Die Südstaatentragödie von einem Schwarzen, der eigentlich
als freier Mann im Norden der USA lebt, dann aber entführt und zwölf Jahre im
Süden als Sklave gehalten wird, ist düsteres Gefühlskino ohne Inspiration, ohne
Perspektive und ohne Ausweg. Gut, Regisseur Steve McQueen, vom britischen
Imperial War Museum einst zum „offiziellen Kriegskünstler für den Irakkrieg“
ernannt, hat die schlimmen Klischees vom bösen Weißen und guten Schwarzen
weitgehend gemieden. Aber in all den voraussehbaren Geschehnissen lässt er weder
Platz für ein tieferes Verständnis der Emotionen und Wahrnehmungen der
Betroffenen noch für tiefere Emotionen des Zuschauers, die über Entsetzen
hinausgingen.
Nicht ein einziges Mal wird die gewollte Beklemmung durch
ein schönes Erlebnis glaubwürdiger gemacht, das es für jeden Menschen auch in dessen
schwärzester Stunde und unter den schlimmsten Umständen gibt. Und wäre es nur
der vielzitierte Sonnenuntergang oder die Freude über ein Lächeln eines
Leidensgenossen. So suhlt sich der Film in künstlicher Schlechtigkeit und bleibt
eine fatale Mischung aus Agitprop und emotionaler Vergewaltigung.
All das ist für die Medien und die diversen
Vermarktungsapparate kein Problem, im Gegenteil: Es ist der Grund für den
weltweiten und kritiklosen Hype. Jene sehen die politische Botschaft, die sich
gegen das mächtige Amerika und seine Vergangenheit wendet und baden sich in
ihrem „kritischen“ Gutmenschentum. Die Bösen sind die anderen - in unserem Fall
auch noch weit weg -, und man selbst würde so etwas natürlich nie tun.
Psychologisch kommt noch eine Metaebene hinzu, die mehr und
mehr hier, aber leider eben nicht nur hier, ausgebeutet wird: Die
abendländische, protestantische Lust am Leiden
und der Verzweifelung! Über Jahrhunderte, beginnend mit dem historisch
letztlich erfolgreichen Leiden von Jesus am Kreuz, hat unser Kulturkreis die
Botschaft verinnerlicht, dass Leiden gottgefällig und erfolgversprechend ist, und
nun ist der Mechanismus eben in Hollywood angekommen.
Der durchzieht im übrigen auch unseren sonstigen Alltag.
Deshalb verkneifen sich beispielsweise viele Leidende Schmerzmittel und sind
noch stolz darauf. Deshalb essen die Leute einseitig „biodynamisch“ und glauben selbst dann, dass es ihnen gut tut, wenn ihnen schon die Haare
ausfallen. Deshalb haben wir indifferente Schuldgefühle und fühlen uns
mitschuldig am Leiden der Welt, nur weil es uns (glücklicherweise) relativ gut
geht. Und deshalb werden auch politische Entscheidungen getroffen, die weit von
jeder Vernunft entfernt sind.
Diese selbstkasteiende Betroffenheitskultur hat sich im Zuge
des wachsenden Individualismus für eine bestimmte Klientel zusätzlich
weiterentwickelt. Hierbei befreit die virtuelle Betroffenheit beim Kinobesuch subjektiv
von realer sozialer Verantwortung. Wer sich hier (oder anderswo) lauthals auf
die Seite des nominell Guten schlägt, will sich der eigenen Verantwortung entledigen,
sich im wirklichen Leben „gut“, also sozialverträglich, zu verhalten. Es dürfte
demgemäß kein Zufall sein, dass sich gerade unter den Gutmenschen so viele
selbstgerechte und rücksichtslose Egomanen zu befinden scheinen.
Wenn er nur die richtige Gesinnung hat, braucht ein Film also
keine künstlerische Leistung mehr, keine komplexe Auseinandersetzung, keine
differenzierten Emotionen oder Sachverhalte. Dann reicht es, in primitivster
Art und Weise mit den Ängsten und der Angstlust des Zuschauers zu spielen. Dann
reicht es, eine Geschichte weitgehend ohne feinere, bereichernde oder
nachdenklich machende Zusammenhänge bloß in Blut, Schmerzen und Paranoia zu
ertränken.
Für das Entsetzen des Zuschauers angesichts des
unglaublichen Verlustes und der Machtlosigkeit des Protagonisten hätte es nicht
bedurft, dass man Haut unter den gefühlt unendlichen Peitschenhieben
zentimetertief und in Großaufnahme aufplatzen sieht. Man hätte den Sex unter
den Sklaven nicht als beklemmende gegenseitige Vergewaltigung inszenieren
müssen. Und auch die minutenlange Agonie des am Galgen Gefolterten zielt
weniger auf eine Bedeutung denn auf die Lust an der Grausamkeit.
Dies gibt vor, Realismus zu sein, dies behauptet
aufklärerisch und erzieherisch zu sein, doch angesichts seiner Grobheit,
Oberflächlichkeit und Einseitigkeit bleibt es nur eine perverse Ausbeutung der
Gefühle des Zuschauers. Es ist beklemmend, gewiss, aber wozu dient diese
Beklemmung? Gilt es, nachträglich die Sklaverei zu bekämpfen? Meines Wissens
haben wir auf der Welt mittlerweile ganz andere Probleme. Gilt es,
Vergangenheit aufzuarbeiten? Das leistet der Film nicht, denn er erzählt ja
weniger eine Geschichte über die Sklaverei als über das persönliche Schicksal
des Opfers eines Verbrechens. Gilt es zu zeigen, dass die amerikanische Nation
ausschließlich aus dem Bösen geboren wurde? So kurz das auch greift, und so
falsch es in seiner Oberflächlichkeit ist, liegt hier wahrscheinlich die
Absicht der Filmemacher, die psychologisch geschickt die Stimmung der veröffentlichten
Meinung eingeschätzt haben.
So offenbart sich auch, warum die Machart des Machwerks den
Medien und den Kritikern und den Juroren nicht ein- und auffällt. Auf einem
ähnlichen Ticket reisten ja schon erfolgreich die Filme über den Zweiten
Weltkrieg und das Dritte Reich, in dem sich gleichermaßen amerikanische und
deutsche Filmschaffende austobten. Doch letztere waren trotz ihrer niederen
Motive immerhin noch historisch näher und politisch relevanter, denn Krieg und
Diktatur sind im Gegensatz zur Sklaverei eine weiter und immer bestehende
Gefahr.
„12 years a slave“ ist nicht mehr als ein Horrorfilm neuer
Prägung. Die Macher müssten sich nicht wundern, wenn der Film in der neuen
Generation nicht als Betroffenheits-Fühlkino, sondern als neue Form eines
Grausamkeitskicks rezipiert würde. Und für das Betroffenheitspublikum sei daran
erinnert, dass die in dem Film so makellos strahlenden Yankees die Sklaverei weniger
aus Menschenfreundlichkeit abgeschafft haben, sondern weil „freie“ Menschen
bessere Arbeiter und bessere Konsumenten abgeben. Ein Film über „Lohnsklaven“
hätte dann allerdings viel zu sehr mit der Realität zu tun gehabt.

Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschenich danke Ihnen für die feinsinnige Wiedergabe Ihres Eindrucks, der meine Gefühle beim Anschauen des Trailers noch unterstreicht – ich werde also ganz bestimmt NICHT in diesen Film gehen …
In verschiedenen Foren lese ich immer wieder den Ausdruck „Gutmensch“.
Auch bei Ihnen taucht der auf und eben auch im Zusammenhang mit diesem Film. Und ich frage mich – und jetzt auch Sie –, was genau Sie mit diesem Wort verbinden.
Nach der Definition bei Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch
ist der Gebrauch dieses Begriffs m.E. höchst fragwürdig und erklärungsbedürftig.
Damit ich seine Bedeutung in Ihren Texten zuordnen kann, wäre ich Ihnen dankbar für Ihre Erläuterung, mit welcher Konnotation Sie dieses Wort verwenden.
Über Ihre Antwort würde ich mich sehr freuen!
Ich wünsche allseits ein wunderschönes Wochenende
Annette S. aus K.
Liebe Annette S., zuerst mal: Schön, dass Sie wieder dabei sind. Bei Ihrer Frage weiß ich nicht so recht, ob sie vielleicht ein bisschen kritisch-rhetorisch gemeint ist. Jedenfalls versuche ich mich mal an einer Definition. Eigentlich müsste der Begriff "Gutmensch" natürlich quotiert werden, denn er meint ja etwas völlig anderes als einen guten Menschen. Da Gutmensch aber vorher sprachlich nicht im Sinne von guter Mensch besetzt war, ist es wohl auch so in Ordnung. Ein Gutmensch wäre dann jemand, der sich im Bemühen, gut zu sein, auf die Seite einer unguten, das Gute aber für sich reklamierenden, moralischen Gruppierung schlägt, die wiederum den Anspruch benutzt, für ihre Anhänger ideelle und materielle Vorteile herauszuschlagen. Dazu wird wie bei jeder aggressiven Ideologie das freie Denken und Reden der Andersdenkenden weitmöglichst eingeschränkt. Die Meinungsführerschaft und Macht wird angestrebt. Dies geschieht nicht institutionalisiert, wie etwa beim Sozialismus, sondern strukturell, sozusagen kollektiv unterbewusst. Im Denkgebäude von Konrad Kustos würde das heißen: Die "Kollektive Kybernetische Kompetenz" der Menschen (also so etwas wie der gesunde Menschenverstand nur mehr) wird von einem negativen "Metaorganismus" getäuscht und korrumpiert. Einzelheiten dazu in meinem Buch. Viele Grüße KK
AntwortenLöschenLieber Herr Kustos,
Löschendiese Frage habe ich nicht kritisch-rhetorisch, sondern kritisch-interessiert gestellt.
„Gutmensch“ ist für mich einfach ein Begriff, mit dem ich wenig anfangen kann. Dafür müsste ich erst einmal wissen, was „gut“ und was „schlecht“ ist, aber diese Diskussion kann hier natürlich nicht geführt werden.
Interessanterweise benutzen nach meiner Beobachtung insbesondere Wirtschaftsleute aus der – ich vermute mal – neoliberalen Ecke diesen Begriff, um KritikerInnen mundtot zu machen.
„Gutmensch“ wird von dieser Gruppe ähnlich hohlphrasig benutzt wie “Sozialneid“. Das sind eben nicht wirklich gefüllte oder gar definierte Begriffe, deshalb können so Bezeichnete dem erst mal wenig entgegensetzen und geraten – beabsichtigterweise! – ganz schnell in die Rechtfertigungsfalle. Sämtliche Argumente werden dann in erwähnter Manier als kleinkariert und moralisierend abgebügelt.
Ich hatte mir zwar gedacht, dass Sie diesen Begriff anders verwenden und definieren als von mir bisher rezipiert, aber ich wusste eben nicht, wie.
Ich danke Ihnen für Ihre Erläuterung ganz herzlich und wünsche ein schönes Restwochenende
Annette S. aus K.