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| Berliner Rieselfelder |
Wenn es dann an die praktische Umsetzung geht, wird das Heulen und Zähneknirschen allerdings groß sein. Die schlauen Basisdemokraten haben es nämlich geschafft, den Berlinern klammheimlich ein zweites, völlig andersgeartetes Projekt unterzujubeln. Das ist ungefähr so, als wenn man sich ein kostenloses Zeitungsprobeabo andrehen lässt und mit der Unterschrift gleichzeitig ungewollt eine Waschmaschine kauft. So wird also vermutlich das fortschrittliche Berlin ein „Stadtwerk“ erhalten, das die Stromproduktion komplett auf zweifelhaften Ökostrom umstellt und die Stromkosten dafür dramatisch erhöhen muss. Eine entsprechende Information der Bevölkerung findet bis jetzt weder durch die Initiatoren noch durch die Politik statt. Und nicht nur in der Brieftasche werden es die Bürger zu spüren bekommen: Schon jetzt haben die Planer vorgesehen auf der wunderschönen innerstädtischen Heidelandschaft der Berliner Rieselfelder einen Windmühlenwald zu pflanzen. Das nennt sich dann wohl grüne Energiepolitik. Über andere Auswüchse dieser scheinbar guten und tatsächlich fatalen Politik hat Konrad Kustos „Voll verkabelt“ schon am 6.Mai 2011 geschrieben. An den Aussagen hat sich bis heute nichts geändert:
Nein, hier ist nicht der Platz mit Verspätung eine
Kernkraftnutzungsdiskussion loszutreten.
Es wäre allerdings wohl die einzige in diesem Land, denn wo wird sonst schon
diskutiert? Alle sind sich einig – von den grünen Neoliberalen bis zu den
schwarzen Linksopportunisten. Von den Medien bis zu den (zu vielen der)
repräsentativ Befragten. Dank der staatlich verordneten Massenhysterie bin ich
jedenfalls vom vorsichtigen Kernkraftskeptiker zum moderaten Kernkraftverteidiger
mutiert.
Wenn Dinge nicht mehr offen diskutiert werden können, weiß
ich, dass Niedergangsprozesse am Werk sind – und deren Wirkung ist in jedem
Falle schlimmer als jede Atomkatastrophe. Wenn wir nicht in der Lage sind,
Entscheidungen nach kollektiver Debatte zu fällen, muss der gesellschaftliche Geigerzähler
nicht nur in Bezug auf die Demokratie,
sondern für die Zukunft der ganzen Zivilisation rattern. Dann sind Werte gestorben,
die für das Überleben unverzichtbar sind.
„50 Helden sind dem
Tod geweiht“, meldete die Hamburger Morgenpost Mitte März und zitierte einen
Münchner Strahlenbiologie-Professor, dass in Fukushima eingesetzte Aufräumarbeiter alle
innerhalb der nächsten Wochen sterben werden. Anfang Mai gab es (zum Glück)
immer noch keinen Toten. Für die Medien mussten daher in einem riesigen Aufriss
zwei tote Mitarbeiter, die bereits bei beim Erdbeben oder dem Tsunami gestorben
waren, als Kraftwerksopfer herhalten. „Rettungskräfte suchen verstrahlte Opfer“
titelt der Focus, und keiner der Leser erfährt danach, ob ein verstrahltes
Opfer gefunden wurde oder eben dass keine Opfer gefunden wurden. Das wäre ja
auch keine echte Meldung in einer Niedergangsgesellschaft.
Das macht die Recherche über die Lügen und ihr System so
schwierig: Es gibt unübersehbar viele katastrophale Prognosen bei dieser
katastrophalen Berichterstattung, doch den Dingen wird nicht journalistisch
nachgegangen. Stattdessen hört man nie wieder davon.
Aber der Schaden im Bewusstsein der Geschädigten dieser
Terror-Propaganda ist real und bleibt. So reichert sich in unseren Köpfen
Jahresring um Jahresring an vorsätzlich produziertem Datenmüll an, der uns
suggeriert, in einer Zeit der Katastrophen zu leben. Dabei verblasst die
einzige wirkliche Katastrophe: der meist unwiederbringliche Verlust von Werten
und Funktionalität unseres Zusammenlebens. Wer da auch nur ein bisschen
paranoid ist, könnte mutmaßen, das ganze virtuelle Feuerwerk werde bewusst
inszeniert, um von den lukrativen Geschäften der Niedergangsgewinnler
abzulenken. Und wer heutzutage nicht paranoid ist, muss nach Kissinger ja tatsächlich
verrückt sein.
Dabei haben die Vorfälle in Japan eigentlich nur eines
gezeigt: Ein altes Kernkraftwerk in Risikolage, mit schlampiger Wartung und
sträflich reduzierten Sicherheitsparametern havariert bei einer gewaltigen
Naturkatastrophe. Dabei kommt es weder zum GAU und erst recht nicht zum schon
sprachlich unmöglichen Super-GAU. Stattdessen werden Hilfskräfte ohne
Schutzstiefel in das Kraftwerk geschickt, und selbst das besorgt den Medien
noch nicht die sehnsüchtig erwarteten Toten. Bewiesen wird also eher, dass ein
Atomkraftwerk eine Menge aushält. Schon das weitaus schlimmere Tschernobyl
wurde damals und wird bis heute ideologisch herausgeputzt: Während sämtliche
Weltverbesserer die Zahl der Toten mit rund 90.000 beziffern, kommt der
offizielle UNO-Bericht 20 Jahre danach auf eine Zahl unter 50!
Dennoch ist natürlich jenseits aller Fälschungen Furchtbares
passiert, und noch viel Schlimmeres hätte passieren können oder könnte in
Zukunft passieren. Aber hat uns nicht Erich Kästner
gelehrt „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich“? Wie viele
Verkehrstote könnten wir sparen, wenn wir uns nur noch zu Fuß fortbewegten? Wie
viele Kriegstote wären zu vermeiden, wenn wir bei Pfeil und Bogen
stehengeblieben wären? Wie viele Menschen müssten nicht verhungern, wenn ihre
Eltern nicht dank moderner Medizin, Ackerwirtschaft und humanistischer
Rettungsaktionen weiter an der Überbevölkerung hätten „arbeiten“ können?
Letztlich muss immer abgewogen werden, wie viel Risiko für die
Verbesserung der Lebensqualität in Kauf genommen wird. DIESE Diskussion hätte
ich mir hier gewünscht. Fragen wie: Können wir unseren Energieverbrauch
drosseln, um auf gefährliche Kraftwerke verzichten zu können? Ist es besser,
die Umwelt durch Kohle- und Gaskraftwerke schleichend, aber gründlich zu
vergiften als punktuell um ein Kernkraftwerk herum eine potenzielle Risikozone
zu schaffen? Was könnte man tun, um die Sicherheit und Sauberkeit von
Kraftwerken generell zu erhöhen? Hilft es, in Deutschland Kraftwerke zu
schließen, und dafür Atomstrom aus den Nachbarländern zu kaufen? Tut es denn
weniger weh, von den finnischen, tschechischen und französischen Kraftwerken
verstrahlt zu werden, die jetzt gebaut werden, damit wir in Ruhe abschalten
können? Ist der ökonomische Schaden für eine Volkswirtschaft zu verantworten
und zu stemmen? Können alternative Energiequellen sicherer, bezahlbar und
vertretbar Alternativen bereitstellen? Unbequeme Fragen, die man natürlich mit
einem undifferenzierten Primat des Atomausstiegs alle wegfegen kann. Sollten
wir uns dass so einfach machen? Können wir uns das so einfach machen?
Angesichts der fehlenden Patentlösung, werden alternative
Energiequellen als Weisheit letzter Schluss angeboten. Erdwärme also, die in
mehreren Großversuchen zu Erdbeben geführt hat und in der häuslichen Anwendung
erhebliche ökologische Schäden anrichtet. Wasserkraft, die blühende
Landschaften frisst und bei einem Staudammbruch schlimme Schäden verursacht.
Sonnenenergie, die großmaßstäblich ohne Beherrschung des Wasserstoffs nicht aus
den Erzeugerländern zu uns transportiert werden kann, und die im kleinräumigen
Maßstab nur mit erheblichen Subventionen bezahlbar ist, also letztlich aus dem
billigen Atomstrom erwirtschaftet oder vom kleinen Mann bezahlt werden muss. Mit
13 Milliarden Euro wird 2011 der gesamte Ökostrom subventioniert; 3,5 Cent
zahlt der Verbraucher pro Kilowattstunde – rund ein Fünftel seiner
Stromrechnung also und fast das Doppelte des Vorjahres.
Daran beteiligt ist auch die Windkraft, die extrem teuer in
der Herstellung ist, die nur zur Verfügung steht, wenn der Wind weht (also zusätzliche
konventionelle Grundlastkraftwerke braucht), und die die schönsten Landschaften
und Himmel mit riesigen blinkenden, buntgestreiften Propellern verschandelt.
Diese Kraft, die Dörfer mit ihren Vibrationen entvölkert, Vögel schreddert,
Tourismus als oft einziger Erwerbsquelle vertreibt.
Und jetzt, daraus folgend, kommt der eigentliche, aus der
Überschrift vermittelte Aufhänger für dieses Blog ganz am Schluss. Um den Süden
Deutschlands mit Windstrom zu versorgen, müssten bis 2020 laut Deutscher
Energieagentur 3600 Kilometer (!) zusätzliche Kilovolt-Freileitungen gebaut werden. Das soll 9,7 Milliarden
Euro kosten. Landschaften wie die Uckermark, wo dem Betrachter heute vor
Schönheit noch fast das Herz stehen bleibt (falls nicht schon jetzt Windmühlen,
den Effekt verhindern), sind vorgesehenes Durchzugsgebiet für diese linearen
Umweltsünden. Unsere gebaute Umwelt, durch die Zivilisation ohnehin in
kritischem Maße neurotisierend, verliert ein entscheidendes Stück Natürlichkeit
und damit Menschlichkeit. Ist es das wert? Trifft das den Kern der Sache? Ich
empfehle statt linearer Denkwege auch für unsere Energienetze ein vernetzendes
Denken. Wer da nicht mitdenken will, wird die Rechnung Stück für Stück
präsentiert bekommen. Aber ebenso passiert das dem, der sich gegen das Dummdenk
des Niedergangs nicht wehrt.

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