In wenigen Tagen ist es soweit: Mutter Teresa wird
heiliggesprochen und zwar, weil sie Wunder bewirkt hat. Und da sagt dieser
Kustos immer wieder, alles werde schlechter. Damit nicht genug, endlich gibt es
auch ein veganes Bart-Shampoo, wobei ich nur sehnsüchtig hoffen kann, dass es
auch glutenfrei ist. In Dutzenden Städten der Welt wird schon länger regelmäßig
der „No pants subway ride“ veranstaltet, bei dem junge Leute in schicken
Klamotten ihre Hosen in der U-Bahn herunterlassen. Zum Ausgleich gehen sie dann wohl, verklemmt wie
sie sind, lieber in Neoprenanzügen baden. Spaß muss eben sein, und wenn das bei
den Spielern der Fußball-Europameisterschaft auch
bedeutete, sich vom persönlich mitgebrachten Friseur irre Muster in das
Haupthaar fräsen zu lassen oder eben beim heimischen Designer des Vertrauens solche in die
Haut schnitzen zu lassen. Die Welt ist spätestens heute eine Welt der geistig
Behinderten - und um die körperlich Behinderten sieht es nicht viel besser aus,
wie dieser Blog schon vor exakt vier Jahren nachgewiesen hat…
Das Jahr 2012 ist ein Jahr der sportlichen Höhepunkte.
Olympische Spiele in London, Fußball-Europameisterschaft, diverse
Weltmeisterschaften und eine Schach-Olympiade. Und es gibt auch noch, ebenfalls
in London, die Paralympics als Juniorpartner der Olympischen Spiele. In 22
Disziplinen von Rollstuhlfechten bis Boccia treten Menschen an, denen das
Schicksal mehr oder weniger übel mitgespielt hat. Sie zeigen, dass sie mit
Willenskraft Leistungen vollbringen, dass sie Spaß und Erfolg haben können. Sie
praktizieren ein Stück Integration und versuchen Normalität zu leben. Doch
Konrad Kustos wäre nicht Konrad Kustos, wenn er nicht auch da Chaos mit System entdecken würde.
Braucht man beispielsweise wie in Vancouver 2010 bei den Winterparalympics ein
großes Tamtam, einpeitschende Stadionsprecher und HipHop-Tänzer auf Krücken zur
Eröffnung?
Eine Zeitung schrieb, es habe „stehende Ovationen für einen Mann ohne Beine“
gegeben. Das könnte ein missratenes Wortspiel sein oder ein Freudscher
Verschreiber, beides aber durchaus analog zum Event selber, denn die ganze
Veranstaltung hatte eine Aura von Peinlichkeit, weil man sich übereifrig
verkrampft normal geben wollte.
Doch so toll die Leistung der Athleten angesichts der Behinderung
auch sein mag: Es ist kein realer Spitzensport, der echten Enthusiasmus
erwarten ließe, sondern nur Spitze im Rahmen der beschränkenden Definitionen.
Könnte einer der Parathleten im Kreis der Gesunden mithalten, würde er es tun.
Stattdessen gibt es genug Anlässe beim Blindenfußball oder beim Radfahren ohne
Beine tiefstes Mitleid zu empfinden. Stattdessen werden aber von den
Offiziellen und den Medien gute Laune verordnet und Defizite totgeschwiegen
statt sie selbstbewusst anzunehmen.
Man feiert also eine große Party, wie sie schon bei den
„richtigen“ Spielen nervt, und kopiert, was nicht kopiert werden sollte.
Ähnlich wie bei der gerade abgefeierten Frauen-Fußball-WM wird dadurch gerade
die Leistung der Sportler verzerrt, weil nicht Vergleichbares verglichen wird
und der oder die körperlich Schwächere einem Erwartungsdruck ausgesetzt ist,
den er/sie nie erfüllen kann. Und die öffentlich-rechtlichen Sender setzen noch
einen drauf, indem sie stundenlang über sportliche Leistungen berichten, die
ohne die Behinderung als moralischer Trittleiter des Berichtens kein bisschen
berichtenswert wären.
So wird aus dem so sinnvollen sportlichen Kräftemessen
unfreiwillig eine Freakshow und die Protagonisten lassen sich darin
bereitwillig integrieren. In Vancouver wurde ein 60-jähriger Teilnehmer der
Disziplin Rollstuhlcurling des Dopings überführt. Mein Gott: Curling ist schon
bei den Nichtbehinderten nur mit viel gutem Willen als Sportart anzusehen, und
hier können alte Männer im Sitzen mitmachen und meinen, sich dafür auch noch
dopen zu müssen. Solch unangemessen aufgeputschter Ehrgeiz lässt dann auch
Unbekannte einem Biathleten (der selbst schon 2002 als Gedopter aufgefallen
war) das Visier mit Schokolade beschmieren (oder der hat es selbst getan, um
sein Versagen zu verschleiern).
Zu den Paralympics 2004 in Athen und 2008 in Peking wurden
Menschen mit geistiger Behinderung nicht mehr zugelassen, nachdem im Jahr 2000
in Sydney die spanische Basketballmannschaft mit geistig Behinderten die
körperlich Behinderten der anderen Nationen aus der Halle fegte. Nicht nur hier
wäre angesichts des wie gesagt objektiv zweifelhaften sportlichen Werts mehr
Lockerheit und ein olympischer Gedanke vom Fair Play ein tolles
Alleinstellungsmerkmal für den Behindertensport.
Stattdessen putscht die unangemessene Konstruktion von
„Weltspielen“ und ein Verschweigen der qualitativen Unterschiede die Sportler
zum kranken Ehrgeiz des Profisports. Auch der materielle Aufwand ist
gigantisch, wenn die Beteiligten aus der ganzen weiten Welt nach London kommen.
Oder wenn die Leistungen etwa bei Läufern oder Springern nur mit
hochtechnisierten Prothesen oder Spezialgeräten erbracht werden können. Oder
wenn ein Spitzenbehinderter monatlich 1500 Euro Förderung einstreicht.
Sowieso ist die Nichtvergleichbarkeit der Leistungen auch
innerhalb der Behindertensportarten, trotz aller Versuche mit
„Klassifizierungen“ die unterschiedlichen Grade der Behinderung auszugleichen,
ein großes Problem. Ist überhaupt ein echtes Leistungsmessen möglich, wenn der
eine schlecht und der andere gar nichts sieht, oder wenn dem einen ein Finger
fehlt und dem anderen zwei Beine? Letztlich könnten Gehörlose (die haben ihre
eigenen Weltspiele) prima den 100-Meter-Lauf gewinnen und Blinde das
Gewichtheben. Um bei einem ernsten Thema mal zu scherzen: Der Paranoide müsste
beim 100-Meter-(Weg-)Laufen auf und davon sein.
Schon bei gesunden Sportlern gibt es häufig
Einstufungsprobleme, etwa bei den Gewichtsklassen der Boxer oder bei
testosterongeschwängerten Frauen. Den Klassifizierungen bei den
Behindertensportlern haftet eine unvermeidbare Hilflosigkeit an, als würde man
beim regulären Basketball je nach Körpergröße des Spielers bei dessen Wurf den
Korb hoch oder runterfahren. Oder man würde in der Wirtschaft Betriebe
subventionieren… Äh, das ist ja Realität, schnell Themawechsel.
Im Spitzensport jedenfalls, wo es per Definition immer um
die höchstmögliche Leistung geht, kann es kein solches Verrechnen geben.
Halb-absolut oder behindert-absolut geht nicht. Anders sieht es aber aus, wenn
alles auf dem menschlichen Maßstab des Breitensports angesiedelt wird, wo es
mehr auf die Freude als auf das unbedingte Siegen ankommt. Goldmedaillen,
Nationenwertung, Siegeszeremonien und pompöses Fahnenschwenken sind beim
Behindertensport jedenfalls dysfunktional.
Spitzensport und Behindertensport passen nicht zusammen. Das
hat auch „Die Zeit“ erkannt, die schrieb: „Nimmt man die wissenschaftlich
akzeptierte Definition von Behinderung ernst – ‚die dauerhafte und gravierende
Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe einer
Person’ (Wikipedia) - dann sind die Paralympiker eigentlich nicht behindert,
denn ihnen gelingt ja gerade, trotz ihrer "nur" körperlichen und gut
kompensierten Beeinträchtigung, genau diese soziale Teilhabe und Anerkennung,
welche die meisten anderen Behinderten nicht haben.“
So demoralisieren ein paar Vorzeige-Behinderte die große
Masse der sporttreibenden Normal-Behinderten, die ohne den (künstlich
aufgeblasenen) Star-Appeal auskommen müssen. Paralympics sind also im Grunde
ein Fake und dennoch ein unbehindertes Spielfeld für Gutmenschen. Diese feiern
hinter den Kulissen oder auf den Stadionsitzplätzen nominell die
Schicksalsgeprüften, am meisten aber sich selber. Vor diesem Hintergrund blühen
natürlich die politisch-korrekten Meinungsdiktate. Als der Triathlet Normann
Stadler 2005 bei der Wahl zum Sportler des Jahres hinter einem Behinderten
platziert wurde, grantelte er „Ich habe mir 17 Jahre lang den Hintern
aufgerieben, und dann kommt wegen irgendeiner Story ein behinderter Sportler,
der das seit zwei Jahren macht, da vorne rein, weil er in Athen den Kanzler
umarmt hat.“ Eine beispiellose Kampagne brach daraufhin über den
Quasi-Weltmeister der härtesten Sportart der Welt herein. „Du gehörst
verbrannt“ schrieb ihm einer, und der Bundeskanzler sprach von einem
„bösartigem Foul“. Obwohl Stadler sofort öffentlich bereute, suspendierte ihn
sein Verein.
Nicht viel besser erging es dem Formel-1-Fahrer Nico
Rosberg, der auf die Fangfrage von Journalisten, ob er sich denn für die
Frauenfußball-WM interessiere, zwar wohlausgewogen retournierte: "Man
schaut doch auch Paralympics – also Menschen, die nicht ganz so große
Leistungen bringen können", aber der Falle nicht entgehen konnte. Wenn
einer zwei Tabu-Themen miteinander vergleicht, kann er im Poco-Staat nur
verlieren. Dabei ist das Rosberg-Statement durchaus tricky: Ist dieser
vollkommen wahre Satz nach der Doktrin gutmeinender Problemleugnung nun
eigentlich frauen- oder behindertenfeindlich?
Die Grundidee der Paralympics, zu zeigen, welche
erstaunlichen Leistungen auch Behinderte vollbringen können, und damit zur
Integration beizutragen, ist an sich eine prima Sache. Aber im kybernetischen
Kräftefeld der Wirklichkeit musste sie scheitern. Auch nette Lügen helfen
keinem.
Dennoch muss dem Menschen, dem eine natürliche Ablehnung
allen Krankens innewohnt, im Zivilisationsprozess diese Scheu wegtrainiert
werden. Doch wie soll das gehen, wenn man wegweisende Wahrheiten nicht
aussprechen darf? Dabei gibt es Möglichkeiten und Vorbilder. Man denke nur an
die Freude der Beteiligten und das enorme Auf- und Ansehen von Marathonläufen
für jedermann. Dort kommt es für die Mehrheit der Sportler nicht aufs Gewinnen,
sondern auf das Mitmachen, die Gemeinsamkeit mit Gleichgesinnten und die
Herausforderung der eigenen Leistungsfähigkeit an.
Das geht auch bei Behinderten: Sich vor Ort um
Höchstleistungen zu bemühen, im gegebenen Rahmen, individuell oder im Team, in
Konkurrenz oder gegen den inneren Schweinehund. Dazu braucht es keine Reisen rund
um die Welt, teure Ausrüstungen und Sponsoren und vor allem keinen verlogenen
Medienzirkus. Denn damit wird ein finanzielles und emotionales Geschäft mit den
Behinderten gemacht, also die Sache schlichtweg behindert.
Dem ist nichts hinzufügen, das ist angewandte Altersweisheit. Der Gebührenzahler kaut auf der Trense und der Gutmensch sabbert vor Glückseligkeit. Aber es soll ja bald Wahlen geben...
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