Bisher herrschte an kritischen Stimmen über die Zukunft des
Euro in Deutschland, jedenfalls soweit es die Mächtigen und Einflussreichen
betrifft, absolute Kirchhofsruhe. Ausgerechnet Ferdinand Kirchhof, seines
Zeichens Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, blieb es vorbehalten, den
ersten Stein zu werfen: Mehr direkte Demokratie in Euroland fordert er und
meint damit Volksabstimmungen über sowohl den Euro selbst als auch über gewisse
europäische Verträge. Wir werden sehen, ob das auf die Nachbeter der
herrschenden Gesundbeter Eindruck machen wird. Ein Segen wäre es.
Die schnellste
Reaktion kam von der FDP-Frau
mit dem lustigsten Doppelnamen der Welt. Erstmal müsse man dem Europaparlament
volle Rechte verschaffen, meinte sie ungefragt, über Formen direkter Demokratie
könne man später nachdenken. Na klar: Den so abgehobenen wie abgeschobenen
Freizeit-Politikern in Straßburg, die sich darum kümmern, dass Autos auch am
Tage mit Licht fahren müssen und Bauarbeiter nicht mit freiem Oberkörper
rumlaufen dürfen, mehr Macht zu verschaffen - das ist für jemanden wie sie
echte Demokratie. In die gleiche Posaune stößt BGA-Präsident Anton Börner und
kanzelt den Kirchhof ab: „Gerade jetzt brauchen wir schnelle und verlässliche
Entscheidungen“, wofür die Parlamente das Mittel der Wahl seien.
Die Interessen dieser Vertreter des Establishments sind
klar, denn ihr Glaubensbekenntnis ist der Kurs in immer größere Schulden zur
Stabilisierung eines maroden Weltwirtschaftssystems. Sie profitieren von der
Globalisierung und nennen deren Beschleunigung Friedenspolitik. Aber wenn wir
ganz ehrlich sind, ist die direkte Demokratie ja tatsächlich keine Lösung.
Volkes Meinung ist launisch, respektiert nicht die Interessen von Minderheiten
und ist gezielter Fehlinformation durch die verstärkt ausgesetzt, die ihre
verderblichen Heilslehren predigen.
Wir haben eine Demokratie, die sich trotz aller Fehler schon
ein paar Jahrzehnte bewährt hat. Sie ist nicht Verursacher des Niedergangs,
sondern selber ein Opfer. Es gilt jetzt, sie für die in meinem Buch „Chaos mit System“ beschriebene neue
Situation eines sich systematisch beschleunigenden Zusammenbruchs
gesellschaftlicher Strukturen anzupassen und zu optimieren. Dabei könnte die
Theorie der „Konzentrischen Kreise der Kooperation“ hilfreich sein, die
übrigens ebenso in dem gerade erwähnten Buch beschrieben wird.
Der erste Schritt zu einer gestärkten Demokratie ist aber,
sie erst einmal gegen ihre von der Spitze des Apparats aus agierenden
Totengräber zu verteidigen. Das heißt, Teufelswerk (um im kirchlichen Bild zu
bleiben) wie das Europäische Schuldenmonster (ESM) muss
nicht nur aus ökonomischer Notwendigkeit bekämpft werden, sondern auch, um
deutsche Demokratie nicht noch mehr an eine gesichtslose europäische
Zentralgewalt auslagern zu lassen.
Kybernetisches Denken, also die Wiederinbetriebnahme von
Intuition, fairer Sachorientiertheit und gesundem Menschenverstand, wie es in
diesem Blog vordringlich praktiziert werden soll, räumt sogar selbstkritisch
ein, dass der ESM möglicherweise gar nicht, wie zu vermuten ist, zur zügigen
Abschaffung deutscher Unabhängigkeit führen wird. Vielleicht profitiert der
deutsche Außenhandel von der EU. Vielleicht haben tatsächlich die Deutschen im
Gouverneursrat das Sagen. Vielleicht lässt sich der Zusammenbruch damit noch
ein paar Jahre hinauszögern. Vielleicht lesen sich die Paragraphen des
ESM-Vertrages (siehe Post vom letzten Sonntag) nur so
absolutistisch-undemokratisch, weil man einfach uninspiriert den Vertrag des
Weltwährungsfonds abgekupfert hat.
Viele Vielleichts auf der Suche nach dem besten Weg für
Deutschland aus der Krise - aber eine unzweifelhaft wichtige Frage: Welche
deutschen Interessen sollen denn überhaupt profitieren? Oder besser: Was oder
wer ist eigentlich Deutschland? Das genau ist der kybernetische Ansatz, der der
Diskussion bisher völlig fehlt. Sowohl die Globalisierer als auch der
Widerstand streiten sich darüber, was Deutschland am meisten nutzt, doch alle
reden über andere Deutschlands, sie reden über nationale Interessen und meinen
die Interessen einzelner Interessengruppen. Das Land ist nicht, wie es diese
Poco-Kampagne „Du bist Deutschland“ uns weismachen will, die Summe aller Teile,
sondern das Gleichgewicht unterschiedlichster Interessenlagen. Oder vielmehr
das Ungleichgewicht, denn der Niedergang bewirkt, dass die Balance
verlorengeht.
Es gibt in Deutschland Interessengegensätze zwischen mächtig
reich und ohnmächtig, zwischen gebildet und unverbildet, Arbeitern und
Angestellten, Managern und Mittelstand, Medien und jenen, für die die Medien
ihre unermüdliche Propaganda betreiben. Es gibt die, die arbeiten, die, die an
der Arbeit verdienen, und die, für die keine Arbeit mehr übrig ist. Es gibt
Träumer und Traumatisierte, Umweltschützer und Umweltnützer und natürlich
Denker und Lenker. Wer denkt, ist zu schlau, um Lenken zu wollen, und wer
lenken will, darf sich durch Nachdenken nicht vom Erfolgskurs abbringen lassen.
Nachdenken kann man schließlich noch nachher, also irgendwann, also wenn es zu
spät ist.
Vor allem aber, und das ist das eigentliche Problem, gibt es
die Mehrheit und jene anderen, die wissen, was für sie gut ist. Hier versagt
die deutsche Sprache mit dem unbestimmten „sie“ ein bisschen und bedarf der
Erklärung: Die Besserwisser wissen, was gut für sie selbst ist, aber sie
behaupten, es für alle zu wissen. So betrachtet, ist es beispielsweise gut,
wenn der durch die Globalisierung beflügelte Außenhandel sich erfolgreich auf
den Weltmärkten tummeln kann. So ist es aber nicht für den Rest des Landes,
weil es viel mehr Verlierer als Gewinner gibt. Denn von den Wirtschaftsweisen
wird beispielsweise verschwiegen, dass es für die Belieferer des Binnenmarkts
immer schwieriger wird, einer über die offenen Grenzen zurückflutenden
ausländischen Konkurrenz zu trotzen.
Dafür erzählen sie uns, der deutsche Handel würde unter
einer starken Neu-Mark, einem Taler oder wie die Post-Euro-Währung auch heißen
mag, leiden, weil sie zu stark wäre. Wer aber hinderte die Exportwirtschaft, Rohstoffe
mit starkem Geld zu kaufen und Fertigprodukte verbilligt abzugeben? Na gut, die
Binnenproduktion würde unter noch mehr Importen zu leiden haben, aber darf man
dann nicht doch über ein kleines bisschen Protektionismus und Importsteuern
nachdenken? Keine Ahnung, aber eine starke Währung würde solchen Experimenten
zumindest Spielraum verschaffen.
Es gibt also (einige) Deutsche, denen die Öffnung und die
Internationalisierung nutzt und (viele) andere Deutsche, denen sie
Arbeitsplatzverlust, Identitätsverlust und eben Demokratieverlust bringt.
Letztlich ist es eine Art Klassenkampf, doch weniger nach dem Marxschen
Gegensatz von Arbeit und Kapital, als dem von Macht und Ohnmacht.
Europäische und andere multinationale Parlamente könnten
formal noch so demokratisch strukturiert und legitimiert sein - allein durch
ihre Ferne von der Realität der Menschen werden sie sich in Ideologien
verlieren und zum Handlanger der wirklich Mächtigen der Niedergangsperiode
werden: der weltweit operierenden Konzerne und der ebenso global aufgestellten
Finanzjongleure.
Wir brauchen die Revolution der Ohnmächtigen, doch dem
Niedergang ist es eigen, dass diese sich in ihr Schicksal fügen. Die neue
Nicht-Demokratie kommt ohne Unterdrückungsparagraphen, ohne Geheimpolizei und
ohne aufgeputschte Schlägertrupps aus, weil sie ihre Macht in den Köpfen
eingerichtet hat. Die Überforderung durch die Informationskatastrophe führt
dazu, dass die Menschen nicht mehr auf ihre eigenen Erfahrungen vertrauen,
sondern sich denen unterwerfen, die behaupten, einen Plan zu haben. Auch
deshalb sind Plebiszite problematisch: Wie viel Kompetenz hat das Volk in dieser
historischen Phase noch?
Sei es, wie es sei, jedem Angriff auf die Rest-Demokratie,
wie es z. B. der ESM einer ist, muss dennoch begegnet werden. Wenn ein Herr
Kirchhof den Spaltpilz in das gegnerische Lager bringt und fordert, die Politik
müsse jetzt „in aller Besonnenheit die Gesamtkonzeption von Euro und EU
überdenken“, ist das eine Sternstunde für den demokratischen Widerstand. Die
schlechte Meldung ist: Wenn das nicht endlich zu einer Kettenreaktion an
Erkenntnissen führt, sind hier bald alle Messen gesungen und die Kirchhöfe
werden sich füllen.
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