„Für die Pegida-Gegner ist die Frage der Einordnung von Pegida zentral. Handelt es sich vielleicht doch um ‚besorgte Bürger‘ oder hat man es mit ‚Neonazis‘ zu tun? Die Beurteilung der NoPegida-Aktivisten läuft über einen Framing-Prozess, in dem Pegida in den eigenen subjektiven Deutungsrahmen eingebettet wird. ... Die Wahrnehmung ‚der Anderen‘ lässt jedoch auch Rückschlüsse auf die Sprechenden zu, denn ‚wer über die anderen spricht, spricht vor allem über sich selbst‘. Dementsprechend führt dieser Prozess je nach Perspektive der Nopegidas zu unterschiedlichen, mehr oder weniger eindeutigen Resultaten.
Zwei dominante Deutungsmuster liegen der Sichtweise auf die
Pegidas zugrunde, die zugleich stadtspezifisch sind und bei denen Dresden stets
die Ausnahme bildet. Vor allem Pegida, partiell auch Legida, wird zuerkannt,
dass diese Bewegungen ‚besorgte Bürger‘ aufnehmen würden, die berechtigt ‚einen
gewissen Unmut zeigen wollen‘. Bald sei dann aber eine gewisse Dynamik
entstanden, die diese Leute abgeschreckt habe.
Das bedeutet für die NoPegida-Anhänger, dass im Verlauf
zunehmend Hooligans und Menschen aus dem rechtsextremen Spektrum bei den
Pegida-Ablegern mitliefen, was aber weniger als Radikalisierung der Bewegung,
sondern vielmehr als ein Zusammenschrumpfen auf den harten Kern gedeutet wird.
Insgesamt ist die dominante Erzählung der Gegendemonstranten eindeutig die der
Pegidas als Nazis. Je nach Sprecher werden in dieser Bewertung allerdings noch
Abstufungen vorgenommen.
Die Pegida-Gegner mit einem geschlossenen linken Weltbild
scheuen oft nicht davor zurück, in den Pegidas ‚die tiefsten Nazis‘, ‚die Bösen‘
zu sehen – diese Einsicht erleichtert ihnen die Deutung und den Umgang mit dem
Phänomen und ist auch Motor für die empfundene Verpflichtung zum Engagement,
möglicherweise auch Quell eines moralischen Überlegenheitsgefühls. Auch wird
das Vokabular ‚Rechter‘, ‚Nazi‘, ‚Neonazi‘, ‚Pegida‘, ‚Faschist‘ und ‚Rassist‘
oft synonym verwendet.
Dabei wird auf die aktenkundigen Teilnehmer der Demos mit
rechtsradikalem Hintergrund und auf HoGeSa verwiesen als Beleg dafür, dass die
Pegidas nichts anderes als eine Naziveranstaltung seien.“ Hier offenbart sich erneut ein Problem des allgemeinen Diskurses: die
dyslogistische Verwechslung von Teilmengen und Hauptmengen. Wenn alle Dackel
Hunde sind, müssen auch alle Hunde Dackel seien. Was in dem Beispiel so
offensichtlich scheint, wird häufig auch für demagogische Zwecke verwendet,
weil viele Menschen intellektuell nicht in der Lage sind, Dyslogismen oder
Haupt- und Nebenwidersprüche zu erkennen. Mehr zu diesem fatalen Phänomen in
‚Chaos mit System‘.
„Eine beliebte Deutung der Befragten über Pegida ist der ‚getarnte
Nazi‘, der sich unter dem Deckmantel des besorgten Bürgers verstecke, den man
aber durchschaut habe. Nazikadern wird unterstellt, dass sie über die Pegidas
versuchten, mittels rassistischer Einstellungen oder Politikunzufriedenheit
jenseits ihres Stammklientels zu mobilisieren – das wird aus NoPegida-Perspektive
als ‚schlaue und folgerichtige‘ Strategie gedeutet, sich bürgerlicher ‚zu
inszenieren‘.
Daher sei es die Pflicht der Pegida-Gegner, die Pegidas als
Naziorganisationen zu enttarnen, ihr Gewaltpotenzial zu verdeutlichen. Daneben
wird betont, dass es sich in erster Linie um Zugereiste handele. Gerade die
Hooligans würden aus der dörflichen Umgebung anreisen, die NPD-Kader aus dem
gesamten Bundesland. Das sei aber kein Grund, die Pegidas zu marginalisieren.
Sie deswegen nicht ernst zu nehmen, sei das völlig falsche Signal.
Wie sich Rechte von Nazis abgrenzen lassen, nach welchen
Kriterien sie als solche identifiziert werden, bleibt schwammig und wenig
trennscharf. Es ist auffällig, dass die NoPegida-Demonstranten die
Unterschiedlichkeit zwischen links und rechts vor allem über Werte erklären.
Ein rechtes Menschenbild sei ‚menschenverachtend und ausgrenzend‘, reduziere
Menschen auf bestimmte Ethnien und schließe damit Menschengruppen, die ‚nicht
in die Norm passen‘, aus. Rechte empfänden die eigene Nation als etwas
Schützenswertes; ebenso wird die Angst etwas an andere abzugeben genannt, die
auch als Charakteristikum von Pegida empfunden wird. …
Genauso groß sind jedoch auch die Bemühungen, eine
differenzierte Sichtweise je nach Stadt und handelnden Personen zu
präsentieren. In erster Linie ist einigen Protestorganisatoren die Beschreibung
von Pegida als Nazis zu kurz gegriffen. Man erfasse so nicht das tiefer
liegende Problem, vermeide die diskursive Auseinandersetzung und lasse vor
allem in Sachsen die Spezifik des Landes außer Acht.
Zusammenfassend fällt auf, dass für die NoPegida-Anhänger
die Erzählung ihres eigenen Kollektivs maßgeblich in Kontrast zu der
Fremdkonzeption, welche möglicherweise auch eine gewisse Verharmlosung
beinhaltet, funktioniert, insofern, als dass Nazis in ihrer Wahrnehmung
außerhalb der demokratischen Grundordnung stehen und daher nicht in die
Demokratie integriert werden müssen. Es würde ein genauerer Blick lohnen, was
die unterschiedlichen Framings und Labelings für die jeweils Sprechenden
leisten, ob sie als Verharmlosungsstrategie fungieren oder auch als festes
Umreißen einer Gruppe, die eigentlich nicht dazu gehört.
So könnte sich hinter dem Hinweis, derart in den Karlsruher
und Frankfurter Gruppengesprächen vorgetragen, die meisten
Pegidabewegungsdemonstranten seien Zugereiste aus dem ländlichen Raum, auch ein
Entschuldungsmechanismus verbergen, dass dieser Demonstrant eben keiner der
aufgeklärten, modernen Stadtbürger ist, zu denen man sich selber zählt.
Jedenfalls werfen die unterschiedlichen Zuschreibungen die Frage auf, inwiefern
die Pegidas zur Demokratie gehören, deuten aber auch die Frage an, wie weit die
Gültigkeit der Werte der NoPegida-Aktivisten wie Meinungsfreiheit und
Gleichheit eigentlich reicht.“
Soweit die Studie, deren Problem es ist, dass die Forscher sich selber nicht ausreichend aus dem Kontext
ihrer Untersuchungssubjekte lösen können. Sie verbleiben mainstreamgemäß im
Rechtslinksschema und in der negativen Einordnung eines doch in der Hauptsache
demokratischen Widerstands. Ihre Analysen der Denkweisen der Gegner der Pegidas
sind allerdings durchaus erhellend: Aus dem Blickwinkel angeblich demokratischer
Omnipotenz maßt sich demzufolge eine gesellschaftliche Gruppe an, über die andere zu
urteilen und ihr sinistre Motive zu unterstellen.
Es fällt auf, dass es
dort keiner Argumente mehr bedarf und auch keiner verlässlichen Fakten.
„Entsetzen“ und „Erschütterung“ müssen als Begründungszusammenhang ausreichen.
Das Ausleben solcher Emotionen gilt ihnen als ultimates Argument, ist es doch
schließlich ihr tief empfundenes Gefühl. Sie sind psychisch destabilisiert und
brauchen das feste Weltbild der Gewohnheiten und der Verkürzungen - und sie
brauchen Feindbilder. Verantwortlich für ihre Schwäche ist der in diesem Blog
schon oft beschriebene allgemeine Niedergang und die damit verbundene Entwicklung
zur Dekadenz. Dieser fatale Trend ergibt sich unter anderem aus der
Übersättigung, der Informationskatastrophe, dem Individualismus und dem Verlust
von Erfahrungswissen.
Für die Andersdenkenden,
denen aus einer solchen Mentalität heraus die demokratische Satisfaktionsfähigkeit
abgesprochen wird, stellt sich deren Beschränktheit der Wahrnehmung allerdings als
destruktive Arroganz dar. Das schafft Aggressionen, die wiederum der eigenen
Wahrnehmungsfähigkeit abträglich sind. Vielleicht beruhigt es dann, die
Scharfmacher bisweilen als Opfer zu betrachten. Man hat diesen verunsicherten Menschen solange von der
rechten Gefahr erzählt, dass sie eine solche jetzt hinter jedem Busch wittern.
Natürlich ist dann böse und deshalb auch automatisch rechts, was nicht der eigenen
Weltwahrnehmung entspricht. Zusammen mit diffuser Emotionalität und dem
Bedürfnis, sich als bessere Menschen wahrnehmen zu können, entsteht eine
explosive Mischung. Die Betonung bei einer solchen Relativierung der
politischen Brandstifter liegt allerdings auf „bisweilen“, denn auf Dauer hilft es nicht,
sie als arme Irre schuldfrei zu stellen, schließlich richten sie
erheblichen Schaden an der demokratischen Kultur an.
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