Nun haben sie fertiggewählt in
Ägypten. Wahlen sind demokratisch, verhindern Alleinherrschaften und haben sich
bei uns bestens bewährt. Sie sind einfach toll, weil sie zum Grundkonsens
unseres Zusammenlebens gehören. Noch besser sind Wahlen allerdings, wenn bei
ihnen auch Demokraten Demokraten wählen. Da sieht es nun in Ägypten, einem der
einflussreichsten Länder Arabiens, schon schlechter aus: rund 40% für die
offiziell als moderat-islamistisch eingestufte Partei der Muslimbrüder, mehr
als 20 Prozent für die radikale Partei des Lichts. Insgesamt eine dramatische
Mehrheit islamistischer Kräfte. Da staunen unsere Medien, hatten sie doch seit
Monaten den Aufbruch der Araber in eine Zeit der Freiheit bejubelt, und nicht
nur in Ägypten geht der Schuss nun nach hinten los.
Symptomatisch, wenn auch nur ein beliebiges
Beispiel, für diese realitäts- und verstandsferne Propaganda ist ein Foto im
Stern und der beigestellte scheinbar wertfreie Bildtext. Seitenfüllend sind da
keulenschwingende, martialisch gekleidete Polizisten und flüchtende
Demonstranten zu sehen. Und für die, die nicht fähig sind, sich Bilder
anzusehen, erklärt der Text die Lage: „Polizisten zerren eine Demonstrantin
über den Asphalt, dabei wird ihr Oberkörper entblößt.“ Das gehört zwar zu einem
ganz anderen Bild, aber es hilft, Stimmung aufzubauen. Kein Wunder, so weiter,
dass „viele Ägypter“ (wie viele denn?) schon immer gewusst (oder eher
geglaubt?) haben, das Militär lüge, wenn es behauptet, „niemals friedliche
Demonstranten“ anzugreifen (Lügen ist ja auch pfui). Wer sich aber das Bild etwas
genauer ansieht erkennt, dass kurz zuvor ein Hagel von Pflastersteinen auf die
Polizisten niedergegangen sein muss.
Vielleicht nostalgierte der Texter
die seligen Zeiten, als er noch als Hausbesetzer in der ersten Reihe gegen die
Vertreter des Bullenstaates kämpfte? Konrad Kustos war damals auch dabei, aber
er erkannte genau dort, dass asoziale Gewalt gegen den Staat zur Durchsetzung
von Minderheitsinteressen nicht die Lösung sein kann.
In Ägypten jedenfalls steht der
seiner - wie auch immer zu bewertenden - stabilisierenden Führung beraubte
Staat destruktiver Gewalt an vielen Fronten gegenüber. Beispielsweise müssen
die beschimpften Polizisten Minderheiten wie die Kopten gegen islamistische
Übergriffe schützen, oder es gibt eine Razzia in der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Wer kann da im weit entfernten Deutschland vorgeben zu wissen, wer oder was
Ursache und Wirkung ist und welche Interessen hinter den Aktionen stecken? Das
weiß auch selbst das Journalistengrüppchen vor Ort nicht, das sich seine
aufsehenerregenden Filmaufnahmen gerne von Handykameras der Fanatiker mit deren
verzerrenden Blickwinkeln überspielen lässt.
In den Tagesthemen lief vor einiger
Zeit ein Beitrag, in dem eine verschleierte syrische Frau hysterisch kreischend
alle Soldaten Assads als Mörder beschimpfte. Vielleicht sind sie das auch
wirklich, vielleicht machen sie auch nur einen undankbaren Job als Vertreter
eines regulären Staates, aber was ist das für ein Journalismus, der diese
suggestiven Bilder als einziges Argument benutzt, um die Bösartigkeit des
Regimes zu belegen? Sollte nicht Journalismus auch die Positionen der
Gegenseite zu Wort oder Bild kommen lassen? Sollte er nicht persönliche
Betroffenheit von objektiven Zuständen trennen? Sollte er nicht emotionale
Manipulation vermeiden?
Ebenso einseitig wurde von Anfang
an über die gesamte „Arabische Revolution“ geschrieben. Ohne zu wissen, worum
es genau geht und nach jahrzehntelangem Schweigen zu den bisherigen Zuständen,
war der Presse plötzlich gleichgeschaltet klar: Die herrschenden Regimes sind
bitterböse, die Aufständischen sind deshalb automatisch gut. Sie suggerierten
Zustände wie beim Prager Frühling oder den Montagsdemonstrationen.
Mag das für das relativ moderne
Tunesien noch mit Einschränkungen zutreffen, so war das schon bei Libyen eine
Leugnung eines Bürgerkriegs unterschiedlicher Stämme, bei dem mit hoher
Wahrscheinlichkeit ein totalitäres Regime auf das andere folgen wird. Nur mit
dem Unterschied, dass das alte Regime seine Unterdrückungsmechanismen auch
gegen archaische und aggressive Ideologien einsetzte, das neue diese fördern
wird.
Jedenfalls forderten die Medien
massiv den Bombenkrieg der Weltgemeinschaft mit 20.000 Bombereinsätzen, mehr
als 1000 toten Zivilisten schon nach wenigen Monaten und geschätzt einer
Milliarde US-Dollar Kosten monatlich (komisch, dass in den Medien so gut wie
nichts über diese immensen Kosten geschrieben wurde). Wohlgemerkt ging es um
einen Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat. Natürlich, es galt ja,
Zivilisten zu retten, wenn auch nicht die, die die Bomben dann auf den Kopf
bekommen haben.
Aber wie ist das jetzt mit China,
wann greift die Weltgemeinschaft dort ein und an, wo dort doch die
Menschenrechte noch ganz anders mit Füßen getreten werden? Niemals, eben, die
können sich nämlich wehren. Und wer legt überhaupt fest, wann man keinerlei
Angriffskriege führende, souveräne Staaten angreift und wann nicht? Die UNO
(was maßt die sich da an?) und wenn die UNO nicht mitspielt, dann eben die NATO
oder wer sonst gerade zur Hand ist?
In Arabien jedenfalls folgt auf die
materielle und moralische Intervention des Westens ein Scherbenhaufen. Überall
triumphieren bei den freien Wahlen Islamisten, mal „moderate“ (wie die
Moslembruderschaft, die immerhin im deutschen Verfassungsschutzbericht 2010 ausführlich
Beachtung findet), mal Hardliner, die es unter der Scharia nicht machen und
schon Revolutionspolizeien aufbauen, um gegen alles Unverschleierte,
Freizügige, Homosexuelle und fast alles Kulturelle mit Schlagstock und
Elektroschocker vorzugehen.
Warum haben die Medien diese
zumindest mögliche Entwicklung von Anfang an ignoriert oder ausgeschlossen? Aus
einer romantischen Sympathie für Revolutionen? Die fortschrittlichen unter den
Revolutionären werden die ersten sein, die den entfesselten Islam zu spüren
bekommen. Drei Tage nach der Abschlachtung Gaddafis verkündete der Übergangsrat
Libyens, im neuen Leben werde das islamische Recht Scharia die Grundlage aller
Gesetze sein und bestehende Gesetze, die im Widerspruch zum Islam stünden,
würden annulliert. Aus Freiheitsliebe?
Haben unsere Meinungsführer denn
tatsächlich nicht die Lektionen aus dem Iran oder Afghanistan begriffen, was
Freiheit in Ländern bedeutet, die aufgrund ihres ökonomischen und
zivilisatorischen Entwicklungsstandes noch gar nicht reif für umfassende
demokratische Freiheiten sind? Oder umgekehrt: Haben sie in der Schule die
Information verpennt, dass es ein autoritärer Herrscher wie Kemal Atatürk
geschafft hat, die Türkei zu säkularisieren und einigermaßen
zivilisationskompatibel zu machen? Ist die Sprengkraft islamistischer
Denkweisen auch nach 9/11 nicht in ihren Köpfen angekommen? Sehen sie nicht,
welche Sogkraft der Islam in den unterentwickelten Ländern dieser Welt schon
ohne einen unterstützenden westlichen Propagandaapparat hat? Wollen sie
wirklich nicht wahrhaben, dass ihr ganzer aufgesetzter Fortschrittsoptimismus
in der Destabilisierung der ganzen arabischen Region mündet und damit ein
Zündeln am Pulverfass ist?
Mit dem Frühling ist das so eine
Sache, er kommt, wenn es an der Zeit ist. Manchmal früher, manchmal später und
manchmal schaut er kurz um die Ecke und verschwindet wieder. Für Freiheit gibt
es historische Parameter. Im Mittelalter gab es nicht zufällig keine
Demokratie, und zur antiken griechischen Demokratie sollte man mal die Sklaven,
Besitzlosen und Frauen befragen. Auch im frühen Feudalismus war eine
repräsentative Demokratie noch nicht möglich, und was selbst von unserer
Freiheit zu halten ist, wird ja wöchentlich in diesem Blog thematisiert. Für
eine bestimmte Stufe der Freiheit muss es einen bestimmten Reifegrad der
Bevölkerung ebenso geben, wie entsprechende Kommunikationsmöglichkeiten,
kulturelle und ökonomische Grundlagen, ein nötiges kollektives Wissen, das auch
Erfahrungen mit Vorstufen dieser neuen Freiheit einschließt.
Der Islam sorgt in den arabischen
Ländern dafür, dass es diese Grundlagen einer Freiheit nach westlichem Muster
nicht gibt, und die fehlenden Grundlagen sorgen umgekehrt dafür, dass der Islam
dort als Heilslehre immer populärer wird. Er suggeriert den von der
entwickelten Welt abgehängten Ländern und ihren Bewohnern eine von Allah
gewährte Überlegenheit, die es nicht gibt. Das beste, was solchen Ländern
passieren kann, ist ein moderater, dem Neuen aufgeschlossener Autokrat oder
eine entsprechende Oligarchie oder Junta, die religiösen und anderen
ideologischen Fanatismus unterdrückt und einen gewissen Freiraum gibt, der über
das enge Korsett archaischer islamistischer Unterdrückungsstrategien hinausgeht
und alternative Verhaltensweisen einzuüben ermöglicht.
Dies alles hat der Westen ja nun
erfolgreich weggebombt, wegfinanziert oder weggeschrieben. Syrien wird der
nächste Dominostein der Stabilität sein, der fällt. Um im Bild zu bleiben:
Dieser Frühlingsanfang ist keinesfalls, wie die Medien uns glauben machen
wollen, ein kalendarischer, sondern bestenfalls ein klimatischer oder besser
eine bloße Witterung. Die so möchtegern weltoffen und human agierenden
Medien unseres Landes vergessen ebenso wie die gleichverlautenden (was ja
inzwischen keine Überraschung mehr ist) Politiker völlig, dass dieses Land, für
das sie eigentlich zuständig sind, auch eigene Interessen hat. Freiheitlichkeit
beispielsweise, aber auch Sicherheit und Stabilität. Was ist also los mit den
Medien? Welche Interessen stecken hinter ihrer Blindheit?
Normalerweise spiegeln die Medien
(seltener) die Interessen der Menschen oder (meistens) die Interessen
irgendwelcher Machtstrukturen. Ein einfacher, aber meist untrüglicher
Mechanismus. Diesmal aber erschließen sich zumindest Konrad Kustos die Motive
nicht. Die deutsche Bevölkerung hat ebenso ein Interesse, ein weiteres
Erstarken eines totalitären Islamismus zu verhindern wie die in unserer
Demokratie wirklich Machthabenden. Ist der ideologische Einfluss der
Moralisten, der weltfremden Gutmenschen vielleicht schon derartig groß
geworden, dass er sich sogar gegen Machtpolitik und globale
Wirtschaftsinteressen durchzusetzen vermag? Freuen sich die Medien nur, wenn in
der Welt mal wieder ordentlich was los ist, wozu eine destabilisierte Welt am
besten taugt? Oder haben die alten Mächtigen einfach ein fatales und
kontraproduktives Interesse an einer Destabilisierung Arabiens, um sich neue
Märkte zu erschließen? Vielleicht hilft ja ein Blog-Kommentator meiner
Ratlosigkeit auf die Sprünge…
Es kommt ganz auf den Blickwinkel an, um Ihre Frage zu beantworten.
AntwortenLöschenDie alten Mächte sind keineswegs verschwunden, genauso wenig wie ihre Ziele.
Wir erleben immer noch die drei Machtzentren der Welt: der Vattikan auf der Geistesebene, die City of London in der Finanzkontrolle und Washington DC durch die Militärsmacht.
Alles, was ausserhalb dieser Zentren geschieht, ist von dort aus gesehen „Vasallentum“, von welchen man sich nichts sehnlicheres wünscht, wie diese in die Kriege zu treiben – es mag deshalb etwas blenden, wenn hier sogenannte „Machtträger“ ihren eigenen Selbstmord betreiben, weil diese glauben, einen Sonderstatus zu haben und nicht zu den Schafen zu zählen…
Meines Erachtens hat dies gar nichts mit Gutmensch-Ideologie zu tun, ausser dass diese dazu ausgenutzt wird. Der heute grösste gelebte Rassismus ist wohl derjenige gegen die Deutschen, das wurde ja so eingefädelt – genau wie die „Flüchtlinge“.
Offensichtlich soll Europa umgebaut werden – und es ist keineswegs eine Blindheit der Medien, die gehören ja schliesslich zum falschen Spiel dazu – an dieser Stelle empfehle ich Udo Ulfkotte auf Youtube, welcher genau ausführt, wie grundsätzlich die Medien alltäglich lügen.
Abschliessend möchte ich sagen, das alles passiert nicht etwa aus irgend einer Unfähigkeit heraus, sondern es ist böswilligste Absicht!
(M.D.)
Ich denke die Phantasten projizieren ihre Wahnvorstellungen rücksichtslos in andere Kulturen. Man konnte das kürzlich wieder sehen, wie sie nach dem Wahlerfolg der Kurdenpartei in der Türkei emotional durchgedreht haben. Die hatten nicht auf dem Plan, daß Erdogan nach zwei Monaten die Waffen rausholt und alles wieder auf Null dreht. Jungs, da unten ist die Türkei, wo die Völker aufeinanderschlagen...
AntwortenLöschenErst haben unsere Grünen die Kurdenpartei aufgeziegelt, und jetzt wo es brennt, wo sind sie da? Wo hat Frau Roth ihren Kampfanzug? Sone Freunde wie Roth und Özdemir möchte ich lieber nicht haben...
"Frau Roth im Kampfanzug" - da ist die Assoziation zum "Frontschwein" nicht weit....
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