Aus der Abitur-Notengebung kann man gewiss bedenkenlos
hochrechnen, wie es mit den Noten an sich gehandhabt wird, nämlich lax. Nordrhein-Westfalens
grüne Schulministerin verteidigt die wunderbare Zensurenwelt damit, dass das
Bundesland damit bundesweit immernoch nur Mittelmaß sei es - was nur ein
bezeichnendes Licht auf die Praxis im ganzen Land wirft. Noch bezeichnender
allerdings ist die Reaktion der Ministerin auf den Vorwurf der CDU-Opposition,
es handele sich um einen inflationären Umgang mit den Schulnoten. Für sie sind
diese nur ein Ergebnis „einer gestiegenen Leistungsbereitschaft“. Darf man als
Ministerin so naiv sein und dies auch noch öffentlich zur Schau stellen?
Zwischen den Zeilen gibt sie dann aber doch noch einen
Hinweis, der hilft, das Phänomen ansatzweise zu verstehen. Es habe sich die „Rolle
der Lehrkräfte gewandelt, die ihre Schüler nun gezielter auf die Standards
vorbereiteten“. Im Klartext heißt das, die Lehrer bereiteten die Schüler nicht
mehr auf das Leben, sondern auf die Prüfung vor. Das Schönen von Schulzensuren
hat indes eine lange Tradition. Schon vor Jahrzehnten wurden die
Punkteschlüssel gesenkt und Leistungskurse höher bewertet. Wohl weil wenigstens
einigermaßen objektive Leistungsmessungen nur durch standardisierte
schriftliche Arbeiten möglich ist, wurde die Bedeutung des Mündlichen in der
Prüfung gestärkt, was dazu führt, dass Prüfer beliebig die Notenquoten verbessern
und schlechte Schüler sich aus der Leistungsfalle quasseln können. Vor allem
aber wurden kontinuierlich Prüfungen und Klausurfragen vereinfacht. Gerade erst
wurde in der Berliner schulischen Berufsausbildung der Notenschlüssel angepasst,
wonach es für 85% der erreichbaren Punktzahl eine 1 und für 70% eine 2 gibt.
Interessanterweise gilt in der vom Handwerk statt der Schulverwaltung
bestimmten Gesellenprüfung jedoch weiter der alte Notenschlüssel mit 91% und
81%.
Weil nichts von ungefähr geschieht, gibt es für diese Praxis
natürlich Gründe. Zum einen soll über den desolaten Stand der Ausbildung und
des Bildungsniveaus des Nachwuchses hinweggetäuscht werden. Zum anderen können
Lehrer und Prüfer eigenes Versagen oder zumindest die Problematik ihres Jobs
menschenfreundlich reinwaschen. Es gibt auch Ausnahmen, beispielsweise weigerte
sich das Berliner Thomas-Mann-Gymnasium, „durch eine Zensierung, die
nicht den Leistungen unserer Schüler entspricht, ein gefälligeres, aber
falsches Bild unserer Schule zu vermitteln“. Der Direktor verweist mittels
seiner Schul-Homepage auf den Druck, der auf Schulen durch
Veröffentlichung sogenannter „Rankings“ ausgeübt wird.
Es handelt sich offensichtlich um ein ökonomisches und ein
ideologisches Problem gleichermaßen. Der Philologenverband glaubt, dass wegen
des Lehrermangels pro Schuljahr in Deutschland eine Million Unterrichtsstunden
ausfallen. Eine Abhilfe erforderte Milliardenausgaben. Die öffentlichen
Arbeitgeber rechnen deshalb gerne spitzfindig und offensichtlich falsch vor,
dass dem nicht so sei, obwohl jeder weiß, dass bei der Personalausstattung und
der Pflege von Schulgebäuden und -materialien vieles im Argen liegt. Aber da
die staatlichen Mittel in diesem System anders fließen, als sie vernunftgegeben
sollten, verschließen sie die Augen und konstruieren potemkinsche Dörfer.
Oder sie wälzen die Last auf die ab, die sich nicht wehren
können: die Schüler sowieso, aber auch die Lehrer. In Berlin mussten die Lehrer
seit 2003 zwei Schulstunden in der Woche mehr arbeiten, wobei diese Zeit einem
Arbeitszeitkonto gutgeschrieben wurde. Nun wird dieses Arbeitszeitkonto wieder
abgeschafft, nicht aber die Mehrarbeit. Das Ganze vor dem Hintergrund, dass
angesichts einer besonders schwierigen Schülerschaft in der Hauptstadt Lehrer
in vielen Fächern und an vielen Schulen ohnehin am Rande ihrer
Leistungsfähigkeit arbeiten, was sich in häufigen und immer häufiger werdenden
körperlichen und psychischen Zusammenbrüchen äußert. Aber auch dafür hatte der
Senat ein virtuelles Mittel parat: Er reduzierte eben nicht die Belastung,
sondern richtete zusätzlich psychologische Fortbildungskurse ein, bei denen die
Betroffenen lernen, wie sie mit ihrem Stress umzugehen haben.
In Vorniedergangszeiten war der Lehrer eine
Autoritätsperson, und er hatte Mittel zur Disziplinierung von lernunwilligen
und destruktiven Zöglingen. Dass diese Autorität oft auch missbraucht wurde,
ist bei vielen Reformpädagogen und Politikern heute eine Motivation das System
humaner zu gestalten. Dank diverser menschenfreundlicher Reformen ist der
Lehrer heute aber in schlimmeren Fällen der Hampelmann eines weitgehend
enthemmten Mobs sich nach Führung sehnenden, aber zu kleinen Persönlichkeiten
hochgeredeten Minderjährigen, die über die ihnen zugesprochenen Rechte und Reife
noch gar nicht verfügen können - erst recht nicht, wenn ihre Erziehung durch verirrte
Humanisten gehemmt wird.
Viele Lehrer verzweifeln an ihren Arbeitsbedingungen, andere
stürzen sich in der Hoffnung auf Erlösung in Reformprojekte, und wieder andere
mogeln sich mit Dienst nach Vorschrift in den Ruhestand. Alle gemeinsam sind
aber Hauptleidtragende eines sogenannten Bildungssystems, und dies lässt sich
nicht mehr mit platten Vorurteilen von langen Ferien und frühem Dienstschluss
wegmobben. Sie erleben täglich die Probleme einer kollabierenden Zivilisation,
ohne an den Ursachen etwas ändern zu können.
Es stimmt. Ich frage mich als Zwölfjähriger auch, wie es sein kann, dass die Noten unserer Kinder immer besser werden, doch der Stress und die Anforderungen werden auch immer härter. Kinder haben immer weniger Freizeit und müssen oft auch sehr viel an Wochenenden lernen. Dies wollte ein Vater seiner Tochter auch in einem Brief sagen, doch er schickte ihn absichtlich öffentlich über Facebook, verbreitete ihn über das Internet und wollte damit Aufmerksamkeit erregen, damit den anderen Eltern auch klar wird, wie hart der Druck in der Schule für ihre Kinder wird und zeigen, dass sie mit ihnen nicht so streng umgehen sollten. Hier ist der Link zu diesem Brief: http://www.zeit.de/2011/22/DOS-G8
AntwortenLöschenZitat:
AntwortenLöschen"Sie erleben täglich die Probleme einer kollabierenden Zivilisation, ohne an den Ursachen etwas ändern zu können."
Exakt!
Nicht nur im Bereich Bildung sondern auf allen Ebenen ist das Kollabieren nicht aufzuhalten.
Da die Ursachen in der Vergangenheit liegen, ist ein Ändern dieser auch nicht mehr möglich.
Ähnlich dem aussichtslosen Versuch einem instabilem Haus nachträglich ein festes Fundament zu geben, kann man auch dem eingeleiteten Niedergang nicht nachträglich das zerbrochene Fundament richten.
Das Sterben eines morschen Baumes ist eben nicht aufzuhalten.