Die Gängelung im Interesse einer besseren Welt nach eigener
Definition ist den Grünen nämlich in die DNA geschrieben. Deshalb sollte man
vielleicht, wie eine Kommentatorin hier wiederholt angemahnt hatte, auch gar
nicht mehr von Gutmenschen sprechen. Gutmenschen bemühen sich, Gutes zu tun, Bessermenschen
versuchen sich im Gutestun als besser als die anderen zu erweisen - um den
Preis des Ziels und der Wahrhaftigkeit. Also fehlen den guten Grünen meist die
guten Gründe für ihr Tun.
Doch vom verbesserten Besserwissen allein ist die neue
Parteikampagne nicht abhängig. Nach dem Willen prominenter Grüner (nicht nur) aus
Baden-Württemberg soll das Image wirtschaftsfreundlicher gestaltet werden. „Wir
Grünen müssen wieder mutiger werden und Deregulierung und Entbürokratisierung
nicht mit spitzen Fingern anfassen“, heißt es in einem ganz aktuellen Papier,
in dem „Thesen für eine Freiheitsdebatte“ aufgestellt werden. Ökonomische,
nicht Bürger-Freiheit also, wie sollte es auch anders sein?
Als wenn sich die Grünen in der Ära Schröder nicht schon
genug um Deregulierung und Entbürokratisierung gekümmert hätten. Noch heute
leiden die lohnabhängig Beschäftigten, die unterbezahlt Beschäftigten und natürlich
die Unbeschäftigten unter den Arbeitsmarktreformen der rot-grünen
Schröderadministration. Die unbefristete Arbeitslosenhilfe wurde abgeschafft,
dafür Hartz IV eingeführt, und die Bezugsdauer für Arbeitslosengeld sank von
maximal 32 auf maximal 18 Monate.
Als Bonbon an die verratene Klientel wollte man später denen
ans Eingemachte, die auf ehrliche Weise viel Geld verdient hatten, ohne als Konzernfürsten
oder Finanzjongleur auf Kosten der Allgemeinheit zu agieren: Vermögensabgaben, Spitzensteuersatz
schon bei relativ geringen Einkünften, Vermögensteuer und höhere
Erbschaftssteuer sind allesamt Forderungen an jene, die mit Leistung Erfolg hatten.
Damit wird ein bisschen von der eigenen Politik abgelenkt, aber wie so oft trifft
es die Falschen. Diese Forderungen richten sich eben nicht gegen die
Krisenprofiteure ganz oben und die Faulpelze ganz unten, sondern gegen die
Mitte, die das Ganze Niedergangschaos noch irgendwie stabilisiert.
Rhetorisch wird das Fußvolk bedient,
aber faktisch die Schicht, zu der man so gerne gehören würde. Ein paar haben
es ja schon geschafft: Joschka Fischer fungiert unter anderem als Berater des
Autobauers BMW, des Technologiekonzerns Siemens, des Energieriesen RWE und der
Handelskette Rewe. Und notfalls schafft man sich einen „eigenen“
Wirtschaftszweig, etwa mittels Energiewende.
Diese Modernisierung der Partei
hin zu einer hinter humanitären Phrasen versteckten neuen Partei des Großbürgertums
und des Kapitals ist nicht Ergebnis der jüngsten Wahlniederlagen. Schon 2011 wurde eine
verfassungsgebende Versammlung zur Änderung des Grundgesetzes im Dienste einer
stärkeren Verzahnung mit der EU gefordert. Dazu sollte gehören: die
administrative Festigung der EU, eine europäische Wirtschafts- und
Sozialpolitik, die Stärkung der EU-Kommission, Eurobonds und Bankenlizenzen für
EU-Finanzmechanismen.
Während in der französischen Revolution die ursprüngliche
Forderung „Freiheit, Gleichheit, Eigentum“ im Verlauf der Geschichte
abgewandelt wurde zu „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", läuft es hier
genau umgekehrt. Das war dann sogar den Verbündeten von der SPD zu viel, die schon
vor fünf Jahren allein für Berlin aktuelle Sünden der Grünen auflisteten:
Forderungen nach Abbau von 10.000 Stellen im öffentlichen Dienst,
Privatisierung der BVG und der Verkauf von Wohnungsbaugesellschaften.
Die Grünen pflegen ihr linkes Image, obwohl sie längst
neoliberale Politik machen - bis hin zur Kriegspolitik. Als es im August im
Bundestag um den Export von Rüstungsgütern an die irakischen Kurden zur Verteidigung
gegen islamistische Terrormilizen ging, waren sich die meisten Politiker der
problematischen Thematik bewusst. Die Lage war unübersichtlich, und man wusste
nicht, in wessen Händen die Waffen landen und wofür sie später benutzt werden.
Doch allein der Grünen-Wehrexperte, der auf den klangvollen Namen Omid
Nouripour hört, hatte eine simple Lösung parat: „Wir können nicht immer alle
unangenehmen Aufgaben komplett den USA überlassen“, und forderte deshalb den
direkten Einsatz der deutschen Luftwaffe.
Ist aber nun im Zuge der
Neuorientierung vielleicht doch Schluss mit den Verboten konkurrierender
Lebensmodelle? Immerhin soll es ja kein Bußgeld für Buletten mehr geben. Schauen
wir auf die Details. Wie sieht es beispielsweise aus mit der Forderung, in Bahnzügen
die erste Klasse, also das Prinzip ‚mehr bezahlen für mehr Leistung’, abzuschaffen?
Da wollte man noch unlängst, wie auch bei der Entprivatisierung von
Krankenkassen, „Komfort für alle“. Über eine Grundversorgung für alle lässt
sich ja noch reden, aber goldene Türklinken für alle? Wir lernen: Grüne können durchaus
blauäugig sein. Verboten werden sollen aber auch weiterhin andere Meinungen. Als
Ex-Spezi Schröder seine Meinung zur Krim-Krise äußern wollte, forderte man für
ihn allen Ernstes (gemeinsam mit den Konservativen) ein Redeverbot im
EU-Parlament.
Und sind nicht auch Gebote eine Spezialform von Verboten? Beispielsweise
wenn pauschal eine Geschlechter-Quotierung aller Ausbildungs– und
Erwerbsarbeitsplätze im Wahlprogramm gefordert wurde. Solange sollte danach der
Besserheit Genüge getan werden, bis Frauen „in allen Bereichen und auf allen
Ebenen“ mindestens zu 50% vertreten sind. Meine Güte, was gäbe das für eine
Konfusion in Berufen, bei denen richtig rangeklotzt werden muss - etwa bei
MüllfahrerInnen, SchweißerInnen und StraßenbauarbeiterInnen. Unvergessen bleibt
auch das demokratische und moralische No-Go, Kinder als Kiez-Polizei mit
Denunziationsauftrag zu instrumentalisieren und zu manipulieren.
Die Grünen leiden noch mehr als der Rest unserer Gesellschaft
an der Erbkrankheit, aus der heute unvorstellbar maßlos ideologisierten
Studentenbewegung zu stammen. Noch 1987 veröffentlichte man deshalb unter
anderem ein Manifest zur Zukunft der Kommunikationsgesellschaft, in dem
gefordert wurde: Keine Digitalisierung des Fernsprechnetzes, kein ISDN, keine Glasfaserverkabelung
und ein Stopp des Kabel– und Satellitenfernsehens. Boykottmaßnahmen gegen den
Bildschirmtext und die Entwicklung „nicht-technologischer Alternativen“ wurden
ebenso gefordert. Vielleicht würde es uns damit tatsächlich allen besser gehen,
doch auf die Idee, eine solche historische Lawine mit den Händen aufhalten zu
wollen und zu können, kommen eben nur Ideologen.
Gute Grüne sind kreative Kreationisten. Sie schaffen sich
eine neue schöne Welt aus dem Kopf, die sie dummerweise der Wirklichkeit
überstülpen wollen, die dazu im Konflikt steht. Grün ist all die Theorie. Dass
sie dabei ihre eigene Basis verraten müssen, die bürgerlich, sozial und
basisorientiert ist, wird in Kauf genommen. Und die Basis lässt sich ja auch alles
gefallen. Denn für sie ist der neugrüne Machtapparat ein „kleineres Übel“, den
es gegen die wirklich Bösen zu verteidigen gelte. Das hat das System klug
eingerichtet. Teile und herrsche - auch mittels einer scheinbaren politischen Vielfalt.
Schließlich gab es auch in der DDR viele Tageszeitungen, sogar mit
unterschiedlichem Layout…
Die Diffamierung von anderen, besonders jenen, die die grüne
Virtualität mit der Realität vergleichen (Sarrazin, AfD etc.) ist Bestandteil
dieser ideologischen Intimpflege. Auf den Punkt gebracht ist das Problem der
Grünen also nicht, dass sie falsche Meinungen haben, das haben die anderen
auch, sondern die Scharia-mäßige Verbissenheit, mit der sie für ihre
Überzeugungen eintreten. Aber das genau scheint eben zum Wesen von Ideologien
dazuzugehören. Statt verbessert wird die Welt verbiestert.
Wen beruhigt es da, dass von den
gründlichen Grünen auch immer neue Antiverbotsinitiativen angestoßen werden? Ausgerechnet
im Berliner Krisengebiet
Friedrichshain-Kreuzberg und dort auch noch im Rauschgiftschwerpunkt Görlitzer
Park wollen die sich an der Bezirksmacht befindlichen Grünen einen Coffeeshop
einrichten und dort Cannabis „kontrolliert“ frei abgeben. Dabei stört es sie weder,
damit ein neues, internationales Mekka für Rauschgiftkonsumenten zu schaffen,
noch, dass das Bundesrecht dies aus gutem Grund gar nicht zulässt. Auch das
Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln soll nicht mehr als Straftat
verfolgt werden. Verwirrend? Keineswegs - alles folgt einer Faustregel: Der Unfreiheit
für das Kollektiv, also die Bürger und ihr Zusammenleben, steht die Freiheit
für jene gegenüber, die außerhalb der Gemeinschaft stehen, also die Global Player und
solche Menschen, die sich einfach nehmen, was sie brauchen.

Heut' schon Weihnachten? Wir sind fast einer Meinung..
AntwortenLöschenAuf der Insel der Glückseeligkeit sitzend kommen halt kreativere Einfälle als der geneigte Bürger aushält. Allein am Görlitzer Park wird's wenig ändern - und den Stress mit'm Schwarzfahren fand ich als Jugendlicher auch immer doof ; )
Wenn ein Ausserirdischer diesen Artikel lesen würde, müsste er zu dem Schluss kommen, dass es sich bei den Grünen um eine sehr mächtige Partei handelt, die das Land weitgehend unterworfen hat und mit sinistren Methoden die Ziele der herrschenden Eliten vorantreibt. Nur wenige Helden, ein "Sarrazin" und ein AfD kämpfen gegen ihre Tyrannei...
AntwortenLöschenVielleicht hat Herr Kustos sich so tief mit der Theorie der Paralleluniversen beschäftigt, dass er jetzt in ein solches gefallen ist, eine "grüne" Parallelwelt? Die Grünen sind in meiner Welt jedenfalls nur 7 Jahre lang als kleinerer Partner an der Bundesregierung beteiligt gewesen, haben es nur in einem Bundesland geschafft, den Ministerpräsidenten zu stellen und haben allgemein einen Wähleranteil von deutlich unter 10 Prozent.
Vielleicht stoßen die Grünen aber nur wegen dem starken Kontrast zwischen Anspruch und Wirklichkeit so auf Ablehnung, der bei ihnen naturgemäß höher sein muss als bei Parteien wie CDU, SPD und FDP, die sich im wesentlichen auf die lokale Nomenklatura und Karrieristen stützen, als (teilweise ehemalige) Karriereförderungs-Parteien. Oder wie bei Parteien wie die AfD, deren professoral-kapitalistische Eliten mit den Vorurteilen und Geschichtsbildern ihrer Klientel spielen, um sich ein schönes Stück vom Kuchen abzuschneiden?
Leider muss man sagen, dass der Anspruch, die Welt ökologisch und humanistisch zu verändern, an eben diesen Genossen gescheitert ist, und an der Trägheit der Massen, die Fußballmeldungen für Nachrichten halten und denen die Freiheit der Autobahn über alles geht. Ich verstehe schon, dass viele Grüne sich daraufhin in ihr kleines Paradies jedweder Art zurückziehen, sich auch um ihre Karrieren kümmern wie all die anderen Politiker.
Trotzdem traue ich ihnen noch am ehesten zu, sich einigermaßen der Welle an Irrsinn, Informationschaos und Superkapitalismus (nach Robert Reich) entgegenzustellen. Ohne revolutionäre Kraft, die haben sie verloren. Wer sie noch hat oder irgendwann haben wird, weiss ich nicht, aber um Rosa Luxemburg zu zitieren, "Die Revolution sagt: ich war, ich bin, ich werde sein"