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| Glas(k)erker Foto: Konrad Kustos |
Braunkohletagebaue, industrielle Landwirtschaft, Megastädte,
Straßenlabyrinthe wachsen unentwegt, während die Auenlandschaften sukzessive in
Fantasy-Filme verbannt werden. Am unerbittlichsten aber ist die moderne Architektur,
denn sie folgt nicht den Parametern einer irgendwie gegebenen Nützlichkeit,
sondern dem Selbstdarstellungsdrang ideologisierter Individuen. In der
Alltagsarchitektur äußert sich das zwar oft nur in grauer Langeweile, doch sticht
es bei Repräsentationsvorhaben ins Auge. Es gilt den Verursachern dabei, sich so weit wie möglich vom
Empfinden des verachteten Mainstreams, also der Allgemeinheit, abzusetzen, um
eigene Einmaligkeit zu demonstrieren.
Ein Beispiel gefällig? Das Jagdschloss Glienicke liegt in einer
waldigen Hügellandschaft zwischen Potsdam und Berlin und ist eingebettet in
eine weiträumige Schlösserlandschaft, der „Potsdamer Kulturlandschaft“, die von
der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt wurde. 1682 wurde es errichtet,
zahlreiche Umbauten folgten, bis es 1890 seine vorerst endgültige, sich
zauberhaft in die Landschaft fügende Struktur bekam. Vorerst, denn 1964 machte
sich Max Taut, der kleine Bruder des Bauhaus-Mitbegründers Bruno, daran, das
Schloss zu einer Bildungsstätte umzubauen. Mit der Gnadenlosigkeit, die der Moderne
zu eigen ist, wurde der zentrale Schlossbereich aufgebrochen, die Freitreppe
zum Garten zerstört und dafür ein monotoner „Glaserker“ eingesetzt. So weit, so
schlecht.
Der Skandal beginnt, als sich nach einem Brand im Jahr 2003
die Frage stellte, bei der Wiedererrichtung einer historischen Gestalt oder der
Tautschen Version den Vorzug zu geben. 2011 ordnete das Landesdenkmalamt die Rekonstruktion
des Glaserkers an. Bürgerinitiativen liefen Sturm, sammelten Tausende von
Unterschriften, die örtliche Politik versuchte geschlossen zu intervenieren - alles
vergeblich. Der Landeskonservator fühlt sich eben nicht der Qualität und schon gar
nicht den Leuten verpflichtet, sondern „historischen Spuren“. Schließlich sei
der Tautsche Glaskasten ein Zeugnis des Kalten Krieges.
Was zeugt bei einer Architektursünde, die in einem Park
herumsteht, denn von einem Krieg? Die mutwillige und ideologisch motivierte
Zerstörung eines historisch gewachsenen Kunstwerks wird so zu einer erhaltenswerten
„Zeit- und Deutungsschicht“ umgedeutelt. Verkopfung ist schon schlimm genug,
aber wenn es im betreffenden Kopf auch noch durcheinander geht, kann man den
eigenen nur noch in den Sand stecken.
Der Denkmalschutz, der anderswo auch schon mal Baudenkmäler
dem Verfall preisgibt, weil er strickt historische Rekonstruktionen ablehnt,
die über den Einbau originalgetreuer Fenster hinausgehen, macht sich hier zum
Erfüllungsgehilfen seines Kumpels, der klassischen Moderne. Kein Wunder, kommen
beide doch aus demselben ideologischen Schlamm: Im frühen 20. Jahrhundert, als
die Schnörkel des Wilhelminismus überhandnahmen, entwickelte sich eine
Gegenbewegung sich fortschrittlich wähnender Baukünstler, die das neue,
aufgeklärte menschliche Schaffen demonstrativ über Tradition und Natur erheben
wollte.
Der Vorreiter dieses Denkens war Adolf Loos, der 1908 in
seiner Schrift „Ornament und Verbrechen“ die Doktrin vorformulierte, die unter
anderem nach dem Zweiten Weltkrieg deutschlandweit zum flächendeckenden
Abschlagen von Stuckverzierung führte. Fortschrittlich, wie er war, verfasste
er in Kleinschrift ein Dogma gegen Verzierungen, was ihn nicht daran hinderte,
sich sprachlich in peinlichen Schnörkeln zu verlieren. „Ich habe folgende
erkenntnis gefunden und der welt geschenkt: Evolution der kultur ist
gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstande.“
„…es ist ein verbrechen an der volkswirtschaft, daß dadurch menschliche arbeit,
geld und material zugrunde gerichtet werden.“ „Ornamentlosigkeit ist ein
zeichen geistiger kraft.“ „Seht, die zeit ist nahe, die erfüllung erwartet
unser. Bald werden die straßen der städte wie weiße mauern glänzen.“
Nun glänzen also die Mauern der Trabantenstädte, der
Plattenbauten, die Verbrauchermärkte und die Lückenschließungen in
Altbauquartieren wie es Loos und seine Gefolgsleute sich gewünscht haben. Da
half es auch nicht, dass der Meister später als Kinderschänder verurteilt
wurde, was bei der Rezeption seiner Ideologie durch seine Jünger vollkommen
ausgeblendet wird, wie es im totalitären Denken eben so üblich ist.
Billig musste die neue Baukultur sein, denn sie sollte dem
neuen, am besten sozialistischen, Menschen ein Zuhause geben, und gleichförmig
musste sie sein, weil dies nach dem Denken der Schickeria dem Wesen des neuen,
noch zu schaffenden Menschen entsprach. Ihre Arroganz steht in der Tradition
der Aufklärung, die sich ebenfalls über Tradition und Natur programmatisch
hinwegsetzte. Die Zukunft sei ein fortwährender Fortschritt, wenn es dem Menschen
gelänge, sich von seiner Abhängigkeit von der Natur zu lösen. Was für eine hybride
Vorstellung angesichts der realen Kraft der Evolution und des
Beharrungsvermögens gewachsener Kultur- und Zivilisationsleistungen.
Genau aus dieser Arroganz heraus bejubeln die Claqueure des
Fortschritts noch heute jede Abkehr von der Tradition, ohne zu prüfen, ob dies
sinnvoll, nützlich oder wünschenswert ist. Natürlich war es gut, dass das Bauhaus
Dinge in Frage gestellt hat, dass neue Formen versucht wurden, dass auf die neuen
zur Verfügung stehenden Bautechniken reagiert wurde. Aus Versuch und Irrtum
erwächst das Neue, aber nur, wenn es sich durchsetzen kann, weil es von den
Menschen akzeptiert wird. Doch wenn die Stühle unbequem, die Löffel unhandlich
oder die Architektur (als Zwangskunst im öffentlichen Raum) deprimierend sind,
dann ist es kein Fortschritt, sondern eine Verirrung.
Solche Arroganz eines konstruierten virtuellen Fortschritts
paart sich aber auch mit ganz praktischen Erwägungen. Kultur war schon immer
ein ideologisches Phänomen, weil sie auch ein ökonomisches war. Für die Inhaber
der „wahren Lehre“ gab es Einkommens- und Karrierevorteile. Das betraf nicht
nur Individuen, sondern ganze Stände.
Bei der Aufklärung geriet nun die Bildung zum Leitmotiv,
weswegen die Bürgerlichen lernten wie die Blöden, um dem einfachen Volk
beweisen zu können, dass es blöde sei. Die Musik des Volkes war plötzlich
primitiv, die Literatur war Schund und die Malerei naiv. Das Bürgertum war im
Besitz der Wahrheit und besaß dadurch auch das Recht der Herrschaft. Der Adel musste
dafür zuvor noch göttliche Gnade in Anspruch nehmen.
Diese Mechanismen des Teilens und Herrschens wohnen jeder
neuen Geisteslehre inne. Deshalb ist es durchaus gewollt, dass die Produkte des
neuen Bauens und der modernen Denkmalpflege von dem in diesen
Entscheidungsprozess nicht einbezogenen Volk nicht gewollt sind. Es handelt
sich um einen typischen Konflikt zwischen einer kulturellen Oligarchie mit gänzlich
anderen Interessen und anderer Ästhetik einerseits und denen andererseits, die
diese Ästhetik herstellen und nutzen müssen. Im Gegensatz zu Picasso und
Stockhausen ist die Baukunst etwas ungleich Relevanteres, denn ihr kann sich
niemand entziehen. Dieser Konflikt berührt also Grundfragen der Demokratie. Es
geht um Herrschaft, Unterdrückung und den Willen des Volkes.
Deshalb ist die Frage, ob ein altes Schloss einen modernen
Fremdkörper implantiert bekommt, keine geschmäcklerische. Dahinter steht die
Notwendigkeit, sich eine lebenswerte Umwelt zurückzuerkämpfen. Darauf zu
warten, dass sich darum die Architekten und Denkmalpfleger kümmern ist naiv, denn
denen fehlt es sowohl an der geistigen als auch an der moralischen Größe.
Alles wird derzeit unter Schutz gestellt, was nur laut genug
jammert oder bejammert wird. Wie viel mehr wäre es an der Zeit, auch unsere
Wahrnehmung vor menschgemachten Scheußlichkeiten zu schützen. Das schließt im
übrigen auch die Tatsache ein, dass gegenwärtig ein ganzes Land mit gewaltigen
Windmühlen und demnächst ebenso gewaltigen Hochspannungstrassen zugespargelt
wird. Wikipedia verspricht in einem übrigens sehr einseitigen Artikel,
dass die Windenergie weltweit ein Potenzial von 1800 Terawatt (= 1800 Millionen
Megawatt) hat, was dem Hundertfachen des derzeitigen Weltenergieverbrauchs
entspräche. Wie diese Welt dann aussehen würde, steht da nicht.

Apropos Erneuerbare.... am Wochenende des 16.2.`14, haben die deutschen Stromkunden (mal wieder) ca 29 Millionen Euronen unseren Nachbarn bezahlt... damit die den viel zu viel produzierten Strom abnehmen. Hehe... und keine Bange, kaum kommt so eine Meldung in die Schlagzeilen, kommen unsere grünen Heilsbringer_innen und verkünden daß ja nur die nötigen Speicher fehlen und man daran ja sieht, daß Wind und Sonne volkommen ausreichen um eine Industrienation mit Energie zu versorgen. Ich hatte tatsächlich mal so eine Diskusion in der mein Gegenüber meinte: "...bei Laptops und Smartphones gehe das doch auch...die Akkus müßte man nur größer bauen" ....tja.... leider dürfen solche Leute wählen gehen... kann es sein daß wir in Schilda-Land wohnen??
AntwortenLöschenEine interessante Verknüpfung zweier sehr unterschiedlicher Themengebiete - bei der kritischen Beurteilung der modernen Bau- und Denkmalschutz-Kultur kann ich KK durchaus folgen, aber warum ausgerechnet die Windenergie und die dafür nötigen Hochspannungstrassen so viel schlimmer sein sollen als konventionelle Kraftwerke und Hochspannungstrassen für Atomstrom?
AntwortenLöschenWenn dann noch der Autofahrer beim Durchrasen der Landschaft an Windkraftwerk-Schwindel leidet, frage ich mich schon, ob da nicht Sachen in einen Topf geworfen werden, die nichts miteinander zu tun haben? Kein Wort über städtezerschneidende Autobahnen und deren Lärm? Oder über die den Himmel zerschneidenden Kondensstreifen von Flugzeugen, die optisch sicher auch nicht angenehmer sind als die Windmühlenflügel?
Wahrscheinlich sind das alles einfach Codes, die einem sagen, auf welcher Seite der Großen Debatte man gerade steht. Windenergie - grün - böse. Kernkraft - schwarz - gut. Und da die Diskussion über moderne Architektur und den Denkmalschutz nicht so eindeutig einer Seite zuzuordnen ist, muss sie mit den passenden Codes gewürzt werden.
Diese Würz-Methode gefällt mir - muss mal darüber nachdenken, wo man sie noch so verwenden kann.
Nein, in der Kürze liegt nur die Würze. Dieser Post, ich erkläre es gerne noch einmal, handelt nur vordergründig von Windmühlen und Architektursünden: Es geht um die Vergewaltigung der natürlichen Ästhetikbedürfnisse des Menschen durch einen neuen, menschenfeindlichen Funktionalismus, der dann auch noch von interessierten Kreisen zum Kulturwert erklärt wird. Schaffe ich es also nicht, diese Zusammenhänge zu zeigen, oder schaffst Du es nicht, kybernetisch im Zusammenhang zu lesen? Es geht jedenfalls überhaupt nicht um Codes, die Dir wohl nur gefallen, weil Du da sowieso mit irgendeiner Idee schwanger gehst. Du siehst diese Polaritäten, weil Du deshalb absichtlich Fakten und den Sinn von Maßnahmen ignorierst. Beispielsweise sind diese Stromtrassen für Windenergie eben viel länger und teurer, weil die fragwürdige, teure und auf absehbare Zeit noch gar nicht verfügbare Energie nicht mehr da produziert werden kann, wo sie gebraucht wird, und deshalb durch das ganze Land transportiert werden muss. Zu diesen Themen gibt es aber in diesem Blog unabhängig vom Ästhetik-Thema einiges woanders zu finden.
AntwortenLöschen"...natürliche Ästhetikbedürfnisse des Menschen..."
AntwortenLöschenSehr geehrter Herr Kustos,
was, wenn die Menschen keine mehr haben?
Im Äußeren zeigt sich das Innere.
Betrachte ich mit dieser Aussage die persönlich gestaltete Umwelt
meiner Mitmenschen, liegt der Schluß nahe, daß das natürliche Ästhetikbedürfnis nicht mehr existiert.
Insofern sind dann die heutigen architektonischen Ergebnisse nur logische Folge.
Gruß
wolfswurt