Kustos kommentiert nicht mehr -
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Samstag, 7. Januar 2017

Nach-Gedacht: Schmutzige Noblesse

Quelle: Facebook privat
Ausgrenzung auf kulinarische Art

Der Wahn schreitet voran: Wir haben in diesem neuen Deutschland schon wieder Berufsverbote, Kriminalisierung, Bloßstellung, Verleumdung, Einschüchterung, Behinderung, Zensur. Bitte die Aufstellung beliebig ergänzen, denn das Arsenal, die Welt oder wenigstens die deutsche Zivilgesellschaft von Abweichungen der zuherrschenhabenden Meinung zu bereinigen, ist wahrhaft gewaltig. Seit ein Berliner Schickimicki-Restaurant sein schon bisher unsympathisches, aber legales Selbstdarstellungsbedürfnis damit befriedigt, AfD-Mitgliedern und -Sympathisanten den Eintritt zu verwehren, ist aber eine neue Dimension der Kombination von gelebtem Hass und Dreistigkeit erreicht. Neben Aufklebern gegen Waffen, Handys und Kameras klebt nun also auch ein Anti-AfD-Sticker an der Tür des „Nobelhart und Schmutzig“, das im Berliner Kreuzberg residiert, wo der Bezirk am hässlichsten ist (Friedrichstraße 218, bitte klingeln). Da ist der Name wirklich Programm.

Samstag, 4. Juni 2016

Von Merkel zum Mainstream

Der Niedergang kreiert eine neue, negative Elite
Um ihre Betroffenheit über das Elend dieser Welt auszudrücken, hüllten sich Prominente bei einer Filmgala im noblen Berliner Konzerthaus während der Berlinale in Rettungsdecken-Folien. Was war das für ein Spaß. Ein Blinken und Knistern, als wären die Selbstdarsteller Darsteller beim richtigen Film. Laut der Illustrierten Stern hatte sich der chinesische Dissident Ali WeiWei die Aktion ausgedacht, der kurz zuvor schon das ehrwürdige Konzerthaus mit Hunderten von Schwimmwesten „dekoriert“ hatte. Das alles sind mitnichten Fehltritte, sondern Zeiterscheinungen einer dekadenten Gesellschaft, in der das Motto einer neuen Elite von Til Schweiger bis Norbert Blüm lautet: „Betroffenheit - und Spaß dabei“. Doch diese Elite ist nur die Spitze des Müllbergs, denn dahinter steckt ein ganzes Milieu, das sich in der Flüchtlingskrise erstmals in seiner ganzen gefährlichen moralischen und intellektuellen Verwahrlosung präsentierte. Dieses Milieu redet hetzerisch von „Dunkeldeutschland“, doch selber lebt es ein Dünkeldeutschland.

Samstag, 2. April 2016

Protzkapitalismus

Banker und Finanzjongleure, die nach arbeitsreichem Tag zu Frau und Kind ins traute Heim zurückkommen, haben jetzt die Möglichkeit, zum Feierabend ihren Umgang mit virtuellem Scheingeld gegen den mit realen Geldscheinen einzutauschen. Ein Düsseldorfer Spieleverlag bietet Monopoly seit kurzem in einer Echtgeld-Version gegen Vorkasse an, auf Wunsch auch mit vergoldeten oder edelsteinbesetzten Häusern und Hotels. Was für ein Freizeitspaß, auch wenn man hier wohl auf die traditionellen 400-€-Scheine verzichten muss - man kann ja nicht alles haben. 20.590 Euro in bar liegen dem Spiel bei, und für das Wort „Dekadenz“ brauchen wir jetzt eine Steigerungsform. Fern von allem Sozialneid muss man sich fragen, wie der psychologische und moralische Status einer Gesellschaft ist, die Leute hervorbringt, die sich so etwas ausdenken. Und vor allem sorgen wir uns um die armen Schweine, die ihre Lebensfreude aus so einem „Man gönnt sich ja sonst nichts" ziehen müssen.

Samstag, 17. Januar 2015

Die Konsequenz ist Dekadenz

Mehr als 30 Jahre nach der Trauung des britischen Thronfolgers Charles mit der längst unter größter Medienaufgeregtheit verschiedenen Lady Di ist ein verschimmeltes Stück Hochzeitskuchen von dieser Feier in den USA versteigert worden. Immerhin 1375 Dollar erbrachte die makabere Show - guten Appetit wünsche ich nachträglich. Einen höheren Gebrauchswert hat sicherlich das Comic-Heft, in dem erstmals Superman auftrat, deshalb wechselte es kürzlich für 3,2 Millionen Dollar den Besitzer. Dafür muss eine arme, alte Frau lange stricken. Weder alt noch arm ist Victoria Beckham, die zum Erhalt ihrer Schönheit auf „Bird Poop Facial“ schwört, d.h. auf eine Gesichtsmaske aus Vogelscheiße. Da hilft es auch nicht, wenn man liest, dass der Dreck ausschließlich von Nachtigallen stammt und irgendwie gereinigt wurde. Für ihre Schönheit muss/will die Gattin eines doch eher mäßigen Fußballstars eben leiden. Wenn man den Zustand einer Gesellschaft an solchen Auswüchsen messen könnte, müssten wir jetzt schon diagnostizieren, dass unsere Zivilisation nicht mehr richtig tickt, doch erfordert die Sorgfalt, sich vor einem solchen Urteil auch noch den Unterbau anzusehen. Schon an dieser Stelle kann allerdings verraten werden, dass das Urteil dadurch nicht besser, sondern eher schlimmer wird.

Samstag, 22. November 2014

Im Stich gelassen

Früher ging Mann gerne am Freitagabend „eine Braut aufreißen“, heute könnte das leicht mit Körperverletzung enden, denn ein erheblicher Anteil dieser Bräute ist gepierct. Doch vielleicht sollte der Brautschauende und ebenso die Bräutigamschauende sich ohnehin von Piercern beiderlei Geschlechts fernhalten, denn wer sich Metallteile ungezwungen durch den Körper jagen lässt und nicht Jesus Christus heißt, muss nicht nur am Ort des Eingriffs eine Schraube locker haben. Die Toleranzgesellschaft des Niedergangs hat damit scheinbar weniger Probleme als die Masse der vom Piercingwahn Befallenen selbst. Sie tut, was sie am besten kann, nämlich tolerieren - wer aber etwas anders denkt, hat keine Toleranz zu erwarten. Deshalb erträgt man dann doch unfreiwillig die freiwillig entstellten Menschen, die im Supermarkt kassieren oder im Restaurant servieren. Doch Piercing ist nicht das Endstadium: Willkommen im Horrorkabinett von Body-Suspension, Subinzision, Skarifizierung, Cutting, Branding und Play-Piercing.

Samstag, 3. Mai 2014

Scham-Lippenbekenntnisse

Quelle: howstuffworks.com
„Wer lang hat, lässt lang hängen“, hieß es einst, und jeder dachte sich dann sein Teil. Weil man sich heute weniger denkt und dafür mehr zeigt, ist nun die Hodensack-Straffung im Trend. Und nicht nur die: Im Intimbereich ist es inzwischen durchaus gängig, Teile an- oder aboperieren zu lassen, von denen man bis vor kurzem noch gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Schamlippenstraffen, Penis verlängern oder verdicken, Jungfernhäutchen zunähen, Fettabsaugen am Venushügel - alles ist drin und schon für wenige Tausend Euro zu haben. Letzteres pro OP versteht sich. Nachdem hier erst kürzlich über die fragwürdigen Motivationen bei „normalen“ Schönheitsoperationen, also denen im sichtbaren Bereich, nachgedacht wurde , stellt sich nun die Frage, was diese Schnippelei an der eigenen Existenz mit der damals vermuteten sozialen Konkurrenz und überzogenem Karrieredenken zu tun haben könnte. Eher gar nichts, denn da diese Konkurrenz in der Regel nicht beim monatlichen Saunabesuch, unter der Bettdecke oder beim Arzt stattfindet, steht ernsthaft zu vermuten, dass es sich bei diesen Trend um eine kollektive narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt.

Samstag, 29. März 2014

Schönheit muss sch(n)eiden

Bildquelle: Jantoo.com
Die Zahl der medizinisch nicht notwendigen Schönheitsoperationen in Deutschland steigt so rasant, wie die der Menschen sinkt, die Politikerversprechungen noch glauben. 2011 begaben sich rund eine Million Deutsche der Schönheit zuliebe unters Messer. Manchmal hilft das, aber manchmal sehen die, die dem Schicksal nachhelfen wollten, hinterher nicht viel besser aus als Frankenstein persönlich. In jedem Falle handelt es sich dabei nicht bloß um ein gesellschaftliches Phänomen, sondern um ein gesellschaftliches Problem. Kein Thema sind jene Operationen, mit denen die Opfer von Brustkrebs oder Verbrennungen möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden. Nicht einmal das Anlegen von Segelohren soll hier infrage gestellt werden. Doch beim näheren Betrachten des Geschäfts mit der künstlichen Schönheit offenbart sich, dass mit dem durch den Schönheits- und Jugendwahn induzierten Eingreifen in den Bauplan der Natur sowohl der Einzelne als auch die Gesamtgesellschaft verlieren müssen.