TISA steht für „Trade in Services Agreement“ und soll nach
Abschluss der derzeit laufenden internationalen Geheimverhandlungen von 50
relevanten Ländern (mit Ausnahme der BRICS- Staaten) wesentliche nationale Rechte und Schutzbestimmungen auf dem
Dienstleistungssektor außer Kraft setzen. Auf diese 50 Länder entfallen zwei
Drittel des globalen Handels mit Dienstleistungen.
Während sich also Bürgerinitiativen noch darüber freuen,
dass beispielsweise Wasserbetriebe rekommunalisiert werden konnten, könnte es
schon Anfang des nächsten Jahres so weit sein, dass per internationalem Recht
hoheitliche Aufgaben mit Ausnahme von Polizei, Justiz und Strafvollzug privatisiert
werden. Damit erlöschen automatisch u.a. wesentliche nationale soziale
Errungenschaften.
Die Gruppe der derzeit noch und schon seit 2012 in Genf Verhandelnden
nennt sich „RGF“ (Really Good Friends of Service), und solche höhnische Selbstbezeichnung
zeigt, dass man sich mehr im Glanz der eigenen Macht sonnt als dass man sich
verantwortungsbewusst um eine Sache kümmert. Die neue Welteroberung als
Spaßveranstaltung sozusagen.
Den Vorsitz der RGF haben die USA und Australien, also die
weltweiten Vorreiter der Deregulierung und damit der Beseitigung sozialer
und funktionaler Schutzmechanismen zugunsten unkontrollierten Ab-Wirtschaftens.
Wie weit muss das Moral-Level der „für“ die 28 EU-Staaten dort Mitverhandelnden
gesunken sein, um sich damit abzufinden oder es sogar mitvoranzutreiben?
Außerdem am Tisch und sich vor dem Weltgewissen schuldigmachend
sind in alphabetischer Reihe Chile, Costa Rica, Hongkong, Island, Israel,
Japan, Kanada, Kolumbien, Korea, Liechtenstein, Mexiko, Neuseeland, Norwegen,
Pakistan, Panama, Paraguay, Peru, Schweiz, Taiwan und die Türkei. Ihr Ziel ist
der Abschluss eines Abkommens, das es international operierenden Dienstleistern
ermöglicht, in jedem unterzeichnenden Land tätig zu werden. Einzelheiten sind schwer
auszumachen, denn die Geheimhaltung geht so weit, dass, wie es heißt, die
Ergebnisse der Verhandlungen auf Wunsch der USA fünf Jahre lang nicht
veröffentlicht werden dürfen.
TISA dürfte noch weitaus empfindlicher in das tägliche Leben
der Bürger eingreifen als das Freihandelsabkommen TTIP. Das Heise-Onlineportal
schätzt, dass im
Europäischen Binnenmarkt etwa 75% der Beschäftigung in den Bereich
Dienstleistung fällt. Betroffen und direkt der Kontrolle der weltweit
operierenden Konzern ausgeliefert wären möglicher- und wahrscheinlichweise das
komplette Bankensystem, die Informationstechnik sowie die öffentliche
Daseinsvorsorge, d.h. auch die Strom- und Wasserversorgung, die Bildung und das
Gesundheitswesen.
Ziel
der TISA-Politik ist es, privaten Unternehmen in jedem Vertragsstaat zu
erlauben, die Dienstleistungen mit eigenem Personal zu erbringen, welches dann
den Vorschriften und Arbeitsbedingungen des Herkunftslandes unterliegt.
Schlagartig wären sämtliche sozialen Sicherungssysteme in Deutschland
ausgehebelt. Beispielsweise im Gesundheitswesen würden wir dann von
kostengünstigen Ärzten und Pflegern aus Costa Rica oder Kolumbien betreut. Ich
möchte wissen, was jene zu dieser Variante der Völkerwanderung sagen, die
Konrad Kustos aus „fortschrittlicher“ Sicht zuletzt wegen seiner Positionen zur
ausufernden Migration kritisiert haben… Denn als gewollten Nebeneffekt öffnet
das natürlich auch die Grenzen für eine weitere unkontrollierbare, diesmal
weltweite Zuwanderung.
In der
Elektrizitätsversorgung können wir uns auf zusammenbrechende Kraftwerke und
Leitungen vorbereiten, wie sie in den USA gang und gäbe sind. Dabei und in der
sonstigen Grundversorgung übernehmen dann international operierende Monopole
die Macht und diktieren die Preise. Kleinere Banken, also etwa die
Volks- und Raiffeisenbanken sowie die Sparkassen, verlieren ihre Rentabilität
und damit nicht nur ihre Existenz, sondern auch ihren mäßigenden Einfluss.
Allerdings hoffen sie und andere noch auf eine Garantie der EU-Kommission, dass
es keine zwangsweise Privatisierung geben wird. Hoffen und harren…
Festzustehen scheint immerhin schon die „Ratchet-Klausel“,
die besagt, dass bei einmal erfolgter Privatisierung ein unbegrenztes Rekommunalisierungsverbot
erlassen wird. Mit der ebenfalls geplanten Standstill-Klausel wird gleichzeitig
festgelegt, dass neue Dienstleistungen nicht mehr von Unternehmen der
öffentlichen Hand erbracht werden dürfen, sondern dem privaten Wettbewerb
unterliegen.
Wie bei TTIP werden die Vorgänge nicht nur der
Regierungskontrolle entzogen, sondern auch der ordentlicher Gerichte. Ausländische
Investoren müssen sich in Streitfällen dann nur vor internationalen
Schiedsgerichten verantworten, die aus kleinen, willkürlich bestellten Gruppen
von Anwälten bestehen. Nationale Betreiber stünden zwar weiter unter Kontrolle
bisheriger Mechanismen, doch könnten sie vor der von sozialer Verantwortung
befreiten Konkurrenz sicher nicht lange bestehen. Diese internationalen
Schiedsgerichte sollen vom Europäischen Parlament schon akzeptiert worden sein.
„Wikileaks" meldet, das Bestandteil der Verhandlungen
sei, jedes Mitglied zu verpflichten, Finanzkonzernen zu erlauben, Informationen
frei in sein Ursprungsland zu transferieren. Kontendaten von Bürgern und Firmen
können so direkt an fremde Regierungs- und Geheimdienstorganisationen
abfließen.
Als „Schutzmaßnahme“ gegen Finanzkrisen ist schon der
Artikel 17 formuliert, dass ein Land seine „Pflichten zur Marktöffnung“ auch in
währungspolitischen oder ökonomischen Krisen nicht vernachlässigen dürfe. Das wäre
dann das Einfallstor für milliardenschwere Klagen auf Schadensersatz. Eine
gesetzliche Kontrolle der Finanzmärkte wäre damit grundsätzlich ausgehebelt. Die
EU-Kommission streitet das butterweich ab, so etwas werde es nur „im
Ausnahmefall“ geben. Wie beruhigend.
Für die politischen Kräfte in Deutschland scheint das Ganze
eher eine Spaßveranstaltung zu sein. Weder die institutionalisierten
Gutmenschen von den Grünen noch die dafür eigentlich prädestinierte Linke
versucht ernsthaft, einen Widerstand zu organisieren. Immerhin warnt der
Linken-Abgeordnete Klaus Ernst, TISA sei „ein gefährliches Vorhaben, das alle
möglichen Dienstleistungen unter den Zwang permanenter Liberalisierung stellt
und privaten Unternehmen Vorfahrt mit garantierten Profiten gibt". Doch
auch das klingt in seiner Diffusität angesichts der Tragweite des Geplanten
eher verharmlosend.
Besonders erschreckend, dass bei einer inzwischen schon abgelaufenen
Online-Petition
von benötigten 50.000 Klicks ganze 2352 einkamen. Es bewahrheitet sich wieder einmal
die psychologische Weisheit, dass die Menschen sich über Kleinigkeiten
furchtbar aufregen können, aber Dinge größter Tragweite am liebsten ausblenden.
Während sie selbstzufrieden CO2-Ablassgebühren für Ihren Mietwagen entrichten,
während sie tapfer „gegen Rechts“ die Fäuste schütteln, während sie immer und
immer wieder grübeln, welcher Partei sie nun als kleinstem Übel ihre Stimme
geben sollen, rollt unbeeindruckt der Express der Global-Player über sie hinweg
und atomisiert ihre demokratischen Befugnisse.
Das Nichtbeachten des Fallbeils liegt natürlich auch an der
fast nicht existierenden Medienöffentlichkeit und an der Informationspolitik
unserer gewählten Regierung. Die nämlich gibt sich unwissend - und nicht nur
das. Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung in Bezug auf die Forderung der USA
auf fünfjährige Geheimhaltung nach Vertragsabschluss oder im Falle des
Scheiterns der Verhandlungen antwortete sie, davon sei ihr nichts bekannt,
obwohl es auf die zugrundeliegenden amerikanische Dokumente sogar aufgedruckt
wird. Laut SZ dürfen diese Dokumente auch nur in „abgesicherten Gebäuden, Raum
oder Container aufbewahrt werden". Auf die Frage nach einer Aufklärungspflicht
zu TISA gab es aus Berlin nur zur Antwort: Das "wurde in den Gremien in
Brüssel bisher nicht diskutiert".
Auch über die öffentliche Daseinsvorsorge werde bei TISA
nicht verhandelt, heißt es dort beschwichtigend, denn man orientiere sich schließlich
an den 20 Jahre alten GATS-Verhandlungen, die Schutzmechanismen noch eingebaut
hatten. Doch gelten die in Wirklichkeit nur, wenn keine Gebühren erhoben
werden, und sind damit heutzutage für quasi alle öffentlichen Belange
hinfällig. Auch waren die GATS-Regelungen jedem Land freigestellt, doch diesmal
werden ausdrücklich Nägel mit Köpfen gemacht und die Teilnehmerländer
verpflichtet, „im Wesentlichen alle Formen und Sektoren“ zu deregulieren.
Die geplante Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen
wird von der Regierung grundsätzlich geleugnet, was eine klare Lüge ist, wie
die TAZ nachweisen konnte. Sie zitiert aus den Verhandlungsmandaten der
EU-Kommission sowie der Regierungen der USA und Australiens zum TISA-Abkommen,
nach denen es um „sämtliche Dienstleistungssektoren“ geht. Ausdrücklich erwähnt
werden Energieversorgung, Transportwesen, Finanzdienstleistungen, Kommunikation
und Postdienstleistungen, öffentliches Beschaffungswesen sowie „neue Regeln für
nationale Regulierungen, um sicherzustellen, dass diese Regulierungen kein
Hindernis bilden für den internationalen Handel mit Dienstleistungen“.
Das alles
klingt wie ein verschwörungstheoretisches Horrorszenario, doch genau so ist
derzeit die, wenn auch unvollkommene, Informationslage. Es wird sicherlich
einige Jahre dauern, bis die große Umwälzung in allen Lebensbereichen fußfasst,
doch dann werden wir unser Land und die Welt nicht wiedererkennen. Große
internationale Konzerne werden jede Konkurrenz und damit den Mittelstand nebst
Kleingewerbe plattmachen. Erforderliche Subventionen kämen direkt privaten
Organisationen zugute. Qualitätskriterien, Lohnabsprachen und der Schutz der
Werktätigen werden sich am international niedrigsten Niveau orientieren. Nationale
Gesetze, Verträge, Errungenschaften werden ausgehebelt. Letztlich ist das der
entscheidende Schritt im Bestreben des Kapitals, die Nationalstaaten bzw. ihre Befugnisse
abzuschaffen und seiner Regie zu unterstellen. Und das alles soll natürlich zu
unserem Besten geschehen.
Dieser so gut wie unregulierte neue Markt entsteht unter
gütiger Mithilfe der Europäischen Union, ohne dass der Wähler dies demokratisch
kontrollieren könnte. Die Regierung lügt wie gedruckt und verschachert
offensichtlich eine weitere essenzielle Grundlage des friedlichen
Zusammenlebens in unserer Gesellschaft. Wenn TISA tatsächlich kommt, handelt es
sich um nicht mehr und nicht weniger als einen bisher unvorstellbaren
Paradigmenwechsel in der deutschen Demokratie. Wenn aber Demokratie so
offensichtlich und am Volk vorbei außer Kraft gesetzt wird, dann stellt sich
zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die Frage, ob
der Widerstand noch an demokratische Spielregeln gebunden ist!
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| VIDEO: TiSA ist ein echt dicker Hund! |

Chapeau, Konrad Kustos! Ein Meisterwerk! Danke!
AntwortenLöschenSehr geehrter Herr Kustos,
AntwortenLöschenTTIP, TISA, CETA – das sind Abkommen in Vorbereitung.
Wenn die BürgerInnen davon noch nichts mitbekommen haben, dann ist es sicher zum Teil nicht nur dem Ausblenden von Veränderungen großer Tragweite zu „verdanken“, sondern der Tatsache, dass es schlicht kaum Informationen „nach draußen“ gibt.
Ich finde es daher super, dass Sie die Thematik aufgreifen.
Ich finde es allerdings bedenklich, dass Sie es zur parteipolitischen Meinungsmache nutzen.
Die Grünen und zum Beispiel die Bürgerinitiativen Umweltschutz sind entgegen Ihren Aussagen ausgesprochen rührig, was diese Themen betrifft.
Das Umweltinstitut vertrat die TTIP-KritikerInnen sogar im Bundestag.
Ein Video hierzu siehe:
http://www.umweltinstitut.org/themen/verbraucherschutz-ttip/freihandelsabkommen/die-petition-gegen-ttip-im-bundestag.html
TTIP steht zur Zeit im Vordergrund, das stimmt. TISA wird folgen, da bin ich sicher.
Im Blick ist es allemal – sowohl der Gutmenschen als auch derer, die (noch immer!!!) tapfer die Fäuste gegen rechts schütteln. Gott oder wem auch immer sei Dank!
Aus meiner Sicht sind die „rechten Parteien“ auf gar keinen Fall besser geeignet als die bereits etablierten kritischen Parteien, nationale soziale Interessen wahrzunehmen – es sei denn, man setzt „besser“ mit „aggressiver“ und „polarisierender“ gleich.
Das hatten wir schon mal, und das war nun wirklich keine Alternative, sondern eine nicht nur menschliche Katastrophe.
Eine echte Alternative wäre es, in Dingen von Tragweite, die vor allem langfristig und irreversibel festgeschrieben werden, parteiübergreifend zum Wohle der Menschen und im Sinne demokratischer Werte zu denken und zu handeln.
Das wäre wahrhaft intelligent …!
In diesem Sinne sonnige Grüße aus dem 7gebirge
Annette S. aus K.
Und schon hat das System erreicht, was es wollte: Wir streiten über Phantome von rechts und links, statt wir uns im wirklich Wichtigen verbünden....
AntwortenLöschenNun, dann sind wir uns ja einig. Wunderbar!
LöschenAus meiner Sicht wäre es, wie gesagt, wahrhaft intelligent, eine echte Alternative, in Dingen von Tragweite, die vor allem langfristig und irreversibel festgeschrieben werden, parteiübergreifend zum Wohle der Menschen und im Sinne demokratischer Werte zu denken und zu handeln.
Ich grüße herzlich
Annette S. aus K.
Sehr geehrte Gemeinde Neuhaus, bei Ihrem Beitrag kann ich keinen Bezug zu meinem Text erkennen. Propagandaaufrufe gehören hier nicht her. Setzen Sie sich bitte mit dem Thema auseinander, dann werde ich das auch veröffentlichen.
AntwortenLöschenBeste Grüße KK
Link-korrigierte Leserbriefweitergabe:
AntwortenLöschenSehr geehrter Herr Kustos,
in Ihrem Artikel "TISA-Taser" beklagen Sie, dass eine entsprechende Onlinepetition viel zu wenig Stimmen erhalten habe.
Es gibt aber eine weitere Petition gegen TISA, die noch läuft. Hier der Link:
http://www.change.org/p/eu-kommission-deutscher-bundestag-tisa-abkommen-stoppen?tk=KF-14pzye9yvflDX537QjYwsvJoPYjkBskLW83a1Eao&utm_source=petition_update&utm_medium=email&utm_campaign=petition_update_email .
Auch gegen TTIP gibt es Petitionen, wie z.B. hier:
http://stop-ttip.org/unterschreiben/
(zum Ausdrucken und händisch Unterschreiben:
http://stop-ttip.org/wp-content/uploads/2014/10/DE.pdf.)
Mit freundlichen Grüßen
K.-U. W.
Beeindruckend und gut recherchiert, bis auf den Punkt mit den Grünen natürlich. Aber jedem sei sein blinder Fleck gegönnt. Warum das Thema TISA nicht stärker diskutiert wird, ist eigentlich klar - selbst auf politisch interessierte Bürger strömt zur Zeit so viel Information herein, dass es nicht mehr möglich ist, alles aufzunehmen und einzuordnen. Das schlimme ist, der politischen Klasse scheint es ebenso zu gehen.
AntwortenLöschenIn solchen "revolutionären" Zeiten (revolutionär im Sinne einer schnellen unkontrollierten Entwicklung) ändern sich Macht- und Eigentumsverhältnisse oft schnell und ohne demokratische Kontrolle. Gute Beispiele sind die deutsche Nachkriegszeit oder die Zeit nach der Wende bzw. nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Wenn man sich die Nachrichten- und Ereignisdichte anschaut, sind wir wieder in einer solchen Zeit angekommen.
Was mir Hoffnung gibt, ist die Tatsache, dass die Regierenden durchaus Angst vor der Masse haben, insbesondere vor der friedlichen Masse. Das Einknicken der ungarischen Regierung bei der Internetsteuer ist ein gutes Beispiel. Ich weiss bloß nicht, wie schlimm es kommen muss, damit grundsätzliche Dinge wie z.B. das Eigentum der Großkonzerne und Banken in Frage gestellt werden. Aber vielleicht sind wir an solchen Fragen näher dran, als wir glauben.