Zu oben genanntem Zitat schrieb ein
Kommentator im Thread: „Werter Herr Dobbert,
könnten Sie sich - trotz Ihrer EU-Besoffenheit - vielleicht dazu durchringen,
sich unmissverständlich auszudrücken? Wie wäre es mit „… erschossen Menschen in
Kiew einander auf offener
Straße"? Allmählich tut es wirklich weh, in einer Zeitung, die sich
Bildung auf die Fahnen schreibt, ein derart schlechtes Deutsch zu lesen! Vielen
Dank!“. Da sind die entscheidenden Punkte zusammengefasst, nämlich die Arroganz
des Mediums, die manipulative inhaltliche Einseitigkeit des Autors sowie
seiner Redaktion und die mangelhafte formale Kompetenz beider.
Sensationalistisch heißt es
anderswo in der Überschrift „Die kalte Progressioon schröpft ihre Bürger“. Das tut so weh, dass man gar nicht mehr
fragt, wie eine Progression denn Bürger haben, geschweige denn schröpfen könne.
Gleich zweimal in einem Blatt erfahren wir prominent „Kathryn Bigelow dreht
Film über die Tötung Osama Bin Ladens“, nur dass es in der Version des
Kulturteils ein Film „… über Tot von
Bin Laden“ ist. Da kann man sich beim Lesen schon totschämen, während die
Zeitungsmacher da schulterzuckend darüber hinweggehen.
Wohlmeinend wird dem politischen
Frühstarter und -verlierer David McAllister nach seiner Wahlniederlage
zugerufen „Will kommen im Leben“.
Ist das eine Aussage zu seinem Sexualleben oder eine gescheiterte Referenz an
die uns scheitern lassende Rechtschreibreform? Dazu passt, wenn im Kulturteil
berichtet wird, der Film „Unbroken“ erzähle das Schicksal eines Mannes, der „gefangen genommen“ werde. In dem
scheinbaren Vergewaltigungsdrama treibt der arme Mann dann auch noch auf einem Floss im Pazifik. Flossen weg von
dieser Zeitung, möchte man sagen. Aber es ist eben kein Einzel-, sondern ein
Strukturproblem aller Medien - nicht nur, weil es anderswo heißt, der Verleger
Hans Barlach sei kalt gestellt
worden. Durchaus realistisch angesichts des ungeplanten Verlaufs der Aktion
könnte allerdings die Überschrift „SEK stoppt Fluchauto mutmaßlicher Einbrecher“ gemeint gewesen sein.
Fehler passieren uns allen, auch Konrad Kustos, doch eine
Zeitung, die von Hunderttausenden gelesen wird, muss sich Korrektoren leisten
können und wollen oder Schlussredakteure haben, denen so etwas auffällt. So
einer müsste also sehen, wenn es in der Bildunterschrift ganz offensichtlich
falsch heißt „… ind er Datenwolke“.
Oder gibt es indische Datenwolken? Sprachlich kongenial zum Thema heißt es in
einem Bericht über den Vierlingssegen einer türkischen Familie mit elf Kindern
in einer Zwischenüberschrift: „Die Sehnsucht der Schwestern nach einen Brüder“. Das Gute ist: Auch der Journalist könnte sich notfalls von
Hartz IV ernähren.
Der Grenzbereich zur
politisch-korrekten Hofberichterstattung, zu deren Schlampereien es demnächst
einen eigenen Post geben wird, ist tangiert, wenn in einem Bericht über eine Berliner
Lichterinstallation, die als „Lichter für Toleranz und Vielfalt“ beschrieben wurde,
noch einmal ein fast wortgleiches Politikerzitat angefügt wird, nur dass es
dann heißt „Die Installation versteht sich als Zeichen für gesellschaftliche Vielfahrt und Toleranz“. Aber
hoffentlich wenigstens mit Tempo 30.
Fehlende Kompetenz paart sich auch
mit fehlender Sorgfalt, wenn man nicht merkt, was man da eigentlich schreibt.
Wenn es etwa in der Überschrift heißt „Kinder mögen Süßes, das bestimmt die Genetik“. Der Genetik ist ja bestimmt einiges
anzulasten, aber dass sie schon die Geschmacks-Gene von kleinen Kindern ändern können, dürfte vorerst ein
(Medien-)Gerücht bleiben. Lediglich stillos ist es, wenn die Überschrift fragt
„Wer bitte zerstört einen
Kuschel-Raum?“ Anscheinend hatte ja schon jemand die Kita verwüstet, und man
muss nicht mehr um Nachahmer bitten. Und wenn die “Letzte Lotto-Ziehung live
im Fernsehen“ angekündigt wird, kommt man erst nach einigem Überlegen darauf,
dass es sich um die letzte Lotto-Live-Ziehung gehandelt haben mag und das Ende
dieses staatlich organisierten Volksbetrugs keineswegs eingeläutet wurde.
Was aber ist von der fachlichen
Kompetenz unserer aktuellen Journalistengeneration zu halten, wenn ungestraft
in der Überschrift zu lesen ist „Diebe
gehen immer brutaler gegen Wohnungsmieter
vor“? Vielleicht hat man ihnen den Verstand geraubt? Wenigstens in der
Polizeiredaktion sollte man doch den Unterschied zwischen Raub und Diebstahl
kennen.
Richtig schlimm wird es, wenn der
Leser mit falschen Fakten desinformiert wird. Als der große amerikanische
Fernsehsender NBC den Astronauten Neil Armstrong
mit dem Sänger Neil Young
verwechselte, wird sich der noch lebende Altrocker schon darüber gewundert
haben, dass man über ein Staatsbegräbnis für ihn nachdenke. Als Faustregel
gilt, dass die größten sprachlichen Schlampereien im Sport und die schlimmsten
inhaltlichen Fehler ausgerechnet in der Wissenschaftsredaktion passieren. Ist
den Typen nicht aufgefallen, dass es sich nicht wirklich um eine rasante
Steigerung handelt, wenn neuerdings der Rhein seit 15 Millionen Jahren durch Europa fließen soll, wo doch vorher zehn Milliarden Jahre angenommen wurden? Und
warum schreibt man in einer Überschrift, dass sich geologisch die Kontinente Amerika
und Europa nähern (tatsächlich
schreiben sie sogar annähern, was
ich aber im Sinne besserer Verständlichkeit hier schon korrigiert habe),
während es im Text offensichtlich darum dreht, dass sie sich entfernen? Ein völlig wirrer Artikel
über kommende Raumschiffsgenerationen wird noch getoppt durch die dazugehörige Bildunterschrift
„Nautilus-X ist nicht windschnittig,
doch das muss die Raumfähre in der Schwerelosigkeit
des Alls nicht sein“. Da hätte ein studierter Wissenschaftsredakteur vielleicht
mal merken können, dass der Windschnittigkeit, wie der Name schon sagt, die
Gravitationsverhältnisse vollkommen egal sind, sondern es dabei auf den Wind
oder vielmehr die Atmosphäre bzw. in diesem Fall das Vakuum des Weltraums
ankommt.
Tragikomisch ist auch die Meldung,
dass schon Babys Sprachen voneinander unterscheiden können, weil im Englischen die
Artikel kürzer sind als die Hauptwörter.
Na klar, das ist ja auch im Deutschen und Französischen vollkommen anders. Nur noch
tragisch ist es aber, wenn der Inhalt im Interesse einer Botschaft verfälscht
wird. Da heißt es beispielsweise in der Unterüberschrift „Wer täglich mehr als
40 Gramm Fleisch isst, riskiert den
Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, obwohl es in dem Text nur um die Wurst geht und die Risiken, die
speziell beim Räuchern, Salzen oder Pökeln dieser speziellen Fleischzubereitung
entstehen.
Auffällig, dass gerade bei Themen,
die von neuen Ideologien wie Klimawandel, Wellness oder Political Correctness
besetzt sind, die von den Chef-Journalisten gebastelten Überschriften dem oft
eher sachlichen Text besonders eklatant widersprechen. Etwa so: „Jeder hat die Chance, in Gesundheit zu
altern“. Eine zynische Überschrift und hier auch ein zynischer Text, die zusammen für
zumindest jeden chronisch oder erbkranken Menschen ein Schlag ins Gesicht sind.
Genauso verwerflich ist die in so vielen ähnlichen Artikeln transportierte
Unterstellung, mit mehr Bewegung und weniger Genüssen würde es uns allen bis
ins hohe Alter gutgehen. Und wem es nicht gutgeht, der ist also selber schuld
und muss, wenn er dem Arbeitslosenmarkt nicht mehr bis ins hohe Alter zur
Verfügung steht, sehen, wo er bleibt.
Manche glauben,
das Problem mit den Medien sei, dass sie immer mehr zu einem Instrument der
Gängelung und der Verdummung werden. Dies ist zwar richtig, aber nicht nur.
Auch die Medien selbst sind Opfer von Gängelung und Verdummung. Der Springer-Verlag
hat es beispielhaft vorgeführt, als er bei der Berliner Morgenpost die
Mitarbeiterzahlen so weit reduzierte, dass ein seriöses Arbeiten schlicht
unmöglich wurde. Die traditionsreiche Zeitung war wie auch das Hamburger
Abendblatt und eine Reihe auflagenstarker Zeitschriften für ihn ein bloßes
Renditeobjekt, das solange ausgequetscht wurde, bis es genau wegen dieser
ungesunden Verschlankung für die Funke-Gruppe so attraktiv wurde, dass diese
dafür 920 Millionen Euro auf den Tisch legte.
Die Manager des
Niedergangs glauben, dass sie unbegrenzt an der Renditeschraube drehen können,
weil ihnen die inhaltliche und formale Qualität egal ist. Sie glauben auch,
dass die Leser sich das unbegrenzt gefallen lassen, weil ja in allen
Konkurrenzprodukten das gleiche passiert. Deshalb gehört es zu dieser
virtuellen Welt dazu, dass sie ihre selbst verschuldeten Auflagenverluste
ausschließlich dem Internet vorwerfen.
Gleichzeitig
ziehen diese verantwortungslosen Verantwortlichen sich eine neue Generation von Journalisten heran, die für ein
Viertel des Lohns rund um die Uhr anwesend ist und zum Ausgleich auf
sprachliche Fähigkeiten und kritisches Denken verzichtet. Als Konrad Kustos in
den achtziger Jahren beim Berliner Tagesspiegel volontierte, flog noch jeder
raus, der Trage mit Bahre verwechselte oder „gewunken“ schrieb. Heute werden diese
Fehler von den jung-dynamischen Chefs in die Texte notfalls noch reinredigiert.
So sind die Medien einerseits ein Transporteur des Niedergangs wie auch sein
prominentes Opfer.

„Wer täglich mehr als 40 Gramm Fleisch ist, riskiert den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ - wenigstens ein Beitrag auch mal für kleinere Leute.
AntwortenLöschenDanke! Habe herzlich gelacht.
AntwortenLöschenHerrlich - das war wieder mal eine sehr vergnügliche Lektüre …
AntwortenLöschenEinige dieser höchst amüsanten Fehler sind mit Sicherheit auf echtes Nichtkönnen zurückzuführen.
Aus Erfahrung weiß ich, dass an bestimmten Stellen – selbst in einem renommierten Sender in Köln – hochbezahlte Redakteure sitzen, die keine journalistische oder vergleichbare Ausbildung haben und gar nicht selten echte Highlights auf der Selbstoffenbarungsebene produzieren, weil sie es einfach nicht besser wissen.
Ich erinnere mich an den Satz eines Kollegen aus meiner Zeit in diesem Sender, der da lautete: „Die Leiche des Müllers lag tot am Fluss“.
Der Mensch, der das geschrieben hat, war sehr wohl leistungsbereit, doch das allein reicht eben leider nicht aus.
Aber was wäre das Leben ohne die Fehler der anderen?
Wir hätten weniger zum Schmunzeln – und weniger Gelegenheit, uns überlegen zu fühlen.
In diesem Sinne freue ich mich über jeden Lapsus :-).
Beste Grüße für heute
Annette S. aus K.
Ja, es sollte auch mal was zum Lachen sein, aber zum Weinen natürlich auch. Jeder Mensch macht Fehler, aber durch die Ausbeutung der eigenen Mitarbeiter kommt es dazu, dass nun alle andauernd Fehler machen. Das ist schon ein systemisches Problem. Bis vor vier Jahren war ich noch mittendrin und habe mitgelitten. Und ich habe natürlich Kontakt zu Exkollegen: Es ist unbeschreiblich, was da jetzt abgeht. Demnächst kommt übrigens noch eine Fortsetzung zum Thema...
AntwortenLöschenJa, in den Redaktionen der Print-Medien sieht es in der Tat düster aus, das ist wohl wahr und auch systemisch betrachtet eine Katastrophe.
LöschenInsbesondere aber natürlich für die Leute, die nach und nach ausgeblutet werden oder verheizt – und im schlimmsten Falle beides.
Berufsbezeichnungen wie "JournalistIN", "ÜbersetzerIn", "Redakteurin", "LektorIn" usw. ist aber leider ebenso wenig geschützt wie "Psychologin" - und damit steht dem Niedergang eigentlich nichts mehr im Weg – Fachleute werden heutzutage durch Leute ersetzt, die im wahrsten Sinne des Wortes „artfremd“ sind. Ein Freund von mir hatte es letztens mit einer "Redakteurin" zu tun, die aus der Logistik kam.
Mich wundert in dieser Hinsicht also wirklich nichts mehr.
Da solche Leute vermutlich auch glauben, journalistisch arbeiten zu können, und es offensichtlich Printmedien gibt, für die sie für wenig Geld arbeiten dürfen und die offensichtlich trotz aller Fehler und Mängel ihre Kundschaft finden, ist es letztlich logisch, dass die Medienwelt so aussieht, wie sie aussieht.
Aber mal ehrlich: Wem fällt das noch auf? Oder anders: Wer findet das noch wichtig – außer offensichtlich ein paar Leuten, die in der Masse leider untergehen?
Umso toller finde ich es, dass Sie die Fahne für ein kulturelles Gut hochhalten, das den Teil der Gesellschaft, der lesen kann und es auch tut, in starkem Maße prägt.
Ich freue mich auf mehr zum Lachen und zum Weinen und wünsche ein schönes Restwochenende
Annette S. aus K.
Als Angehöriger der MINT-Fraktion, also bar jeglicher Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse, möchte ich doch einen Umstand anmerken der mir auch in vielen anderen zusammenhängen immer wieder negativ auffällt. Sie schreiben: "Manche glauben, das Problem mit dem Medien sei, dass sie immer mehr zu einem Instrument der Gängelung und Verdummung werden. Dies ist zwar RICHTIG, aber nicht nur".
AntwortenLöschenDieses Wort RICHTIG ist aus meiner Sicht grundlegend falsch in diesem Zusammenhang. Das, aus meiner Sicht richtige Wort ist "WAHR".
Was meinen Sie zu meiner Sicht?
MfG: M.B.
Lieber Herr Brand, was Sie sagen ist sicherlich sowohl richtig als auch wahr, wenn man das Wort "richtig" in diesem Zusammenhang nicht als zulässige Verkürzung von "richtig wahrgenommen" ansieht. Die Sprache ist voll von solchen Verkürzungen (Ellipsen) http://de.wikipedia.org/wiki/Ellipse_(Linguistik). Das konnten Sie als echter MINTer natürlich nicht wissen... ;-) Viele Grüße KK
Löschen„Wer täglich mehr als 40 Gramm Fleisch ist, riskiert den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ -- ich bin jeden Tag mehr als 40 Gramm Fleisch, und zwar schon beim Aufstehen. Ich hab wohl keine Chance...
AntwortenLöschenGut gegeben, war aber schon seit einigen Tagen korrigiert....:-)
LöschenDie geldgierigen Manager sind dafür verantwortlich? Puh! Da bin ich aber froh, dass nicht wir Leser und Zeitungskäufer schuld sind.
AntwortenLöschenWir Leser erwarten ja eigentlich keine Doktorarbeit, sondern eher Unterhaltsames. Dass angesichts der zunehmenden Medienflut - Kostenlos-Zeitungen, TV-Spartenprogramme, Internet - unsere Zahlungsbereitschaft bei Printmedien sinkt, kann ja nicht dazu führen, dass Journalisten schlechter bezahlt werden oder Lektoratsstellen eingespart werden.