Es ist im übrigen auch nicht wirklich neu, dass manche Fußballfans
- oder jedenfalls solche, die sich dafür halten - gewaltbereit sind. Schon 1909
gab es Gewaltexzesse auf Fußballplätzen. Erst gab es die Schläger, dann die
Hooligans, dann die Ultras, und allen war gemein, dass sie den wirklich
Fußballinteressierten den Spaß an der Sache nahmen. Das mussten gar nicht erst
Prügeleien sein, es reichten schon die Pyros und die monotonen Gesänge
, die mit dem Geschehen auf dem Rasen so viel zu tun haben wie der Jäger mit
dem Veganismus.
Denken wir nur an die filmreife Szene, als Schalker Ultras
mit vier Fahrzeugen auf offener Straße ein Auto Dortmunder Fans einkesselten
und demolierten, bevor den Dortmundern noch die Flucht gelingen konnte. Denken
wir an die üblichen Verabredungen zu Massenschlägereien unter einzelnen
Fangruppen. Dennoch wurden die Vereinsverantwortlichen nicht müde, ihre „besten
Fans der Welt“ zu hofieren.
All das ist plötzlich vorbei. Wer ein HoGeSa-Abzeichen
(„Hooligans gegen Salafismus“) trägt, erhält entgegen jeder Verhältnismäßigkeit
Stadionverbot. Keinen Verantwortlichen haben bisher zu Gewalt aufrufende
Transparente wie beim FC St. Pauli gestört („Wir blockieren den Castor - Du
auch?“ oder „Der Hausbau auf die Fresse“) Die Politik gibt diese neue, harte Linie
vor: „Der Rechtsstaat muss alle Mittel ausschöpfen, damit sich die neue
Dimension von Straßenmilitanz, die wir in Köln erlebt haben, nicht
wiederholt", sagte beispielsweise der Berliner Innensenator Frank Henkel
(CDU). Gewaltbereiten Gruppierungen dürfe nicht tatenlos die Straße überlassen
werden.
Aber Hallo. Wo war und
ist denn Herr Henkel, wenn linke Minderheiten in großer Regelmäßigkeit allein
in der Stadt seiner Zuständigkeit das Demonstrationsrecht missbrauchen? Wo war
und ist er, wenn dort öffentliche Plätze und Gebäude monate- und jahrelang
rechtswidrig besetzt werden? Erst am Montag wurden dort bei erneuten
Ausschreitungen an der von illegal Einwanderern und „Unterstützern“ besetzten
Hauptmann-Schule neun Polizisten verletzt - der Aufschrei der
veröffentlichenden Öffentlichkeit blieb im übrigen aus. Und nun hat Henkel die
Frechheit, hinsichtlich Köln von einer „neuen Dimension von Straßenmilitanz“ zu
sprechen. Das soll er einmal den unzähligen verletzten Polizisten des traditionellen
1.-Mai-Festivals ins Gesicht sagen, die Opfer der diversen
„Deeskalationsstrategien“ wurden. Doch dazu hat er keine Zeit, denn urplötzlich
ist er damit beschäftigt, „gewaltbereiten Gruppierungen nicht tatenlos die
Straße zu überlassen“.
Am besten geht das natürlich mit der angekündigten Einschränkung des
Demonstrationsrechts, und damit kommen wir den eigentlichen Ursachen für den
großen Theaterdonner schon näher. Was dem System nicht nutzt, gehört verboten.
Nebenbei: Wäre das nicht ein Ansatz, mit dem die Linke ihre
Systemkompatibilität einmal hinterfragen sollte? Die CDU jedenfalls scheint
sich an die Spitze der neuen Bewegung setzen zu wollen, eine Strategie, die
sich ja schon beim Energiewandel für sie bestens bewährt hat.
Die Medien leisten die bewährte Schützenhilfe. „So brutal
waren die Hooligan-Angriffe“, überschreibt N24/Springer seinen Videoclip zum
Thema, in dem bis auf den beliebten Bullyumsturz nichts, aber auch gar nichts
Brutales zu sehen gibt. Der Wahnsinn geht so weit, dass ein Shitstorm losbrach,
als der Moderator im ZDF-Morgenmagazin bei den Berichten zu Köln ein olivgrünes
Hemd trug, welches auf manchen Fernsehern braun ausgesehen haben muss. Ob denn
der Verfassungsschutz schon informiert sei, fragte einer der Empörten. Und was tut
das ZDF angesichts dieser verblendeten Narren? Es entschuldigt sich.
Besonders plump trat (erneut) „Zeit online“
auf. Die letztlich angesichts 4000 potenzieller Gewalttäter hier einmal sogar erfolgreiche
Deeskalationspolitik der Polizei wird lächerlich gemacht und als misslungen
bezeichnet. Versprengte Naziparolen werden ins Zentrum gerückt, die
Demonstranten als „Fußball-Mob“ tituliert. Als Krönung wird dazu ein Gegensatz
konstruiert und von einem Polizeiterror gegen Kapitalismusgegner bei einer
Demonstration des Vorjahres in Frankfurt gesprochen. Den mag es gegeben haben
oder nicht, aber der Demonstrationsalltag sieht anders aus, und das sollte ein
Zeit-Autor wissen. Tut er aber nicht; schreibt er jedenfalls nicht.
Die „Welt“ sekundiert
kongenial der Politik, wenn diese diskutiert, „ob die im Grundrecht garantierte
Versammlungsfreiheit zu Gunsten rechtsextremer Gewalt ausgenutzt wurde“.
Klingen da schon zu fordernde neue Notstandsgesetze durch? Die Diktion
jedenfalls ist klar: Auf einer Unterstützerseite der HoGeSa auf Facebook habe
es „unzählige Aufrufe zu Protest und Hass“ gegeben. Im Videoclip darf zwar ein in
seiner Naivität durchaus glaubwürdiger Sprecher der Hooligans sagen, man habe
versucht, auf der Demo jede Form von Gewalt zu verhindern, doch die
begleitenden Bilder zeigen, wie könnte es anders sein, den Bullyumsturz, und
die Überschrift versichert, dass der Mann ein Lügner sei.
Nun stehen Hooligans mit ihrer niedergangskonformen
Brutalität sicher nicht für die Schokoladenseite unserer Gesellschaft, und man könnte
meinen, sollen die doch einfach so weitermachen. Schalker gegen Dortmunder
Schläger, linke gegen rechte Gewalttäter, Hooligans gegen Salafisten - solange
sie nur untereinander bleiben und sich gegenseitig neutralisieren und notfalls
reduzieren. Doch so einfach ist es nicht. Der Rechtsstaat darf die
Rechtsbeugung nicht dulden.
In unserem konkreten Fall sind aber nicht die Ausschreitungen von Köln das Problem,
sondern das, wofür sie stehen. Früher beschränkten sich Fußballschläger auf das
Fußballumfeld, meist sogar auf Auseinandersetzungen ihrer Gruppierungen
untereinander. Nun beanspruchen sie plötzlich ein politisches Mandat. Das Neue
daran ist auch, dass die Kausalität verkehrt wird: Stand bei den gewaltbereiten
Linken erst die politische Phrase vor dem eigentlich gesuchten Nervenkitzel des
Riots, verschafft sich hier die gewaltsuchende Klientel nachträglich einen
politischen Hintergrund. Im Ergebnis ist das natürlich Jacke wie Hose.
Entscheidend für den oben angesprochenen Paradigmenwechsel ist
das Thema, dass sich die Hooligans ausgesucht haben. Warum betreten ausgerechnet
die meist dicken Dünnbrettbohrer, die höchstwahrscheinlich schon genug Probleme
mit dem Verstehen der Abseitsregel haben, plötzlich die politische Bühne? Für
die politischen Experten, denen keine Kausalität linear genug sein kann, sind
es sicherlich die rechtsradikalen Verführer, die ihre Hand im Spiel haben. Sicher
haben die das, aber das hatten sie kläglich erfolglos schon seit Jahrzehnten.
Die kybernetische Frage ist also, warum scheint es erst jetzt zu klappen, hier
eine Massenbasis zu gewinnen, und was sind dafür die entscheidenden Faktoren?
Und umgekehrt gefragt: Warum geben die Hooligans ihre
bewusst beschworene Destruktivität und ihre Asozialität zumindest nach eigenem
Anspruch auf und nun zumindest vor, der Allgemeinheit dienen zu wollen? Es sind,
weil das Sein das Bewusstsein bestimmt, die objektiven Bedingungen in diesem
Lande. Die Menschen spüren mehr und mehr, dass ihr Land, ihre wirtschaftliche
Existenz und ihre Demokratie dem internationalen Kapital ausgeliefert werden. EU-Schuldenpolitik,
Globalisierung und der massenhafte Import von billigen Arbeitskräften sowie
konsumbefördernden Trittbrettfahrern des (steuerfinanzierten) Sozialsystems
sprechen eine so deutliche Sprache, dass die humanismusgeschwängerte
Schalmeienmusik des Mainstreams ihre Wirkung verliert.
Man muss es so sagen, auch wenn selbst einem radikalen
Verfechter der Mitte wie Konrad Kustos dafür von den selbsternannten Hütern der
Political Correctness Rechtstendenzen oder Schlimmeres unterstellt werden werden:
Eine neue nationale Frage kommt auf. Umso mehr muss das internationale
Großkapital dagegen hetzen, hat es doch mit den Deutschen ganz andere Pläne.
Der deutsche Wähler soll sich keine Gedanken machen, wo die
Konzerne ihre Steuern bezahlen. Der deutsche Arbeiter soll sich keine Gedanken
machen, warum so viele billige Ausländer als Arbeitskräfte oder
Hartz-IV-Konsumenten ins Land geholt werden. Der Deutsche soll sich keine
Gedanken machen, warum seine Regierung eine seinen Interessen konträre Politik
verfolgt.
Bisher haben diese Verunsicherungspläne der Internationale
des Kapitals im Nazi-traumatisierten Deutschland so gut geklappt, dass alle
anderen Länder sich über uns entweder totlachen oder uns bedauern („German
Angst“). Wann immer nationale Interessen formuliert wurden, wurde hierzulande die
Kampf-gegen-Rechts-Keule geschwungen. Eine Keule, mit der auf Spatzen
eingeschlagen wurde, denn es gab und gibt in Deutschland nach wie vor keine
relevante rechte Machtgruppierung oder ein entsprechendes Potenzial in der
Bevölkerung (weswegen man offensichtliche Demokraten wie die AfD oder Kritiker
wie Sarrazin verhetzen musste).
Das wird sich anscheinend nun ändern. Wenn eine Absurdität
zu lange oder zu sehr übertrieben wird, schlägt sie ins Gegenteil um. Mit der Verteufelung elementarer
Interessen des Volkes (noch so ein Wort, das man in Deutschland nicht benutzen
darf), werden Rechtsradikale die Massenbasis bekommen, die sie nie hatten, die
aber aus den genannten Gründen unterstellt wurde. So sind die selbst erklärten Antifaschisten nicht nur unbewusste
Vasallen eines wild gewordenen Kapitalismus, den sie eigentlich ablehnen,
sondern auch noch Geburtshelfer eines neuen Rechtsradikalismus.
Stattdessen gilt es, die nationale Frage in die Mitte des
Denkens unserer Mitte und damit in den demokratischen Diskurs zurückzuholen. Sie
darf nicht den Radikalen überlassen werden. Weil das bisher nicht gelungen ist,
sind die Hooligans die Speerspitze eines sich im Diffusen entwickelnden
Volksbewusstseins. Sie werden in dieser Rolle auch nur eine Momenterscheinung
sein - egal ob und wie heute in Hannover demonstriert wird -, aber sie
artikulieren dieses Bewusstsein als erste, weil sie nicht die sozialen
Bindungen und wohl auch nicht den Verstand haben, sich vom Meinungsterror der
Political Correctness und damit der Ideologie der wahrhaft Herrschenden beugen
zu lassen.
P.S.: Die Welt dreht sich natürlich trotzdem weiter, und
auch Rechte haben ein Recht auf Links. Deshalb hier eine vollständig
unvollständige Zusammenfassung des Themas von „Extra 3“.
Danke für den guten Artikel.
AntwortenLöschenZu Ihrem Satz:
"Warum betreten ausgerechnet die meist dicken Dünnbrettbohrer, die höchstwahrscheinlich schon genug Probleme mit dem Verstehen der Abseitsregel haben, plötzlich die politische Bühne?"
Haben Sie in Ihre Erklärungsversuche schon einmal mit einbezogen, dass hier dieselben Kräfte im Spiel sein könnten und im Hintergrund wirken, welche auch die Erfinder des NSU-Gespentes sind?
Die Linke ist schuld an den Rechtsradikalen? Kommt mir irgendwie bekannt vor, die Argumentation, gab es das nicht schonmal, dass die Greuel des 3. Reichs mit den kommunistischen Verbrechen begründet bzw. entschuldigt wurden? Langweilig.
AntwortenLöschenGenauso gut könnte man die Rechtsradikalen für die Salafisten verantwortlich machen, oder die Christen für die Niederlagen von Hertha BSC. Irgendein Zusammenhang findet sich immer, und beweisen lässt sich eh nix.
Spannender finde ich die Diskussion um die "nationale Frage", wie auch immer sie lautet - ich hoffe, die Antwort ist nicht (19)42. Ja, diese Frage war in Deutschland lange ein Tabu. Ja, "nationale" (d.h. robuste staatliche) Strukturen sind wichtig, wenn es gilt, die superkapitalistische Welle zu überstehen. Und trotzdem habe ich immer ein komisches Gefühl, wenn in Deutschland wieder eine nationalistische Flaggenwelle durchs Land rollt. Der deutsche Nationalismus ist meiner Meinung nach instabil, er kann sich kurzfristig extrem aufschaukeln oder auch wieder zusammenfallen.
Die Ursache vermute ich darin, dass er in weiten Teilen des Landes historisch gesehen aufgepflanzt wurde, von Preußen übertragen auf Deutschland. Und auch in Preußen als Feudal- und Siedlerstaat ist der Nationalismus nicht wirklich natürlich entwickelt. Wenn 1848 die Demokratie gesiegt hätte, wäre es vielleicht heute anders, aber dank 1871 und 1934 (Zerschlagung des historischen föderalen Deutschlands durch die Nationalsozialisten) tendiert der deutsche Nationalismus zur explosiven Hysterie. Es fehlt ein gesundes Gegengewicht regionaler Patriotismen, selbst die Bayern sind "gute deutsche Patrioten" geworden. Sicher auch eine Folge des Krieges und seiner Bevölkerungsverschiebungen.
Wenn die Rechtsradikalen wirklich mal die Massenbasis bekommen wie im Artikel beschrieben, bin ich jedenfalls weg. Aber bis dahin setze ich auf die unnachahmliche Fähigkeit der Rechten, sich untereinander zu zerstreiten, wie weiland bei "Asterix bei den Goten".
Lieber DD, ich denke, unausgewogener, übersteigerter Nationalismus ist ein internationales Phänomen, möglicherweise in Deutschland etwas schlimmer durch die traumatischen Niederlagen. Das mit Preußen ist ein interessanter Gedanke, der aber schwer nachzuweisen sein wird.. Aber wir reden ja auch über nationale Identität und nicht über Nationalismus. Zu Deinem ersten Absatz kann ich nur sagen: Schnell meinen Post nochmal lesen und dann entschuldigen....
AntwortenLöschenNix entschuldingen. Ich zitiere:
AntwortenLöschen"So sind die selbst erklärten Antifaschisten nicht nur unbewusste Vasallen eines wild gewordenen Kapitalismus, den sie eigentlich ablehnen, sondern auch noch Geburtshelfer eines neuen Rechtsradikalismus."
Du musst schon sehr gut argumentieren um zu begründen, dass du mit selbst erklärten Antifaschisten, die den Kapitalismus ablehnen, nicht die politische Linke oder zumindest radikale Teile ("Antifa") davon meinst?
Das mit den Vasallen des Kapitalismus hatte ich dabei noch nicht einmal angesprochen, das ist ja noch netter. Wobei ich da die Dialektik noch eher schlucke - der Kapitalismus wird durch seine "Gegner" oder zumindest Gegengewichte durchaus stabilisiert. Aber das man dadurch gleich zum Vasallen wird? Falls du wirklich die kleinen Antifa-Gruppen meinst, müsstest du das nochmal erklären. Stabilisierend wirken die auf nix, höchstens auf die Glaser- und Pflasterstein-Industrie, die aber eher marginale Teile des weltweiten Kapitalismus darstellen.
PS - und sag nicht, das wäre ein Nebensatz. Auf dem Web-Treffpunkt von -räusper- eigenartigen Trollen und Gnomen "Geolitico" ist genau dieser Satz der Aufhänger zu deinem Artikel.
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