Allerdings konnte er diesen Weg
nicht gehen, ohne eine ganze Reihe von elementaren Prinzipien aufzugeben, die
in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft weit über die bloße Machtkonformität hinausgehen. Wenn ein
Reporter etwa ganz unpolitisch schreibt, er sei mit Dschungelkönig Kusmagk in
dessen R4 gefahren, der „schon über 160.000 Stundenkilometer hinter sich hat“,
dann ist das ein Versagen von Sorgfalt und Intellekt, das weit über die
kürzlich hier belächelten Schlampigkeiten
oder einen politischen Dienstleistungscharakter der Presse hinausgeht.
Die Degeneration der
journalistischen Medien hat so ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Dies konnte
auch deswegen so umfassend und wenig beachtet geschehen, weil sich die
kritischen Kreise schon Jahrzehnte zuvor in dieser Einseitigkeit letztlich
verharmlosend auf den Aspekt „Manipulation“ eingeschossen hatten. Weil man
schon überall eine relevante systemkonforme Beeinflussung witterte, als es noch
ein relativ freies Spiel journalistischer Kräfte gab, ist man jetzt wort- und
kraftlos, den wirklichen Verfall der Souveränität der vierten Gewalt zu
beschreiben.
Schwerwiegend beispielsweise ist das Ignorieren der
Informationspflicht und des Gebots der Wahrhaftigkeit. In einem Artikel über
eine Studie zum Zusammenhang der Agenda 2010 mit dem anschließenden
Wirtschaftsaufschwung erfährt man beispielsweise zwar, dass das Wiedererstarken
gar nichts mit den Eingriffen in das deutsche Sozialsystem zu tun gehabt habe,
doch findet sich in dem langen Text weder eine Quellen- noch eine
Namensangabe. Jeder kann also öffentlich ein Lied furzen, wenn es der Zeitung
nur gefällt. Und dass es der Zeitung gefällt, steht schon in der Überschrift „Forscher
entlarven Hartz-IV-Wunder als
Mythos“. Schon vor dem Lesen, wird dem Informationswilligen mitgeteilt, wie er
zu lesen und zu denken habe.
Statt journalistische
Errungenschaften zu pflegen werden lieber vermutete Reizthemen endlos
durchgenudelt, oder noch schlimmer, sie werden konstruiert. Unter der
Überschrift „Pädophilie-Vorwurf gegen die Grünen verstärkt sich“ fand sich in
einem 80 Zeilen langen Artikel nach einigen Wiederholungen vom Vortag ein Text
über die Rolle von Horst Seehofer in der bayerischen Politik. Weil das den
Redakteuren anscheinend nicht sexy genug war, wurde dem kurzerhand ein damals
gerade aktuell aufgeblasener Aufreger vorangestellt. Der Leser, der an Horst
Seehofer interessiert gewesen wäre, hätte alle Artikel lesen müssen, um fündig
zu werden. Muss man die Zeitungen jetzt also von hinten nach vorne oder von
unten nach oben lesen?
Vielleicht sollte man es ganz sein
lassen. Nach einem Meteoriteneinschlag im Ural wurden im Fernsehen alte
Aufnahmen einer (viel heftigeren) Gasexplosion in Turkmenistan gezeigt. Demnächst hat dort Putin gezündelt. Im
Internet kursieren etliche glaubwürdige Hinweise, dass etliche der im deutschen
öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigten Gräuelbilder von Gewalttaten
syrischer Regierungstruppen in Wirklichkeit Aufnahmen aus dem Irakkrieg sind.
Als das aufgeputschte Skandälchen zur NSA-Bespitzelung des Merkel-Handys der
verordnete Aufreger der Woche war, brachte eine Zeitung seitenfüllend ein
Infrarotbild der amerikanischen Botschaft und schrieb dazu, in der
Selbstwahrnehmung investigativ, an den grüngefärbten Stellen liefen tatsächlich
und unerhörterweise Energieanlagen. Den Beispielen ist gemein, dass dem Leser nicht
nur keine Informationen vorgesetzt werden, sondern dass sein
Informationsbedürfnis virtuell und übersteigert mit Spam befriedigt wird.
In dieser Virtualisierung der
Information liegt das eigentliche Problem, sollte danach oder dabei auch noch manipuliert
werden, ist es bloß das negative Sahnehäubchen obendrauf. Die Presse feiert die
heiße Luft, die sie von sich gibt, und damit sich selbst. Als ein Lehrer einer
Berliner Schule sich wegen einer Liebesbeziehung zu einem Minderjährigen selbst
anzeigte, erfand eine Zeitung „Eine Schule im Ausnahmezustand“. In dem
Aufmacher erfuhr der Leser, dass die Schule zweisprachig sei und beste
Ergebnisse beim Abitur aufzuweisen habe, doch von Aufregung oder gar einem Ausnahmezustand
findet sich nichts. Die Seite wird gefüllt mit Allgemeinplätzen eines
Schulleiters, der dem besagten Lehrer gar nicht kennt, „aber Erfahrung
mitbringt“. Beispielsweise sei er während des Marathonattentats in Boston
gewesen. Aha! Die armen Autoren des Artikels müssen einem leidtun: Man spürt
bei der Lektüre ihres Scheiterns geradezu die Anweisung der Redaktionsleitung,
aus nichts eine Riesengeschichte zu zaubern. Das Thema ist wichtig, die
Information ist nichtig.
Natürlich wird in einer Gesellschaft,
die politisch-korrekte Randthemen aus gutem Grund zu Überlebensfragen
stilisiert, die Missinformation auch in ihrer ideologischen Variante gespielt.
So heißt es, von Juni 2014 an könne der Online-Kunde EU-weit auf einheitliche
Widerrufsregelung „bauen“. Im automatisierten Bemühen, das Wirtschaften der EU
zu schönen, wird die künftige Schlechterstellung des Verbrauchers zum
schützenden Akt umformatiert. Das gleiche Motiv liegt zugrunde, wenn getitelt
wird, „Währungsfonds verpasst Deutschland eine Ohrfeige“, und dann weiter im
Text die Argumente des IWF zur Griechenland-Sanierung heruntergeleiert werden, als wären es von Gott persönlich auf Tontafeln
heruntergereichte Offenbarungen.
Ideologische Position werden auch
fortgeschrieben, wenn es in der Überschrift heißt, „Fukushima-Arbeiter stärker
verstrahlt als befürchtet“ und im ersten Satz ein „vermutlich“ nachgereicht
werden muss. Über die gesundheitliche Relevanz der vermuteten 20% höheren
Belastung findet sich kein Wort. Als der damalige Umweltminister Altmaier gegen
die für die deutsche Autoindustrie katastrophalen geplanten CO2-Regeln der EU
Widerstand leistete, hieß es bei dpa, die Bundesregierung kämpfe für eine „Aufweichung
eines europäischen Kompromisses“. Den Beweis durfte dann ein unbekannter
Autoexperte antreten, der nicht etwa den Verlust der Konkurrenzfähigkeit der
deutschen Automobilindustrie und damit Hunderttausender von Arbeitsplätzen,
sondern „Rückschläge für Elektroautos“ befürchtete.
Der Moralverlust der Medien war
kaum einmal so deutlich wie in dem Fall der australischen Radiomoderatoren, die
mit einem gefakten Anruf in der Gebärstation des britischen Thronfolgers dafür
sorgten, dass die getäuschte Krankenschwester sich genötigt sah, kurz darauf
aus dem Leben zu scheiden. Die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung
verschwimmen. Das ist so, wenn die Wirtschafts- oder Wissenschaftsjournalisten
vor der Kamera den Kasper geben, und das ist so, wenn der ARD-Tatort mit
aufgetragener Sozialkritik und plumpem politischen Gut-böse-Schema zum
Volkserziehungskrimi wird.
Überall gibt es zusätzlich den
Trend zur Kampagne. Ist ein Thema - zu recht oder zu unrecht - erst einmal am
laufen, gibt es kein Halten mehr; jeder Fliegenschiss zum Thema ist einen
Aufmacher wert. Wenn ein ohnehin nicht ganz ernstzunehmender Wolfgang Thierse
eine launige Bemerkung zu Schwaben in Berlin macht, bricht sofort eine
künstlich aufgebauschte Debatte los. Und weil zu den journalistischen Tugenden
nun auch nicht mehr der Schutz der Informanten und der Betroffenen gehört,
sondern in einer kurzsichtigen Gesellschaft durch die Politik der verbrannten
Erde ersetzt wird, haben wir alle noch eine Erinnerung, was für eine
menschenfeindliche Kampagne losbricht, wenn ein Rainer Brüderle einer Journalistin, deren Professionalität
er vertraute, ein harmloses Kompliment macht.
Ein Journalist hat Verantwortung.
Er steht an der Nahtstelle zwischen dem Geschehen und der interessierten
Leserschaft. Für eine gute Arbeit braucht er inhaltliche Kenntnisse, formale
Fähigkeiten, die Liebe zum Beruf und ein Gespür für das, was seine Kundschaft
interessiert. Der Journalist des Niedergangs legt einen vierfachen
Offenbarungseid ab: Er wird an alle thematischen Fronten geschickt, so dass er
meistens überfordert ist; er ist schlecht ausgebildet, weil die Verleger Geld
sparen wollen und inkompetente Kräfte anheuern; er arbeitet nicht für die
Sache, sondern für seine Karriere und er glaubt, seine Leserschaft nicht
informieren, sondern erziehen zu müssen.
Die Konzentration gilt quer durch alle Medien der Botschaft,
nicht der Form, dabei ist doch die klar definierte Form (Bericht, Nachricht,
Reportage) die Grundlage jeder journalistischen Arbeit, während sich die
Botschaft auf die eigens dafür geschaffene Form des Kommentars zu beschränken hat.
Diese Grenzen sind schon lange verwischt. Ein Journalist, der heute vom
Klimawandel faselt, ohne den Unterschied von Klima und Wetter zu kennen, fühlt
sich stolz als Bestandteil eines großen Weltrettungsmechanismus. Ein
Journalist, der die politischen Parolen des Niedergangssystems nachplappert,
sieht sich als integrer Bestandteil der Demokratie. Ein Journalist, der solange
die Witwe schüttelt, bis sie ihm eine rührselige Geschichte erzählt, glaubt,
seine Leserbedürfnisse adäquat zu befriedigen. Und wenn die Antworten nicht so
sind, wie erhofft, dann wird es eben anders geschrieben. Nicht nur, dass das
der Redaktionsleitung nicht auffällt, sie will es geradezu so.
Wer da den Informanten mit einer
Gegenposition konfrontiert, wer kritisch nachfragt, wer sich zu lange mit
Fakten aufhält, wer nicht das Altbekannte abschreibt, sondern nach neuen
Gesichtspunkten sucht, wer Dummheiten ignoriert oder hinterfragt, der wird in
diesem neuen Journalismus erst belächelt und dann aussortiert. Früher nannte
man das Hofberichterstattung, aber die gab es nur am königlichen Hof und war da
auch in Ordnung.
Journalismus schafft nicht mehr ein
möglichst präzises Abbild der Realität, sondern eine Fortschreibung der
systemgewollten Virtualität. Er arbeitet affirmativ durch Ablenkung und
Desorientierung. Der Journalist plappert nicht nur so, wie die Strukturen das
von ihm erwarten, er denkt gleich so. Er verbiegt sich nicht erst, er ist schon
so. Diese „Charakterschule“ beginnt bei der Einstellungsauswahl und setzt sich
im Redaktionsalltag als Karrierekriterium und schlichtes Anpassungsverhalten
fort. Warum sollte es auch im Journalismus anders als anderswo sein?
Vielleicht, weil eine Demokratie nicht auf einen funktionierenden Journalismus
verzichten kann?

Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschenvielen Dank für diese Erhellung an einem wunderschönen Frühlingsmorgen.
Das Problem ist, dass viele Informationen von den einzelnen Schreiberlingen gar nicht mehr recherchiert werden. Sie kommen vorformuliert über den Reuters- und dpa-Ticker, werden dann je nach Stil, Ausrichtung und ZG ein wenig angepasst. Fürs (Nach-)Recherchieren ist angeblich kein Geld da. Kein Wunder: Das wird nämlich in teure Events und die Selbstdarstellung der SpartenleiterInnen gesteckt.
Wie also soll so „Wahrheit“ produziert und vermittelt werden?
Mal ganz davon abgesehen, dass vielen JournalistInnen und insbesondere RedakteurInnen das Rückgrat fehlt, überhaupt eine Meinung oder eine Haltung zu haben, die anders ist als die gewünschte. So etabliert und erhält sich ein System.
Aber wie immer im Leben gibt es zwei Seiten – auch die der Leserschaft bzw. der Einschaltquoten., denn natürlich bestimmt der Markt auch hier das Angebot. Andersherum funktioniert es natürlich auch. Und so bedingt eine systemische Dummheit die nächste, denn funktionierende Systeme bedingen sich immer gegenseitig und sorgen für – aus der Sicht der Systeme – passende und nützliche Anschlusshandlungen. Kritisches Denken ist gefragt und natürlich: Konsequenz in der Handlung bzw. Umsetzung.
Meine Empfehlung: die Medien aussuchen, die gut recherchieren und gut schreiben – und vielleicht sogar den Mut haben, auch mal öffentlich zu streiten.
Ich wünsche Ihnen und allen ein wohlgespanntes sonniges Wochenende
Annette S. aus K.
Liebe Annette, Sie schreiben: "die Medien aussuchen, die gut recherchieren und gut schreiben – und vielleicht sogar den Mut haben, auch mal öffentlich zu streiten." Geben Sie doch mal einen Tipp! Ich kenne weit und breit nichts in dieser Art, außer im weiteren Sinne Blogs im Internet.
AntwortenLöschenLiebeR Anonym,
Löschenich denke, dass Sie als interessierte Leserin bzw. interessierter Leser selbst herausfinden, welche Medien seriös arbeiten.
Würde ich diesbezüglich eine Empfehlung aussprechen, würde ich gleichzeitig etwas über mich erzählen, und zwar m.E. zu viel - und vor allem etwas darüber, welche politische Richtung ich gutheiße.
Das halte ich für die Diskussionen, die hier teilweise geführt werden, nicht für ratsam.
Ich hoffe auf Ihr Verständnis und wünsche Ihnen einen guten Start in eine gute Woche
Annette S. aus K.
Liebe Annette, ich glaube, der die liebe lieber Anonym meinte, dass es solche seriösen Medien nicht gibt, und ich würde mich ihm anschließen, auch wenn es sicher noch gewisse qualitative Unterschiede gibt.
LöschenUnd aus diese(n)r Erfahrung(en) bei Diskussionen auf diesem Blog, die sie meiner Erinnerung nach einmal gemacht haben, zu verallgemeinern, scheint mir nicht zielführend. Im übrigen haben Sie ja kürzlich ihren Klarnamen schon verraten :-).
Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschenoje – das ist mir ja völlig entgangen ...
Falls Sie die Möglichkeit haben, bitte ich Sie, meinen Klarnamen durch das von mir in diesem Blog ansonsten verwandte „Annette S. aus K.“ zu ersetzen.
Was die Medien betrifft, möchte ich mich dennoch mit weiteren Auskünften zurückhalten.
Meine einzige Empfehlung, die ich gebe:
http://moveonfreedom.de/wie-arbeiten-die-medien-heute-eine-dokumentation/
– eine aus meiner Sicht sehr interessante Zusammenfassung zum Thema.
Besonders sehenswert ist hier auch der Filmbeitrag.
Ich wünsche allen eine schöne Woche
Annette S. aus K.
Ich konnte nur den ganzen Beitrag löschen, aber der war ja sowieso eher persönlicher Natur und bleibt im Kopf gut verwahrt. Herzliche Grüße KK
LöschenIch danke Ihnen sehr herzlich!
LöschenEine kurze Anm. noch: Dass ich nicht zu viel über meine politischen Ansichten auf diesem Blog kundtun möchte, ist übrigens nicht meiner Erfahrung hier geschuldet, sondern in erster Linie der Besorgnis, dass Diskussionen dann möglicherweise eher im Hinblick auf Ideologien als auf das „Ringen um die beste Lösung“ geführt werden. Und das wäre aus meiner Sicht sehr schade.
Annette S. aus K.
Alles richtig. Aber ich habe so meine Zweifel, daß der Journalismus früher besser war. Ich habe mich mit der Spätkaiserzeit und der Weimarer Republik beschäftigt und die selben Phänomene der Zeitgeistverstärkung, der Voreingenommenheit und Umerziehung gefunden. Nur daß es damals noch kein Internet als Korrektiv gab.
AntwortenLöschenAlles richtig, aber was sie sagen, deckt sich durchaus mit meiner These, dass der Niedergang so ungefähr um die 70er-Jahre herum mit seinen Hauptströmungen einsetzte. Bis dahin war es besser geworden, meinetwegen sind wir jetzt analog zur Kaiserzeit, und da ist noch einiges an Schussfahrt vor uns.
LöschenLieber Herr Prabel,
Löschenganz sicher wurden die Medien schon immer missbraucht für die Zwecke derer, die ein Volk nach ihren Vorstellungen und Zielen gestalten wollten.
Dennoch sehe ich zumindest in zwei Punkten Unterschiede:
1. Es gab keine (globalen) Unternehmen, die Lobbypolitik in der Art betrieben, wie sie heute betrieben wird – und sowohl die Medien als auch die PolitikerInnen für ihre Ziele einspannten.
2. Die Menschen haben – und sei es an Stammtischen – mehr miteinander gesprochen und diskutiert und damit Meinungen ausgetauscht und vermutlich so manche Nachricht auch relativiert und mit ihrer Lebenswirklichkeit abgeglichen.
Was das Dritte Reich dann leider doch nicht verhindern konnte ...
Aber grundsätzlich stimme ich Ihnen natürlich zu - auch ich bezweifle, dass der Journalismus früher besser war, in der Tat gibt es sogar einige Parallelen.
Annette S. aus K.