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| Bild: Sebastian Kaulitzki |
Um da noch durchsteigen zu können, bedarf es eines
angemessenen Denkapparats, über den hier kürzlich in Zusammenhang mit dem Begriff vom „Kybernetischen Denken“ schon
geschrieben wurde. Nach den vielen
dargebrachten Beispielen bedarf es doch noch einer Definition und einer weiterreichenden
Begriffserklärung. Diese wird heute also mit ein bisschen Volkshochschule
nachgereicht, doch ich verspreche, dass es für Leute, die ihren Horizont
erweitern wollen, kein bisschen langweilig wird.
Das kybernetische Denken steht im
Gegensatz zum linearen Denken, das heißt die Gedanken werden nicht wie auf
einer Wäscheleine oder wie bei einem Computerprogramm aneinandergereiht,
sondern es wird im Kopf eine zu Beginn noch diffuse Informationswolke gesammelt.
Vorurteile, Vermutungen, widersprüchliche Beobachtungen - alles hat hier seinen
Platz. Dann beginnt, vornehmlich intuitiv, der Auswahl- und Zuordnungsprozess,
intuitiv deshalb, weil das Unterbewusstsein dem analytischen Verstand um
Zehnerpotenzen überlegen ist.
Das ist mühsam. Das kybernetische
Denken nimmt auch nicht für sich in Anspruch, fehlerfrei zu sein, im Gegenteil.
Aber es hat die Fähigkeit, jedem einzelnen Faktor einer Überlegung
unterschiedliche Gewichtungen zuzuordnen. So steht in unserem eingangs
erwähnten Beispiel das Interesse von Menschen und Tieren an der Müggelspree
scheinbar gleichwertig gegenüber, doch sowohl der Hauptmann von Köpenick als auch kybernetische Denker kommen zu
dem Schluss, dass erst der Mensch und dann die Menschenordnung kommt, erst die
Wanze und dann die Wanzenordnung. Für die EU und die lineare Senatsverwaltung
kommt aber im übertragenen Sinne erst die Wanze und dann der Mensch. Eine
Regel, ein Ergebnis - wo der Mensch im Sommer ins Wasser springt, ist dann
egal.
Dieses neue Denken hat sich
ausnahmsweise mal nicht Konrad Kustos ausgedacht, sondern die Kybernetiker der
zweiten Generation. Während die ursprünglichen Kybernetiker um Norbert Wiener
Computer bauen wollten, die den Menschen ersetzen können, formulierten ihre
Nachfolger, dass man beim Versuch, solche Computer zu bauen, demütig die
Einmaligkeit des menschlichen Geistes erfahren könne. Einer ihrer Vordenker war
der 2002 verstorbene Heinz von Foerster. Nicht das Ziel einer Forschung oder
des Denkens stand für Foerster im
Vordergrund, sondern der Prozess dahin – im Gegensatz zum gerichtsnotorischen ist
das in der Tat einer, bei dem man nie verlieren kann.
Der Begriff „kybernetisch“ kommt
nicht von ungefähr vom altgriechischen Wort für Steuermann: Dieser, so Foersters
Beispiel, folge nicht einem festen Kurs, sondern reagiere auf äußere Einflüsse.
Seine Erkenntnisse werden zu Handlung und verändern wiederum seine
Erkenntnisse. Foerster kritisierte die Vorstellung der frühen Kybernetiker, man
könne aus der Funktion künstlicher Intelligenz auf das menschliche Denken
schließen. Metaphern wie ‚Elektronengehirn‘ hätten sich so verselbständigt und
verstellten den Blick auf die wahre Komplexität menschlicher Denkvorgänge. Und
schließlich: Alles Geschehen sei zirkulär; jeder erreichte Punkt ein neuer
Ausgangspunkt.
Mit dieser Denkstrategie könnten
Politiker begreifen, wie sehr zum Scheitern verdammt 5-Jahrespläne und
europäische Stabilitätsmechanismen sind. Wissenschaftler würden sich um Demut
bemühen beim Versuch des Verstehens von Wetter oder Klimaprozessen. Und vielleicht
würden sogar Ideologen zu zweifeln beginnen. Foerster war im übrigen ein
geistreicher Spaßvogel. In seinem Bemühen um permanentes Relativieren der
Erkenntnisse sprach er z.B. von der „Neugierologie“ oder der „KybernEthik“. Er
warnte vor der möglichen Denkbehinderung durch feste Begriffe. Er stellte alles
erstmal auf den Kopf und suchte so nach neuen Sichtweisen.
Warren McCulloch, ein anderer
Vertreter der Kybernetik zweiter Ordnung, entwickelte aus der Erforschung von
Gehirn und Nervensystem die These, dass die herkömmliche binäre Logik
ausschließlich politische Hierarchien, also Unterdrückung, hervorbringe. Solche
binäre Logik läuft bei Konrad Kustos im Grunde unter dem Begriff des linearen
Denkens. McCulloch kreierte als Gegensatz die ‚Heterarchie‘, also Nebenordnung
statt Unterordnung, was hier in etwa „kybernetischen Netzwerken“ entspräche -
aber im Grunde ist es immer dasselbe Prinzip: Weg vom scheinbar logischen
Aneinanderreihen einer viel zu geringen Zahl von Parametern und hin zum
Vernetzen aller verfügbaren Gesichtspunkte.
Auch der Soziologe Karl Popper hat
ähnliche Gedanken zum Prozesscharakter entwickelt. Weil die Wirklichkeit zu
komplex für die Steuerung durch Politiker und Fachleute sei, schlug er eine
Variante des ‚Learning by doing‘ vor. Unter Verzicht auf eine übergeordnete
Steuerung sollen wir demnach bei jeder kleinen gesellschaftlichen Handlung
prüfen, ob es ein Schritt in die richtige Richtung sein könne oder gewesen sei,
und diesen gegebenenfalls korrigieren oder fortschreiben .
Beim „Kybern“ wird in Strukturen
gedacht, nicht in Antworten, es erfordert ein hohes Maß assoziativer
Intelligenz. Möglicherweise kann das trainiert werden, möglicherweise ist es
angeboren, wahrscheinlich von beidem ein bisschen. Ein kybernetischer Politiker
würde beispielsweise nur am Rande Überzeugungen, Fachleute und Datenbanken für
seine nächsten Entscheidungen bemühen, sondern seine kopf- und bauchinternen
Prozessoren und Datenbanken sowie Freunde, kluge Bekannte und seinen Stammtisch,
so er einen hat, hinzuziehen, um die Entwicklungslinien der wichtigsten
Parameter seiner Entscheidung durchzuspielen.
Dieser Politiker wird sich dabei
auf durch die herrschende Denkideologie in Verruf gebrachte Fähigkeiten wie
seinen gesunden Menschenverstand, traditionelle Erfahrungen und Werte sowie auf
bewährte Verhaltensmuster stützen. Leider gibt es solche ‚Instinktpolitiker‘
nicht, oder jedenfalls nicht mehr. Apparatschiks, Medienstars und Ideologen
haben den Job übernommen. Sie sind Ideologen und damit laut Carlo Franchi
„Denker, die sich durch Tatsachen nicht beirren lassen“.
Eingeschränkt „linear“ wird
jedenfalls nicht deshalb gedacht, weil ein böser Mensch das für böse Zwecke erfunden
hat, sondern weil das Gehirn so organisiert ist. So erhält der Mensch scheinbar
die ersehnten Antworten und es ist beliebt, weil denkfaule Menschen sowie
intellektuelle Rattenfänger davon profitieren können. In früheren Zeiten hat
das auch meist gereicht; in Zeiten einer Explosion der weltweiten Informationsmenge
reicht es aber nicht.
Lineare Basisarbeit des Denkens kann
allerdings durchaus hilfreich sein, etwa beim Bilden von Kausalketten. Und
umgekehrt ist das kybernetische Denken nicht automatisch zielführend, sondern
nur eine Chance auf Erkenntnis. Doch das ist mehr als die lineare Konkurrenz zu
Wege bringen könnte. Der kybernetisch Denkende macht sich ganz entspannt all
die Mühe, weil er von vornherein keine eindeutigen Antworten erwartet, aber weiß,
dass gerade darin die größte Wahrscheinlichkeit sinnvoller Ergebnisse liegt. Es
gibt eben gar keine fertigen Lösungen, wie sie die lineare Alternative zu
unrecht zu finden können behauptet. Bertrand Russell hat dazu gesagt „Auffällig
ist, dass die Dummen so sicher und die Klugen so voller Zweifel sind“. Wenn die
Weltformel partout nicht vor unserer Nase zu liegen scheint, müssen wir uns an
die Erkenntnisse eben mühsam heranrobben.

Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöscheneine wunderbare Einführung in den Konstruktivismus – wieder einmal vielen Dank dafür!
Ein paar Fragen und Anmerkungen habe ich allerdings dazu:
1. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann gehen Sie davon aus, dass das Gehirn „linear“ organisiert ist.
Vielleicht trägt es mit zum konstruktivistischen Austausch bei, dass ich meine Version beisteuere:
Maturana & Varela sehen die biologischen und sozialen Prozesse als in vielfacher Hinsicht vernetzte Rückkoppelungen an: Das Nervensystem als Teil des Organismus agiert (siehe oben) strukturdeterminiert und operiert autopoietisch.
Eine weitere Stufe zur Erkenntnis stellt die Entwicklung des Nervensystems zu einem – motorische und sensorische Zellen verknüpfenden – interneuronalen Netzwerk mit dem Gehirn als Zentrum dar. Das ZNS ist für die innerorganismische Selbstregulation zuständig und hält automatisch die Funktionalität des Gesamtorganismus in Relation zu organismisch relevanten Bedingungen in seiner Umgebung oder Umwelt aufrecht (nach Jakob J. von Uexküll).
Das ZNS „vermittelt“ dabei stets nach zwei Seiten: Als zentrales Integrations-, Koordinations- und Regulationsorgan dient es nicht nur der Verarbeitung von Reizen, die über die vom jeweiligen Organismus ausgebildeten Sinnesorgane von außerhalb des Organismus ins ZNS gelangen, sondern auch von jenen, die im Organismus selbst produziert werden (zum Beispiel über Imagination, Traumbilder usw.).
In diesem Zusammenhang spielt die Viabilität im Sinne Ernst von Glasersfelds eine bedeutende Rolle. Da nach Ansicht des radikalen Konstruktivismus die Übereinstimmung der Überzeugungen mit der Wirklichkeit nicht möglich ist, verzichtet von Glasersfeld auf einen Wahrheitsbegriff.
Als Kriterium für die Überzeugungen setzt er anstelle des Wahrheitsbegriffs den Begriff Viabilität.
Sie ist neben der Anschlussfähigkeit und der Zieldienlichkeit ein wichtiges Relevanzkriterium für Wirklichkeitskonstruktionen.
2. Was meinen Sie mit „intellektuellen Rattenfängern“? Und warum und wie sollten die durch lineare Prozesse profitieren?
Österliche Grüße aus dem sonnigen 7gebirge
Annette S. aus K.
Liebe Annette, in Anbetracht der späten Stunde eine kurze Antwort eines durch Ihr Wissen beeindruckten KK. Nur das kognitive Denken unterliegt m.E. der Linearität, das Unterbewusste ist eben dazu in der Lage, in die Bereiche auszubrechen, von denen Sie schreiben. Auch glaube ich, dass man, wie fast alles, das vernetzte Denken trainieren kann. Wichtig ist, dass das ein kollektiver Prozess wäre, also beispielsweise in die Schulbildung und in den Überbau einflösse. Der intellektuelle Apparat hat daran aber kein Interesse, weil er mit seiner kleinen Lösung die Schaltstellen besetzt hat. Kybernetisches Denken würde die Dünnbrettbohrer an den Universitäten und in den Feuilletons als Blender aus den Ämtern jagen. Zu Punkt 2: Ein Politiker beispielsweise, der den Wählern einfache Lösungen für komplexe Probleme verspricht, ist ein solcher Rattenfänger, der seine Macht mit linearen Konstruktionen festigt.
LöschenBeste Grüße hinter die 7 Berge von KK
Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschenich steuere hier ein ganz klares JEIN bei :-)!
„Kognitives Denken“ kenne ich in dieser Kombination nicht.
Ich vermute, dass Sie „logisches Denken“ meinen.
Das Wort „Kognition“ ist übrigens nicht genau oder besser nur fachspezifisch definiert (siehe Wikipedia).
Nach meiner Auffassung wird die Kognition sehr wohl auch – und zwar viel mehr, als wir glauben – vom Unterbewussten gesteuert.
Was wir wahrnehmen und denken, hängt also nicht nur von unserer Erfahrung, unserem Wissen und unserer Logik ab, sondern davon, in welchem „Zustand“ wir uns befinden.
In einem erhöhten Tonus – z.B. (Dis-)Stress, aber auch Freude bzw. freudige Erregung – stehen uns andere „Dateien“ zur Verfügung als im wohlgespannten, energieeffizienten Zustand. Das heißt die Schlussfolgerungen, die wir ziehen, und die Handlungen, die wir ausführen, hängen ganz entscheidend davon ab, in welchem (Gefühls- und Aufmerksamkeits-)Zustand wir sind.
In der Transaktionsanalyse wird postuliert, dass Kommunikation der Austausch von Zuständen ist, die wiederum an bestimmte „Ichs“ gekoppelt sind. Diese Zustände sind also als intrapsychische, physiologische und letztlich auch neuronale Wahrnehmungen und Auswertungen im Prozess (der ständigen Feinabstimmung mit allen inneren und äußeren Ebenen) zu verstehen.
Ich danke Ihnen, dass Sie nun bei der Darstellung von Politikern als „Rattenfänger“ den Begriff „intellektuell“ weggelassen haben. Der Begriff "intellektueller Apparat" ist für michübrigens ebenfalls und ebenso fragwürdig.
Und ich danke Ihnen für Ihr Kompliment. Ich hatte das Glück, dass ich mein besonderes privates Interesse, nämlich Kommunikation auf allen Ebenen, mit meinem Beruf verbinden kann.
Ich hoffe, dass ich ein wenig aus meinem ganz speziellen Fachgebiet zur Erhellung beitragen konnte, und wünsche ein wunderschönes verlängertes Wochenende
Annette S. aus K.
Nur Kurz, Klima und Wettermodelle sind dynamische ( Rückkopplung) Modelle die nicht linear berechnet werden, daher dauert dies mal Wochen. Dabei werden Parallelrechner verwendet, sei es SIMD oder MIMD- Modelle. Wobei man mit Threads oder MPI arbeiten kann. Ferner werden in der AI Neuronalenetze schon lange mit Rückkopplung programmiert.
AntwortenLöschen... und am Ende kommt dann eine menschgemachte Klimaerwärmung oder ein sonniger Wetterbericht bei Regenrealität heraus. Wenn wir Menschen das vernetzte Denken so schwer hinbekommen, wie sollen es da Maschinen schaffen, deren Wesensmerkmal ja gerade die Linearität ist?
AntwortenLöschenWettervorhersage ist zu 80 Prozent probabel. Das liegt auch an den fehlenden Meßstationen an den Orten wo Wetter gemacht wird. Möchte den Menschen sehen der diesalles im Kopf durch " Überlegen " macht. Wer bestehende Modelle kritisiert muß ein besseres anbieten das auch einer Überprüfung stand hält. Der Mensch denkt auch linear. Ferner müßten dann Rechner in der Strömungslehre auch versagen.
AntwortenLöschenVerstehe ich nicht - aber vermutlich denke ich nicht linear genug :-) ...
Löschen"und am Ende kommt dann eine menschgemachte Klimaerwärmung ... heraus"
AntwortenLöschenWoher wissen wir von der "menschengemachten Klimaerwärmung"?
Durch Intuition? Durch "assoziativer Intelligenz"?
NEIN: Durch Messwerterfassung (Wetterdaten) und Computermodelle!
Ich halte es für ein "Kind mit dem Bade ausschütten", also für eine Form der Dummheit, wenn man "lineares" Denken - also analytische Wissenschaft - und Intuition gegeneinander ausspielt - man beraubt sich dann einer Erkenntnisquelle, Wissenschaftsfeindlichkeit im postmodernen Jargon inmitten einer Industriegesellschaft ist in etwa dasselbe, wie die Gegner einer Randbebauung des Tempelhofer Feldes in einer Stadt mit Wohnungsmangel - eine müßige Protestspielerei von jemandem, der nicht darüber nachdenkt, auf welchen Voraussetzungen seine eigene Existenz beruhen.