Vor einer Woche wurde weltweit des Anschlags auf das World Trade Center gedacht. Entgegen der zur Schau gestellten Betroffenheit in dem Land, das vor zehn Jahren zum Opfer menschlicher Willkür und fanatischen Handelns wurde, war das für viele Amerikaner anscheinend eine zweischneidige Sache. Wenn man den Umfragen trauen will, glauben nämlich 53% von ihnen, dass die eigene Regierung die Finger im Spiel hatte, und immerhin 28% sind sicher, dass sie offiziell belogen werden. Nur 15% sind überzeugt, dass sich der Anschlag wie berichtet zugetragen habe. Der aus diesen Zahlen sprechende paranoide Zweifel ist nun allerdings viel dümmer als alles, was man den Bürgern von God’s own country sonst ohnehin zuzutrauen bereit war. Das erfordert ein Entsetzen, das sich mit dem Anschlag selber durchaus vergleichen lässt. Das ist ein mentales 9/11.
Der eine oder andere Leser in Deutschland, wo ebenfalls 90%
der Bevölkerung Zweifel an den Wahrheiten des Anschlags haben, mag sich
nun wundern, dass in einem Blog, der gegen die herrschende Lügenmentalität des
geistigen Überbaus und für eine überlebensnotwendige Skepsis der Beherrschten
eintritt, solche elementare Skepsis so elementar gescholten wird. Doch was
sollte es nutzen, konventionellen Dummheiten und Verdummungen abzuschwören,
wenn wir uns dann erlauben, wild und gegen jeden gesunden Menschenverstand
unkonventionell drauflos zu spekulieren? Noch dazu, wenn sich dahinter eine
fatale menschliche Eigenschaft zeigt, die die Krise der Zivilisation unentwegt
verschärft. Doch dazu später mehr.
Skepsis bedeutet nämlich nicht ungesundes Misstrauen,
sondern Durchdenken von Verdachtsmomenten. Wenn aber Verschwörungstheoretiker
behaupten, der amerikanische Geheimdienst CIA habe die Twin Towers selbst
gesprengt oder der böse kapitalistische und obendrein jüdische Besitzer der
Gebäude habe nur die Versicherungssumme kassieren wollen, wird das Denken
durch fahrlässiges Behaupten ersetzt.
Natürlich haben die Verschwörungstheoretiker auch Argumente.
Beispielsweise sagen sie zu Recht, Stahl schmelze erst bei 1200 Grad und
Flugzeugbenzin brenne nur mit 650 Grad. Also, so folgern sie völlig zu Unrecht,
es müsse mit Sprengladungen gearbeitet worden sein. Oder sie versichern, man
sähe doch auf Filmaufnahmen Explosionen in den unteren Etagen. Nun zeigen diese
Filmaufnahmen zwar auch, dass tatsächlich Passagierflugzeuge in die Häuser
flogen, doch dies dient nicht der griffigen Legende und interessiert die
Berufsparanoiden schon nicht mehr.
Ihre Argumentationsketten klingen dennoch oft deshalb
schlüssig, weil sie einen Raum sich selbst beweisender Behauptungen erzeugen,
der Fakten, Logik und Vernunft einfach aussperrt. In unserem Beispiel wird
unterschlagen, dass Stahl durchaus schon bei 650 Grad seine Stabilität verliert
und dass der Luftdruck der zusammenbrechenden Türme natürlich auch in den
unteren Geschossen gewaltige Kräfte entfesseln musste.
Wer sich da aber auf Argumentationen einlässt, hat schon
verloren. Wie wenig man gegen in sich schlüssige Wahngebilde argumentieren kann,
haben Religionen, Faschismus, Kommunismus und jene ausreichend bewiesen, die in
Justin Bieber die Zukunft der populären Musik sehen. Um sich nicht in den Sog
solcher Pseudorealitäten ziehen zu lassen, fragt man lieber nach dem Sinn der
Konstruktion. Warum also sollte der CIA glauben, dass er mit solch einer Aktion
angesichts ganzer Armeen erforderlicher Bombenleger unentdeckt davonkommt? Oder
dass keiner der Beteiligten gegen ein stattliches Zeitungshonorar auspackt?
Oder dass irgendein Nutzen für irgendwelche Institutionen den gewaltigen
Schaden übersteigen könnte.
Unabhängig Denken heißt, alle verfügbaren Informationen
inklusive Lebenserfahrung und Intuition gleichzeitig und möglichst
vorurteilsfrei miteinander in Verbindung zu bringen. In meinem Buch „Chaos mit System“ nenne ich das
„Kybernetisches Denken“, und es wird dort als eine der wenigen verfügbaren
Qualitäten beschrieben, dem Zusammenbruch der Zivilisation noch entgegenwirken
zu können. Was die Verschwörungstheoretiker tun, ist das genaue Gegenteil: Sie
flüchten in ein Denkschema, in dem eine unzureichende Menge unzureichend
gesicherter Behauptungen scheinbare Erkenntnis zimmert.
Wäre das ein Problem dieser verschwindend geringen Menge von
ein paar Millionen Paranoiden auf der Welt, wäre der Post jetzt hier zu Ende.
Ist er aber nicht, weil unsere gesamte Gesellschaft unter dem Phänomen
beschränkter Denkgebäude leidet. Je komplexer die Wirklichkeit durch den
Fortschritt wird, desto mehr wächst die Sehnsucht nach einfachen
Zusammenhängen. Und wenn es diese nicht mehr gibt, werden sie eben von
Rattenfängern erfunden. Deren Geschäft floriert um so besser, weil die Menschen
spüren, dass sie überall belogen werden, und dann gern dem Dyslogismus folgen,
dass sie auch dann belogen werden, wenn das gerade mal nicht geschieht.
Um ein paar aktuelle Beispiele zu geben: Jeder, der noch den
Namen seiner Mutter schreiben kann und der die Gabel nicht zum Schneiden
benutzt, weiß doch zumindest tief in seinem Inneren, dass alle Parolen über
eine Rettung Griechenlands innerhalb der EU, die auch den wirtschaftlich
gesünderen Ländern langfristig nutzen könne, ein Phantom beschreiben. Oder dass
das Zusammensperren unterschiedlich alter Schüler in jahrgangsübergreifenden
Klassenverbänden ohne erhebliche Mehrausstattung an Finanzen und Kompetenz ins
Fiasko führen muss. Dennoch wird solch Absurdes allüberall gesagt und
praktiziert, weil es wie die Mär vom CIA und den Twin Towers simpel genug
gestrickt und in einem geschlossenen Gedankengebäude verankert ist. Das
eigentliche Problem dabei ist, dass wir es dabei nicht mehr mit ein paar irren
Internetautoren zu tun haben und auch nicht mit Millionen denkfauler Mitläufer,
sondern mit dem geistigen und politischen Überbau unseres Zusammenlebens.
„Integration von Millionen gettoisierter und perspektivloser
Ausländer und Migranten klappt schon, wenn man nur richtig will.“ „Mit
Zertifizierungen und Quotenregelungen bringt man Qualität in betriebliche
Abläufe.“ „Durch Verzicht auf Notengebung stärkt man schulische Leistungen.“ „Unternehmensförderung
und Steuererleichterungen, also Umverteilung von arm nach reich, kurbelt die
Wirtschaft an.“ U.S.W. Die Aufzählung hanebüchener Vergewaltigungen des
gesunden Menschenverstandes durch Medien und eine sich selbst gleichschaltende
Parteienlandschaft könnte hier bis zum Südpol fortgesetzt werden, und sie wird
uns an anderer Stelle noch detaillierter beschäftigen.
Hier bleibt festzuhalten, dass die nicht mehr auf
persönlichen, überschaubaren Erfahrungen basierende Überinformiertheit der
Moderne zu Desorientierung führt , die durch die Flucht in scheinbar
schlüssige, verfälschend einfache Konstruktionen psychologisch kompensiert
wird. Sobald die Lügen nicht mehr erkennbar sind, scheint es doch egal, in
welcher Lüge man es sich bequem macht. Solange diese Denkweise auf Individuen
beschränkt bleibt, ist das bedauerlich, aber in gewissen Grenzen
gesamtgesellschaftlich zu kompensieren. Wenn aber der Staat von solchem
Dummdenk infiziert ist, wird damit eine Metaebene erreicht. Die Realität wird
dann einfach mit der Kompetenz der geistigen und politischen Elite für ungültig
erklärt. Das heißt: Die Demokratie schafft sich ab – und nicht nur die.

Auch nach einem Jahr noch schön zu lesen... der (Des)Informationswahnsinn ist nicht besser, nur noch schlimmer geworden. Allerdings hat sich eines seit den Snowden-Veröffentlichungen gewandelt - nachdem sich die bisher größte Verschwörungstheorie von allen ("Unsere gesamte elektronische und telefonische Kommunikation wird heimlich von den Amerikanern überwacht") sich bewahrheitet hat, sogar um "und von den Engländern" ergänzt werden musste, stellt sich nicht mehr die Frage, ob manche Verschwörungstheorien vielleicht doch wahr sind. Sehr viele sind wahr. Die Welt der Politik und Wirtschaft ist nicht das, was sie zu sein scheint.
AntwortenLöschenEigentlich muss man fast statistisch an das Thema herangehen, sich bei jeder Theorie fragen, wieviele Mitverschwörer und Mitwisser sind notwendig, und welcher Art (Staat)? Und wie groß ist der Nutzen für die Kerngruppe? Wieweit würden sich die Phänomene auch durch andere Ursachen (z.B. Dummheit) erklären lassen?
Beim Gesundheitssystem, bei großen öffentlichen Ausschreibungen oder beim weltweiten US-Dollar-basiertem Geldsystem würde der Verschwörungsindex mit Sicherheit hoch ausschlagen.
Der Vorteil einer statistischen Verschwörungsanalyse wäre, dass man nicht mehr zwischen Ablehnen und Glauben wählen muss. Man brauch nur noch genaue Definitionen und Prozentsätze zu diskutieren. Wäre ein Ansatz für ein Buch, oder?
Ja, schreib mal so ein Buch! Allerdings kann man den Begriff "Verschwörungstheorie" auch so definieren, dass es sich hierbei nur um realitätsferne Konstruktionen handelt, weil es sich sonst ja nicht um Theorien, sondern um faktische "Verschwörungen" handelte. Hinzu kommt, dass eine Verschwörungstheorie für Wirrköpfe umso attraktiver wird, je mehr sie der Vernunft widerspricht. Deshalb kann man schon davon ausgehen, dass die meisten Verschwörungstheorien unvernünftig sind und dass es zu den echten Verschwörungen in den von Dir zurecht genannten Fällen keine Theorien gibt, weil sie zu glaubhaft, also nicht sexy genug, sind.
LöschenSchon mal was von "Architects & Engineers for 9/11 Truth" oder "Pilots for 9/11 Truth" gehört?
AntwortenLöschenSind ja alles nur Spinner. Und haben ihre Titel, Diplome Masters und Pilotenscheine sicher alle nur gekauft und oder erlogen...OMG
Ein echter Jornalist recherchiert in beiden Lagern und plappert nicht nur nach.
Hallo Anonym, wer hat Dir denn gesagt, dass ich ein Journalist sein will? Aber im Gegensatz zu Dir weiß ich wenigstens, wie man das schreibt.
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