Um ihre Betroffenheit über das Elend dieser Welt
auszudrücken, hüllten sich Prominente bei einer Filmgala im noblen Berliner
Konzerthaus während der Berlinale in Rettungsdecken-Folien. Was war das für ein
Spaß. Ein Blinken und Knistern, als wären die Selbstdarsteller Darsteller beim
richtigen Film. Laut der Illustrierten Stern hatte sich der chinesische
Dissident Ali WeiWei die Aktion ausgedacht, der kurz zuvor schon das ehrwürdige
Konzerthaus mit Hunderten von Schwimmwesten „dekoriert“ hatte. Das alles sind mitnichten
Fehltritte, sondern Zeiterscheinungen einer dekadenten Gesellschaft, in der das
Motto einer neuen Elite von Til Schweiger bis Norbert Blüm lautet:
„Betroffenheit - und Spaß dabei“. Doch diese Elite ist nur die Spitze des Müllbergs,
denn dahinter steckt ein ganzes Milieu, das sich in der Flüchtlingskrise erstmals in seiner ganzen gefährlichen
moralischen und intellektuellen Verwahrlosung präsentierte. Dieses Milieu redet
hetzerisch von „Dunkeldeutschland“, doch selber lebt es ein Dünkeldeutschland.
Eine Protagonistin dieses Milieus ist Angela Merkel, die
hier vor zwei Wochen
ausführlich porträtiert wurde. Der Text kam ziemlich gut bei den Lesern an,
weil Merkel eine Kristallisationsfigur der vielen Probleme des Landes ist. Doch
auch sie ist kein individuelles Phänomen, sondern Teil einer
Strukturerscheinung. Ihre Aussagen und Taten gelten für ihre Gefolgsleute wie
ihre Vorgesetzten, sie gelten aber auch für eine große Gruppe von Menschen,
möglicherweise sogar eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die weder die
Fähigkeiten dafür noch ein Interesse daran haben, über eigene psychologische
und materielle Vorteile hinaus für das Gemeinwesen Verantwortung zu übernehmen.
Für dieses Milieu ist die Dominanz über und die Hetze gegen
Andersdenkende eine Existenznotwendigkeit. Es kompensiert eigene Schwächen und
es generiert den Hass, um der empfundenen Leere der eigenen Existenz einen Sinn
zu geben. Da es den Betroffenen nicht um Argumente oder geistige Inhalte geht,
meiden sie jeden Diskurs und üben Macht aus, wo sie es können. Dieses
psychologische Defizit kreiert eine intuitive Seilschaft aus mehr oder weniger menschlich
gescheiterten Existenzen, die die neue Glaubensrichtung des Gutmenschentum bilden,
um sich ein Ventil für die eigenen Probleme zu schaffen. Boris Blaha meint dazu: „Es gibt einen
bestimmten Punkt, an dem sich Merkel und Ensslin (RAF-Terroristin, KK) ganz
nahe kommen: Das ist das Moment einer inneren Glaubensüberzeugung, die absolut
unerschütterlich ist und dabei als Gewissheit zugleich völlig unabhängig von
allen Mitmenschen um sie herum feststeht. Diese Überzeugung ist nicht
verhandelbar - wer eine solche Überzeugung hat, ist auf andere Sterbliche
(weder Koalitionspartner noch Parlament noch andere EU-Länder) nicht mehr
angewiesen.“
Blaha nennt dies „apolitisch“, und die Beobachtung deckt
sich mit den Ergebnissen einer Studie
des Sinus-Instituts über die Vergreisung der jungen Generation, die nicht
allein betroffen ist. Der Cicero
fasst zusammen: „Die 14- bis 17-Jährigen wollen sein wie Jedermann, sie
vermeiden es anzuecken oder aufzufallen. Große Subkulturen, die zur
Erwachsenenwelt in einem signifikanten Sinnkontrast stehen, gibt es nicht mehr,
Abgrenzung und gezielte Provokation gehören der Vergangenheit an. Das ehemalige
Schimpfwort „Mainstream“ wird mittlerweile neutral verwendet, um die eigene
Position und Persönlichkeit zu beschreiben.“ Und weiter: „Wenn fast alle
Tattoos haben, dann kommt man ohne eben nicht wirklich an. Dann haben Tattoos
aber auch ihre Bedeutung verloren, zumindest ihre ursprüngliche.“ Die Forscher
des Sinus-Instituts nennen dieses Phänomen „Neo-Konventionalismus“.
Was Sinus für die Jugendlichen ermittelt hat, gilt natürlich
auch für die Generationen, die daraufhingearbeitet haben. Die naturgesetzliche
Dialektik von bewahrenden Alten und drängenden Jungen hat der Niedergang in
einen anti-evolutionären Brei verwandelt. Intuitiv erkennt man zunehmend, dass
es für die Gesellschaft keine Zukunft gibt, und entwickelt eine Kultur
scheinbaren, also virtuellen Fortschritts bei gleichzeitigem Bemühen um Stasis. Reale Probleme werden als unlösbar an
die Seite geschoben, ignoriert und geleugnet, während virtuelle, weil virtuell
lösbare Probleme erfunden werden.
Aus dem Ziel
Gerechtigkeit wird so Gleichheit, aus Globalisierung wird Multikulti, aus
Umweltzerstörung wird menschgemachter Klimawandel, aus zwischenmenschlichen
Problemen wird Genderismus, aus Kulturverlust wird Rechtschreibreform, aus
Postkapitalismus wird ein Kampf gegen Rechts und aus Kriegsgefahr wird
Willkommenskultur. Wie bei jedem instabilen System schaukelt sich der Effekt
auf. Wie kann ein Lehrer noch Perspektiven weisen, wenn er selber erkennt oder
ahnt, dass es diese Perspektiven nicht gibt? Wie kann ein Schüler Perspektiven
entwickeln, wenn er in einer Kultur der Perspektivlosigkeit aufwächst? Warum
sollte er überhaupt Perspektiven entwickeln wollen, wo er doch rundum gepampert
ist und glaubt, mit sich im Reinen zu sein?
Notwendigkeiten
nicht mehr erkennen zu können nennt man Dekadenz. Die Flüchtlingspolitik hat
uns diesen Zustand der Gesellschaft nur vor Augen geführt, auch wenn sie ihn
beschleunigen wird. Angesichts des offensichtlichen Scheiterns einer von
Anfang an zum Scheitern verurteilten Handlungsmaxime hält sie immer weiter an
der Illusion fest. Im Sozialisationsprozess des Niedergangs entstand für die Eliten,
nicht nur die politischen, eine Dissonanz zwischen Denken und Handeln, die zu
Gunsten des blinden Handelns zwangsharmonisiert wurde. „Ich tue, also bin ich.“
Im gelebten Alltag pendelt diese Elite irgendwo zwischen dem Kaufen von
Statussymbolen und jovialen Debatten über Rotweinsorten.
Dazu passt dann
auch die eingangs erwähnte Berlinale-Party der trotz aller Rettungsfolien
unrettbar Verlorenen im Konzerthaus. Dazu passt auch eine Moderatorin Anke Engelke, die zur Eröffnungsgala
der Berlinale die Stadt Leipzig unter dem Applaus von 1600 Gästen mit der
Düsternis von Nazi-Deutschland gleichsetzte. „Viele Millionen wurden dafür (für
einen Clooney-Film, KK) verwandt, die düstere Atmosphäre von Nazi-Deutschland
herzustellen, aber er hätte es billiger haben können – 180 Kilometer im Süden:
in Leipzig". So wird innerhalb dieser Elite gedacht und gesprochen, denn
die Realität ist für sie nicht nur weit entfernt, sondern schlicht unerheblich.
Der krampfhafte Schulterschluss in dieser Elite stabilisiert ihre Virtualität. Alles
ist hier eine große Show, während sich in der Realität längst der Showdown
abspielt. Auf der Titanic wird durchgetanzt.
Im Fußvolk dieser Elite treffen sich währenddessen die
schlichten Geister vom gutmenschelnden Sozialarbeiter bis zur Antifa unheilig
mit den Zeit und Spiegel lesenden Schmalspurintellektuellen, die der Meinung
sind, ihr Kleinhirn sei tatsächlich in der Lage, die großen Fragen der Welt zu
lösen. Die so scheinbar induzierte gesellschaftliche Bewegung ist aber bestenfalls
ein Schlingern auf der Stelle.
An dieser Stelle muss ich auf Hinweis meines externen
Gewissens, meiner besten Ratgeberin und Angetrauten, noch einmal
differenzieren. Es gibt in der Tat noch eine dritte Gruppe zwischen dieser
neuen Elite und den Verteidigern alter Werte: Das sind die Menschen, die
vielleicht naiv, aber doch guten Willens den Blick auf individuelles Leid
richten, ohne sich für gesellschaftliche Zusammenhänge zu interessieren.
Menschen, die reale oder virtuelle Missstände bekämpfen, ohne sich Vorteile
materieller oder psychologischer Art verschaffen zu wollen. Menschen, die nicht
gegen andere agieren, sondern für ihre Ideale. Menschen, die einfach nur gut
sind, ohne Gutmenschen sein zu wollen.
Nun aber zurück zu letzteren und dem durch sie begründeten
Metaorganismus einer neuen Elite. In der Phase rituell ausgelebter
Willkommenskultur könnte es geschehen, dass bisherige Profiteure des
Niedergangs verdrängt werden, doch das wäre nur ein Kollateralschaden, denn
auch für Genderisten, Klimatisten und andere Energiewendehälse wird es sich
sicher weiter auf Kosten der Gemeinschaft gut leben lassen. Wenngleich es
interessant sein wird zu beobachten, ob es künftig politisch korrekt bloß „Einwanderin“
heißen muss oder doch „EinwandererIn“, ob Männer aus archaischen Kulturen trotz
Mitleidsbonus ihre Frauen respektieren sollen oder ob eine künftige islamische
Mehrheit auch in Deutschland Homosexuelle steinigen darf. Egal: Notfalls wird
es den Betroffenen keine Mühe machen, auf den neuen Zug aufzuspringen - ist es
doch das, was sie wirklich gelernt haben.
Die Täuschung ist die Urmaterie dieser neuen Gesellschaft, bei
der selbst Anti-TTIP-Demonstranten und Sarah Wagenknecht kurzerhand in die
rechte Ecke gestellt werden können. Was bei der einen Sache so prima
funktioniert hat, wird von den Herrschenden eben gleich zweitverwertet.
Faszinierend ist, wie flächendeckend aufgrund strukturell induzierter Prägungen
das neue Denken ist. Da kann ein eigentlich konventioneller Moral verpflichteter
und eigentlich ökonomisch unabhängiger Kirchenfürst wie der katholische Erzbischof
von München und Freising, Reinhard Marx, die Kanzlerin ausdrücklich für ihre
Gesetzesbrüche loben, die sie bei ihrer Flüchtlingspolitik begangen hat: Die
Kanzlerin habe sich „sogar über das Gesetz hinweggesetzt. Das gehört auch zur
politischen Führung!“ Alexander Kissler kommentierte dazu: „Dass dies bisher keine
überregionale Debatte ausgelöst hat, verwundert. Hier relativiert ein
einflussreicher Kirchenmann, der zudem auf der Gehaltsliste des Freistaats
steht, Besoldungsgruppe B 10, die Gesetzestreue der Kanzlerin zugunsten einer
besonderen Staatstreue der Kirche. Jenseits von Gut und Böse können sich
Philosophen und Künstler tummeln, Landesbischöfe nicht.“
Können sie eben doch. Die Kanzlerin kann als Galionsfigur
der neuen Elite sogar an niedrigste völkische Instinkte appellieren, ohne dass ihr
einer der Kämpfer gegen Rechts in die Parade fährt. „Wir schaffen das, denn
Deutschland ist ein starkes Land.“ Dreist behauptet sie „Von gelungener
Einwanderung hat ein Land noch immer profitiert“, obwohl die Geschichte voll
ist von Hochkulturen, die durch Barbareninvasionen von der Landkarte gefegt wurden.
Stattdessen verspricht sie so substanzlos wie kaum widersprochen, „die
Integration so vieler Menschen ist eine Chance von morgen“. Das sehen
„britische Regierungskreise“ anscheinend anders, wenn sie durchstecken, es möge
ja sein, dass es sich „moralisch besser anfühlt“, wenn man viele Migranten
aufnimmt, „aber wo liegt die Moral einer
Politik, die Millionen von Menschen nach Europa lockt, um sie dann zu
enttäuschen, weil sie nicht absorbiert werden können?“
Merkel und ihre Politik ist die würdige und konsequente
Entsprechung dieses immer noch wachsenden, aber längst etablierten neuen deutschen
Milieus eines dekadenten Bürgertums, das sich weise wähnt und debil auf das
Volk herunterschaut, das gehirngewaschen ist und selber Gehirne wäscht, das die
Realitäten ignoriert und damit neue Realitäten schafft, das sich
fortschrittlich geriert, doch keinen Fortschritt kennt, und entschlossen zum
Abgrund fortschreitet.
Die Vertreter dieses Milieus sind auf allen Ebenen der
Gesellschaft Meister des Virtuellen, sie sind Blender, sie sind
Überlebenskünstler in der neuen Welt des Niedergangs. Die ins Negative
verkehrte Evolution schafft solche intuitiv agierenden Kreaturen, die in nicht
gekannter Perfektion das Kollektiv betrügen, aussaugen und, kurzsichtig wie
Parasiten sind, zerstören. Solche Kreaturen existieren nur, solange sie nicht durch
ein Gewissen belastet sind. Da sie aber als Nachkommen einer einst noch
funktionierenden sozialen Evolution noch bestimmten moralischen Prägungen
unterworfen sind, müssen sie ihr Gewissen sozusagen auslagern, indem sie, wie
die Flüchtlingskrise lehrt, moralische Gefühle weit entfernt von der eigenen
Existenz und Handlungswirklichkeit ausleben.
Diese Elite ist überparteilich, weil sie die Parteien alter
Prägung längst überwunden hat. Ihre Macht stützt sich auch auf Medien,
Universitäten, Führungskräfte, Wissenschaftler, auf alle eben, die auf dem
Marsch durch den Apparat Expertenstatus erlangt und Erkenntnisfähigkeit
verloren haben. Ihr Glaube ist, wie jeder Glaube, der Glaube an das
Nichtwirkliche. Ihr Beispiel wird von einem durch einen Informationsoverkill verunsicherten
Fußvolk begierig wahrgenommen und nachgelebt. Andernfalls droht ja auch die „Exkommunikation“
und damit die ökonomische Vernichtung. Das System erzeugt, wie jedes Geschwür, sich
selbst und sein eigenes Wachstum.
"Das System erzeugt, wie jedes Geschwür, sich selbst und sein eigenes Wachstum." - an dem es letztendlich untergeht.
AntwortenLöschenDas Tragische daran ist, daß in der Matrix der Lemminge auch diejenigen mitgerisen werden die das nicht zu verantworten haben.
Mir aus dem Herzen gesprochen. Genauso sehe ich das auch. Mir kommen, wenn ich z.B. viele unserer Jugendlichen sehe, immer wieder ganz hässliche Gedanken. Eine große Mehrzahl dieser Jugendlichen haben nichts weiter als irgendeine angesagte App auf den Schirm oder irgendein angesagtes Video auf Youtube, was unbedingt geteilt und gelikt werden muss. Ich freue mich auf den Tag, wenn z.B. diese jungen Frauen mit einem Kopftuch aufwachen. Ich hoffe, das nicht mehr erleben zu müssen. Aber vielleicht wird das auch als riesengroßes Event angesehen. Nur, genau solche Menschen benötigt das System. Die Eliten sind sich selbst genug, in der Arbeitswelt werden immer weniger Menschen für die Produktion gebraucht, Fachleute werden aus der Gruppe der Eliten heraus gebildet und Menschen mit Blick auf Smartphones sind genau dort, wo sie das Establishment haben will - Werkzeuge, die nicht aufmucken, wenn ihnen irgendetwas vor den Augen herumflimmert.
AntwortenLöschenWas nutzt es, den Niedergang und die Pseudoeliten zu beklagen? Wir brauchen Gegenentwürfe und Antworten. Wer diese anbieten kann, der braucht keinen elitären Anspruch zu erheben, denn der ist Elite.
AntwortenLöschenSchallten wir also vom Jammer-Modus auf den kreativen um und lassen Sie uns Antworten geben. Suchen wir gemeinsam nach Lösungen.