Kommen wir vorher noch einmal zurück zu den Leiden der
Reichen. Die Jugend des Geldadels versucht die Leere ihrer Existenz gerne damit
zu kompensieren, dass sie ihren obszönen Luxus im Internet präsentiert. Unter
dem Titel „Rich Kids of Instagram“ macht ein Blogger dies seit einigen Jahren
öffentlich. Da wird vor dem Privatjet posiert und die immense Rechnung vom
letzten Parfüm-Einkauf oder Restaurantbesuch (ab 100.000 Dollar aufwärts) in
die Aufnahmeoptik gehalten. Weitere Beispiele für dieses dekadente Treiben bietet
dieser Link. In diesem Post ist es aber nicht Thema, dass so etwas möglich ist, sondern,
dass es anscheinend nötig ist. Wie (geistig und emotional) arm muss dieser
Nachwuchs der Elite sein, wenn er glaubt, sich langfristig besser zu fühlen,
indem er andere neidisch macht?
Damit machen sie allerdings beim Fuß-Volk Lust auf einen
Lebensstil, der ihnen schon geschadet hat und den dieses sich nie leisten könen
wird. Sie kreieren so gesamtgesellschaftliche Frustration, Kriminalität und
Realitätsflucht. Dafür bedarf es natürlich gar nicht mehr der Instagram-Kids.
Das schafft der Niedergang schon ganz alleine.
Wie könnte es sonst möglich sein, dass die traditionelle
Stierhatz in Pamplona inzwischen zu einer weltweit attraktiven Veranstaltung
geworden ist? Wohlgemerkt: Nicht der Stier wird dort gehetzt, sondern Tausende
von Menschen, die sich diesem Nervenkitzel aussetzen. Automatisch denken wir an
S-Bahn-Surfen oder die verabredeten Massenschlägereien von Hooligans. Solche Todessehnsucht
gewinnt an Boden, weil sie als ultimates Gefühl noch die Leere zu füllen im
Stande scheint. In diesem Jahr jedenfalls gab es in Pamplona 42 Verletzte,
unter ihnen ein Australier, der auf dem 850 m langen Parcours gleich dreimal
aufgespießt wurde.
Zur Selbstschädigung bedarf es aber nicht einmal fremder
Hilfe: Geschätzt rund 800.000 meist junge Menschen in Deutschland verletzen
sich wiederholt selbst und absichtlich. Die Jugendlichen schildern, dass sie
sich gefühlsleer fühlen und nur noch durch Selbstverletzungen
intensiv wahrnehmen können.
Eine andere Variante der sozialen Hilflosigkeit ist ein
neuer Trend, sich zu verabreden, ohne Hosen mit der U-Bahn zu fahren. Das Ganze
erfährt steigende Beliebtheit, wie es heißt, unter anderem in Brasilien,
Israel, USA und Island (hat Island eigentlich eine U-Bahn?). Dass die
Unterwäsche vom Designer kommt, ist natürlich selbstverständlich. Spießig wird allerdings
darum gebeten, keine knappen Tangas zu tragen.
Ein Teilnehmer
erklärte seine Motivation so: „Ich hatte nichts Besseres vor. Es ist
schließlich Sonntag, und ich kann so ein Bier trinken und Spaß haben.“ Als in
der hier zugrundeliegenden Zeitungsreportage ein normaler U-Bahn-Reisender in
die Truppe gerät, zieht sich der „Normale“ ebenfalls die Hose aus. Begründung:
Angezogen sein unter Halbnackten, das wollte er nicht. Keine Chance für die Intakten
unter Nackten: Seuchen sind ansteckend. Möge es in der U-Bahn nie zu einem
Shitstorm kommen.
Die Leere wird im Niedergang tatsächlich zur prägenden Kraft,
und damit wird der Begriff „Zivilisationskrankheit“ völlig neu definiert: Die
Zivilisation ist krank. Vielleicht liegt hier auch die Wurzel für Political Correctness
und Bessermenschentum begraben: Gerade die eigentlich konstruktiven und sozial
bewegten Menschen können das zwischenmenschliche und menschliche Elend nicht
mehr ertragen und versuchen, mit untauglichen, dirigistischen Mitteln
gegenzusteuern.
Dabei sind weder der menschliche Geist noch die Apparate
menschlicher Erkenntnis und menschlichen Handelns auch nur ansatzweise in der
Lage, auf die Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren. Die Umwälzungen
unseres Kosmos sind so schnell und gewaltig, dass es weder Patentrezepte noch
organisierte Eingriffsmöglichkeiten (egal ob Revolution oder autoritäre Besserwisserei)
geben kann. Hoffnung verspräche nur ein grundsätzlicher Wandel unserer
Denkstrukturen - worüber es in meinem Buch „Chaos mit System“ immerhin ein
ganzes Kapitel Nachdenkenswertes gibt.
Stand der Dinge ist aber, dass der Mensch für die
Achterbahnfahrt ins Unglück auch noch Eintrittsgeld bezahlt. Gesucht wird die
Abkehr von traditionellen Werten, die ersetzt werden durch den Glauben an heilsbringende
Wolkenkuckucksheime, die Anbetung des Nichts und das Zelebrieren der Destruktion.
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Für diejenigen unter Euch und Ihnen, die
sich nicht mehr an alle rund 230 Posts auf diesem Blog exakt erinnern können,
nenne ich nur noch einmal die Stichworte Überforderung, Äußerlichkeiten,
Individualismus, Überfluss und Leistungsverweigerung.
Der Sammelbegriff für all das ist jedenfalls Dekadenz. Nach
Angaben des Statistischen Bundesamtes leben derzeit fast zwei Drittel der 18-24-Jährigen
in Deutschland im Haus der Eltern. 1970 lag das Auszugsalter noch bei 20 Jahren.
Man wohnt preiswert, Mutter kocht und wischt, das Auto steht ja sowieso vor der
Tür, und die Nacht wartet nur auf das Videogame oder den Clubbesuch. Man glaubt
ein Überflieger sein, aber meistens reicht es nur zur Couch-Potato. Das ist
inzwischen so institutionalisiert, dass in Berlin sogar schon jedes zehnte Neugeborene
mit mehr als 4000 Gramm besorgniserregend übergewichtig ist.
Was denken also die Leute, die ihren Wonneproppen beispielsweise
„Isla Rowan“ nennen und ihm zur Geburt auch noch einen Halloweenanzug schenken
lassen? Was denken die alten Männer, die sich mit Viagra und Testosteron
aufpeppen, weil sie nicht akzeptieren, dass das Nachlassen der sexuellen Aktivität
dem Alter angemessen und zum Erhalt der eigenen Gesundheit notwendig ist? Was
denkt sich ein Fernsehsender, der in einem Kreißsaal (mit Unterstützung der
Klinikleitung) eine Realityshow dreht, oder der in einer nackt auszutragenden
Kuppelshow die Kandidaten banalste Sätze sagen lässt und das Ganze dann auch
noch ein „anspruchsvolles Sozialexperiment“ nennt?
All diese Menschen denken - und das ist das Problem - nicht
viel und vor allem nicht genug. Sie sind strukturelles Opfer des Niedergangs,
also eines Chaos mit System. Mehr als alles andere zeigt diesen Prozess ein
Text, der als Kettenmail und im Internet schon einige Zeit unterwegs ist und der
diesen Post anstelle des gewohnten Fazits beschließen soll:
„Wer als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebte, kann
kaum glauben, dass er so lange ohne mentalen Zusammenbruch überleben konnte.
Beim Straßenfußball durfte damals nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut
war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht
so schlau wie andere, sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen.
Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der
Leistungsbewertung. Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar, und
keiner konnte sich verstecken. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden
Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir
ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Als
Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Wenn einer
von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus
dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie
die Polizei! So etwas! Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box,
Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene
Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde. Wir trafen sie
ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns,
und keiner holte uns ... Wie war das nur möglich? Wir aßen Kekse, Brot mit dick
Butter, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir blieben den
ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen
angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy
dabei. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Und mit
alldem wussten wir umzugehen.“

Was kann ich dazu sagen außer "Ja"?
AntwortenLöschenDoch, eins noch: Ich hoffe, ich bekomme den "Shitstorm" in der U-Bahn je wieder aus dem Kopf - diese Bilder! Diese Bilder!
Wunderbar, werter Herr Kustos - pointiert auf den Punkt gebracht,
AntwortenLöschenfndet Annette S. aus. K. die sich köstlich beim Lesen amüsiert hat und gern an die eigene Kindheit mit vielen lehrreichen Situationen zurückdenkt.
Danke Herr Kustos!
AntwortenLöschenAch ja! Damals konnte man noch miteinander reden von Angesicht zu Angesicht, heute telekommuniziert (labert) man über zig Medien global und stundenlang und versteht sich trotzdem immer weniger.
Eine insgesamt sehr interessante Lehre über die Leere im Hirn und im Leben überhaupt.
Horst B.
Diese Diagnose unserer Zivilisationskrankheit ist düster, aber leider korrekt. Danke.
AntwortenLöschenVielleicht ist es auch wirklich so, dass die "Gutmenschen" indirekt viel zu dieser Situation beigetragen haben - gäbe es nicht sozial engagierte Menschen, staatliche Unterstützung und Absicherung, wären viele der modernen Gesellschaften unter dem Ansturm des globalen Kapitalismus und der Verblödungsindustrie schon längst zusammengebrochen und die verarmten Bürger hätten die Verursacher des Zusammenbruchs unter der Fahne irgendeiner konservativ-religiösen Bewegung auf den Scheiterhaufen gebracht.
Aber wie bei einem Wald, in dem über viele Jahre hinweg Waldbrände unterdrückt werden, lässt sich ein solches reinigendes Feuer nicht auf Dauer verhindern. An eine Rettung durch "anderes Denken" glaube ich jedenfalls nicht.