Aber wie sollte sich beispielsweise jene Frau in Diez an der Lahn geirrt haben, die Ulli Kulke in einem Bericht zum Thema in der Berliner Morgenpost aufführt? Um 23.30 Uhr musste sie laut örtlicher Zeitung mitansehen, wie vor dem Haus ihre Katze von zwei Männern am Genick gepackt wurde. Als die entsetzte Frau um Hilfe schrie, ließen die Männer von Mautzi ab, stiegen in ihren weißen Lieferwagen (ohne Firmenaufschrift!) und fuhren davon. Die Katzenbesitzerin konnte im Auto „mehrere mittelgroße Gitterboxen" ausmachen. Sogar die Sprache hatte sie erkannt, jedenfalls dass sie „osteuropäisch" war.
Solche Präzision in der Darstellung macht glaubwürdig. Und
Augenzeugen solcher Vorfälle gibt es bundesweit reichlich in Lokalblättern,
Boulevardzeitungen und in der Regenbogenpresse. Ein Vielfaches davon steht im
Internet, nachzulesen bei Haustierdiebstahl.de,
Tigerfreund.de, forum.tier.tv, verschwundene-haustiere.de, agtiere.de. Dutzende Bürgerinitiativen und
Interessengemeinschaften, Internetforen, Chatklubs (oder Catklubs?) haben sich
gegründet. Dort wird Buch geführt, in welchen Postleitzahlbezirken Katzenfänger
gesichtet werden, und das ist in scheinbar mehr als 10% der verfügbaren der
Fall.
Dieses Internet-Engagement verdanken wir wackeren Bürgern,
meist Frauen im Alter zwischen 45 und 65 Jahren. Hunderte, wenn nicht Tausende
Katzenbesitzerinnen allesamt. Deren Bewusstsein ist durch die vorgenannten
Medien geschärft. Sie schauen nach den typischen weißen Lieferwagen, beobachten
auffällige Zeitgenossen, die auf der Suche nach leeren Futterdosen um den Müll herumschleichen.
Dummerweise ist die Szene auf der Suche nach alleiniger
Rettungskompetenz heillos zerstritten. „Panikmache" durch „Wichtigtuer"
schade nur, denn es leiste der Behauptung Vorschub, all das sei nur ein
Märchen, eine „Urban Legend", so kommt die Betreiberin der Website katzenfreunde-gegen-katzenklau.de der Sache schon näher. Immerhin
muss die Szene einräumen, nicht nur keine überführten Täter, sondern auch keine
anderweitigen Beweise vorlegen zu können.
Immerhin nennt man Zahlen. Die Katzenschützer sprechen von
200.000 bis 300.000 jährlich verschwindenden Tieren. Kulke dagegen rechnet
glaubwürdig vor, dass es so um die 50.000 sein werden. Das ist nur ein kleiner
Teil angesichts in Deutschland lebender zwölf Millionen Hauskatzen. Und den
Katzenfreunden muss die traurige Wahrheit nahegebracht werden, dass ihre
Lieblinge gerne einmal unter Autoreifen geraten und möglicherweise von Leuten
erschossen, vergiftet oder weggefangen werden, die etwas dagegen haben, dass
die pelzigen Lieblinge ihrerseits jedes Jahr 200 Millionen Singvögel,
Fasanenküken und andere Vögel wegfangen.
„Bisher haben wir trotz vielfältiger Hinweise nie konkrete
Beobachtungen oder gar gerichtsverwertbare Beweise für kriminelle Handlungen
erhalten, sei es von Tierfängern oder von Tierversuchslaboren", sagt zu
dem Thema der Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes, Marius Tünte. Alle
Recherchen von Tierfreunden hätten keine Anhaltspunkte ergeben, die eine
Verfolgung durch die Polizei ermöglicht hätten.
Auch die Motivation potentieller Katzenfänger im Interesse
der Industrie ist mehr als zweifelhaft, denn laut europäischer Verordnung und
deutschem Tierschutzgesetz müssen seit Jahrzehnten sämtliche Versuchstiere für
Forschungslabore aus registrierten Zuchten kommen. Aus Tierschutzgründen, aber
auch, um die Forschungsergebnisse nachvollziehbar zu machen. Irgendwelche
Hauskatzen würden die Forschungslinien nämlich unbrauchbar machen.
Wir müssen also leider der guten Frau aus Dietz
konstatieren, dass sie nach allen Regeln der Vernunft trotz Katze einen Vogel
hat. Nur spekulieren können wir, ob es sich bei ihr um ein Opfer einer Hysterie
oder einer Massenhysterie handelt, ob sie eine Wichtigtuerin ist oder ob sie
sich finanzielle Vorteile verschaffen will. Im Grunde handelt es sich aber wohl
um einen von unendlich vielen dynamischen Prozessen, die sich in der
Niedergangsgesellschaft abspielen - vom Glauben an die unzerstörbare Glühbirne
bis zur zionistischen Weltverschwörung.
Nach dem Motto „Eine Million Fliegen können sich nicht
irren“ wird jede Scheiße hochgejubelt, die am Wegesrand liegt. Auch wo man
selbst nichts mehr bewegen kann, will man wenigstens so tun als ob. Und man
will dazugehören oder wenigstens mitreden können. Nicht von ungefähr sind diese
virtuellen Informationswolken fast immer so angelegt, dass gerade die Leute
angesprochen werden, deren Intellekt zwar ausreicht, ein Problem zu erkennen,
aber nicht, es vernünftig anzugehen.
Unsere Gesellschaft verliert mehr und mehr die Realität aus
dem Blick. Unser Erfahrungsschatz speist sich nicht mehr aus der persönlichen
Wahrnehmung oder jener glaubwürdiger Menschen aus unserem in der Realität verorteten
Umfeld oder doch wenigstens aus seriösen Quellen, sondern aus dem sensations-
und manipulationslüsternen Faktenfilter der Medien und dem Hörensagen-Weitersagen
des Internets.
Wir lernen, nicht alles zu glauben, auch wenn die Quantität
oder die Qualität der Lüge, also ihre Popularität, es uns nahelegt. Auch wenn
wir emotional einbezogen werden oder wenn es unsere Meinungen zu bestätigen
scheint, müssen wir uns mit Skepsis wappnen. Oft können wir sogar das Falsche
schon daran erkennen, dass es allzu windschnittig daherkommt. So können und
müssen wir uns gegen den neuen Umgang mit Wahrheit und Realität wappnen.
Demnächst mehr über das Thema Virtualität - und dann weniger
albern, versprochen.
Infoliner sagt:
AntwortenLöschenMit den unzerstörbaren Glühbirnen oder zionistischen Verschwörungen, das würde ich an Eurer Stelle nochmal überdenken. Aber was die Katzen betrifft, beschreibt Ihr genau mein eigenes Erleben dazu. Am ehesten kommt man hinter die Verursacher, wenn man nach den Nutznießern des Aufmerksamkeits- und Mitgefühlsdiebstahls sucht.