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| Zeichnung: H. Zille (1858-1929) |
In immer mehr Berliner Innenstadtvierteln sollen solche
Verordnungen eine sogenannte Luxusmodernisierung - ein Begriff der übrigens
nirgends definiert ist - des mehr als 100 Jahre alten Baubestandes erschweren
oder verhindern. Man verspricht sich davon, dass weniger attraktive Wohnungen
gutsituierte Zuzügler abschrecken, die Verdrängung reduziert wird und die
Mieten sich stabilisieren. Da ist sie also wieder, die Steuerung von
Entwicklungsprozessen durch destruktive Maßnahmen. Das entspricht der erst
kürzlich hier beschriebenen Mentalität,
nicht durch Argumente oder allgemeingültige nachvollziehbare Regelungen,
sondern durch Erzeugen von Verkehrsstau und Behinderung der städtischen Abläufe
den Autoverkehr unattraktiv machen zu wollen.
18 solcher Milieuschutzgebiete gibt es bereits in Berlin,
weitere sollen folgen. Vor wenigen Wochen traf es den ganzen Szenebezirk
Prenzlauer Berg. Dort wird nun der Einbau von Parkettböden oder
Fußbodenheizung, eines zweiten WCs, einer Einbauküche oder eines
Doppelwaschbeckens im Bad nicht mehr genehmigt. Kleine Wohnungen dürfen nicht
zu größeren zusammengelegt werden und Balkone maximal vier Quadratmeter groß
sein. Der grüne Baustadtrat Hans Panhoff in Friedrichshain-Kreuzberg, wo sogar
entsprechende Veränderungen in selbstgenutzten Eigentumswohnungen verboten
sind, sagt ganz offen: „Der Milieuschutz ist ganz klar ein Eingriff ins
Eigentumsrecht.“ Das aber sei vom Gesetzgeber so gewollt, um eine Mehrheit zu
schützen.
Was für ein verlogenes Argument, denn er schützt mit diesem Bruch
geltender Rechtsvorstellungen ja höchstens die weniger Privilegierten auf
Kosten der Zuzugswilligen. Die Menge der Bewohner verändert das nicht, denn der
Wohnraum würde durch eine „Gentrifizierung“, wie der eigens dafür aus der
Wissenschaft entlehnte und negativ umgedeutete Begriff lautet, höchstens tangiert.
Aus solchen Zahlenspielen ein neues demokratisches Recht ableiten zu wollen, ist
ein starkes Stück. Funktioniert Demokratie denn jetzt blockweise und rechtsfrei
wobei sie gleich noch die Marktwirtschaft ersetzt? Dann lassen wir die
Milieugeschützten doch abstimmen, ob sie nicht lieber bei vollem Mietausgleich
in den vornehmen Grunewald ziehen wollen. Die Mehrheit wäre ihnen sicher.
In Wirklichkeit kennt jede lebendige Stadt solche
Wanderungsbewegungen; Leben bedeutet Veränderung, das ist auch so, wenn Konrad
Kustos die Haare auf dem Kopf verliert und sie ihm dafür auf der Brust wachsen.
Am Ende eines jahrzehntelangen Prozesses werden in unserem Fall die Verdränger in
der Mehrheit sein, und alle werden denken, das sei schon immer so gewesen. Also
ist es nicht die Frage, ob für die Mehrheit gehandelt wird, sondern für welche
Interessen. Der Schutz der derzeitigen Bewohner ist sicher ein moralisch
lobenswertes Ziel, das aber nur - und dies auch nur möglicherweise - auf einem
Weg erreicht wird, bei dem das Recht gebrochen oder abgeschafft und zudem eine
gesunde Stadtentwicklung behindert wird.
Natürlich ist es traurig, wenn angestammte Mieter verdrängt
werden, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können. Und natürlich nerven die
zuziehenden, latteschlürfenden Müslis mit Jute-Kinderwagen und Managerjobs
manchmal gewaltig. Aber die Stadt ist wie die Marktwirtschaft ein lebendiger
Organismus, der nur gesund wachsen kann, wenn man evolutionäre Prozesse, die
sich hier in Angebot und Nachfrage, Investitionen oder Verfall ausdrücken, nicht
ausschaltet. Wohlhabende zahlen mehr Steuern in die Staatskasse, haben
(manchmal) nützliche Fähigkeiten für das Wirtschaftsleben und gehen in der
Regel sorgsamer mit der Substanz um. Und wenn die Demokratie es denn will und
sie es sich leisten kann, bleibt ihr durchaus der legale Weg, die
Bestandsmieter mit Mietzuschüssen zu stützen. Warum wohl ist davon nicht die Rede?
Wird kostengünstiger Wohnungsbau nicht behindert wie kürzlich
am Beispiel Tempelhofer Feld berichtet, stabilisieren sich die Mieten marktwirtschaftlich, auch wenn die Schwächeren
dafür umziehen müssen. Das Leben ist eben keine Luxusyacht. Und wer gesehen
hat, in welchem Zustand Prenzlauer Berg und Friedrichshain vor 20 Jahren waren,
also vor Beginn der bösen Gentrifizierung, kann diesen Prozess der
Modernisierung nur im Zustand der ideologischen Blindheit als Werk des Teufels
sehen.

Solche Regeln sind wirklich abstrus. Das schlimmste daran ist, dass sie die Gesetzesmoral der Bürger weiter unterwandern. Denn wer will kontrollieren, ob ein Doppelwaschbecken eingebaut wurde? Vielleicht in Stichproben, aber nicht flächendeckend.
AntwortenLöschenUnd nach der Logik dieser Vorgehensweise müssten grüne Politiker gegen Tempo-30-Zonen in diesen Bezirken sein, und gegen Maßnahmen der Verkehrsberuhigung. Denn die "Ureinwohner" haben sich längst an den Lärm gewöhnt, nur die Neubürger, aus schwäbischen Kleinstädten zugezogen, kommen damit nicht klar. Um sie fernzuhalten, würden eventuell auch Lokalflughäfen (Stichwort Tempelhof) helfen... (ok, das ist ironisch gemeint, nur falls das missverstanden werden sollte)
Das heisst aber nicht, dass jede "Entwicklungsmaßnahme" wie eben die inzwischen abgelehnte Tempelhof-Planung positiv ist. Je großflächiger, desto kritischer sehe ich sie in der Regel, insbesondere aufgrund der heute üblichen Architektur. Und nicht jede Wohnraum-Regel ist negativ - Regeln, die vor Umnutzung als Ferien- oder Zweitwohnung schützen, sind gar nicht so schlecht, denn hier würde ja wirklich Wohnraum vernichtet.