Auf dem Rindermarkt hatten zuletzt die 44 Asylbewerber auch
das Trinken eingestellt, um auf ihre persönliche Notsituation aufmerksam zu
machen. Sie forderten eine sofortige Anerkennung ihres Asylbegehrens. Hätte der
Staat dies akzeptiert und den vom Gesetz vorgeschriebenen Prüfungsvorgang
übersprungen, wäre dies ein unüberhörbares Signal an alle rechtmäßigen und eben
auch unrechtmäßigen Migrationswilligen dieser Welt gewesen. Hier wie bei allen
anderen, beispielsweise terroristischen, Erpressungen hätte der Staat nicht nur
sein Gesicht, sondern auch seine Handlungsfähigkeit verloren.
Das dürften die Anführer solcher Aktionen durchaus wissen.
Sicherheitshalber hat also Ashkan Khorasani, der Sprecher der örtlichen Bewegung,
selber am Hungerstreik nicht teilgenommen. Solche Leute nehmen wie auf der
andern Seite professionelle Schlepper das Elend und den Tod naiver,
ortsunkundiger Menschen in Kauf, um ihre politische Botschaft möglichst
medienwirksam in die Welt zu bringen.
Bezeichnend, dass beim Polizeieinsatz in München den Ärzten
die Behandlung der Sterbenden verwehrt wurde. Auch sei laut Zeitungsberichten
die Abfahrt von Notarztwagen mit zusammengebrochenen Asylbewerbern blockiert
worden. „Wenn es Tote gibt, dann ist eben die Politik in Deutschland daran
schuld“, hatte Khorasani in der Sache zu Protokoll gegeben. Zuvor wurden
diverse Vermittlungs- und Verhandlungsversuche ignoriert. Ignoriert hat dann
zum Glück auch die Verwaltung das Veto Khorasanis und die Patienten auf zwölf
städtische Krankenhäuser verteilt.
Wir haben es offensichtlich mit zwei unterschiedlichen
Problemkreisen zu tun. Einmal mit der Notsituation von Menschen die aus
schwierigen Situationen in ihrem Heimatland nach Deutschland kommen und hier
Hilfe erwarten, Menschen, die sich größtenteils sicher unter enormen
psychischen Druck und Leidgefühl befinden. Der Staat muss sicherstellen, dass
seine Prüfungsinstanzen so schnell und präzise wie möglich arbeiten, um die
Belastung hier möglichst gering zu halten. Auf der anderen Seite gibt es
Kriegsgewinnler, die aus dieser Krisensituation politisches Kapital für ihre
revolutionären Pläne und ihre persönlichen Machtbestrebungen und
Selbstdarstellungsbedürfnisse ziehen. Denen nachzugeben hieße, die Situation
zum Nachteil aller künftig Betroffenen zu verschlechtern.
Humanitätsdenken funktioniert in der Regel auf der Basis des
wahrgenommenen Individuums und ist aus diesem Blickwinkel ein hohes Gut. Aber
die Summe der Individuen ist die Allgemeinheit, und hier ist es das Menschenfreundlichste,
die Prozesse im Interesse aller am Funktionieren zu halten. In jedem Fall ist
eine mit Todesängsten geschürte Hysterie kein Mittel der Wahl. Sie folgt aus
einem Trugschluss, der glaubt, Übertreibung und Lüge würden ein gerechtes Ziel
befördern. Wir kennen das schon vom Versuch, der Umweltverschmutzung mit der
Klimalüge zu begegnen, oder vom scheinbar gerechten Kampf der Amerikaner gegen
den Terrorismus, der ihnen in ihrer Vorstellung erlaubt, alle und jeden zu
überwachen. Doch erstens ist die Gerechtigkeit ein beliebig dehnbaren Begriff,
zweitens heiligt der Zweck niemals die Mittel und schließlich macht die Lüge
auf Dauer unglaubwürdig und schädigt damit die möglicherweise überaus gerechte
Sache.
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