Eine virtuelle Gesellschaft
erfindet immer wieder neue Wörter, um missliche Dinge schöner aussehen zu
lassen als sie sind. Umsiedlung statt Vertreibung, Lohnangleichung statt
Lohnsenkung und Entsorgungspark statt Mülldeponie. ‚Intervention’ ist auch so
ein Wort, suggeriert es doch, dass kompetente Kräfte eingreifen, um das
Schlimmste zu verhindern. Dabei liegt man mit dem deutschen Terminus
‚Einmischung’ viel näher dran: Leute, die sich einbilden, sie seien kompetent,
oder die dies aus Eigeninteresse vorgeben, mischen sich mehr oder weniger
ungefragt in die Angelegenheiten anderer Leute ein. Was dabei herauskommt,
gehört meistens in den Entsorgungspark. In dieser Woche waren 1000 mehr oder
weniger kompetente Leute in Bonn, um über die Folgen der Intervention in
Afghanistan nachzudenken. Das konnte nur so erfolgreich enden wie die Rettung
des Euro oder wie der Versuch, weggelutschte Bonbons wieder in die Tüte zu
stecken.
Zehn Jahre nach Beginn der
Intervention in der asiatischen Bergwildnis sieht die Bilanz so aus, wie sie zu
erwarten war: Nicht endende Opfer an Soldaten (ca. 3000, mehr Tote als am 11.
September) und Zivilisten (mehr als 100.000 und davon rund drei Viertel von
Taliban bzw. durch pakistanisch unterstützte Truppen verursacht) und
Milliardenkosten. Trotz einiger Erfolge wie aufgepfropfter Menschenrechte,
Gleichberechtigung, neuen Fernsehsendern und Schulbildung ist die Macht der
Taliban ungebrochen. Die Wirtschaft kommt nicht in Gang, der Bau der seit
langem erhofften Öl-Pipeline wäre eine völlig neue Dimension des Begriffs
Risikokapital, und der Hass der Einheimischen auf die Taliban fokussiert sich
zunehmend auf die fremden Möchtegernwohltäter.
Da passt es tragisch, dass gerade
der Präsident Afghanistans, Hamid Karzai, wegen eines weiteren Terroranschlags
mit mindestens 19 Toten nach der Bonner Konferenz überstürzt in die Heimat
abreisen musste. Einer Konferenz übrigens, für die rund 1000 Politiker und
Diplomaten aus 85 Ländern angereist waren, ohne eine Entscheidungskompetenz,
schlimmer: ohne Ideen. Solche immens teuren Aktionen sind vielleicht eine
Lösung für die wirtschaftliche Situation Bonner Bordelle, nicht aber für die
Probleme einer weit entfernten Krisenregion. So wird in einer virtuellen Gesellschaft
auch noch der Krieg virtualisiert.
Für die Betroffenen – Afghanen und
Soldaten – ist der Krieg allerdings höchst real. Und für die Einheimischen wird
er mit Abzug der Intervenierer schlimmer sein, als vor zehn Jahren. Wie konnte
es zu der Katastrophe kommen, bei der Geld und Menschenleben in einen offenbar
kaum noch lösbaren, gleichwohl unerträglichen, Status quo transformiert wurden?
Die USA haben sich das Engagement bisher mehr als eine Billion Dollar kosten
lassen. Allein Deutschland ist nach aktuellen Angaben der Wirtschaftsforscher
vom DIW mit 17 Milliarden Euro dabei. Im Vorjahr hatten die DIW-Experten
übrigens 36 Milliarden Euro errechnet, was ebenso wie die strittigen
Opferbilanzen zeigt, wie unkontrollierbar selbst die Zahlen geworden sind.
Strittig sind auch die
ursprünglichen Motive der westlichen Staaten unter Führung der USA. Geht es um
den Öltransport, den Opiumanbau, den Kampf gegen den Terror oder sogar die
Verteidigung humanistischer Werte? Sicher wollten die Amerikaner nach dem 11.
September ein Zeichen setzen, aber war nicht von Anfang an klar, dass
Afghanistan dafür der falsche Ort war? Und mussten wirklich die Deutschen in
das fragwürdige Unternehmen einsteigen, um „unsere Freiheit am Hindukusch zu
verteidigen“?
Unter dem Strich geriet der Krieg
in den scheiternmüssenden Versuch, Wertkolonialismus zu betreiben. Die
Verantwortlichen glaubten, dass mit Geld und Krieg Werte wie Humanismus,
Gerechtigkeit und Friedlichkeit den Stammesgesellschaften eines der
rückständigsten Gebiete der Erde eingeprügelt werden konnten. Diese Arroganz
musste scheitern, weil sie schlicht unterschlug, dass Kultur Zeit zur Reife
braucht. Viel Zeit. Jahrtausende haben die Europäer schmerzvoll seit ihrer
Phase der sozialen Organisation in Stammesverbänden hinter sich gebracht; wie
könnte das mit überlegenen Waffen, einer aufgepfropften Demokratie und einigen
Schulneubauten in wenigen Jahren aufgeholt werden, wenn beispielsweise in
Deutschland jederzeit erfahrbar ist, wie schon die Integration wesentlich ähnlicherer
Kulturen scheitert?
Auch wenn die Intervention und die
Globalisierung den Afghanen fast flächendeckenden Handyempfang brachte, hat das
Land weiterhin eine Analphabetenrate von 70 Prozent. 49 verschiedene Sprachen
werden gesprochen, die Dialekte nicht eingerechnet. Politische Entscheidungen
werden traditionell von Stammesfürsten und Räuberbanden getroffen. Das
Individuum gilt wenig, die Frau noch weniger. Ausdruck dieser Lebenssituation
ist ein hier besonders intoleranter und kriegerischer Islam. Das Leben ist rau,
die Lebenserfahrungen sind rau und so ist das Verhalten, unbeeindruckt davon,
dass irgendwelche Westler Humanität für eine schicke Sache halten.
Ein Beispiel: Als ein Fernsehsender
vor einem Jahr einen Film über die Taufe von islamischen Konvertiten zum
Christentum ausstrahlte, riefen afghanische Regierungsvertreter dazu auf,
„Abtrünnige“ vom Islam mit dem Tode zu bestrafen. Der gerade in Bonn hofierte
Staatspräsident Hamid Karzai wies Regierung und Staatsschutz an, dafür zu
sorgen, dass es keine weiteren Übertritte gebe. Der stellvertretende
Parlamentspräsident forderte sogar die öffentliche Hinrichtung von Personen,
die vom Islam zum Christentum übertreten. Und solch archaisches
Selbstverständnis will der Westen mit einem Krieg beenden…
Kultur, Zivilisation, Freiheit und
Demokratie wächst nicht unter der Schutzglocke eines wie auch immer gearteten
fremden Einflusses. Das hat schon der Kolonialismus bewiesen. Zivilisation
wächst aus unendlich vielen schmerzvollen eigenen Erfahrungen, aus unendlich
vielen meist fehlerhaften eigenen Entscheidungen, aus einem ‚Trial and error’
aus der Freiheit, solche Entscheidungen treffen und daraus lernen zu können. Es
bedarf eines Gleichklangs von Zivilisationsstatus und Produktivkräften, von
Bedürfnissen, Möglichkeiten und Erkenntnissen. Jede noch so gut gemeinte
Einmischung behindert diesen Lernprozess und ersetzt ihn durch
auswendiggelerntes, nicht verinnerlichtes Wohlverhalten gegenüber dem fremden
Prediger.
Wir können uns über die Ignoranz
und Arroganz der westlichen Heilsbringer ärgern, aber das eigentliche Problem
ist, dass deren Konzepte ganz konkret für die Betroffenen das Elend vergrößern
und vor allem verlängern. Nur die weitgehende Nichteinmischung ist ein
gangbarer Weg oder besser sogar die Unterbindung von Einmischung. Und wenn sich
dort auch Hunderttausende die Hälse durchschneiden mögen und die Bevölkerung
unter dem Terror Mächtiger leidet, müssen sie ihre eigenen Erfahrungen machen
und solche Verhältnisse aus eigener Kraft überwinden lernen. Deshalb war die
Intervention der Alliierten gegen das kriegführende Hitlerdeutschland auch
richtig und in Afghanistan war sie falsch: In Deutschland musste die
Zivilisation nicht erst hergestellt, sondern nur wiederhergestellt werden.
All das Gesagte unterstellt noch
wohlwollend, dass die Konzepte der Intervenierer zwar wirkungslos, aber
wertvoll und ehrenwert sind. Das sind sie aber nicht. Wer von den Heerscharen
an fremden Experten kennt sich denn mit den örtlichen Bedürfnissen wirklich
aus, kann angemessene Entscheidungen treffen? Letztlich baut sogar die
Kernstrategie der Amerikaner auf einem völlig unverständlichen Fehler auf:
Ausgerechnet der größte Kriegstreiber der Region Pakistan, der über Jahrzehnte
mit größtem ideologischen und militärischen Einsatz Afghanistan immer weiter
ins Chaos gestürzt hat, wird aus der US-Kriegskasse mit Millionenbeträgen
subventioniert.
Pakistan erst hat die Taliban
aufgerüstet und zu Einfluss gebracht. Im Bürgerkrieg, der der Intervention
vorausging, kämpften geschätzte 28.000 Pakistani, 3000 Araber und nur 14.000
Afghanen für die Taliban gegen die gesetzmäßige Regierung. Internationale
Beobachter unterstellen dem pakistanischen Geheimdienst ISI eine
"offizielle Politik" der Unterstützung der Taliban. Ungeachtet dessen,
hat sich Präsident Obama in seinem Etat gerade weitere ganz spezielle 400
Millionen Dollar für Pakistan gesichert: Für den „Kampf gegen islamistische
Aufständische“.
Es sind immer wieder dieselben
Fehler, die die Mächtigen machen: Fehleinschätzung der eigenen Möglichkeiten,
Fehleinschätzung der Situation vor Ort, Selbstüberschätzung und die Idee, mit
Gewalt und dem göttlichen Recht auf der eigenen Seite werde es schon irgendwie
klappen. Libyen ist der nächste Schauplatz dieser Arroganz, wo die NATO ein
vielleicht ungerechtes, aber stabiles, ausrechenbares Regime unter dem Beifall
der Medien weggebombt hat, ohne zu wissen, was sie sich und dem libyschen Volk
dafür einhandelt. Und auch in Syrien werden sie demnächst ein neues Fass
aufmachen – wieder ein Pulverfass.
Wer zahlt und wer profitiert? Die
Antworten sind ganz ähnlich wie bei der Eurokrise und bei allen anderen Krisen
der Niedergangsgesellschaft. Das Volk zahlt, die Politiker haben Spaß bei ihren
höchstwichtigen Konferenzen, und die Mächtigen profitieren - aber in diesem
Fall höchstens dann, wenn ihre destruktiven Strategien wenigstens für sie
selbst aufgehen. Sonst verlieren sogar alle - außer von der Intervention direkt
profitierende Individuen wie Söldner, Waffenhändler, Kompradorenpolitiker und
Geschäftemacher vor Ort. Ein erster Schritt dagegen wäre, den
Euphemismus ‚Intervention’ und anschließend die ganze dahintersteckende
Philosophie zu enttarnen. Im Fall der Intervention bedarf es also tatsächlich
der Intervention.
cui bono - was hat sich in Afghanistan durch die Besetzung geändert? Der Opiumanbau steig von fast 0 auf ca. 90% der Weltproduktion - dazu dann der Kosovo als Distributionszentrum, die Zerschlagung der "Rocker" und Sicherung des Milieus für albanische und kurdische Banden....insgesamt eine sehr erfolgreiche Politik
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