Da haben aber kürzlich die
CDU/CSU-Nachwuchspolitiker für Aufsehen gesorgt. Eine geburtenfördernde
Zusatzsteuer fordern sie, die jeder zahlen muss, der sich nicht durch
Kinderkriegen einen Ablass besorgt. Ein Prozent vom Einkommen für alle über 25
ist angedacht. Mit diesem Versuch, den Klapperstorch zu bestechen, soll nicht
nur dem von Demografen prognostizierten Aussterben der Deutschen begegnet,
sondern auch dem angeblich aus demografischen Gründen notleidenden Sozialsystem
auf die Sprünge geholfen werden. Sprünge macht allerdings nur diese
Argumentation, denn kybernetisch betrachtet, erweist sich der Vorschlag als
untaugliches und unberechtigtes Mittel, welches obendrein Freiheitsrechte
ignoriert und die menschliche Würde mit Füßen tritt.
Weil dumme Gedanken schnell Kinder
kriegen, meinte auch der schon lange sinnzeugungsunfähige Franz Müntefering
(SPD) noch einmal etwas für den Nachwuchs tun zu müssen und forderte
Steuermodelle, die Eltern begünstigten. Derzeitige Kronsöhne und -töchter der
politischen Landschaft wie Merkel, Gabriel und Seehofer protestierten
allerdings energisch gegen die übrigens nicht neue Idee, wohl weil viele
Möchtegern-Kinderlose bei einer Politik der Zwangszeugung Wahlverhütung
betreiben würden.
Damit könnte der Post hier zuende
sein, ist er aber nicht, weil noch zu ermitteln bleibt, wes Geistes Kind diese
Attacken auf den freien (Kinder-)Willen sind. Der Grundgedanke ist in der Tat
nachvollziehbar: Wer Kinder bekommt, investiert damit auch in das Gemeinwesen,
welches ja auf Nachwuchs angewiesen ist, um zu überleben und jemanden zu haben,
der sich auch später um die Alten kümmert. Im Prinzip ist das die
Institutionalisierung der archaisch üblichen Methode, Kinder zu bekommen, um
später eine Altersversorgung zu haben. Dieser Gedanke treibt auch
Verfassungsrichter immer wieder, entsprechende Aufträge an die Politik zu
erteilen.
Schon im sogenannten
Schreiber-Plan, der 1957 mit dem „Generationenvertrag“ den heute geltenden
Aderlass junger Erwerbstätiger zugunsten einer Rentenzahlung für Ältere
begründete, war eine Kinderrente bis zum 20. Lebensjahr vorgesehen, wurde dann
aber nicht verwirklicht. Schließlich würden Eltern ja Entbehrungen auf sich
nehmen, so der Gedanke, und damit alleine die zukünftige Produktivität des
Landes und das Vorhandensein von Renteneinzahlern sichern.
Es ist also nicht alles falsch an
der Idee, aber die Wahrheit liegt mal wieder in der Mitte. Die Technokraten des
aus bloßer Statistik gezeugten Zeugungszwangs vergessen (unter anderem), dass
es beim Kinderkriegen und Kinderhaben auch um Liebe, Entwicklungsmöglichkeiten
und biologische Imperative geht. Welcher Geisteszustand einer Gesellschaft
lässt zu, dass diese Faktoren ausgerechnet von den Sozialmoralisten
ausgeklammert werden, ohne dass ein Sturm der Entrüstung losbricht? Einen
solchen Vorschlag gibt es wohl nirgends in der Welt, und selbst Hitler hat sich
sowas für die Befeuerung seiner Kriegsmaschine nicht einfallen lassen (immerhin
erfand er 1936 das Kindergeld).
Wie kann man Menschen finanziell
dazu nötigen - und nichts anderes bedeutet hier die Zwangssteuer oder der
Euphemismus „Steueranreize“ -, Kinder zu zeugen, die sonst gar nicht gewollt
wären. Die Kinder werden es merken, auch wenn es niemand offen aussprechen
wird. Auch die gesellschaftspolitischen Folgen wären fatal. Die gut
ausgebildete und/oder gebildete, leistungsfähige Mittelschicht wird sich weiter
den Luxus der Kinderlosigkeit gönnen, während Teile der Unterschicht in
Ermangelung anderer Erfolgserlebnisse das tun, was sie schon immer getan haben,
nämlich sich zu vermehren. Doch dann noch prämiert und beflügelt mit dem Geld
der Steuerzahler.
In meinem Buch „Chaos
mit System“ habe ich dafür den Ausdruck vom „tendenziellen Fall der
Kulturrate“ geprägt. Gegen eine solche permanente Negativauswahl kommt das
beste Bildungssystem nicht an - egal welcher wissenschaftlichen Meinung man
anhängt, ob sich die Dummheit nun genetisch oder sozial bedingt fortpflanzt. Vielleicht
wird Deutschland so wieder etwas voller, aber die benötigten Fachkräfte und die
Denker für eine Zukunft im Zeichen der Informationslawine kommen so eher nicht
in die Welt.
Wenn überhaupt Förderung der
Fertilität, dann nicht mit dem Ziel Menge, sondern Qualität. Bloße
Kinderprämien auszuloben bedeutet, Anreize für diejenigen zu schaffen, die
schon jetzt das Sozialsystem belasten. Immerhin fördert schon jetzt das
Kindergeld in bestimmten Schichten besondere Gebärfreudigkeit.
Allerdings wäre das Problem bei
einer Koppelung einer potenziellen neuen „Kinderrente“ an die Steuerzahlung
wenigstens teilweise entschärft, denn im Tiefland der Gesellschaft, wo kaum
eingezahlt und gern genommen wird, wäre dann nicht so viel zu holen. Oder man
könnte die Bevorteilung auf deutsche Mittelschicht-Eltern
beschränken, aber auf welchem PoCo-freien Planeten sollte das in die
Praxis umsetzbar sein?
Selbst dann - wie will man andere
moralische und rechtliche Probleme beim forcierten Indieweltschaffen aus der
Welt schaffen? Was ist mit denen, die Kinder kriegen wollen, aber nicht können
- mit Singles oder Homosexuellen etwa? Bekommen auch erbgutgeschädigte
Behinderte die Prämie für das Erzeugen behinderten Nachwuchses? Was ist nach
den Wechseljahren oder bei Impotenz - muss die Steuer dann weitergezahlt
werden? Brauchen wir, um alle Sonderfälle zu verwalten, eine
Big-Mother-Behörde, die die Zeugungsfähigkeit jedes einzelnen durchleuchtet und
dann eine Agentur für Fertilität Ausnahmegenehmigungen von der Gebärpflicht
ausstellen lässt? Und muss es nach dem Wehrdienstverweigerungsrecht noch ein
Zeugungsverweigerungsrecht geben, wenn jemand es moralisch nicht verantworten
will, Kinder in eine übervölkerte und zugrundegehende Welt zu setzen?
Natürlich hat der Staat im
Interesse aller eine Unterstützungspflicht für Kinder, bzw. deren Eltern. Er
hat zum Beispiel für Gesundheit, Sicherheit und Ausbildung des neuen Bürgers zu
sorgen. Rund 100.000 Euro beispielsweise kostet allein die Ausbildung eines
jungen Deutschen den Steuerzahler - gleichermaßen den mit und den ohne Kinder -
im Durchschnitt. Rund 40 Milliarden Euro fließen schon jetzt jedes Jahr als
Kindergeld, dazu kommen etliche andere direkte und indirekte Transfers vom
Staat an die Eltern. Da so zu tun, als müssten Eltern bisher alle Lasten
alleine schultern, ist ziemlich dreist.
Wenn Elternteile dem Gemeinwesen
mit ihren Kindern helfen, indem sie berufliche Ziele zurückstellen, scheint mir
immerhin eine Berücksichtigung der aufgewendeten Zeit in der Rentenversicherung
durchaus sinnvoll. (Teilweise ist das schon umgesetzt, aber nur zum Vorteil der
Mütter, gab’s da nicht mal was mit Gleichberechtigung?)
Umgekehrt ist aber schon eine
Kindergartenplatzförderung problematisch, weil es auch eine einseitige
gesellschaftliche Weichenstellung ist: Die Eltern können beide berufstätig
sein, Geld für den Konsum erwirtschaften und dem Kind dadurch zumindest
zeitlich Geborgenheit, Fürsorge und Liebe entziehen. Das hat die Evolution
nicht so vorgesehen, wohl aber die arbeitsteilige entwickelte Gesellschaft.
Auch hier sollten möglichst die Eltern die Freiheit haben zu entscheiden und
nicht durch eigens eingeführte ökonomische, ideologische oder institutionelle
Bedingungen determiniert werden.
Rein provokativ sei auch noch
gefragt (und die Antwort ausdrücklich offengehalten), ob das Kinderkriegen
wirklich eine förderungswürdige Wohltat für die Allgemeinheit ist, denn Kinder
werden dem biologischen Imperativ folgend sowieso geboren, die Frage ist nur,
wie viele es denn sein sollen. Die herrschende Argumentation baut ausschließlich
auf dem hier und schon vor einer Woche ins Gebet genommenen problematischen
Generationenvertrag auf, und die Frage der Überbevölkerung wird völlig
ignoriert. Letztlich handelt es sich um eine unauflösbare Konkurrenz zweier
beim Thema Wachstum konträrer Philosophien.
Das Hauptproblem bei der Debatte
ist aber für mich die stillschweigende Voraussetzung, dass das Kinderkriegen
„nützlich“ sein muss. In diesem Denkschema leisten Eltern eine Arbeit für den
Staat und erhalten dafür einen Lohn oder eine Erschwerniszulage oder wie man
das Kind auch immer beim Namen nennen mag. Eltern aber folgen spätestens seit
Erfindung der Pille viel mehr einem ganz privaten Kinderwunsch. Sie wollen
dieses Wunder des Lebens erleben, sie wollen wichtig sein für eine neue
Kreatur, sie wollen Liebe geben und empfangen.
Das bedeutet natürlich auch Arbeit,
Verzicht, Sorgen und Probleme, aber es bedeutet auch Glück, Erfüllung und die
Hoffnung, im Alter jemanden zu haben, der mal mit den Enkelkindern zu Besuch
kommt. Das alles lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen, es ist auch mal
mehr und mal weniger erfolgreich, aber es ist in der Gesamtbetrachtung
mindestens ein Nullsummenspiel wenn nicht sogar ein Glücksgenerator. Warum also
muss es dann noch Kinderprämien geben? Man sollte besser aufpassen, dass
Kindergegner nicht plötzlich mit der Forderung nach einer Vergnügungssteuer um
die Ecke kommen.
Die Singles und Kinderlosen
verschließen sich in einer immer individualistischer werdenden Gesellschaft
zwar vor dieser Lebenserfahrung, aber das macht sie nicht automatisch zu
Gewinnern. Und eine Kinderprämie setzt sie keineswegs mental in die Verfassung,
als Eltern Verantwortung zu übernehmen. Finanzielle und andere Hürden sind
wahrscheinlich sogar ein sehr gutes Kriterium, um sicherzustellen, dass das
Kind auch wirklich gewollt ist - und dieser Wille entscheidet grundlegend über
das weitere Schicksal des neuen Menschen und neuen Staatsbürgers.
In einer offenen Gesellschaft muss
jeder das Recht haben, diese Schlüsselentscheidung unter den vorgegebenen
gesellschaftlichen Bedingungen frei von Lenkungsversuchen welcher Art auch
immer zu treffen. Eine Subventionsmentalität, ohnehin ein Kardinalfehler dieser
Gesellschaft, ist hier nicht nur falsch, sondern fatal. Die Lust auf Kinder
muss die große Antriebskraft sein, oder wie Novalis sagt: „Ein Kind ist eine
sichtbar gewordene Liebe.“
Über alle diese Probleme müsste man nicht nachdenken, wenn man das sozialistische Umlagesystem, welches das moral-hazard-Verhalten überhaupt erst hervorruft (Kosten für Erziehung sind privat, aber die Gewinne später werden sozialisiert), abschaffen würde. Die "archaische" Altersversorgung hat immerhin über Jahrhunderte funktioniert, während die heutige teilweise mit für die demographische Katastrophe und in nicht allzu ferner Zukunft wahrscheinlich für das Verhungern von unzähligen Rentnern verantwortlich sein wird. Die Freiheitsrechte blieben völlig unberührt, wenn die Regierung aufhört sich überhaupt in die Altersvorsorge der Einzelnen einzumischen, die können dann entscheiden ob sie alles zusammensparen oder Kinder haben, weniger sparen, und später dann etwas Unterstützung von diesen bekommen. Die Freiheit auf eigene Kosten ist die einzig richtige Freiheit, alles andere ist Propaganda für ein verantwortungsloses Leben auf Kosten Fremder, das im Rahmen von Systemen, die dieses Verhalten fördern, nicht abzustellen ist.
AntwortenLöschenSchade, dass die Ausführungen an der Oberfläche bleiben, obwohl die Lösung unseres demografisch verursachten Rentenproblems durch das Erwähnen des Generationenvertrages eigentlich auf der Hand liegt. Dazu gleich mehr. Richtig ist, dass eine irgendwie geartete Steuer für Kinderlose ebenso wie höhere Rentenbeiträge für diese Gruppe unsinnig sind, weil sie entweder, weil nicht zweckgebunden, im Sumpf der allgemeinen Staatsausgaben untergehen oder aber der jetzigen Rentnergeneration zu Gute kommen und später, wenn sich dann der fehlende Steuer- und Rentenbeitragszahler bemerkbar macht, den Rentenbeziehern nicht zur Verfügung steht. Werfen wir nun einen Blick auf den Generationenvertrages, der zwei Teile beinhaltet: 1. Der jetzt Erwerbstätige erwirtschaftet für die jetzige Rentnergeneration die Rente. 2. Der jetzt Erwerbstätige sorgt für das Vorhandensein von Erwerbstätigen in der Zeit, in der er selbst Rente beziehen wird. Wird Teil 2 nicht erfüllt, erwirbt er keine Rentenansprüche. Keine Kinder: Keine Rente. Was nur auf den ersten Blick ein Problem aufwirft, da Kinderlose leicht anderweitig für ihre Rente sorgen können, da sie die Kosten des "Kindergrossziehens" nicht tragen müssen. Durch dieses konsequente Anwenden des Generationenvertrages entfällt bei genauem Hinsehen auch die Diskussion um die Frage: "Und was ist mit denen, die Kinder wollen, aber nicht können?". Es ist egal, aus welchem Grund jemand in die Lage versetzt wurde, durch das Fehlen von Kindern privat für seine Alterssicherung sorgen zu können.
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