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| Foto: Konrad Kustos |
Das Camp sieht ungefähr aus wie ein Elendsquartier in Brasilien oder Indien in der Startphase. Geschätzt 160 Personen aus allen möglichen Ländern halten sich hier auf, wenn sie nicht ebenfalls geduldet in einer ebenfalls besetzten ehemaligen Schule gleich nebenan vor Wind und Wetter Schutz suchen. Inzwischen haben sich Alkoholiker und, wie man hört, auch die Drogendealer vom benachbarten Kotti dazugesellt. Die türkischen Nachbarn klagen über Dreck, Gestank und Ratten, behaupten, „unsere Frauen werden von den Schwarzen angemacht“.
Wer bei der Messerstecherei mit dem Streit angefangen hat,
war anscheinend nicht zu ermitteln, immerhin wurde der Täter, der das Camp mit
Frau und Kinderwagen passiert hatte, gefasst. Gleich danach eskalierte die
Situation und 250 Polizisten mussten einerseits die Ehefrau vor dem Lynchen
bewahren und andererseits die Asylbewerber vor den Türken schützen. Am Ende
sprachen die Besetzer ungerührt von „rassistischen Attacken auf
Geflüchtete und rassistischem Polizeieinsatz“. Mit Megaphon bewaffnet wollte
ein Besetzer sogar die „Polizeigewalt“ des Grundstücks verweisen, weil man sich
schließlich selbst verteidigen könne. Die wütende Menge, so schreibt
die Presse, habe die Polizisten mit Latten, Flaschen und Steinen bewaffnet
attackiert.
Und hier sind wir schon wieder auf der Metaebene, wo wir ja
immer hinwollen: Mitten in der Hauptstadt ist mit Duldung und stillschweigender
Förderung der bündnisgrünen Bezirksverwaltung ein rechtsfreier Raum entstanden,
in dem keineswegs anerkannte Flüchtlinge, wie behauptet, sondern asylsuchende Vorbehaltsgäste
dieses Landes ungeahndet das Gewaltmonopol des Staates zurückweisen und sich
auf das Faustrecht berufen.
In einem demokratischen und humanen Rechtsstaat ist es
eigentlich ganz einfach: Politischen Flüchtlingen wird Zuflucht gewährt,
Armutsmigranten nicht. Dahinter steckt ein ganz einfaches Prinzip, denn wenn
Deutschland versuchte auch nur einen Bruchteil der Milliarden Arme dieser Welt
hier vor Ort zu ernähren, würden sämtliche Strukturen zusammenbrechen. Und wie
man sieht, reichen dafür in gewisser Weise auch schon 160 davon aus.
Kreuzberg ist ein extrem dicht besiedelter Innenstadtbezirk
mit einer Fülle sozialer Spannungen. Seine zahlreichen kleinen Grün- und
Freiflächen haben deshalb eine enorme soziale Stabilisierungsfunktion. Bei
allem Mitleid oder aller Sympathie für die vom Schicksal weniger Bevorteilten
werden solche Siedlungen auf einer der knappen Gemeinschaftsflächen automatisch
als Angriff auf die persönliche Lebensqualität empfunden. Verantwortungsvolle
Politiker würden dies noch jenseits aller rechtsstaatlichen Erwägungen in ihre
Überlegungen einbeziehen.
Dieser Platz wird gebraucht, er wurde von hier lebenden
Leuten gebaut und ist ein Teil des Volksvermögens. Dieser Platz wird auch heute
von Leuten finanziert, gestaltet und belebt, die hier wohnen und Anteil nehmen
- seien es Deutsche oder Türken. Und dann kommen plötzlich andere Leute daher
und nehmen den Platz den Leuten weg. Mit welchem Recht? Mit dem „Recht“, dass es ihnen schlechter geht?
Diese Welt ist ein Ort voller Ungerechtigkeiten, und jeder
sollte gegen diese Ungerechtigkeiten antreten, wo er sie erlebt und nicht
anderswo neue rechtsfreie Räume erzeugen. Gerade deswegen sind jene, die den
Widerstand gegen Unterdrückung versucht haben und deshalb fliehen mussten, hier
willkommen und andere nicht. Zivilisation ist nicht umsonst zu bekommen und
nicht ohne teilweise schmerzhafte Maßnahmen zu erhalten. Zivilisation ist ein
Gut, das weit über humanitäre Gesten für einzelne Individuen hinaus Bedeutung
hat. Es gilt
deshalb auch als stadtplanerischer Elementarsatz, das wilde Siedlungen nicht
geduldet werden können, ohne eine zivilisationszerstörende Eigendynamik freizusetzen.
Und mit der Humanität ist es auch nicht so weit her, wenn man
es zulässt, dass Menschen, aus welchem Grund auch immer, in löchrigen Zelten ihre
Tage verbringen. Müssten diese Menschen nicht vielleicht auch vor ihren
selbsternannten „Unterstützern“ geschützt werden, die ihre Not für
radikalpolitische Ränkespiele und Egotrips missbrauchen? Welche Legitimation haben
diese Unterstützer eigentlich, geltendes Recht über Monate außer Kraft zu
setzen? Sie tun seriös, aber auf ihrer Homepage prangt groß die zur Zerstörung
des Systems erhobene Faust.
Für etwas erhellende Erheiterung bei diesen ernsten Thema mag
noch ein zitierter Satz aus einer Presseeinladung der Besetzer dienen: „Darüberhinaus
werden wir über Inhalte und Ergebnisse des Runden Tisches vom Vortage mit Vertreter_innen
des Camps, der Anwohner_innenschaft und Bezirkspolitiker_innen berichten.“ Nur
gut, dass keine Innen_politiker_innen einzuladen waren.
Eine der Vertreter_innen der Asylant_en_innen namens Napuli Langa gab jedenfalls schon
bald nach der Besetzung von Platz und Schule ein Statement von sich, nach dem
naheliegen dürfte, dass sich doch die richtigen Partner gefunden haben:: „Die Schule ist
der Ort, wo wir unsere Kräfte auftanken, unser politisches Zentrum aber ist
hier. Der Oranienplatz ist unser Kampfplatz.“ Kein Wunder dann, dass Plakate
zur „revolutionären Demo“ rufen auf. Dass muss man sich mal in einer
Gehirnwindung zergehen lassen: Geduldete Fremde rufen zur Zerstörung unseres
demokratischen Systems auf!
Einige wenige von der Presse befragte Bürger äußerten sich
kritisch, aber hielten sich dabei auffallend bedeckt. Na klar, wer möchte schon
in Kreuzberg als Ausländerfeind gelten? Umfassend und unparteiisch informierte
über die Vorfälle ausgerechnet die linke TAZ. Gerade weil man links ist, scheint
man es zu wagen, sich von linken Tabus zu lösen. Bemerkenswert! Besonders
bezeichnend aber sind die einhelligen und zum Teil sarkastischen Kommentare auf
der TAZ-Page:
Karl: Gottlob war der Täter türkischer Herkunft. Oder
jedenfalls hieß er nicht Friedrich, Stefan oder Hans. Sonst wäre hier im Land gleich wieder ein
Aufruhr über Attentate von Nazi-Horden und
terroristischen Zellen auf arme asylsuchende Menschen entstanden. / Boateng:
Soso, ausländerfeindliche Türken. Hat es laut Definition eigentlich gar nicht
zu geben. / Hulk: Deutschland ist viel zu langweilig, deshalb siedeln wir
bereitwillig solche Grüppchen unter uns an, damit es auch mal ein bisschen
Action gibt. Deutschland muss halt bunter werden... / ZUS: Vielleicht hilft ein runder Tisch gegen rechts? /
Nixdoener:
Wenn die Asylbewerber nichtmal das hiesige Gewaltmonopol akzeptieren, können
sie auch gerne wieder dahin zurückgehen, wo sie her gekommen sind. Und die
linken Gutmenschen und Weltverbesserer können sie gleich mitnehmen, damit die
mal lernen, wie echte Unrechtsregimes aussehen.
Sind wir noch auf der Metaebene? Oder schon wieder? Der
Unmut der linksgrünen TAZ-Leser oder jener, die die TAZ-Page zur unzensierten
Meinungsäußerung nutzen, richtet sich gegen die grünen Bezirksherrscher als
Verantwortliche für den Schlamassel. „Und wenn die Sache Leuten wie dem grünen
Bezirksbürgermeister Herrn Schulz endgültig über den Kopf wächst, zieht man
traditionell wieder in verbliebene intakte Stadtteile oder gleich raus aufs
Land und entlässt jene, die sich das nicht leisten können, in den Krieg der
Unterschichten.“
In der Tat erleben wir in Kreuzberg einen Ausblick auf das,
was uns nach einem grünen Wahlsieg bundesweit droht. Die ideologische
Befangenheit verschleiert sowohl den Blick auf Fairness und angemessenes
Handeln als auch auf Rechtsstaatlichkeit und Glaubwürdigkeit. Nachdem die
Verwaltung erklärt hatte, sie werde die Besetzung der Schule nur als „Kältehilfe“
bis in den März 2013 dulden, wurde die angekündigte Räumung des Gebäudes zu
Gunsten wartender Sozialprojekte stillschweigend abgeblasen. Schulz auf die
Frage wie lange nun geduldet werden solle, antwortete: „Solange die Flüchtlinge
sagen: Wir wollen bleiben.“ Und seine designierte Nachfolgerin und
Parteikollegin Monika Herrmann fügte hinzu: „Es geht ja nicht um einen
Zeltplatz, sondern um ein politisches Camp. Der Bund hat die Möglichkeit, die
Residenzpflicht aufzuheben und die Bedingungen für Asylbewerber zu verbessern.“
Ach so, der Bund ist schuld und nicht Bezirksfürsten, die aus
ideologischen Gründen einen Rechtsbruch an den anderen reihen. Verlogenheit an
der East-Side-Gallery, absurde Strategien bei der Benennung neuer Straßen und
nun der Oranienplatz - die Liste kann beliebig verlängert werden. „Man könnte sich
entspannt zurücklehnen“, ergänzt Georg im TAZ-Thread, „wenn Schulz nun in
seiner selbstgewählten Multikulti-Tinte hockt und sich die üblichen
Täter-Opfer-Schemata ineinander verhaken“.
Und so muss noch Zeit sein, für eine dritte Metaebene. „Ihr
könnt hier nicht machen, was ihr wollt“, beschimpfte laut Zeitung ein
deutschtürkischer Mann die neuen Nachbarn.
„Wir sind seit 30 Jahren hier.“ Türken machen sich also Gedanken um
„ihre“ neue Heimat und verteidigen sie. Ein natürlicher, ein menschlicher, ein
richtiger Reflex. Doch Holkan vom TAZ-Thread geht einen Schritt weiter und höhnt:
„So ein Weichei! Die Türken machen doch auch, was sie wollen, obwohl es
Menschen gibt, die hier seit 60 Jahren wohnen.“ Wir lernen, dass die Frage, wer wann wie sehr Teil eines Landes
und einer Gemeinschaft ist, mehr kybernetische Betrachtungen und weniger
ideologische Gewaltakte erfordert.

Nun, wir durften auch schon oft genug die zivilisationszerstörende Eigendynamik gewisser städteplanerischer Glanzleistungen bewundern ...
AntwortenLöschen... und Residenzpflicht und Arbeitsverbot sind Mist hoch drei.
Das ist wohl alles wahr - aber was hat das mit diesem Post zu tun?
LöschenDen Halbsatz "einen Ausblick auf das, was uns nach einem grünen Wahlsieg bundesweit droht" fand ich lustig. Das grün-rot regierte Baden-Württemberg ist jedenfalls noch nicht von Asylanten-Zeltstädten überschwemmt. Es ist eher so, dass die konservativen Schwaben Winfried Kretschmann mit einem Heiligenschein versehen. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, mag jeder selbst beurteilen.
AntwortenLöschenDass so eine Zeltstadt für die Umgebung nicht wirklich schön ist, ist mir auch klar. Die Flüchtlinge lassen sich bewusst für eine politische Demonstration benutzen. Aber zum heutigen 20. Jahrestag des neuen Asylrechts, dem neben den üblichen Verdächtigen auch die SPD zugestimmt hat, ist eine solche Demonstration vielleicht auch notwendig. Deutschland drückt sich innerhalb der EU vor jedweder Verpflichtung und schiebt Flüchtlinge in die EU-Ankunftsländer ab, die völlig überfordert sind und die Flüchtlinge entsprechend schlecht behandeln.
Deutschland und die anderen "zivilisierten entwickelten" Länder wären beim Zurückweisen von Flüchtlingen dann ein wenig glaubwürdiger, wenn sie auch Fluchtgelder der korrupten Eliten der 3. Welt zurückweisen würden, und Gewinne aus Waffenverkäufen an diese. Aber das wird wohl nicht passieren.
Historisch gesehen fragt man sich manchmal, was passiert wäre, wenn das Römische Reich die Wirtschafts- und politischen Flüchtlinge aus dem Norden offen aufgenommen und integriert hätte, statt sie zurückzuweisen und die schon eingewanderten als Bürger 2. Klasse zu behandeln. Die gotischen Flüchtlinge lernten jedenfalls daraus und behandelten nach der Übernahme der Macht die Römer als Bürger 2. Klasse. Such is life.