Was waren das für Zeiten, als die Lager noch eindeutig
definiert und ideologisch motiviert waren. In Zeiten des nun herrschenden Niedergangs
sind sowohl die Wertvorstellungen als auch die Bereicherungskonzepte schon so
konfus geworden, dass inzwischen schon Kriege gegen die eigenen Interessen
geführt werden. Das ist so, als würde man sich beim
Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spielen selber rausschmeißen. Nur weniger lustig.
Gegenwärtig hat ja vieles mit dem Islam zu tun. Wenn
Al-Qaida das World Trade Center pulverisiert, wenn amerikanische Botschaften
gestürmt werden oder wenn der Islam der westlichen Lebensweise grundsätzlich
den Krieg erklärt, dann wären das nachvollziehbare Gründe für westlichen Widerstand.
Doch in Syrien bekämpfen sich unterschiedliche islamische Strömungen, bei denen
bei keiner einzigen moralische oder materielle Hilfestellung zu rechtfertigen ist.
Schlimmer noch: Bei einem Sieg der Rebellen droht ein völlig unkontrollierbares
gegenseitiges Abschlachten der einzelnen Strömungen untereinander, dass nur mit
einem Endsieg der ohnehin schon die Fäden ziehenden Hardcore-Islamisten zu
beenden wäre - dann aber mit allen bekannten Konsequenzen für die Bürger dieses
Landes und die gesamte Zivilisation dieser Region.
Doch die entscheidenden Kriterien der moralisch verbrämten
Kriegslust liegen jenseits solcher Funktionalitätsfragen, sonst würde auch
anderswo einmarschiert, denn wie wollte man eine objektive Notwendigkeit für
Angriffskriege überhaupt definieren. Wenn eben mal in Nordkorea ein Dutzend
Künstler öffentlich exekutiert wird, weil zu dieser Gruppe die ehemalige
Konkubine des Diktators Kim Jong-Un gehörte. Wenn dieses Regime seine
Untertanen in allgemeiner Armut und blutiger Unterdrückung hält und zudem mit
seiner Atomwaffenpolitik eine Gefahr für die ganze Welt darstellt, kommt
niemand auf die Idee, mit Waffengewalt den Wahnsinn zu stoppen.
Wenn in Nigeria radikale Islamisten ein Dorf nach dem
anderen überfallen und dort die Einwohner mit Messern massakrieren, weil die
nicht nach einer strengen Auslegung der Scharia gelebt haben, führt der Westen
keinen Militärschlag. Auch angesichts inzwischen tausender Toter ist das keine
Option, obwohl doch die Gerechtigkeitsinvasoren von den Menschen hier
wahrscheinlich mit Freuden empfangen würden.
Wenn in Dubai eine Norwegerin vergewaltigt wird und deshalb
zu 16 Monaten Haft wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs verurteilt wird,
ist dieser Anschlag auf das Menschenrecht auch keine Intervention Wert. Na
klar, ein einziger Fall schiene vernachlässigbar, doch wissen wir, wie viele
Menschen in den Vereinigten Arabischen Emiraten regelmäßig der religiösen
Willkür zum Opfer fallen? In diesem Falle kam der Skandal nur an die
Öffentlichkeit und es im Anschluss zu einer Begnadigung, weil westliche Medien
den Fall aufgegriffen hatten.
Und warum darf ein Regime weiterregieren, welches ein
15-jähriges Mädchen, das von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden war, zu 100
Peitschenhieben verurteilt? Auch hier gab die Regierung der Malediven erst
internationalen Protesten nach. Dabei ist vorehelicher Geschlechtsverkehr auf
den Malediven durchaus legal: Wenn er unter Touristen praktiziert wird.
Wenn Islamisten Terroristen sind, sind dann die Lenker
rigoroser islamischer Staaten nicht auch Islamisten und damit Terroristen? Und
nicht auch Gewaltherrscher an sich? Müsste, wenn es ein Weltgewissen gäbe,
nicht permanent gegen himmelschreiende Ungerechtigkeit Krieg geführt werden?
Nein, müsste es nicht. Erstens, weil Krieg aufgrund seiner grauenhaften Folgen
für die Betroffenen das ultimativ letzte Mittel bleiben muss. Zweitens, weil
Krieg nur im Verteidigungsfalle toleriert werden darf, wenn man nicht eine
fatale Legitimationslawine auslösen will. Und drittens, weil jeder Eingriff von
außen verhindert, dass die Menschen selbst die Probleme ihres Landes in den
Griff kriegen.
Der arabische Frühling war gerade erst ein schlimmes Beispiel, wie gutgemeinte
politische und kriegerische Interventionen des Westens einigermaßen weltoffene
politische Systeme hinwegfegten und der Rückkehr des Mittelalters Bahn brach. Wenn
westliche Arroganz auf andere, rückwärtsgewandte Wertsysteme trifft, ist sie oft
nicht in der Lage zu begreifen, dass Demokratie und offene Gesellschaft einen
jahrtausendelangen zivilisatorischen Entwicklungsprozess voraussetzen, der
nicht durch einen Blitzkrieg ersetzt werden kann.
Ausgerechnet Wladimir Putin, der sich innenpolitisch nicht
gerade als Verteidiger der Freiheit gibt, hat das begriffen und handelt nach
der Doktrin der Nichteinmischung der Weltmächte in lokale Konflikte innerhalb
souveräner Staaten, falls die Vereinten Nationen eine solche nicht sanktioniert.
Angesichts der Hetze, der Putin seitens westlicher Medien ausgesetzt ist,
stellt sich nebenbei die Frage, ob nicht auch hier ein Zusammenhang besteht.
Empfinden die Propagandisten eines virtuellen weltweiten Gutmenschentums den
gesunden Menschenverstand des neuen Zaren als Bedrohung für ihre weltweite
Umwertung der Werte?
Kommen wir zurück nach Syrien und dem nun fast sicheren
westlichen Anschlag, sei es der Amerikaner allein oder zusammen mit ihren
Verbündeten. Unentwegt propagiert der amerikanische Präsident gegen die
Interessen seiner Bevölkerung, gegen die Interessen von Senat und
Repräsentantenhaus und gegen die Interessen seiner eigenen Partei den
Militärschlag. Ausgerechnet jener Präsident also, der bei uns zu Lande als
demokratischer Erneuerer und Friedensfürst gefeiert wurde. Er wirft die Würde
seines Amtes in die Waagschale, um den demokratischen Widerstand auszuschalten.
Der Giftgasvorwurf kommt da merkwürdig rechtzeitig und
erinnert an die Vorwände für den zweiten Irakkrieg. Immer wieder wird von
vorliegenden Beweisen gesprochen, ohne sie der Öffentlichkeit vorzulegen.
Lächerlich geradezu, wie Obama versucht, einen Zusammenhang zwischen dem
ominösen Giftgaseinsatz und den nationalen amerikanischen Interessen zu
konstruieren, ein Zusammenhang, den er braucht, um ohne Verfassungsbruch einen
Militärschlag bei fehlender Zustimmung der Legislative zu befehlen. Ohne dies
verschwörungstheoretisch unterstellen zu wollen: So ein Giftgas ist schnell mal
freigesetzt, von wem auch immer, und an den Toten klebt kein Zettel, wer verantwortlich
ist.
Auf die Frage, warum der Westen letztlich so
selbstzerstörerisch hinsichtlich seiner Interessen und seiner Werte vorgeht,
muss auch Konrad Kustos weiterhin passen. Das Öl taugt diesmal nicht als sonst
gerne gewählte, aber letztlich naive Erklärung. Vielleicht ist es die
Feindschaft mit dem Iran, der ja Syriens Machthaber stützt? Oder es ist der
Versuch, der für Assad kämpfenden Hisbollah zu schaden und damit Israel zu
nutzen? Angesichts des zuvor Gesagten ist die Frage nach dem Warum aber eigentlich
auch nebensächlich. Das einzige, was klar zu Tage tritt, ist die Auflösung der
Wertsysteme der zivilisierten Welt.
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