In meinem Buch über den Niedergang unserer Gesellschaft gibt es ein Paul-Prinzip. Ich habe das erfunden, um einen Begriff dafür zu haben, dass das berüchtigte Peter-Prinzip ausgedient hat, nach dem jeder Chef solange in der Betriebshierarchie aufsteigt, bis er nur noch Mist macht. Im fortgeschrittenen Niedergang ist es nämlich erforderlich, von Anfang an Mist zu machen, um überhaupt aufsteigen zu können. Warum das so ist, kann hier aus Platzgründen nicht abgehandelt werden, dafür aber – sprunghaft wie wir sind - ein ganz anderes Paul-Prinzip.
Von welchem Paul wir reden? Na, nicht von dem Erfinder des Christentums, also bleibt nur der Krake übrig, der Fußballdeutschlands Niederlage gegen Spanien vorausgesehen hatte. 35.000 Euro für den Leichnam des inzwischen verschiedenen Propheten bot das spanische Städtchen Car-ball-ino, das den englischstämmigen Paul einst zum Ehrenbürger kürte. Beim Tod des Weichtiers hatte übrigens die BBC eigens ihr Programm unterbrochen; da soll mal einer sagen, öffentlich rechtliche Programme würden nicht mit der Zeit schwimmen.
Die Oberhausener Paul-Herrchen verzichteten allerdings auf die lukrativen Angebote und äscherten den Kadaver ein, um ihn hinterher in einer Urne ausstellen zu können. Manche Deutsche hatten bereits bei Pauls Ableben gefordert, ihn zu grillen, und ihn damit indirekt zum Verantwortlichen für die deutsche Niederlage gemacht. Das mag lustig gemeint gewesen sein, ist es aber nur, wenn man über die Illusion prophetischer Gaben eines Kraken hinaus annehmen kann, er habe den Lauf der Dinge beeinflussen können.
Absolut nicht humorverdächtig ist der argentinische Exfußballer Diego Maradona, der den Tintenherztod bejubelte „Es war deine Schuld, dass wir die WM verloren haben“, meldete ungefragt ausgerechnet die ehemalige Hand Gottes – Gott sei Dank nicht handschriftlich, sondern per Twitter. Hand Gottes und Fangarm des Schicksals, was für ein Dreamteam.
Weswegen all das in diesem Blog erwähnt wird? Weil es zeigt, wie sehr bei normalintelligenten Menschen (Maradona sei hier ausdrücklich ausgenommen) der Verstand einfachste Kausalitäten nicht erkennen kann. Überall wurde hier der Erzeuger einer Geschichte zum Erzeuger von Geschichte umgedacht. Wenn das komisch sein sollte, ist es das nicht, und wenn nicht, ist es so abgrundtief blöde, dass selbst Paul nicht so tief tauchen könnte. Bliebe das auf Fußballwetten beschränkt, wäre das kein wirkliches Problem, doch genau mit solchen „Dyslogismen“ operieren unsere Politiker und unsere Wirtschaftsweisen: Wenn alle Dackel Hunde sind, sind eben auch alle Hunde Dackel. Achtet mal bei der nächsten Tagesschau drauf, ob man nicht viele Fakten genau anders herum interpretieren könnte, als es die Journalisten des Niedergangs tun. Und dann fragt Euch, wem es nützt, dass es so herum verkündet wird. Das neue Paul-Prinzip: Kranke Meldungen, nicht Kraken-Meldungen sind unser Problem.
Ein Beispiel, das den letzten Absatz mit Leben füllt: Das Berliner Inforadio meldete den gesamten Sonntag über, CDU-Chef Henkel habe eine Briefbomben-Attrappe erhalten. Das entsprach noch den Tatsachen, aber der Hintergrund der Tat wurde verschleiert, dass man nicht mehr wusste, wo vorn und hinten ist. "Im Zusammenhang mit den Autobrandstiftungen wurde Henkel als geistiger Brandstifter bezeichnet", meldet der Staatssender. Aha. Offenbar haben Autofahrer die Schnauze voll und knöpfen sich den ersten geistigen Brandstifter vor. So konnte, ja musste man vielleicht sogar die Meldung verstehen - auch wenn man sich fragte, ob die geistigen Brandstifter nicht eher in anderen Parteien sitzen. Das Wörtchen linksextrem fiel auch nicht. Absicht oder einfach nur Dummheit?
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