Da haben sich zwei Parteien gefunden: Wenn Sarrazin sich
räuspert, bricht Mainstream-Politikern der dekorative Hassschweiß aus. Also
räuspert er sich eben gerne ebenso publikumswirksam. Diese Tragikkomödie des
Niedergangs ist aber nicht nur peinlich, sondern symptomatisch für vieles, was
falschläuft. Diesmal erzählt uns Sarrazin, der alte Zahlenhexer, in seinem
neuen Buch „Europa braucht den Euro nicht“ allerhand Sachen, die wir schon eine
ganze Weile wussten. Immerhin: Vielleicht lässt seine Popularität noch einige
Euro-Gefolgsmenschen konvertieren - was aber auch nichts hilft, solange den
Mächtigen die Anzahl ihrer Gegner völlig egal ist. So entlarvt die Reaktion auf
Sarrazin viel mehr über das neue Friedensreich Europa als dessen Argumente.
Wir müssen nicht darüber reden, wenn dem streitbaren
Ex-Politiker ein Misthaufen vor die Tür gesetzt wird oder wenn er aus Kreuzberg
verjagt wird. Den dafür verantwortlichen Eiferern geht es nicht um eine
inhaltliche Auseinandersetzung, sondern um Befriedigung eigener Bedürfnisse
nach Aktion und Mini-Macht („Ich mache was, also bin ich wer“). Es ist auch
heute kein Thema, wenn eine Kolumnistin der Frankfurter Rundschau das Niveau
der deutschen Medienlandschaft widerspiegelt, indem sie Sarrazin
menschenverachtend so analysiert: "…diese lispelnde, stotternde, zuckende
Menschenkarikatur", die sich darauf spezialisiert habe, „das niedrigste
(sic) im Menschen anzusprechen". Dieses Zitat habe ich übrigens bei Henryk
M. Broder geklaut, der nebenbei genüsslich auf den peinlichen Schreibfehler
hinweist.
Anders sieht es aus bei jenen, die Einfluss haben und sich
argumentativ geben. Sie nutzen ihre Macht wie automatisiert, um den
demokratischen Austausch zu blockieren. Ihr Anspruch auf den
institutionalisierten Besitz der Wahrheit erlischt auch dann nicht, wenn sie,
ohne das neue Buch zu kennen, von „himmelschreiendem Blödsinn oder
verachtenswertem Kalkül“ (Schäuble) reden.
So musste sich der SPD-Vielleicht-Kanzlerkandidat Peer
Steinbrück schelten lassen, bei Jauch mit Sarrazin
überhaupt geredet zu haben. „Mit ihm sollte sich niemand mehr in eine Talkshow
setzen“, zog Reinhold Robbe (SPD/Deutsch-Israelische Gesellschaft) den Maulkorb
für demokratische Auseinandersetzungen enger. Ganz im Sinne von
FDP-Generalsekretär Döring, der Sarrazins Aussage einfach als „unzulässig“
wegdefinierte.
Was hat der Provokateur mit dem altmodischen Sinn für
Wahrheit und Gerechtigkeit und der fatalen Liebe für täuschende Zahlen
eigentlich gesagt? Er warf der SPD, den Grünen und der Linkspartei, die für die
Einführung von Euro-Bonds
sind, vor, sie seien auch "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex,
wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir
alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben".
Das ist natürlich insofern völliger Blödsinn, als dass
Entscheidungen solcher Größenordnungen nicht vornehmlich psychologisch, sondern
ökonomisch begründet sind. Es geht um globalisierte Umverteilung, unglaubliche
Profite, Überleben im Verteilungs-Endkampf und dann vielleicht irgendwo
nebenbei um psychische Phänomene. Noch blöder ist aber die Reaktion jener, die
ihm nun „Geschichtsvergessenheit“ (Steinbrück) vorwerfen, denn die „German
Angst“, also das deutsche Trauma infolge der Naziherrschaft, ist inzwischen ein
international bekannter und unstrittiger Begriff. Und egal, wie sehr uns die
anderen Nationen immer wieder aufmuntern wollen: In Deutschland wird
entschieden weitergelitten.
Dass Altkanzler Schmidt schon mal genau
dasselbe gesagt hat, interessiert die Kritiker erst recht nicht. Beim Wort
Holocaust muss sich natürlich auch der Zentralrat der Juden melden wie die
Blase beim Baden. Er unterstellte Sarrazin, „in seiner Gier nach größtmöglicher
Aufmerksamkeit“ schrecke er auch nicht davor zurück, „den Holocaust für seine
Zwecke zu instrumentalisieren.“
Der Grüne Jürgen Trittin, der laut Berliner Morgenpost schon
mal seine alten hochgiftigen Dachbalken auf die normale Müllkippe entsorgen
ließ, beansprucht diesmal aber den tiefsten Schlag unter die Gürtellinie für
sich. "Man kann den Holocaust leugnen oder ihn wie Thilo Sarrazin zur
Verbreitung antieuropäischer Rechtspopulismen instrumentalisieren", sagte
er der Bild am Sonntag. „Beides ist gleich unerträglich." Man wundere sich
nur, dass Sarrazin mit dieser offen rechten Ideologie immer noch in der SPD
sein könne, so der Grünen-Fraktionsvorsitzende.
Den Satz muss man sich mal genau ansehen, denn wenn den
einer gesagt hätte, dem die linksalternative Selbstgerechtigkeit nicht nahezu
jeden gefährlichen Schwachsinn erlauben würde, wäre er von der PoCo-Elite
geschlachtet worden. Aber es kommt eben nicht auf die Aussage an, sondern auf
die (politisch) korrekte Gesinnung. Trittins Aussage bedeutet nicht mehr und
nicht weniger, als dass die Akzeptanz eines - unstrittigen - historischen
deutschen Traumas gleichzusetzen ist mit der Leugnung des Holocausts.
Angesichts dieses Vorwurfs eines strafrechtlichen Vergehens und des politischen
Rufmordes sollte Sarrazin durchaus eine Klage erwägen.
Sicher hat Trittin gar nicht gemerkt, welche Bombe er da aus
seinem politischen Schlagwort-Baukasten zusammengebastelt hat. Doch in seinem
Satz stecken auch noch Begriffe wie „antieuropäisch“ und „Rechtspopulismus“,
und die verweisen dann doch auf eine Metaebene, um die es den demokratisch
gewählten Politikern geht: Mit Wortklaubereien zu vertuschen, dass es ihnen
längst nicht mehr um die Interessen ihrer Wähler geht.
Während die EU der deutschen Exportindustrie Absatzmärkte
sichert und sie billige Arbeitskräfte rekrutieren lässt, zahlt der deutsche
Steuerzahler dafür die Rechnung. Damit das aber nicht irgendwann doch noch zur
Abwahl dieser Ideologie-Oligarchen
führt, wird für die EU zur Verschleierung ihrer Funktion als Internationale des
Kapitals die scheinbar linke Maxime eines unverzichtbaren Friedensinstruments
gestreut.
Mag es Adenauer wirklich noch um die Völkerverständigung
gegangen sein, spätestens die Aussage Helmut Kohls, „Die Einführung des Euro in
Deutschland ist eine Frage von Krieg und Frieden“, hat die Deutschen in
moralische Geiselhaft genommen. Und nicht nur Merkel („Scheitert der Euro, dann
scheitert Europa“) ist eine Erbin Kohls: An der Macht sind sich alle einig. Wie
kommt das wohl? Hat man deshalb bei Wulffs Vorteilsnahmen so laut „Haltet den
Dieb“ geschrien?
Die Menge der Denkfehler im europäischen Friedenskonstrukt
ist in einem Post allein nicht zu bewältigen, doch einige seien genannt. Das
Nachkriegseuropa brauchte angesichts leerer Märkte gar keine Verteilungskämpfe,
war also „von Natur aus“ friedlich. Im Zuge der Globalisierung verlief dann die
Trennlinie dann sowieso immer weniger zwischen den Nationalstaaten, und wenn
doch, dann zwischen den Industrieländern, den Schwellenländern und der Dritten
Welt. Eine stabilere Situation als die in Europa war gar nicht vorstellbar, ein
„Friedensinstrument“ völlig überflüssig.
Nun aber kommt die EU im Auftrag ihrer Auftraggeber, schafft
in ihren Ländern überall Spannungen zwischen arm und reich, sie erzeugt
Migration und zerstört kleinteilige Produktion und den Mittelstand, sie
benachteiligt lokale Arbeitgeber, sie führt neue, unverständliche bis absurde
Regeln (Energiesparlampen, Tagfahrlicht) ein. Sie schafft sich politische
Strukturen und Finanzierungsquellen (ESM),
die immer weniger von den Nationalstaaten und erst recht nicht von den darin
lebenden Menschen kontrolliert werden können.
Ohnehin war es von Anfang an entweder eine Illusion oder
eine bewusste Lüge, dass über eine Einheitswährung eine echte europäische
Einheit vorangebracht werden könnte. Welches Kultur- und Geschichtsverständnis
steht dahinter, wenn man behaupten kann, unterschiedliche Sprachen und
Traditionen mit einem Euro weghexen zu können? Und am Geldautomaten in
Frankreich zahlen wir immer noch irrationale Gebühren.
Das Zwangseuropa schafft so tatsächlich Konflikte und sogar
Hass, wie wir am Beispiel Griechenland inzwischen sehen können. Auch Sarrazin
spricht übrigens von „antideutschen Ressentiments“ in den südlichen Ländern
aufgrund der durch die EU geschädigten Wettbewerbsfähigkeit. Aber auch in
Frankreich und anderswo, überall wächst der Zorn auf „die Deutschen“ als
scheinbare Profiteure des Systems. Dabei profitieren ja gar nicht „die
Deutschen“, sondern die deutsche Exportwirtschaft, die sich ihre Vorteile von
„den Deutschen“ teuer bezahlen lässt. Und die gebeutelten Deutschen, die die EU
und den Euro nicht verhindern konnten, kühlen ihr Mütchen mit der
Übersprunghandlung, die anderen Menschen als Faulpelze abzuqualifizieren und
sich selber als Zahlmeister zu fühlen.
Umgekehrt wählen in den Schuldnerländer die Leute jene
politischen Kräfte, die das Schuldenmachen fortsetzen wollen. Das ist
verständlich, denn solange die Geldruckmaschinen für die europäische Idee
weiterdrucken und die wohlhabenderen Länder das mit Inflation, sozialen
Spannungen und Substanzverlust bezahlen und solange die Banken und die
Wirtschaft auch in den Schuldnerländern von dem System profitieren, bleibt den
Wählern gar keine andere Wahl.
Frieden dem Euro, Sieg den Palästen. Das ist die
Friedenspolitik der Europäischen Internationale, die die Trittins und Merkels
diesem Land und diesem Europa verordnet haben. Sarrazin, dem selbsterklärten
„überzeugten Europäer“ da Rechtspopulismus vorzuwerfen ist absurd. Der wird
jedenfalls mit seinem neuen Buch keine Kontroverse anstoßen können wie vor zwei
Jahren. Dazu läuft er zu sehr dem schon bestehenden, wenn auch von den
Mächtigen ignorierten Wissen und Fühlen „des Deutschen“ hinterher.
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