Während die Politiker in der Pädo-Debatte durch die
Vermeidung von Argumenten glänzten, bedienten sich die Medien zusätzlich eines
ganzen Arsenals von Verfälschungen, Auslassungen, unsachlicher Emotionalität
und unflätiger Schreibe. Besonders hervorgetan hat sich dabei die angeblich so
seriöse FAZ und ihre Tochter FAS. Die Grünen seien die Wegbereiter einer
„perversen alternativen Pseudopädagogik“, die „ungezählte Opfer“ hervorgebracht
habe. Oder: „Die Grünen wollten mit der deutschen Geschichte brechen. Dazu
gehörte der Umgang mit Sexualität. Sie schufen sich eine Ideologie, die
Kindesmissbrauch Vorschub leistete.“ Geht es nicht ein bisschen kleiner? Oder
wenigstens konkreter?
Wie die Diktion schon verrät, gibt es natürlich kaum Beweise
die diese Jauchekübel füllen könnten. Und natürlich sind auch in einem Kommentar,
der sich nur als normaler Artikel im Feuilleton tarnt, keine
Gegenargumente zugelassen. Anderswo heißt es, „Die Grünen wollten in den achtziger Jahren legalisieren, was sie
Sex mit Kindern nannten.“ Eben nicht die Grünen wollten dies, denn es war nur
eine Minderheitenmeinung, die man nun mal diskutiert hat und die auch nur in
einem Landesverband (Nordrhein-Westfalen, 1985) beschlossen, aber gleich danach
mittels der Einführung einer Schutzaltersgrenze von 14 Jahren quasi wieder kassiert
wurde.
Auch und gerade bei einem solchen Thema sollte in den nominell
für die Volksaufklärung zuständigen Medien Sachlichkeit des Ausdrucks und der Information herrschen.
Doch der FAZ-Stil, und nicht nur der, zeigt, dass in einer moralisierten
Gesellschaft bestimmte Themen ungestraft außerhalb des sachlichen Diskurses
gestellt werden dürfen. Nicht anders wird ja auch gegen Euro-Gegner oder
Leugner der menschgemachten Klimaerwärmung schwadroniert.
Kein Wunder jedenfalls, dass kaum
jemand weiß, was in diesem Beschluss von 1985 überhaupt stand. Die Kernthese
des Papiers lautete nämlich: Jede Form von „gewaltfreiem“ Sexualverkehr - auch
jener zwischen Kinder und Erwachsenen - solle straffrei bleiben. Es geht also
nicht um den hier immer wieder unterstellten klassischen Kindesmissbrauch,
sondern um die These, dass Menschen, die sich lieben, auch körperliche Nähe
zulassen dürfen. Konrad Kustos hat sich viel zu wenig mit diesem Thema
beschäftigt, als dass er eine Meinung dazu haben könnte. Für ihn zeigt sich
hier nur ein beispielhafter Fall, wie in unserer Gesellschaft immer mehr die
Verurteilung vor dem Prozess (des Nachdenkens) stattfindet.
Vergewaltigung und Pädophilie werden wissend und willkürlich
vermischt. Die Pädophilie aber ist, wie der griechische Wortstamm schon verrät,
ursprünglich die Freundschaft mit Minderjährigen. Wikipedia schreibt dazu: „Auseinandersetzungen
um die Anerkennung der Pädophilie als „sexuelle Identität“ sind auch im
wissenschaftlichen Bereich nicht abgeschlossen. Eine Abgrenzung zwischen
Päderastie, bei der sich das begehrte Objekt im präpubertären Stadium befindet,
und der unter Ephebophilie beschriebenen Zuneigung zu Adoleszenten wird in der
Öffentlichkeit oft nicht vorgenommen, ist aber sexualwissenschaftlich wie
kriminologisch von großer Bedeutung.“
Im damaligen Parteitagsprotokoll der Grünen heißt es deshalb
gar nicht so unnachvollziehbar: „Auf der einen Seite werden Menschen, die die
sexuellen Wünsche von Kindern und Jugendlichen ernstnehmen und liebevolle
Beziehungen zu ihnen unterhalten, mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft.
Auf der anderen Seite wird sexuelle Gewalt gegenüber Mädchen nicht
wahrgenommen, vertuscht oder sogar als Gewohnheitsrecht betrachtet.
Kindesmisshandlung wird nur selten von den Gerichten angemessen bestraft.“ Die
FAS fasst diese Aussage in ihrer schlichten Denke kurz und unsachlich als den „größten
Triumph der Päderasten“ zusammen.
Wenn damals die grüne Arbeitsgemeinschaft „Schwule und
Päderasten“ forderte, dass „Menschen jeden Geschlechts und jeden Alters und
jedweder Zahl sich lieben“ sollten, ist das in der Realität natürlich
undifferenzierter Quatsch, doch das kann die Grundüberlegung nicht automatisch
diskreditieren. Andere Minder- oder Mehrheiten glauben an den Allgemeinbesitz
der Produktionsmittel oder an die Chance, in den Himmel zu kommen. Da ist mir
ein Bekenntnis zur Liebe schon lieber.
Man muss allerdings solche allgemeinen Wunschvorstellungen weiter
differenzieren, bevor man sie bewerten kann. Etwa inwieweit Kindern eine Mitbestimmung
zugestanden werden kann, wenn sie beim Sex mitmachen wollen. Wann ist
Freiwilligkeit gegeben und wann setzt schon in den sicher vorhandenen
Abhängigkeitsverhältnissen (psychische) Gewalt ein? Wie viel Freiheit kann
Kindern zugestanden werden? Immerhin dürfen sich heute viele Kinder allerhand erlauben,
etwa aufgebretzelt das Nachtleben durchstreifen, sich piercen oder in der
Öffentlichkeit randalieren, ohne von den Erziehungsberechtigten in „ihrer
Freiheit“ beschränkt zu werden. Selbst jugendliche Gewalttäter werden als
„nicht schuldfähig“ wieder freigelassen. Wann können also Kinder, Jugendliche,
Erwachsene oder ab wann kann ein von Hormonen getriebener Mensch überhaupt frei entscheiden, wann er körperliche Nähe oder Sex mit einem geliebten Menschen
haben sollte?
Eine seriöse Auseinandersetzung mit den damaligen Vorfällen kann auch nicht
ohne historische Einordnung stattfinden. Anfang der 80-er Jahre war der sexuelle
Aufbruch gerademal 15 Jahre alt. Alle möglichen Grenzen wurden damals eingerissen,
die Freie Liebe propagiert, Prostitution und Pornographie legalisiert. Es war
eine Zeit, in der es keine Erfahrungswerte gab. Also blieb nur, solche Dinge zu
diskutieren und unbeholfen und emotionalisiert nach dem besten Weg zu suchen. Solche
suchenden Grünen sind Konrad Kustos jedenfalls sympathischer als die heutige
Variante, die ihre Positionen aus ideologischer Selbstgerechtigkeit gewinnt.
Ein bisschen Häme ist aber doch erlaubt, denn die Grünen
werden hier Opfer ihrer damals schon erkennbaren Minderheitenmanie. Schon
damals folgte man dem Irrglauben, dass jede Minderheit zu verteidigen sei. In
grünen Knastgruppen ging man so weit, dass ein wegen der Vergewaltigung eines
zweijährigen Kindes beschuldigter grüner Mandatsträger vor der Vollzugsanstalt
bewahrt werden sollte.
Die Grünen sollten sich nun also siebenmal für Randerscheinungen ihrer Findungsphase entschuldigen, aber nicht für ihre moderne
tägliche ideologische Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes. Geradezu
peinlich, wie ihr schwuler Parlamentarischer Geschäftsführer Volker Beck sich
plötzlich von allem damals Gedachten (und wohl auch Gefühltem) distanzierte. Vergleichsweise
locker ging einst die Medienkritik mit den von Grünen angezettelten
Ausschreitungen in Brokdorf um. Und ein grüner deutscher Außenminister durfte
sein Amt ausüben, obwohl er nach eigenem Eingeständnis Steine bei
Demonstrationen geworfen hatte und auf Bildern zu erkennen war, wie er auf
einen am Boden liegenden Polizisten einprügelte.
All das passt anscheinend besser in unsere politische
Landschaft als das Nachdenken über die Liebe. Dabei ist das eine die gelebte
Praxis und das andere sind längst verjährte Gedankenspiele ihrer Minderheiten,
für die die Grünen nun plötzlich hingerichtet werden sollen. Das einzige, was
da den Beobachter milde stimmt, ist die Tatsache, dass es genau die trifft, die
seit langem und eigentlich schon immer mit der Moralkeule auf Andersdenkende
eingeschlagen haben und sich damit ihr
Gutmenschen-Image aufbauten, von dem sie heute noch bei schlichteren Gemütern
zehren.
Der aktuelle Vorwurf trifft also nur deshalb, weil sich bei
den Grünen in der Pädophilendebatte schon damals eine ideologisch bedingte
Verwechslung von Realitätsdenken und Gutmenschenverirrung offenbarte. Heute
tritt letzteres in den Vordergrund, etwa hinsichtlich Tempo 30 auf Hauptstraßen,
Sprachaushöhlung und disfunktionalen Bildungsexperimenten (damit schlechte
Schüler nicht sitzenbleiben), vom Volk ungewollten Eurohilfesteuern nebst
Inflation, Propagierung von Angriffskriegen und natürlich dem Veggie Day.
Intuitiv haben die Grünen früh erkannt, dass man in der
Niedergangsgesellschaft mit moralisierenden Phrasen besser vorankommt als mit
Sachargumenten. Wie so vieles kann aber auch die Moral zwei Gesichter haben. Zum
einen ist sie eine kollektive Erkenntnis des Volkes, wie unser Zusammenleben
effektiver und spannungsfreier gestaltet werden kann, und damit vielleicht der
wichtigste Grundpfeiler unserer Gesellschaft überhaupt. Sie ist auch ein
wichtiger Teil dessen, was ich in meinem Buch „Chaos mit System“ die für ein funktionierendes System
unerlässliche „Kollektive Kybernetische Kompetenz“ genannt habe.
Zum anderen kann Moral als undifferenzierte Sammlung von
Leitsätzen im Interesse bestimmter Ideologien missbraucht werden. Eine solche
morsche Moral war schon immer ein famoses Mittel für die jeweils Herrschenden.
Diesen Zusammenhang von Macht und Moral lebte die christliche Kultur über
Jahrhunderte. Mit der Aufklärung verloren die alten Herren zwar diese Macht,
doch die nun zu Einfluss gekommenen Aufgeklärten formten flugs die Aufklärung
zur neuen Herrschaftsideologie um. Und weil bis heute die Aufklärung nicht als
gefährliche Leitideologie der neuen Zeit erkannt wird, fällt so wenigen auf,
welche Machtspiele die Grünen und andere damit zu treiben in der Lage sind.
So können sie hinter ihren wohlklingenden Phrasen von
Minderheitenschutz und Multikulti das von ihnen mitgetragene Umverteilungs- und
Debilisierungssystem des Niedergangs bestens verstecken. Deshalb fordern beispielsweise
Menschenrechtler weiter vergeblich von den Grünen, dass sie eindeutig zu den
Ursachen von Kopftuchzwang und Badeverbot, von Parallelgesellschaften und
Unterwanderung der Sozialsysteme oder von Beschneidung und anderen Genitalverstümmelungen
Stellung nehmen. Auch sonst ist deren
neochristliche
Botschaft das Die-andere-Wange-Hinhalten, das heute unter Toleranz firmiert und
den Herrschenden, also den Abkassierern, und den Rücksichtslosen so gut tut.
In solchen Fragen spielt die Moral nämlich auch für die
anderen Parteien plötzlich keine Rolle mehr, denn deren geistige oder reale
Herren brauchen all die neuen Mythen, die die Grünen als ideologische Vorhut in
unserem Denken verankern, um ihr wackliges Ausbeutungssystem noch etwas länger
zu stabilisieren. Denn wie schön kann man mit dem Kampf gegen eine 30 Jahre
alte Pädophiliedebatte seine moralische Festigkeit nachweisen.

Nach meinem Dafürhalten haben die Medien den Pädoskandal der Grünen eher kleingeschreiben denn angeprangert, zuminestens, wenn man die o.g. Berichterstattungen mit den Berichten über die Sexskandale der katholischen Kirche vergleicht.
AntwortenLöschenIm übrigen arbeiten die Grünen nach wie vor an einer Aufweichung des Sexverbots mit Kindern. Dazu muß man sich nur vergegenwärtigen, wie Kinder heute schon im Kindergarten sexualisiert werden, und zwar auf eine Art und Weise, die eher an Porngraphie erinnert als an achliche Aufklärung. Ein Schelm, wer hier Parallelen zu früheren Zielen erkennen mag.
Im Vergleich zu den Katholiken hast Du auf alle Fälle recht, aber ich zog ja den Vergleich auf ganz anderer Ebene, nämlich zu den anderen "Missetaten" der Grünen.
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