Für eine groß angelegte Datenschutzreform, die im übrigen 300 deutsche Datenschutzgesetze rückstandslos ersetzen wird, haben beispielsweise fleißige EU-Parlamentarier die zuständige Justizkommissarin Viviane Reding, die eigentlich schon durch ihren Kampf für die Frauenquote voll ausgelastet sein müsste, mit sage und schreibe 3999 Änderungsanträgen eingedeckt. Die Regeln der neuen europäischen Demokratie sehen vor, dass über jeden dieser Änderungsanträge einzeln abgestimmt werden muss. Bei einer optimistisch angenommenen Abstimmungszeit von 22 Sekunden müsste das zu einem Marathon von 24 Stunden ununterbrochenem Abstimmen führen. Und man kann als sicher annehmen, dass dieser Fall nur die Spitze des Eisbergs des Bürokraten-Parlamentarismus ist.
Vor zwei Jahren wurde diese Reform initiiert, aber nicht nur
von den Parlamentariern, sondern auch immer wieder von den Nationalstaaten
hinterfragt, was verständlich ist, denn immerhin wird so mit 100 Paragraphen
der komplette nationale Datenschutz ausgehebelt. Nun soll die Reform vielleicht
Ende des Jahres fertig sein. Eine inhaltlich sicher ergötzliche Auseinandersetzung
damit lassen wir heute mal weg, weil es hier ja um die Strukturen des Brüsseler
Möchtegern-Leviathans gehen soll.
Vielleicht hat Frau Reding sogar recht, dass die
unterschiedlichen nationalen Datenschutzgesetze private Unternehmen jährlich 1,3
Milliarden Euro kosten, vielleicht handeln wir uns aber auch Nachteile ein, die
jetzt noch gar nicht zu übersehen sind. Fakt ist, dass mit einer
rechtsverbindlichen Datenschutzreform künftig an den nationalen Gesetzgebern
vorbei direkt auf EU-Ebene entschieden würde. Beispielsweise ist vorgesehen,
dass sämtliche europäischen Unternehmen darauf verpflichtet werden, einen
Datenschutzbeauftragten zu benennen. So bekommt Bürokratie Kinder, schließlich
brauchen wir dann auch Genderbeauftragte, Arbeitsschutzbeauftragte,
PoCo-Beauftragte, Migrantenbeauftragte usw.
Deshalb verlautbarte der Brüsseler Apparat auch schon, dass
„die steigende Zahl der verabschiedeten Maßnahmen und ihre Fortschreibung
wachsende Aufmerksamkeit" nötig machten. Wir können sicher sein, dass
dafür zusätzliche Mittel freigemacht werden. Schon jetzt gibt die EU 6% ihres
Jahreshaushalts für Personal, Verwaltung und Instandhaltung der Gebäude aus: Bei
einem Budget von etwa einer Billion Euro sind das ungefähr 60 Milliarden Euro.
Die künstliche Vereinheitlichung unterschiedlichster
Kulturkreise gibt es eben nicht für lau. Insgesamt verfügt die EU nunmehr über
23 Amtssprachen. Kostenbewusst werden „nur“ die Rechtsakte in sämtliche
Amtssprachen übersetzt, sonst müssen Englisch, Französisch und Deutsch
ausreichen. Dennoch hat jeder EU-Bürger das Recht, sich in der Amtssprache
seiner Wahl an die EU-Institutionen zu wenden und eine Antwort in derselben
Sprache zu erhalten.
Weil die EU auch ein bewährtes Auffangbecken für Politiker
der zweiten und dritten Garde ist, müssen immer neue Funktionsstellen
geschaffen werden. Deshalb ist ein Kommissar für den Handel, ein anderer für
den Wettbewerb zuständig. Es gibt einen Kommissar für Umwelt und eine
Kommissarin für Klimapolitik. Einen Kommissar für „allgemeine Entwicklung“ und
einen, der sich auf Landwirtschaft und „ländliche Entwicklung“ spezialisiert
hat. Einen für „Industrie und Unternehmertum“ und einen für „Wirtschaft und
Währung“. Dreht euch nicht um, der Kommissar geht um.
Das Fußvolk lässt es sich aber auch gut gehen. Zwischen 2000
und 518.000 € schwankt das Grundgehalt eines EU-Beamten. In der Spitze ist das
ungefähr doppelt so viel wie in Deutschland. Hinzu kommen Stand 2009
steuerfreie Zulagen: 2% des Gehalts plus 160 € als Haushaltszulage, für jedes
Kind 350 € plus einer Erziehungszulage von 250 € und fallweise noch eine Trennungszulage
von 16%. Nicht zu vergessen die ohnehin erheblichen Steuervergünstigungen. Alles
was über die Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden hinausgeht, wird mit anderthalb
bis zwei Freistunden ausgeglichen. Die Krankenversicherung schlägt mit ganzen 2%
vom Bruttogehalt zu Buche.
Der junge Bürobote fängt mit 2190 € an, ohne Zulagen
versteht sich. Und rund 4400 Beamte verdienen laut „Welt“ mehr als der deutsche
Bundeskanzler. Ein Direktor bringt es schon auf das Gehaltsniveau des
Bundespräsidenten und selbst ein Referatsleiter hat mehr als ein
Bundesminister. Wer's nachrechnen will, kann es hier tun. Und über das
Europäische Parlament, in dem nach jüngstem Beschluss des
Bundesverfassungsgerichts ohne Sperrklausel jede Sekte einziehen kann, haben
wir dabei noch gar nicht geredet. Interessant war nur die Begründung des
Gerichts, warum es für den Bundestag einer Sperrklausel bedürfe, aber nicht in
Europa: Das Europäische Parlament habe ja sowieso nichts zu sagen.
Dafür läuft die europäische Umverteilungsmaschine dann aber
auch auf Hochtouren. Die ungesicherten Kredite an Länder und Banken durch den
Rettungsschirm einmal beiseite gelassen, werden 373 Milliarden Euro für die
Landwirtschaft bewegt, 325 Milliarden Euro zur Förderung der Umwelt und für die
Integration der transeuropäischen Verkehrsnetze, 126 Milliarden für die
Förderung des Wettbewerbs und des Wachstums - und eben 62 Milliarden für die
eigene Verwaltung. Peanuts sind dagegen die fünf Milliarden, die allein 2011
nach Angaben des Europäischen Rechnungshofes „fehlerhaft“ ausgegeben wurden.
Der naheliegendste Fehler ist die Ferne der
Entscheidungsträger vom Ort ihrer Entscheidungen. In Spanien und Italien
bekamen Landwirte deshalb Prämien für Felder, die sie als „Dauergrünland“
deklariert hatten. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass es
Waldparzellen waren. Aus dem Sozialfonds flossen Gelder für Fortbildungen,
deren fiktive Teilnehmer mit ganz anderen Tätigkeiten beschäftigt waren.
Immer wieder ist von einem Europa der Regionen die Rede,
aber offensichtlich sind das nur Parolen, um die Souveränität der
Nationalstaaten zu unterminieren. In einer zentralen Verwaltung, die für mehr
als 500 Millionen Menschen zuständig ist, können gar keine ortsangemessenen
Entscheidungen getroffen werden - egal wie groß der Apparat aufgebläht wird.
Kein Wunder, dass 74% der EU-Bürger der Meinung sind, die
Union produziere zu viel unnötige Bürokratie. Tatsächlich erklärte im September
des vergangenen Jahres Kommissionspräsident Barroso, seine Behörde sei manchmal über das
Ziel hinausgeschossen. Später ergänzte er: „In vielen Bereichen brauchen wir
europäische Regulierung. Andere Themen können besser auf nationaler und regionaler
Ebene behandelt werden.“ Kann man ihm glauben? Kann man glauben, dass überhaupt
noch irgendjemand die Kontrolle über diesen Moloch hat?
Schlimmer noch: Die Bürokratie ist nicht nur dysfunktional,
sondern auch eine Einübung in einen autoritären Zentralstaat. Sachfremde
Entscheidungen, noch dazu von Landespolitikern je nach Laune und Kalkül hin und
her geschoben, entziehen sich jeder regionalen, problemkundigen oder
anderweitig sachorientierten Kritik, denn bis nach Brüssel fliegen keine Steine
und verhallen die Protestrufe. Ach ja, wir können ja noch Briefe schreiben und
erhalten eine Antwort in der Landessprache...

Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschengrundsätzlich ist eine Europäische Union in meinen Augen durchaus wünschenswert, wenn es darum geht, Menschen und Völker zusammenzubringen und evtl. noch Sozialfonds zu verwalten und Gelder in diesem Sinne zu verteilen.
Es mag vielleicht auch noch angehen, dass Handelshemmnisse innerhalb Europas abgebaut werden, aber weiterreichende Befugnisse halte ich persönlich für gefährlich.
Ich mache in diesem Zusammenhang aufmerksam auf das TIPP, das zur Zeit hinter verschlossenen Türen u.a. in Brüssel verhandelt wird und weitreichende Nachteile für die EU-BürgerInnen bringen wird, siehe:
http://www.labournet.de/politik/eu-politik/wipo-eu/freihandelsabkommen-mit-den-usa-tafta/
Die Verhandlungen sind – vermutlich aus gutem Grund – so geheim, dass viele Menschen davon noch gar nichts mitbekommen haben, dennoch wird es sie in nicht unerheblichem Ausmaß betreffen.
Besonders entsetzt mich der Lobbyismus in der EU, in der aus meiner Sicht nur höchst selten bürgernahe Entscheidungen getroffen wurden.
Die völlige Über-Bezahlung für – meines Erachtens nicht unbedingt hochqualifizierte – BeamtInnen macht mich bereits seit Jahren sprachlos. Die Gegenleistungen, die sie erbringen, spotten eigentlich jeder Beschreibung.
Ich erinnere hier nur an die Einführung des Euros und die Rolle der Europäischen Zentralbank (ein Organ der EU) während der europäischen Finanzkrise ...
Aber auch die überbordende kulturelle Gleichmacherei macht mich betroffen.
Warum sollte es nicht möglich sein, die kulturellen Unterschiede als wertvolle gewachsene Strukturen mit einem gewissen Maß an Orientierung und einem gehörigen Maß an Identität zu respektieren, einen interessanten Austausch zu führen und Standpunkte immer wieder neu zu verhandeln?
Das zumindest entspricht meinem Verständnis von Demokratie, EU und Völkergemeinschaft – eine Gemeinschaft (lat. Kommune) kommuniziert (teilt, teilt mit und hat Teil an einem Prozess, der gemeinschaftlich Sinn aushandelt, der wiederum gemeinsam akzeptiert, getragen und verantwortet wird und idealerweise allen zum Wohle gereichen sollte).
Spätestens mit dem Vertrag von Lissabon konnte die EU ihre gesetzgeberischen Befugnisse weiter ausbauen und die politischen Entscheidungen wurden noch intransparenter als bisher.
Ich zumindest habe inzwischen die Orientierung verloren, was, wann, wie, warum und wozu von wem verhandelt wird und wurde. Und ich bin mir auch nicht mehr sicher, wo die einzelnen Staaten überhaupt noch national entscheiden dürfen und wo nicht.
Das trägt m.E. zu dem von Ihnen beschriebenen Dilemma bei – die Menschen wissen vermutlich gar nicht mehr, wo sie ansetzen sollen, wenn sie sich wehren wollen.
Ich wünsche Ihnen wie immer ein schönes Wochenende und grüße herzlich
Annette S. aus K.
Das MUSS ich noch eben hinterherschieben:
AntwortenLöschenWie die EU arbeitet bzw. bearbeitet wird, welche Rolle die Industrieunternehmen, gefälschte Zahlen und falsche Versprechungen bei der Meinungsmache spielen,
wird hier sehr gut dargestellt:
http://www.youtube.com/watch?v=01SrMr8lu2c
Das ist immerhin mal wieder einer der wertvollen Beiträge in den Medien :-) ...
Annette S. aus K.
Liebe Annette S. aus K.,
AntwortenLöschendie Völker Europas brauchen NIEMALS eine EU, nur die hinter dem Vorhang agierenden Finanzmächte!!!
Lieber Herr Eisenmeister,
Löschennun, das Wesen der Demokratie ist vielgestaltig und lebt von unterschiedlichen Meinungen - die im Idealfall dann auch noch argumentativ nachvollziehbar gemacht werden - und von DISKUSSIONEN.
In diesem Sinne grüße ich herzlich
Annette S. aus K.