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| Bildquelle: Jantoo.com |
Natürlich könnte man meinen, das alles
sei eine Frage des Geschmacks. Warum soll es nicht auch Menschen geben, die
Ballonbrüste und Schlauchbootlippen mögen? Warum soll ein gewachsenes
Selbstbewusstsein für den Operierten nicht nützlich sein? Warum geht das überhaupt
Außenstehende etwas an? Kurz geantwortet: Weil mit dieser Praxis Normen fallen,
die den Menschen aus gutem Grund vor sich selber schützen.
Nach aktuellen Schätzungen geben
allein die Deutschen zwischen 800 Millionen und 1,8 Milliarden Euro pro Jahr
für permanentkosmetische Eingriffe aus. Da werden Busen verkleinert und
vergrößert, Falten gestrafft, Haare verpflanzt und Sommersprossen weggelasert.
Es geht darum, fit zu sein für den Wettbewerb, entweder im Beruf oder bei der
Partnersuche. Es geht um ein besseres Selbstwertgefühl. Es geht darum, der
ständig wachsenden Erwartungshaltung der Außenwelt wenigstens scheinbar gerecht
zu werden. Es geht darum, das menschheitsgeschichtliche Ausgeliefertsein an die
Natur nicht mehr hinzunehmen und Dinge zu tun, weil man sie eben tun kann.
Dummerweise ist es gar nicht so
einfach, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Reden wir nicht über die Damen,
denen kürzlich gebrauchtes und verschmutztes Industriesilikon unter die
Brustwarzen geschoben wurde, denken wir aber einmal an mögliche Kunstfehler,
inkompetente Ärzte, die am Boom mitverdienen wollen, unklare Rechtslagen,
unerfüllbare Versprechungen, und vor allem ästhetische Differenzen zwischen dem
gewählten Schönheitsbild und dem, was in der Realität ankommt. Kein Chirurg der
Welt kann aus Alice Schwarzer nämlich Heidi Klum machen - nicht einmal
äußerlich.
Dennoch muss optimiert werden, was
nicht zu optimieren ist. Nicht siegen, dabeisein ist wichtig, oder: Der Versuch
heiligt die Mittel, könnten die Parolen lauten. Mehr als 130.000 Menschen haben
sich alleine bei den 400 dazu befragten Ärzten mit dem Nervengift Botox und
sogenannten Fillern gegen Falten behandeln lassen. Dazu braucht es aber auch
keinen Arzt zweifelhafter Qualität mehr, sondern nur den Botox-to-go-Laden um
die Ecke.
Schließlich hat der Schönheitssüchtige nichts für ihn Bedeutsames zu verlieren.
Bis auf seine Schönheit allerdings: Dokumentiert ist der Fall, bei dem eine
Frau, die eine Hautstraffung bestellt hatte, mit neuen Brustimplantaten aus der
Narkose erwachte.
Der Soziologe Otto Penz hat
ermittelt, dass die Anfälligkeit für Schönheitsoperationen durchaus klassenspezifisch
ist. In der oberen Klasse – definiert durch einen Hochschulabschluss – hätten
Natürlichkeit und Individualität Gewicht. In der unteren Klasse – bei Penz
bestehend aus Arbeitern oder Dienstleistern – legen gerade diejenigen mit den geringsten
finanziellen Mitteln den größten Wert darauf, Schönheitsideale zu erfüllen. Man
kann im übrigen vermuten, dass sich der Effekt bei den oberen Zehntausend
wieder umkehrt, denn hier ist die die Konkurrenz und damit der Zwang zur
Äußerlichkeit ebenfalls besonders groß.
Der gefühlte oder tatsächliche
Zwang zur überwirklichen Schönheit ist also auch symptomatisch für die Ungleichheit
in unserer Gesellschaft. Für die Unterschicht ist das ein tragisches Schicksal:
Man steht in permanenter Konkurrenz und glaubt, sich über das Äußere aus den
Niederungen erheben zu können. In der Tat kann man nur das Äußere und nicht den
Verstand oder die Bildung operieren. Früher war es bei den Proleten und
besonders den Kleinbürgern ungeschriebenes Gesetz, sich möglichst viel Bildung
zu erwerben, um einen Aufstieg möglich zu machen. Heute erscheint das
lebenslange Lernen natürlich viel zu umständlich, wenn es scheinbar durch eine
Operation zu ersetzen ist.
Dummerweise funktioniert diese
Abkürzung im Aufstiegsrennen aber nicht nachhaltig. Oft klappt es nämlich mit
der Verschönerung nicht, dazu später etwas mehr, aber selbst wenn es klappt,
setzt es nur einen ungesunden Wettkampf in Gang. Während eine gesteigerte
Bildung der ganzen Gesellschaft nützte, führt die gesteigerte Schönheit
gesamtgesellschaftlich nur dazu, die Ansprüche immer höher zu schrauben. Es
entsteht ein teurer und gefährlicher Wettbewerb der Unnatürlichkeit. Spätestens
bei den Rekonstruktionsversuchen nach gescheiterten Operationen trägt zwar die
Schmerzen der Patient, die Kosten aber die Gemeinschaft der
Krankenversicherten.
Die Vorstellung, dass Menschen an
einem gesunden Körper medizinische Eingriffe vornehmen lassen und damit nicht
nur ihre Gesundheit und ihre persönliche Integrität aufs Spiel setzen sondern
sich ganz nebenbei auch erhebliche Schmerzen und Kosten einhandeln, ist eine
ungeheuerliche. „Eine kosmetische Operation ist eine Form der Körperverletzung
auf Verlangen", sagt der plastische Chirurg Johannes Bruck ganz ehrlich,
oder besser gesagt: zynisch.
Der medizinisch nicht notwendige
Eingriff in einen menschlichen Organismus ist längst kein Tabu mehr.
Tatsächlich plädierten kürzlich die Kinderchirurgen auf ihrem Weltkongress
dafür, Jugendlichen, die sich dick- und rundgefressen haben, operativ den Magen
zu verkleinern. Das wäre dann in Deutschland ein noch unerschlossenes Verdienstpotenzial
von 800.000 Menschen. Das Operieren ist so oder so längst zu einem Geschäft
geworden, und der Chirurg profitiert mittels Schönheitsoperation eben nicht
mehr nur von tatsächlichen oder behaupteten Gebrechen, sondern auch von
gesellschaftlicher Desorientierung seiner Patienten.
Umso schlimmer, dass die Vorgaben,
die dem Operateur gegeben werden oder die dieser umgekehrt seinen Patienten
vorschlägt, sich mehr oder weniger nicht aus einer natürlichen Ästhetik des Einzelnen
entwickeln, sondern als verfremdete, denaturierte und übersteigerte Schönheitsideale
über die Medien transportiert werden. Abgedrehte Modedesigner und Visagisten
definieren jetzt, was die Leute schön zu finden haben. Soziologen meinen sogar,
dass derzeit in der Unterschicht das
Körperbild von jungen Frauen und Männern zunehmend durch den Einfluss von
Pornografie verändert wird.
Die CDU hatte kürzlich einmal laut
darüber nachgedacht, wenigstens Minderjährige durch ein Verbot nicht
medizinisch notwendiger Operationen zu schützen. Doch die Abgrenzung, was
notwendig ist oder nicht, verhindert gesetzliche Regelungen weitgehend. So
kommt es dazu, dass schon jetzt 10% aller ästhetisch-plastischen Eingriffe an
Mädchen und Jungen vorgenommen werden. In Zukunft müssen wir also mehr und mehr
damit rechnen, dass die Verstümmelung von Kindern auf deren eigenen Wunsch oder
durch Mode-Torheit der Eltern üblich
wird. Entsprechende Ärzte lassen sich sicher finden. Und sage mir keiner, unser
Staat könnte oder wollte das verhindern: Schließlich hat der vor nicht allzu
langer Zeit mit der Erlaubnis religiös-ideologisch motivierter Beschneidungen
von Jungen
alle Schleusen geöffnet.
Wir müssen außerdem bedenken: Das,
was nach der Operation auf dem Tisch liegt, ist nicht automatisch wirklich
schöner, selbst wenn einem natürlichen Ideal nachgeeifert würde. Das
Lebensumfeld bemerkt sehr wohl, wenn die Mimik nicht mehr richtig funktioniert oder
die Proportionen plötzlich nicht mehr zu der Person passen. Wenn dem Jugendwahn
folgend das tatsächliche Alter virtuell reduziert wird, entsteht eine ungesunde
Spannung zwischen der inneren Leistungsfähigkeit und dem äußeren Anschein. Aber
einer Gesellschaft, in der die Täuschung zu einer zentralen Moralvorstellung
wird (moderne Handys besitzen eine Funktion, mit der ein Angerufenwerden vorgetäuscht
werden kann), ist eben nicht nur das Belügen von anderen, sondern auch von sich
selbst das Mittel der Wahl.
Das Aufhübschen gab es natürlich
auch schon vor dem Niedergang, etwa durch Schminke oder in sehr begrenztem Maße
durch leichte Arsenvergiftungen (und über die Ästhetik in Stammesgesellschaften
und deren eigene Niedergangsrelevanz wird es demnächst einen eigenen Post geben).
Doch der Stand der Wissenschaft setzte dem Eingriff in natürliche Prozesse lange
Zeit enge Grenzen. Solche Eingriffe waren eher Krieg und Folter vorbehalten und
hatten somit einen offensichtlich unerfreulichen Charakter.
Das ist also das Besondere an der
heutigen Situation - und nicht nur bezogen auf Schönheitsoperationen: Wir sind
erstmals gesamtgesellschaftlich überhaupt in der Lage, mit unserem Körper über
die reine Lustbefriedigung hinaus Dinge zu tun, die uns schaden. Wir können uns
jetzt sozusagen strategisch schaden. Und wie der Zauberlehrling nutzen viele
die vermeintliche Chance. Was früher der drohende Atomkrieg war, ist heute die
freiwillige, ideologisch induzierte Selbstverstümmelung eines zunehmenden Teils
unserer Gesellschaft. Und das entspricht genau der Definition, die Konrad
Kustos in seinem Buch „Chaos mit System" für den Niedergang gefunden hat: Wir können immer mehr, doch
unser Verstand wächst nicht mit, um das, was wir können, zu lassen.
Die Natur hat ungeheuer
komplizierte Mechanismen entwickelt, um den Körper für den Überlebenskampf
leistungsfähig zu halten. Was dabei herauskommt, ist das, was wir als Schönheit
empfinden - jedenfalls solange dieses Schönheitsideal nicht durch die
Zivilisation überformt wird. Wenn der Körper nun alt, krank oder schwach wird,
sind wir, ob wir wollen oder nicht, von der Evolution so programmiert, dass wir
das als zunehmend unästhetisch ansehen. Zu glauben, dass diese
Wahrnehmungsästhetik nachhaltig durch Chirurgen oder Chemikalien getäuscht
werden kann, ist nicht einmal ein frommer, sondern höchstens ein dummer Wunsch.

Wir können immer mehr, doch unser Verstand wächst nicht mit, um das, was wir können, zu lassen.
AntwortenLöschenLieber Herr Kustos, das ist ein wahrhaft poetischer Satz ...
Vielen Dank für Ihren aufschlussreichen Beitrag und herzliche Grüße
Annette S. aus K.
Sehr geehrter Herr Kustos,
AntwortenLöschenich bin (leider) erst seit kurzem Abonnent Ihrer Beiträge und bin sehr froh, in diesen Zeiten der globalen Manipulation und Verdummung der Gesellschaft Ihre wertvollen und ins Schwarze treffenden Kommentare lesen zu dürfen.
Das Traurige: diejenigen, die's nötig hätten, lesen (höchstwahrscheinlich) Ihre wertvolllen Beiträge nicht ..... die Lemminge ziehen weiter ....!
Vielen Dank,
Alfred
Vielen Dank für den Zuspruch. Sie haben leider recht, dass die große Mehrheit der Entscheider sich mit solchen Dingen nicht belasten wollte, selbst wenn sie sie verstünden. Ihr später Einstieg auf meinem Blog ist aber kein Drama, denn Sie können ja in aller Ruhe im Archiv nachlesen, was hier seit 2011 so zusammengekommen ist. Und dann gibt es ja noch das Buch mit den großen Zusammenhängen zum Anklicken rechts ;-) Beste Grüße KK
LöschenSehr geehrter Herr Kustos, Sie sprechen mir aus der Seele. "Die Natur hat ungeheuer komplizierte Mechanismen entwickelt, um den Körper für den Überlebenskampf leistungsfähig zu halten." Und dabei geht es um ein perfektes bild, welches der Mensch sein möchte --> "Es geht um ein besseres Selbstwertgefühl. Es geht darum, der ständig wachsenden Erwartungshaltung der Außenwelt wenigstens scheinbar gerecht zu werden."
AntwortenLöschenIch habe gerade eine furchtbare Trennung hinter mir. Meine Ex-Freundin wollte sich Fett absaugen lassen. Ich war nicht einverstanden, weil ich sie geliebt habe, wie sie nun mal ist. Schade darum. Ich werde ihren Blog weiterhin mit Interesse verfolgen! :-)