Vor vier Jahren standen wir am Abgrund, nun sind wir einen
entscheidenden Schritt weiter. Nicht nur, aber auch bei der Fußball-Europameisterschaft.
In Berlin lädt das Christentum, bekanntlich immer um den gottesfürchtigen Zeitgeist
bemüht, in eine große Kirche zum Public Viewing ein. Immerhin ohne Vuvuzelas,
aber dafür mit Orgelmusik. Noch zeitgemäßer entpuppte sich die Grüne Jugend in
Tateinheit mit Jusos und älteren CDU-Funktionären: Das Schwenken der deutschen
Fahne sei ein Zeichen von Nationalismus. „Denn es kann keine Sommermärchen
geben, wenn brennende Geflüchtetenunterkünfte die abscheuliche deutsche
Realität darstellen.“ Realität und Kausalität spielen offensichtlich keine
Rolle mehr, wenn der Hass gegen das eigene Land und gegen die Menschen, die
dort noch leben, von der Antifa kommend die Ebene der etablierten Politik
erreicht hat. Vielleicht erklärt sich aus solchen schmerzlichen Absurditäten,
dass diese Europameisterschaft weit weniger Begeisterung auszulösen scheint als
jeder andere internationale Fußballwettbewerb seit Jahrzehnten.
Es hätte der grünen Parolen nicht bedurft, die Botschaft war
im Volk schon angekommen: „Das ist nicht mehr mein Land.“ Der Deutsche fühlt
sich zunehmend fremd in seinem eigenen Land, und sein dadurch nachlassendes
Nationalempfinden bekam auch die Nationalmannschaft zu spüren. Oh, pardon, die
Nationalmannschaft heißt es ja nicht mehr, denn sie wurde zeitgemäß in „Die
Mannschaft“ umbenannt, damit die Begrifflichkeiten wieder mit der Realität
übereinstimmen. Da reißt nicht einmal mehr der dekadente Event-Fußballfan die
Sache aus der Tristesse, über den Konrad Kustos vor fast genau vier Jahren am
23. Juni 2012 zur damaligen EM schrieb:
Aus der Europameisterschaft der schönsten Nebensache der
Welt wird mehr und mehr die Europameisterschaft der unschönen
Nebensächlichkeiten der Welt. Fußballfunktionäre und Medien lassen keine
Gelegenheit aus, sich zu profilieren, während die Spieler vordringlich Ihren
Egotrip optimieren. Währenddessen feiern die Zuschauer eine Party nach der
anderen, ohne so richtig verstehen zu wollen, was da auf dem Platz passiert.
Kein Wunder, dass die Spiele eher spannend als schön sind, und dass das
Fußballspiel hier mal wieder als lebendiges Beispiel für den umfassenden Niedergang
herhalten muss.
Viele Spieler sind so tätowiert, dass sie aussehen wie
laufende Tapeten, wie finstere Knastbrüder, die sich dann gerne auch mal als
Schlüpferstürmer die Hose auf den Knien hängen lassen, damit die
Fernsehzuschauer den Namenszug eines Wettanbieters auf der Unterhose lesen
können. Andere haben sich darauf spezialisiert, ihren Ellbogen irgendwo im
Gesicht des Gegners unterzubringen; das Zerren am Trikot empfinden sie nicht
als Unsportlichkeit, sondern als Notwendigkeit. Und wieder andere entblöden
sich nicht, nach dem brutalen, vorsätzlichen Foul ihr hollywoodreifes
Engelsgesicht aufzusetzen und ihre Paraderolle, „Ich würde doch so etwas nie
tun“, zu geben. In der virtuellen Gesellschaft glaubt niemand, dass die Lüge
noch wirkt: Sie gehört zum guten Ton.
Doch sich auf solche Beobachtung zu beschränken hieße, den
Ball zu flach zu halten. Die dies beobachtenden Journalisten selbst werden zu
unglaubwürdigen Jahrmarktssprechern der Eitelkeit. Die Kommentatoren sprechen
am wenigsten über das Spiel, dafür prahlen sie umso mehr mit ihrer aus dem
Computer abgefragten Fachkenntnis. Die Reporter quälen die armen Spieler mit
Fragen wie: „Freuen Sie sich über den Sieg?“ Die Moderatoren präsentieren sich
derweil als Showmaster und überlassen die Fachkompetenz neid- und alternativlos
den Experten.
Wenn dann, sozusagen aus Versehen, einer dieser Experten, in
dem Falle Mehmet Scholl, tatsächlich klug und witzig ist und dem deutschen
Mittelstürmer attestiert, dass dessen Bewegungsmangel bald erfordere, ihn zu
wenden, damit er sich nicht wundliege, dann wird er von Spielern und den
meisten Medien in
der dünnen Luft der Virtualität zerrissen.
Über das Spiel selbst, seine Dynamik, seine Wendungen, seine
Strategien, seine Ästhetik redet kaum einer. Vielmehr geht es um Erfolg, um
Emotionen, um das Bessersein als die anderen, die Gelegenheit zum Feiern und
vor allem um das permanente Wiederholen von Plattitüden. Es geht darum, den
Einflussreichen nahe zu sein und ihnen dabei keineswegs auf die Füße zu treten.
Solches Foulspiel würde nämlich strengstens mit der roten Karte für den
jeweiligen Journalisten geahndet.
Dieses Spiel kennen wir schon aus der Politik, und hier beim
Fußball ist es ebenso perfide, wenn auch vielleicht mit geringerer Tragweite.
Der Journalismus
vergisst seine Aufgabe, nämlich zu informieren und zu hinterfragen; er versteht
sich als ein Motor der Spaßgesellschaft. Kein Wunder, dass dann Jogi Löws
lockeres Spielchen mit dem Balljungen das lange vor dem Anpfiff stattfand,
kurzerhand in die spannendste Phase des Spiels geschnitten wird. Wunderlich
hingegen ist es schon, dass ausgerechnet die ARD, die solche Verfälschungen
regelmäßig in ihrer Sportschau betreibt, sich am lautesten darüber aufregt.
Immer wieder fragt sich Konrad Kustos, ob diese
Medienmenschen ihr Publikum auf dieses Niveau herunterziehen können oder ob sie
glauben, dessen Interessen zu vertreten. Wahrscheinlich beides. Jedenfalls gilt
es, über die Entwicklung des Publikums ebenfalls zu klagen. Norbert
Elias hat in einem bemerkenswerten Aufsatz beschrieben, wie der
Fußballsport sich parallel zur Entwicklung der Zivilisation immer weiter
fortentwickelt hat. Nun erleben wir anscheinend einen weiteren, allerdings
negativen Evolutionssprung im Zeichen des Niedergangs.
Früher war Fußball eine Sportart, die der Unterschicht
notgedrungen zugestanden wurde, und hier kamen seine sportlichen Qualitäten zur
Reife. Die „besseren“ Jugendlichen spielten Handball, Hockey und Tennis. Nun aber
ist Fußball ein schichtenübergreifendes Phänomen geworden, das mit Public
Viewing und VIP-Logen neuen Nutzern unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt. Es
hat eine Zellteilung stattgefunden: So wie die Gesamtgesellschaft einerseits
auf eine ökonomische und kulturelle Krise zusteuert und gerade deshalb
andererseits in einen permanenten Feiermodus geschaltet hat, so erhält der
Fußballsport neben seinem Sportcharakter noch einen Eventcharakter.
Im sportlichen Wettkampf werden von Aktiven und Zuschauern
funktionale Alternativen gesucht, d.h. die Menschen können ihre archaischen
Bedürfnisse, die in der geregelten Gesellschaft nicht mehr statthaft sind, in
modifizierter Form ausleben. Dies ist ein wichtiges, ein überlebenswichtiges
Element in der und für die Realität. Im Event wird stattdessen eine ungeliebte
Realität kurzfristig weggefeiert. So wichtig die Rolle ist, die auch das Feiern
in der Gesellschaft spielt, so ist dessen gegenwärtige manische Übersteigerung
mehr als problematisch, weil sie durch ihren Fluchtcharakter die konstruktive
Gestaltung der Gesellschaft unterbindet.
Die meisten der 500.000 Menschen auf der Fanmeile am
Brandenburger Tor interessieren sich zwei Jahre lang nicht besonders für
Fußball, bis es ihnen wieder eine Meisterschaft ermöglicht, sich als
elementarer Bestandteil einer großen Menschengruppe zu fühlen. Ähnlich hat sich
übrigens auch das Publikum
in den Fußballstadien verändert. Die unter ihrer alltäglichen, nur kurzfristig,
also scheinbar vorteilhaften Individualität Leidenden haben hier eine neue
funktionale Alternative entdeckt und befriedigen ihr Bedürfnis, Bestandteil
einer Gruppe zu sein.
„Für uns ist es eine Ehrensache, die deutsche Mannschaft in
der Hauptstadt auf der Fanmeile zu unterstützen“, sagt Bianca in der Berliner
Morgenpost. Als wenn es der deutschen Mannschaft helfen würde, wenn Bianca am
Brandenburger Tor herumgrölt. Das hat in etwa soviel mit Ehre zu tun wie der
Ehrenmord. In dieser Feiermasse ist es vollkommen egal, ob man versteht, was da
gerade vor sich geht. Deshalb sind ja auch so viele Frauen hier, denn niemand
käme auf die Idee, sie zu fragen, was die Abseitsregel bedeutet. „Ganz im
Gegenteil“, meint Betack aus Treptow, „es ist doch super, wenn so viele Frauen
plötzlich auf Fußball stehen, da lernt man gut mal jemand kennen.“

Lach! Auf dem Punkt getroffen. Übrigens die Mädels sind dort (wie in Interviews gezeigt), weil sie die Spieler sooo süüüüß finden. Ist wohl auch ein vernünftiger Grund ;)
AntwortenLöschenEin genialer Volltreffer den Konrad Kustos da fabriziert hat und überhaupt kann dies dem gesamten blog attestiert werden. Diesmal platziert mitten in die öden Reihen des Abstiegs. Auf daß er dort zum Nachdenken anregt, deren diffuse Geschlossenheit aufbricht und damit zum Kurswechsel beiträgt. Er ist bitter, bitter nötig!
AntwortenLöschenWie tief (zumal voll globalisiert) alles gesunken ist, war gestern sehr beispielhaft in einer mitteldeldeutschen, überschaubaren Universitätsstadt zu beobachten. In einer "besseren" Wohngegend, in der die "intellektuelle" Dekadenz der Gutmenschen erkennbar hervorstach, hatten fast alle Spaziergänger und Jogger Hunde an der Leine, während drumherum die neuen "Mitbürger" kontrastreiche Kinderwagen vor sich herschoben. Derweil schrie deutlich vernehmbar ein Demenzkranker aus einem Pflegeheim, dessen Rufe nur zwei grenzdebile Teenies beachteten und zum Anlaß nahmen ihn laut kichernd nachzuäffen. Für das Event wurde sogar der Daumen abgehoben vom digitalen Glasbaustein. Gegen Abend dann die bekannten Umzüge und Aufläufe zunehmend alkoholisierter und vorzugsweise übergewichtiger Fußballprofis. Je kleiner dabei die Substanz, desto größer die Fahne die es zu schwenken galt, ohne Sinn und Verstand.
Beim Schreiben kommen mir gerade die Doors in den Sinn mit ihrem Stück "The End", spielt auch in Apocalyse Now. Das Now scheint gekommen zu sein, es platzt förmlich aus allen Nähten.