Im Bereich der schulischen Bildung wird deshalb so getan,
als könne man mit neuen pädagogischen Konzepten dem Verfall entgegenwirken,
damit man nicht einräumen muss, dass die Schulpolitik weder ihre Hausaufgaben gemacht
hat noch vorhat, dies demnächst zu tun. Wenn in Bayern nur 4,8% der
Jugendlichen ihre Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, in Mecklenburg-Vorpommern
hingegen 11,9%, dann liegt das offensichtlich weniger an genetischer Blödheit
oder mangelhaften pädagogischen Konzeptionen, sondern an der Ausstattung der
Bildungseinrichtungen einerseits und der Motivation der Lernenden andererseits.
Und die fehlende Motivation in den neuen Ländern, entsteht ebenfalls nicht aus
falschen oder unmodernen Unterrichtsmethoden, sondern aus einer allgemeinen
Agonie und desillusionierenden Berufsaussichten.
Für die Verantwortlichen ist aber solch ein kollektives
Problem nur subjektiv, besser gesagt: virtuell, zu lösen. Mit immer neuen
pädagogischen Konzepten versucht man, die Kurve zu kriegen oder wenigstens dies
den Leuten zu suggerieren. Man denke nur einmal an JüL, das so unschuldig
betitelte „jahrgangsübergreifende Lernen“, bei dem (meistens) die ersten beiden
Schulklassen in einem dreijährigen Verband unterrichtet werden. Die Idee ist,
dass ein Kind mit schlechten Leistungen aus der virtuellen dritten Klasse (d.h.
also im Prinzip sitzengeblieben) frisch Eingeschulten auch Hilfestellungen
geben kann. Sicher ein faktischer und emotionaler Vorteil, doch ignoriert er
die vielen Nachteile, beispielsweise die permanente Unterforderung guter
Schüler, die Verlängerung der Schulzeit für schlechte Schüler um ein Jahr, die
dadurch erforderliche unspezifische Lehrstoffvermittlung und die Spannungen,
die zwischen jüngeren und älteren Schülern in diesem Alter unvermeidbar sind.
Jetzt kriegen die kleinsten eben dreimal soviel Kloppe.
Mit erheblichem politischen und organisatorischen Aufwand wurde
JüL in mehreren Bundesländern eingeführt, in Berlin sogar flächendeckend, doch
es offenbaren sich auch für Gutgläubige immer mehr die Mängel einer Idee aus
dem reformerischen Wolkenkuckucksheim. „Wir haben doch ohne die Mischung schon
erhebliche Unterschiede in den Klassen“, bemängelte zeitig eine Schulleiterin.
Kleinere Klassen und eine bessere Lehrerausstattung würden viel eher bei der
Problemlösung helfen. Doch die kosten ja Geld, noch mehr Geld jedenfalls, als
scheitern(müssende)de Reformen. Auch gehen durch den Verzicht auf einen
Klassenverband den Jüngsten frühzeitig Bezugspersonen verloren, was eine
JüL-Vertreterin zu der objektiv zynischen Bemerkung veranlasste, es sei doch
toll, wenn die Kinder immer neue Leute kennenlernen könnten.
2010 erwirkten die Schulen in Berlin durch massiven Druck,
zu klassischen Klassen zurückkehren zu
dürfen. Massenhaft (in 114 von derzeit 367 Grundschulen) wurde dann davon
Gebrauch gemacht, besonders in Bezirken mit schwieriger Klientel wie Neukölln. Die
hohe Zahl der Beharrenden dürfte auf die Scham zurückzuführen sein, den
Fehltritt einzuräumen. Auch in anderen Bundesländern ist JüL auf dem Rückzug.
Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Nirgends startete man so enthusiastisch wie
in Berlin. Und nirgends ist man so hart auf dem Boden der Wirklichkeit
aufgeschlagen. Das altersgemischte Lernen gerät zu einer der Bildungsreformen,
die an der Realität scheitern.“
Damit dürfte wohl auch die sogenannte Inklusion gemeint
sein. Inklusion bedeutet im Klartext, dass Gesunde mit körperlich und geistig
Behinderten zusammen unterrichtet werden. Grenzen sollen überwunden, Behinderte
integriert werden - soweit so gut, doch steht und fällt das Konzept mit der
erforderlichen individuellen Betreuung, die natürlich nicht gewährleistet wird,
weil ja all diese pädagogischen Nebelkerzen verschleiern sollen, dass eigentlich
an der Bildung gespart werden soll. „Stellenneutral“ soll das ganze geschehen,
was neben der Verweigerung neuer Stellen bedeutet, dass die mit Behinderten
erfahrenen Pädagogen jetzt in den normalen Schulbetrieb integriert werden, und
ihre Kompetenz nur noch sehr eingeschränkt einbringen können.
Ist das der geforderte Praxisbezug? Ich erinnere mich
jedenfalls noch gut an Rita aus der 7. Klasse, die nicht wirklich behindert
war, aber fett und eben ein bisschen
blöd. Die Ärmste musste erdulden, wie wir unreifen Idioten ihr täglich unsere
Atlanten auf den Kopf donnerten, weil wir der Bevormundung durch die Lehrer
entgegentraten, die uns zwingen wollten, zu dieser Außenseiterin besonders nett
zu sein - und ich glaube nicht, dass moderne Schüler zimperlicher sind.
Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, der man
natürlich auch hier mit besonderer Vorsicht begegnen muss, bräuchte allein
Berlin 864 neue Stellen, um das gemeinsame Lernen von gesunden Schülern und - nach
neuer PoCo-Sprachregelung - solchen „mit besonderen Fähigkeiten“, sinnvoll zu
gestalten. Bundesweit währen das danach fast 10.000 zusätzliche Lehrer. Die
Kosten beliefen sich auf 660 Millionen Euro jährlich, wobei nur die Personalkosten
erfasst sind.
Das Ganze verdanken wir nicht nur dem Reformeifer der
Politiker und Pädagogen, sondern auch einer UN-Konvention, in der sich
Deutschland verpflichtet hat, „Kinder mit hohem Förderbedarf“ an Regelschulen
zu unterrichten, also nicht mehr in einem eigenen Programm zu fördern. Um die
Dimensionen zu verstehen: Wir reden von einer halben Million Menschen. Da
trifft es sich gut, könnte man zynisch einwerfen, dass auch viele normale
Schüler inzwischen nicht mehr weit vom Behindertenstatus entfernt sind. Über
den Zustand der verantwortlichen Politiker kann nur spekuliert werden.
JüL und Inklusion könnten also vielleicht funktionieren,
wenn mit zusätzlichen Pädagogen eine individuelle Betreuung erfolgte. Doch was
könnte mit solchen zusätzlichen Pädagogen überhaupt alles bewirkt werden…?
Andere Reformen leiden nicht unter solchen ökonomischen Einschränkungen,
sondern nur unter den geistigen Defiziten ihrer Initiatoren. Sie entspringen
der so irrsinnigen wie idealistischen Idee der Aufklärung, Menschen könnten
unabhängig von der historischen und materiellen Situation jedes naturgegebene
Problem lösen, indem sie das gewünschte Ziel bar funktionaler Mittel einfach ansteuerten.
Eine dieser Reformen tarnt sich mittels des Namens „Lesen
durch Schreiben“ (LdS), gemeint ist aber eher Schreiben durch Hören. Virtuelle
Erfolge sind garantiert, wenn der Zwerg „Toa“ für Tor und „Rat“ für Rad
schreibt. Loben für jeden Fehler ist integraler Bestandteil von LdS. Einem
Vater, der fragte, wie er bei seinem Kind auf Falschschreibungen reagieren solle,
wurde geantwortet, dies entweder als richtig zu bewerten oder ausweichend zu antworten.
Nebenbei wird so auch noch die Lüge zum pädagogischen Konzept.
In Fachforen schwärmen reformbegeisterte Lehrer von den
Erfolgen, zumindest solange, bis noch nicht in den höheren Klassen auf korrekte
Rechtschreibung umgestellt wurde. In einer unabhängigen Studie stellte sich heraus,
dass nach dem ersten Jahr beim herkömmlichen Unterrichtsstil noch 6% der konventionell
unterrichteten Schüler Probleme hatten, bei LdS aber 16%. Richtig erschreckend
war der Test nach dem zweiten Jahr: Hier gab es bei den „Normalen“ eine
Verbesserung auf 5%, doch bei den Reformierten war inzwischen ein knappes
Viertel zum Problemfall geworden.
Warum werden eigentlich durchaus verständliche Illusionen
bei Pädagogen nicht durch die Erfahrungen der Praxis korrigiert? Unter anderem,
weil es doch ein schönes Gefühl ist, vor lauter kleinen Kindern zu stehen, die
Spaß haben und nicht mit frustrierenden Misserfolgen zu kämpfen haben, die das
Lernen nun einmal vorübergehend mitsichbringt. Originalton: „Der Erfolgsdruck
der Fibel, bestimmte Buchstaben in einer bestimmten Zeit zu schaffen, ist weg.“
Wie schön! Die Reformer ignorieren ihre Fehler aber auch, weil Ideologien einen
eingebauten Rechthabemechanismus haben, der die Wahrnehmung der Wirklichkeit
einschränkt.
Hinzu kommt eine politische Grundhaltung, die unser Land
seit der Studentenbewegung in die Irre führt. Wir haben das explizit bei der
Abschaffung der alten Rechtschreibung durch die Rechtschreibreform erfahren: Besonders
Pädagogen (neben Schulbuchverlagen und abgedrehten Sprachexperten) machten sich
dafür stark, weil die alten Ideologien von Klassenkampf, Herrschaft durch
Sprache und einer zu zerschlagenden Klassenschule den Marsch durch die
Institutionen angetreten haben, teilweise ohne dass diese politischen Wurzeln den
Akteuren noch bewusst wären. In der damaligen paradigmatischen Situation wurden
die bürgerlichen Werte Lernen und Leistung schlicht aufgekündigt. Das ganze
Land befindet sich seitdem in einem unausgesprochenen, wahnwitzigen Kulturkrieg
von Bewahrern und Zerstörern.
Und schließlich findet auch der alte Kampf zwischen
kollektiven und individualistischen Sichtweisen statt. Damit das Kollektiv,
also das Land, besser funktioniert, braucht es eine effektive
Kommunikationsmöglichkeit, in diesem Fall die Sprache. Dem Individualisten
ist das egal, besonders in einer Zeit, in der Maschinen den Menschen das
Rechnen und Schreiben mehr und mehr abnehmen. Selbst dieser Text wird mit einem
Texterfassungsprogramm diktiert. ;-) Eine entwickelte und korrekte Sprache wird
in der individualistischen Denkweise mehr und mehr zu einer zu korrigierenden
Belastung.
Deshalb geht es derzeit auch der Schreibschrift an den
Kragen. In Hamburg ist die Pflicht zum Erlernen der Schreibschrift bereits
abgeschafft. Ganzen Schulgenerationen wird damit die Fähigkeit genommen, sich
flüssig schriftlich auszudrücken oder Gedanken jederzeit und überall schnell
festzuhalten. Wer solche Reformen predigt, sollte einmal in die USA fahren, und
sich das unleserliche Blockschrift-Gekritzel jüngerer Generationen anschauen.
Was ist Fortschritt? Die Synthese von Versuch, Irrtum und
Bewahren. Tradition hält die Erkenntnisse gelungener Experimente fest und ist
somit der Garant des Funktionierens einer Gesellschaft. Manchmal blockiert die
Tradition allerdings, sozusagen aus Selbsterhaltungstrieb, Experimente, die die
Gesellschaft weiter optimieren könnten. Nötiges und sinnvolles Ausprobieren
neuer Wege hat immer seine Berechtigung - allerdings nur solange nicht ein
ideologisches Ziel den Wissensdrang in diesem Prozess aushebelt. Experimente sind notwendig, aber sie müssen durch
gesunden Menschenverstand gelenkt werden, sonst ist das Experiment nicht ein
Versuch auf einem ohnehin steinigen Weg, sondern von Beginn an ein Weg in die
Sackgasse.

nun tut man nicht so als wenn ihr daran interessiert seit, dass alle jugendlichen einen sozialen aufstieg haben sollen--wer soll denn dann all die krankmachende arbeit wie zum beispiel kesselreinigung usw. machen--verlogene gesellschaft
AntwortenLöschenIch bin nie in eine Klasse gegangen, in der weniger als 42 Schüler waren. Maximaum waren 1964 bis 1967 49 Schüler in der Klasse. Mit einem Lehrer. Aus allen Schülern ist etwas geworden. Allerdings gab es damals noch Rechtschreibung von der ersten Klasse an, weiterhin ein Fach, das "Schönschreiben" hieß. Rechnen hieß Rechnen und nicht Mathematik. Das Einmaleins wurde beim Kanter Seifert solange gelernt, bis es der letzte konnte. Nicht alles war schön in dieser Schule. Auf den nationalsozialistischen Musiklehrer, der mich jede Musikstunde verprügelt hat, auf den hätte ich sehr gerne verzichtet. Auch auf die Fahnenappelle und die linksextreme Indoktrination. Trotz dieser genannten Mängel war Schule damals hocheffizient.
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