luftlöcher, den Rasen und den Gegner, nur nicht das
Tor. Der Ball kreiselte mit hohem Tempo und war am Ende der Stafette wieder beim Torwart. Der Rasen war schön grün, wurde uns aber zu oft durch pomadige
Fußballer des Blickes entzogen. Aus dem Einstieg ersieht man, dass es hier schon wieder um Fußball geht, wenn auch diesmal um den der Männer, und nicht um ein gender-maingestreamtes
Schaulaufen wie bei der Frauen-Weltmeisterschaft im ausgefallenen Hochsommer.
Es geht diesmal also um das wirkliche Leben, und darauf kommt es ja in diesem
Blog im Grunde an.
Auf dem Platz war also nicht viel los, dafür aber auf den
Rängen. 90 lange Minuten tobten, sprangen und sangen die Fans, dass es (für
sie) eine Freude war. Alte Schlager, klassische Triumphgesänge, sogar die
Vereinshymne der preußischen Hertha
– kein Liedgut war vor ihnen sicher. Es ist sicher kein Verlust, dass von den
Texten am heimischen Fernseher nur ein monotones „LaLa, BlaBla“ ankam. Was
brachte die Fans eigentlich so in Bewegung? An diesem schönen Sommerabend gab
es keinen Grund, sich warm zu halten, kein TV-Sender suchte neue Superstars,
und die Darbietungen auf dem Spielfeld gaben sowieso kaum Anlass für wesentliche
emotionale Regungen. Was war also geschehen?
Genau das, was seit einiger Zeit in allen Stadien des Landes
passiert: Das Spiel wird zur Nebensache, zum bloßen Event für ein feierlustiges
Publikum. Traditionelle Winzerfeste und Biermeilen haben ausgedient, weil hier
rein gar nichts passiert außer Saufen, beim Fußballspiel gibt es stattdessen ab
und zu Tore und am Ende ein emotionales Gesamtresultat, nämlich Sieg oder Niederlage.
Und man kann sagen, man sei dabeigewesen, wenn flüchtige Geschichte geschrieben
wird. Das Spiel selbst, dieses oft wunderbare Kunstwerk aus durch Bewegung und
menschlichen Geist erzeugten komplexen Strukturen, diese atavistische
Rückbesinnung auf evolutionär definierte Werte wie Kampf, Strategie, Spiel und
Durchsetzungsvermögen, spielt keine Rolle mehr.
Ein Pulk von Narzissten
nennt sich Fußballfans und feiert sich doch lediglich selber. Dass es dabei die
(schätzungsweise) andere Hälfte der wirklich am Fußball interessierten
Zuschauer stört, ist einer der Nebeneffekte. Während sich die Spieler auf dem
Rasen abmühen, schwappt schon wieder die nächste La Ola heran, und fühlt sich
genötigt, ein ums andere Mal mitzumachen. Das hat nur den Haken, dass Fußballschauen
eine emotionale und intellektuelle Konzentration erfordert. Würde man beim
Lesen eines herausfordernden Buches alle 20 Sekunden aufstehen und monotonen
Singsang in der Lautstärke startender Flugzeuge ertragen müssen, käme dabei auch
nicht viel heraus. Letztlich wird - nicht nur hier - die Suche nach dem Sinn
durch die Suche nach der Besinnungslosigkeit ersetzt.
Die Partygesellschaft hat den Fußball erobert, nicht durch
harten Kampf, nicht nach Elfmeterschießen, sondern einfach so nebenbei. Möglich
wird das durch den allgemeinen Niedergang der Zivilisation, der im Buch „Chaos mit System“ ausführlich beschrieben wird. Sei es beim Sommermärchen
2006, als viele kleine Mädchen Spaß hatten, sich schwarzrotgold anzumalen und
Bier zu trinken, während viele große Jungs Spaß hatten, zu grölen und Bier zu
trinken, oder sei es beim erwähnten Bayernspiel: Feiern, bis der Sanitäter kommt. So stehen sie in der stetig wachsenden Kurve im Abseits, ohne die Abseitsregel zu kennen
oder zu brauchen.
Die Medien freuen sich über das positive Lebensgefühl und
die immer wieder gelobte „Stimmung der tollen Fans aus der Kurve“. Die
Gesellschaft bekommt nicht mit, dass sich hier ein Wertewandel vollzieht. Sie
will es auch gar nicht mitbekommen, denn sie steht ja schon für die neuen Werte
von kurzfristigem Genuss auf Kosten nachhaltigen Erlebens, von exzessiver
Lebensfreude statt sinnerfüllten Verhaltens, von Konsum anstelle des Schaffens
neuer Werte – und sei es nur ein schönes Fußballspiel und die aktive Freude, es
anzuschauen.
Ein Fußballspiel, selbst ein schlechtes, hat eine eigene Dynamik.
In den magischen 90 Minuten gibt es Phasen des Findens, des Taktierens und der
Erholung, aber auch solche unbändigen Willens, rauschhaften Kombinierens oder
plötzlich erwachsender Dramatik. Diese unberechenbare Sprunghaftigkeit macht
einen großen Teil des Reizes aus und verträgt sich kein bisschen mit
anderthalbstündigen Stammesgesängen. Das letzte Aufbäumen der Heimmannschaft
gegen die drohende Niederlage, der neue Mut nach dem Anschlusstor, selbst der
plötzliche Konter der bisher im eigenen Strafraum eingesperrten eigenen
Mannschaft sind normalerweise für den Zuschauer tiefe emotionale
Schlüsselmomente, in denen sich jahrtausendealte, nie erloschene Prägungen Bahn
brechen. Solche Momente erfordern das spontane befreiende Schreien oder das selige
Aufspringen und Singen nach dem Ausgleichstor.
Aber in dem Dauerton der Party People ist dafür kein Platz.
Wie gesagt, für jene ist das Spiel auch nur der Aufhänger, sich als Individuum selbst
zu feiern und gleichzeitig in einer diffusen Gruppe Schutz und Beistand zu
suchen, ohne diesen zu finden. Die Stimmung ist dort nicht mehr an die
Wirklichkeit gekoppelt, sondern an Alkohol und Hysterie. Im Gegenteil, die
Wirklichkeit leidet sogar darunter. Früher konnte das Publikum mit Sprechchören
in als entscheidend erkannten Situationen die angefeuerte Mannschaft zu neuen
Höchstleistungen stimulieren. Der spielfremde Geräuschpegel aus der Kurve
nivelliert dagegen auch das Geschehen auf dem grünen Rasen, das Spiel verliert
seinen Rhythmus, wird monotoner. Ich weiß, dass das kein Beweis ist, aber
erklärt sich so vielleicht, warum seit mehr als zwei Jahren die Mannschaft mit
den „besten Fans der Liga“, Hertha BSC, auswärts wesentlich erfolgreicher als
daheim ist, warum sie seit zwei Jahren kein Bundesligaheimspiel mehr gewonnen
hat?
Wir brauchen natürlich auch jederzeit mehr Berichterstattung von den Fan-Meilen!
AntwortenLöschenBei der WM in Afrika haben wir alle über die Vuvuzelas gestöhnt, die unabhängig vom Spielverlauf, vom Ballbesitz oder einer Torchance vor sich tröteten. Das hatte mit Fußballstimmung absolut nichts zu tun. Leider ist das eingetreten, was keiner haben wollte und was mit Vuvuzela-Verbot in deutschen Stadien verhindert werden sollte: Die Fans machen sich mit ihren Dauergesängen selbst zur menschlichen aber leider nicht humanen Vuvuzela.
AntwortenLöschenDer Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
AntwortenLöschen