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| "Rette sich, wer kann" Foto: Konrad Kustos |
‚Das ist nicht mehr mein Land‘, möchte er ausrufen, wenn die bürgerliche Enddreißigerin ihr Rad genau an der Stelle vor der Post anschließt, wo der Treppenaufgang den Bürgersteig ohnehin zur schwer passierbaren Engstelle macht. Sprachlos ist er, wenn der Verkäufer der Obdachlosenzeitung auf besagtem Treppenaufgang diesen Vorgang mit dem Angebot einer kostenfreien, aber spendenobligatorischen Dienstleistung auch noch begeistert kommentiert: „Prima, hier haben Sie gleich einen bewachten Parkplatz.“ Der zivilisiert unzivilisierte Berliner alter Prägung hätte stattdessen ungefähr gesagt, „Ey, Olle, versperr mal meinen Kunden nicht den Zugang“, und womöglich bei der Dame einen Erkenntnisprozess freigesetzt. Stattdessen gibt es eine devote Anbiederung an sozialschädliches Verhalten.
Asoziale Seilschaften gibt es inzwischen überall. Es ist nämlich
nicht nur ein individuelles Fehlverhalten, wenn vor der Bank-Filiale in einer
Hauptstraße der Stadt seit Monaten ein Obdachloser wohnt. Immerhin kann oder
will der Staat ihm keine alternative Unterkunft oder gar Perspektive bieten. Seit
dem 1. April sind die meisten für den Winter eingerichteten Notquartiere
geschlossen, und die Betroffenen dadurch in wahrsten Sinne auf die Straße
gesetzt. 10.000 Wohnungslose gibt es inzwischen in der Hauptstadt, darunter
geschätzte bis zu 6000 Obdachlose. Flüchtling müsste man sein.
Gleichzeitig duldet der Staat die vor der Bank und anderswo
generierte Verwahrlosung des öffentlichen Raums. Vor Schwimmbädern, in
Parkanlagen und in den Hauseingängen wird diese neue Wohnkultur in rasantem
Tempo hoffähig, und das natürlich mit allen Begleitumständen von der
Vermüllung, über die Verängstigung der Anwohner bis zum Urinieren an Hauswände.
Doch weiter im neuen Kustosschen Berlin-Frust: Wenige 100
Meter vom Penner-Elend entfernt läuft ihm gemessenen Schritts eine junge Frau auf
der Fahrbahn vor das Auto und zwingt ihn zur Vollbremsung. Das geschieht, ohne Blickkontakt
und die Miene zu verziehen, schließlich ist er als Autofahrer ja der Feind und
sie darf als unbeschränkt freies Individuum des Niedergangs eben tun, was sie
will. ‚Hoppla, hier komme ich‘ als Massenphänomen. Wahrscheinlich hat die
RowdyIn auch noch nie erlebt, dass sich jemand beschwert hätte. Mit ähnlicher
Geisteshaltung wurde kurz darauf der friedlich-hilflose Taxifahrer
konfrontiert, der eine komplette Grünphase versäumte, weil immer neue Fußgänger
bei Rot über die Kreuzung liefen.
Die höchstentwickelte Schöpfung dieses neuen Devolutionsprozesses
ist natürlich der Radfahrer. Als öffentlich verbriefte Speerspitze gegen den
Klimawandel und Symbol für den Triumph menschlicher Arbeitskraft über den
technischen Fortschritt ist er automatisch gerecht und im Recht. Den Exzess dieses
Prinzips erlebt Konrad Kustos an der Glienicker Brücke, wo früher Ost und West
friedlich zum Austauschen von Spionen zusammentrafen. Geschätzte zwei Meter bleiben
hier für den Fußgänger zwischen Fahrradspur und Geländer, zwischen Straße und
dem Sturz in die Fluten der Havel. Weil aber die Fahrradspur an diesem Sonntag derart
befahren ist, dass der zweirädrige Gegenverkehr dort keinen Platz hat, auch den
Weg auf die andere Seite der Straße scheut und sowieso der Weg das Ziel ist, beschließt dieser kurzerhand, den
schmalen Fußgängerstreifen für sich in Anspruch zu nehmen. Wie selbstverständlich
erwarten die in Sekundenabstand passierenden Fahrradkolonnen, Fußgänger müssten
sich irgendwie zwischen zwei gegenläufigen Fahrradströmen auf dem Bordstein balancierend
schadlos halten. Weil aber Fahrradwege inzwischen überall dort sind, wo
Fahrradfahrer sich aufhalten, brüllt der vorausfahrende Familienvater auf eine verzweifelte
Beschwerde des Verfassers dieser Leidensschrift hin im Brustton des Gerechten die
zeitgemäße Antwort: „Das hier ist ein Fahrradweg!“.
Sind all diese Beispiele noch bekannte Phänomene, die nur in
Zahl und Vortrag in neue Dimensionen geraten, so gibt es auch noch eine völlig
neue Spielform des Asozialen. Beim Bäcker wartet neben Konrad Kustos eine
farbenfreudig gekleidete mittelalte Frau vermutlich indischer Herkunft und ein
ziemlich heruntergekommener Deutscher. Als die Frau ihren Kuchen entgegennimmt,
bietet der ihr tatsächlich an, ihre Rechnung zu begleichen. Im Windschatten der
Political Correctness versucht er, sich in Kenntnis seines sozialen Status‘
sich als Ausländerfreund in den neuen sozialen Hierarchien Aufwertung zu verschaffen.
Irritiert lehnt die Frau freundlich ab. Ein Frühjahr mit Fremdschämen.
Deutschland im Herbst.

"... farbenfreudig gekleidete mittelalte Frau vermutlich indischer Herkunft und ein ziemlich heruntergekommener Deutscher ..."
AntwortenLöschenIst das ein Gleichnis für die Zeit, die kommen wird, nachdem Deutschland grau, zerschlissenen und total verarmt vom vielen Kümmern in der weiten Welt und nicht zu Hause von Indien diplomatisch mitgeteilt bekommt, man möchte doch bitte die Entwicklungshilfe einstellen, Indien komme mittlerweile ganz gut alleine zurecht ....
Laecherliches 'Divide et impera'- Neusprechgeschwafel eines frustrierten alten Opas, mehr ist der Artikel nicht.
AntwortenLöschenEs gibt diesen Unterschied zwischen Autofahrer, Radfahrer und Fussgaenger nicht.
Der gemeine Egomane nutzt alle drei eben genannten Moeglichkeiten der Fortbewegung. Egal welches es auch sein mag, er wird sich, wenn moeglich, die Vorfahrt erzwingen oder aehnlich.
Meine 10 Jahre auf dem Fahrrad in Berlin mit etwa 15.000 km/Jahr hat eines fuer mich bewiesen, am ruecksichtslosesten verhaelt sich der gemeine Autofahrer. Egal wie bloed sich andere Radfahrer oder Fussgaenger verhalten haben, mein Leben war nicht in Gefahr. Ganz im Gegensatz zu 4-Rad-motorisierten Unsympathen. Diese sitzen meist alleine in der Limosine und beanspruchen permanent FUER SICH den Raum, den etwa 12 Fussgaenger oder 6 Radfahrer einnehmen. Und das nicht nur waehrend der Fahrt, NEIN einen Grossteil der Zeit steht die Karre einfach nur dumm rum und verschwendet einfach nur Platz im Bereitstellungsmodus. Platz, der anderen fehlt!
Schande auf den, der die miesen Verkehrsverhaeltnisse auf die Radfahrer schiebt.
Mit Bezeichnungen wie "Opa" legen Sie das Niveau eines konstruktiven Austauschs natürlich schon mal enorm hoch an. Da stört es nicht weiter, wenn es in meiner "Beobachtung", also einem Text, der keinen Anspruch auf allumfassende Bedeutung erhebt, gar nicht ursächlich um Radfahrer ging. Es ging um Rücksichtslosigkeiten an sich, und hätte ich in diesem kurzen Zeitraum rücksichtslose Autofahrer gesehen, wären die auch erwähnt worden. Wenn Sie dann am Ende Ihres zweiten Kommentars auf weltweite Konspirationen gegen das Radfahrerwesen kommen, frage ich mich schon, warum ich hier überhaupt geantwortet habe. Bin ja kein Mediziner....
Löschen15000 km pro Jahr. Toll. Mal gezählt wie häufig Fußgänger auf die Seite springen mussten, weil so engagierte Umweltaktivisten wie Sie meinten mit 30km/h durch die Fußgängerzone knallen zu müssen? Solche Typen wie Sie, die unerkannt da kein Nummernschild am Fahrrad, rücksichtslos, das entnehme ich ihrem Kommentar, der sich durch Hass auf Autofahrer entlarvt, sollten mal in Indien Ihrem Ideologie Hobby nachgehen. Da werden sie gesteinigt, wenn sie andere in Bedrängnis bringen. Es wird Zeit, dass jeder Fahrradfahrer eine Leuchtweste tragen muß auf der ein Kennzeichen zu erkennen sein muß. Das ist nämlich ihre Zukunft als selbstgerechtes Ar...... ch Uups, ich meinte Biker.
LöschenAch, noch was, natuerlich geht es nicht um Radfahrer per se im Beitrag und auf Berlin beschraenkt sich das Verhalten sowieso nicht! Doch wenn explizit im Beitrag Radfahrer, Fussgaenger und Fusswegbewohner angeprangert werden, die Autofahrer aber als DIE geschaedigten (bemitleidenswerten) Opfer dargestellt werden, muss ich protestieren!
AntwortenLöschenUeberall nehmen Vorsicht, Ruecksicht, Nachsicht und Umsicht stark ab. Hier in Bremen und umzu ist es nicht anders. Autos blockieren mehr und mehr die Rad- und Fusswege, und wehe man faehrt mit dem Rad auf der Strasse.
Im Winter werden hier die Radwege zu Schneeschanzen umfunktioniert und in Zustaendigkeits-Grenzbereichen wie Bruecken der DB wird teils gar nicht mehr geraeumt.
2 Mal jede Woche ist hier jeder sowieso schon zu schmale Radweg durch Muelltonnen blockiert.
Jedes mal, wenn die Strasse zum sicheren Ueberholen eines Radfahrers zu eng ist, steht ein Autofahrer vor der Entscheidung entweder eine Teilstrecke in langsamem Tempo hinter dem Rad herzufahren oder mit links und rechts 10 oder 20 cm hoechstgefaehrlich zu ueberholen. Mindestens jeder zweite, der mir begegnet, ueberholt rasant und gefaehrdet mein Leben.
Wirklich benachteiligt sind die Radfahrer als kleinste Teilmenge der Mobilen. Links die Autos, offensichtlich mit Sonderrechten ausgestattet (Der Verkehr muss rollen), rechts die Fussgaenger, deren Wege quasi sofort durch die Anlieger pflichtzuraeumen sind bei Schnee, + Muelltonnen.
Ich vermute stark, es ist Teil des induzierten 'Nach-Mir-Die-Sintflut'-Denkens unter Spaltungsabsicht der Neokapitalismus und -korporatismusverfechter. Viele kleine fiese Stolpersteine sollen von den Verantwortlichen und Nutzniessern der Ethikkrise ablenken und einen Zusammenschluss gegen diese verhindern.
Es ist aehnlich wie bei der Spaltung von Rauchern und Nichtrauchern durch undifferenzierte Regelwerke, die kaum empirische Relevanz besitzen mit ihrem Schwarz-Weiss-Extremdenken-Hintergrund.
Sorry, viel zu hoch gegriffen. Warum gleich eine Verschwörung vermuten? Momentaufnahme in Hannover: es gibt Radler die fahren wo gerade Platz ist, egal ob da eine Ein/Ausfahrt eines Mehrfamilienhauses ist, entgegen der vom Gesetz vorgegebenen Fahrtrichtung mit einer Geschwindigkeit die es 100% verhindert innerhalb 5 m zum Stehen zu kommen, auf dem Fußweg. Auf Rücksichtnahme wird Gesch... In der Fußgängerzone ( Karstadt) knallen die Idioten im Slalom um die Fußgänger herum. Warum bitte? Ich fahre auch Fahrrad, mehr und mehr in der Innenstadt. Auch durch besagte Fußgängerzonen, allerdings nur etwas schneller als der Fußgängerstrom. Somit kann ich jederzeit anhalten. Warum regt mich das rücksichtslose Verhalten so auf? Weil es diese idioten soweit bringen, dass jeder Fahrradfahrer eine Plastikweste zu tragen hat auf der eine Registriernummer die Identität des Fahrers preisgibt. Ich will das nicht. Aber es wird kommen. Garantiert.
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