In der sinn- und lustsuchenden Gesellschaft ist der
Höhepunkt neu-ritueller Selbstverstümmelung noch lange nicht erreicht. Dabei
sind schon die Vorstufen „Tattoo“ und „Schönheitsoperation“ gefährlich und erniedrigend. Doch jene
können für sich, wenn auch fast immer unglaubwürdig, versuchen, eine Absicht
der Verschönerung zu reklamieren. Nadeln in der Nase oder Riesenlöcher im Ohr
behaupten nur, der Verschönerung dienen zu sollen, sie folgen aber ganz anderer
Motivation.
Selbst das Fachmagazin für Piercingfreunde
listet ungeschminkt einen umfangreichen Risikokatalog auf. Etwa die Abfolge
eines sich entwickelnden Entzündungsprozesses: 1. Rötung 2. Überwärmung der
Umgebung 3. Schwellung 4. Schmerz 5. eingeschränkte Funktion (z.B. bei einem
Zungenpiercing, kann man die Zunge nicht mehr bewegen). „Selbst nach Monaten
oder Jahren können sich Entzündungsreaktionen oder schwerwiegende Folgen
zeigen. …So habe ich schon Personen gesehen, welche durch Zungenpiercing,
Nasenpiercing, Ohrpiercing oder Bauchnabelpiercing Krankheiten wie Schuppen,
Haarausfall, Kieferschmerzen, Nackenschmerzen und Schlimmeres gehabt haben.
Dies sind Krankheiten, welche nicht direkt erkennbar sind, aber teilweise zu
100% vom Körperschmuck kommen.“
Weiter im Originalton (aber mit korrigierter
Rechtschreibung): „Bekannt sind Bilder von durchschnittenen Geschlechtsorganen oder
die unfreiwillige Subinzision (Freilegung)
der Harnröhre. Dieses Piercingrisiko besteht dann, wenn eine Materialstärke
gewählt wurde, die zu dünn ist und sich dadurch wie ein Messer durchs Fleisch
arbeitet. Gerade bei Intimpiercings ist der Heilungsprozess sehr langwierig.
Durch Geschlechtsverkehr, mangelnde Hygiene oder andere Bedingungen kommt es
hier schnell zu einer Infektion. Ein weiteres Risiko beim Intimpiercing aber
auch bei Piercings allgemein ist die Gefahr der Verletzung von Nerven oder
Muskelgewebe. Es kann dadurch zu Lähmungen oder einem Verlust von
Sinneswahrnehmungen kommen.
Das Material des Piercings kann zu Allergien oder ungewollten
Hauterscheinungen führen. So sollte vor allem auf Nickel geachtet werden, da
Nickel ins Gewebe eindringen und den Körper vergiften kann. Weiter kann eine
grobe Außenfläche des Piercings dazu führen, dass die Haut am Piercing
anwächst.“
Soweit der Experte, der anscheinend trotzdem weiter Spaß an
seiner Obsession hat. Bekannt als Folgen sind auch Hepatitis B, Blutergüsse,
Allergien, Nervenschäden, Sehschwäche, Knorpeldefekte, Zungenlähmung,
Entzündung des Milchkanals oder AIDS. Für die Heilung zumindest an
Schleimhäuten (Zunge, Geschlechtsteile) wird von Experten der regelmäßige
Kontakt mit Eigenurin empfohlen.
Dennoch ist der Siegeszug dieser Selbstverstümmelung nicht
aufzuhalten. In Deutschland trugen nach einer repräsentativen Erhebung der
Universität Leipzig im Jahre 2009 9% aller Frauen und 3% aller Männer ein
Piercing. Unter den 14- bis 24-jährigen Frauen lag der Anteil bei 35%, bei den
25- bis 34-jährigen Frauen bei 22,5%. Männer waren am häufigsten im Alter von
25 bis 34 Jahren gepierct (9,3%). Eine andere fast zeitgleich veröffentlichte
Studie beschrieb, dass mehr als die Hälfte der Menschen mit Piercing (52,8%)
jünger als 18 Jahre (also minderjährig) war.
Noch vor wenig mehr als 20 Jahren beschränkte sich das
Piercing im Prinzip auf das Punkmilieu oder die Homosexuellen- und Fetischszene.
1993 kam das Thema groß heraus, als sich die Schauspielerin Alicia Silverstone
in einem Musikvideo der Band Aerosmith ein Bauchnabelpiercing stechen ließ. Das
Video gewann den MTV-Award und sorgte für eine breite Berichterstattung. In
dessen Folge kam es zu einer starken Nachfrage nach Bauchnabelpiercings. Damit
hatte ein Phänomen der Jugendkultur (?) seinen Aufstieg begonnen.
Kulturelle Vorbilder dafür gibt es durchaus in frühen
Stammeskulturen, allerdings mit Ausnahme des Ohrrings kaum in der europäischen
Geschichte. Die frühesten Belege lassen sich bis auf 7000 Jahre
zurückdatieren. Dabei handelt es sich neben der schmückenden Funktion meistens
um die Abgrenzung zu anderen Volksstämmen, um spirituelle Rituale oder um die
Demonstration der körperlichen Reife bzw. des gesellschaftlichen Status.
Laut Berichten spanischer Eroberer aus dem
16. Jahrhundert sowie der modernen Wikipedia wurden in Mittelamerika
Ohren, Zungen, Wangen und Genitalien als Opfergabe und zur innerlichen
Reinigung durchstochen. Gemäß dem hinduistischen Glauben werden Kindern
Ohrlöcher gestochen, um sie vor Krankheiten zu schützen.
In der thailändischen Stadt Phuket versetzen sich beim Fest
der neun Kaisergötter zahlreiche Teilnehmer im Rahmen einer Götterbeschwörung
in Trance und stechen sich Schwerter, Äste, Eisenstangen oder
Alltagsgegenstände mit teilweise erheblichem Durchmesser durch Wangen, Zunge
oder andere Körperstellen.
Wer glaubt, dies sei ein sich mit wachsender Kulturstufe
erledigendes Relikt, wird durch die real existierende Gegenwart eines
Schlechteren belehrt. Nicht genug damit: Dem archaischen Ideenreichtum sind
keine Grenzen gesetzt. Bei der als „Body-Suspension“
bezeichneten Form einer sogenannten „Körperkunst“ beziehungsweise „Body
Modification“ wird eine Person an durch den Körper getriebenen Haken
aufgehängt.
Nachdem die Haken durch die Haut gestochen wurden, werden
sie an Seilen befestigt und der Proband mit einem Flaschenzug langsam hochgezogen.
Wie lange die hängende Person freischwebend an den Seilen hängt, variiert stark
nach persönlicher Belastbarkeit und Motivation. Nach der Suspension werden die
Wunden vor dem Entfernen der Haken zunächst von Blutgerinnseln befreit und vor
der Wundversorgung ausgiebig massiert, um unter der Haut angesammelte Luft zu
entfernen, was erneut sehr schmerzhaft sein kann. Für Weicheier gibt es eine abgespeckte, aber durchaus auch
gefährliche Variante, das Suspension-Bondage, bei dem man an Fesseln in die
Luft geht.
Beim „Play-Piercing“ werden temporär massenhaft Akupunkturnadeln
oder Kanülen am Körper gesetzt. Mitunter werden an den so mit dem Körper
verbundenen Elementen dünne Ketten oder Fäden befestigt, um diese miteinander
zu verbinden und so den Körper im Rahmen einer Bondage zu fixieren. Das
Verletzungsrisiko ist hierbei durch ein mögliches ungewolltes Ausreißen der
Piercings hoch. Oft werden an Körperpiercings noch Gewichte befestigt, die die
Bewegungen des Gepiercten in Schmerzreize umsetzen.
Wem die Event-Pein nicht ausreicht und stattdessen an
dauerhaften Lösungen interessiert ist, greift eher zum „Scarving“. Dabei werden
dem Körper bewusst Wunden beigebracht und Narben erzeugt. Zwei Methoden stehen
zur Auswahl: Schneiden (Cutting) und
Brennen (Branding). Geschnitten wird in der Regel mit einem Skalpell, wobei
erst die Umrisse geschnitten werden und daraufhin die dazwischenliegende obere
Hautschicht entfernt wird. Für ein Branding kann prinzipiell zwar jeder heiße
Gegenstand verwendet werden, bei professioneller Durchführung wird dafür jedoch
ein Elektrokauter verwendet. Um den Erfolg sicherzustellen, muss der von der
Natur anscheinend überflüssigerweise vorgesehene Heilungsprozess möglichst
lange hinausgezögert werden. Dazu werden die Wunden immer neu stimuliert und
der Schorf abgezogen.
Es fällt schwer zu werten, aber vielleicht ist der bisherige
Spitzenreiter in den Charts des „Piercing brutal“ die „Subinzision“. Dabei wird operativ nicht nur der Penis an der Unterseite, sondern auch
gleich die Harnröhre gespalten. Angeblich wird dabei empfindliches Gewebe
freigelegt und die Lust vergrößert. In jedem Fall wirkt der erigierte Penis
größer.
Nach alldem stellt sich noch mehr die Frage nach dem
„Warum?“! Offensichtlich handelt es sich bei der sich hauptsächlich in der
westlichen Welt entwickelnden Lust am Schmerz und der Verstümmelung nicht um
ein Aufgreifen archaischer Rituale. Höchstens wird aus Fantasielosigkeit auf
überlieferte Techniken zurückgegriffen. Man muss auch nicht tiefenpsychologisch
das Erdulden von Schmerzen als Initiation ins Erwachsenenleben als Motivation
heranziehen. All das passt nicht in das Psycho-Profil der Akteure und ihren
kulturellen Hintergrund. Ebenso ist die Theorie, es handele sich um ein
Austesten der Belastbarkeit des eigenen Körpers eher an den Haaren bzw. an den
Haken herbeigezogen.
Selbst wenn es sich wirklich nur um eine ursachen- und
folgenlose Modeerscheinung handelte, wäre die Gesellschaft längst verpflichtet,
all dies als Alarmzeichen zu deuten. Denn gerade hier zeigt sich der
historische Vektor: Nur weil in primitiven Kulturen Verletzungen und Vernunft gleichermaßen
einen geringeren Stellenwert hatten/haben, darf das für uns kein akzeptables
oder tolerables Phänomen sein. Der Sinn zivilisatorischen Fortschritts ist es
ja gerade, den Schutz des Körpers zu gewährleisten, auch vor Modetorheiten.
Doch das Piercing ist eben keine Mode, sondern eine
Zeiterscheinung. So sehr wir auch die Augen davor verschließen wollen, ist die
entwickelte Welt nämlich kulturell aus dem Gleichgewicht geraten. Wohlstand und
Sicherheit in Verbindung mit wachsender Perspektivlosigkeit widersprechen der
evolutionären Grundausrichtung des Menschen. Unsere Menschwerdung war begleitet
von Schmerzen, Angst, Entbehrung, aber auch Hoffnung, und das sitzt tief in
unseren Genen. So wie auch das menschliche Sozialverhalten in der aus dem
Überfluss erwachsenden Gesellschaft des Niedergangs verkümmert, so verkümmert
auch das genetisch fixierte Lebensgefühl.
Dieser Leere der Existenz versucht der Mensch nun mehr oder
weniger „Funktionale Alternativen“ entgegenzusetzen. Hooligantum,
S-Bahn-Surfen, Drogenkonsum, Komasaufen, Splatterfilme, virtuelle
Computerwelten und religiöse Bindungen sind alles Spielformen von
Kompensationsversuchen, bei denen der Mensch aber niemals gewinnt, sondern naturnotwendig
verliert. Piercing in all seinen Formen gehört in verschiedenen Abstufungen in
diese Rubrik des Grauens. Über die Ausschüttung von Adrenalin und anderer
Hormone versuchen die Befallenen teilweise suchtartig ein volles Lebensgefühl
wiederherzustellen.
Das ist die Begründung, aber keine Entschuldigung.
Beispielsweise über Sport, private oder berufliche Leistungsanstrengungen oder
die Entwicklung von befriedigender Sinnlichkeit kann auch in der
Niedergangsgesellschaft ein intensives Lebensgefühl aufgebaut werden. Deshalb
stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft damit umgehen soll, wenn Menschen
sich zumindest teilweise offensichtlich bewusstseinsgestört selbst gefährden
und verletzen.
Schon zum Thema Schönheitsoperationen hatte vor einiger Zeit
ein CDU-Gesundheitsexperte argumentiert:
„Der Staat schützt junge Menschen bei alkoholischen Getränken und
Zigaretten aus guten Gründen vor sich selbst. Aus unserer Sicht ist es
überfällig, dass wir das bei unnötigen und oft nicht ungefährlichen
Schönheitsoperationen genauso machen." Diese Überlegung betrifft natürlich
in viel größerem Maße auch Piercings und Tattoos. Ein wichtiger Schritt wäre
also derartige Praktiken nicht nur vom Einverständnis möglicherweise
desorientierter Eltern abhängig zu machen, sondern unter 18 Jahren komplett zu verbieten.
Doch wann ist man überhaupt mündig genug, sich selbst zu
verstümmeln? Jeder Leser dieses Blogs weiß, dass hier aus gutem Grund einer
liberalen und verbotsarmen
Gesetzeskultur das Wort geredet wird, aber müsste zum Schutze dieser Menschen
vor sich selbst nicht dennoch sogar ein Komplettverbot in Erwägung gezogen
werden? Warum werden Drogen verboten während die auf einen ganz ähnlichen Kick
setzende Selbstverstümmelung als Jugendtorheit verharmlost wird? Wie lange
greift da noch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit? Oder wird man
künftig auch Selbstmördern dieses Recht zugestehen müssen? Ich sehe schon die coolen
Selbstmord-Studios und -Shops an allen Ecken aus dem Boden schießen…



Eine Frage: gibt es zwischen Gestochenen und mit Metallteilen Verzierten soziologische Unterschiede im Herkommen oder in der Jugendkultur?
AntwortenLöschenGute Frage....
LöschenAn den Autor: Scheiß intoleranter DrecksNAZI!
AntwortenLöschenBraune Scheiße, wie du gehört ins Klo!
Unfreundliche Grüße
der Ivan
Hallo der Ivan, eigentlich werden Beleidigungen hier nicht veröffentlicht, aber dein den Text bestätigender Offenbarungseid war einfach zu schön....
LöschenMitleidige Grüße
KK
Leben und leben lassen, Herr Kustos. Wenn Sie ein Problem mit Menschen haben die sich piercen, cutten oder was auch immer lassen nur um ihrem eigenen Schöhnheitsideal näher zu kommen schätze ich mal haben Sie wohl auch ein Problem mit Homosexuellen, Transsexuellen, A Sexuellen, Schwarzen, Weißen, Atheisten, Christen, Moslems und weiteren Menschengruppen die Ihrer Auffassung nach abnormal sind. In Kenia, Nigeria oder auch im Sudan wird soetwas ebenfalls als Körperschmuck angesehen gehört aber auch zu deren Kultur, verurtelen sie solche Menschen und Stammesangehörige etwa auch? Das ist ganz schön rassistisch.
AntwortenLöschenWir leben im 21. Jahrhundert und nicht in der Zeit als Frauen noch als Hexen bezichtigt und verbrannt wurden nur weil sie ein Muttermal an der falschen Körperstelle hatten oder Menschen die gegen die "Regeln" der Gesellschaft verstießen, ausgepeitscht und erhängt wurden...
Es wäre sinnvoll wenn Sie kurz mal nachdenken würden bevor Sie sich über irgendwelche Themen und Ansichten das nächste mal auslassen.
Wenn jemand schon in seinem Namen die Wahrheit für sich reklamiert, hat es wohl keinen Sinn, den Vorwürfen mit Argumenten zu begegnen...
Löschenich würde gerne ihre Argumente lesen... denn irgendwie hat "die Wahrheit" recht...
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