Die Welt wird immer komplizierter, und die Wissenschaftler
sollen uns helfen, sie zu verstehen. Soweit die Theorie. Die Praxis ist, dass
Spezialisten sich gerne solange auf die Antwort konzentrieren, bis sie die
Frage aus den Augen verloren haben. Das ist so eine Art Peter-Prinzip für das
intellektuelle Genre. Ganz aktuell hat das Max-Planck-Institut herausgefunden,
dass die Menschen immer älter werden. Gratulation dazu. Leider meinten die
Gelehrten im selben Atemzug, der Welt und ihren Politikern die Anweisung
mitgeben zu müssen, das Renteneintrittsalter baldmöglichst auf 72 Jahre
anzuheben. Wie bitte? Demografen maßen sich die Kompetenz an, eine komplexe
sozialpolitische Frage mit dem Rechenschieber zu beantworten? Das ist Hybris in
einer völlig neuen Dimension. Die Frage drängt sich auf, wer bei dieser Studie
wohl die Drittmittel bezahlt hat.
Autor ist der Direktor des Max-Planck-Instituts für
demografische Forschung in Rostock James Vaupel. „Die Menschen müssen schlicht
einen vernünftigen Teil ihrer Lebenszeit arbeiten", sagt er und geht mit
leuchtendem Beispiel voran, schließlich ist er auch schon 66. Oder ist das
vielmehr der Beweis, dass man mit steigendem Alter auch einen wachsenden Berg
Mist fabriziert? Nicht für den Demo-Grafen: „Es gibt begründete Hoffnung, dass
sich die Lebensspanne, innerhalb derer wir noch gesund, leistungs- und
arbeitsfähig sind, genauso schnell erweitert wie die Lebenserwartung steigt.
Grob gesprochen ist damit ein 65-Jähriger heute so fit wie noch 1970 ein
55-Jähriger“, schreibt er in einem Blog
zum Thema.
Und weil es ihm irgendwie, wenn auch nicht nachvollziehbar,
gelingt, aus steigender Lebenserwartung die Arbeitsfähigkeit des Menschen
hochzurechnen, gibt er vor, dass wir demnächst alle bis 72 zu arbeiten hätten.
Hintergrund ist die Sorge, dass ab 2015 das geltende Rentensystem kollabiert,
weil es bisher nur noch dank des Pillenknicks in den 70er-Jahren trotz
sinkender Geburtenraten funktioniert. Dass dem nicht so sein muss, solange die
Rente nur an das Volkseinkommen gekoppelt ist, haben die Rentenrechner längst
bewiesen.
Vaupel aber ist US-Amerikaner und deshalb vollzieht er nur
nach, was jenseits des Atlantiks gängige Praxis ist: Halbtote Greise warten
hinter den Supermarktkassen und schieben den Kunden ihren Einkaufswagen zum
Auto. Das dauert dann zwar die dreifache Zeit, aber das Prinzip, dass Alte zu
arbeiten haben, selbst wenn sie mit dem Telebus zum Arbeitsplatz gefahren
werden müssen, bleibt gewahrt.
Die Erkenntnis, dass Fitness und Gesundheit mit steigender
Lebenserwartung proportional steigen, hat Vaupel exklusiv. Eher ist es
bezeichnend, dass bei der Google-Suche nach „Rente 72“ als erstes die Anzeige
„Sterbegeld 50+“ aufpoppte. Leistungsfähigkeit ist nämlich nichts, was sich
automatisch den Sterbestatistiken anpasst. Sie nimmt evolutionsbedingt im Laufe
des Lebens zu, und viel zu schnell nimmt sie wieder ab. Während die
Lebenserwartung wächst, weil die Zivilisation eine ganze Menge Sterbegründe von
Fehlernährung bis Pest und von Krieg bis fehlendem Sicherheitsgurt erheblich
ausgedünnt hat, richtet sich das physische Wohlbefinden evolutionär bedingt zu
einem Anteil um die 90 Prozent nach den Genen und damit nach den
Belastungsgrenzen von Geist und Körper.
Für die Evolution zählen Lebewesen nur solange, wie sie
tagsüber überlebens- und nachts fortpflanzungsfähig sind. Damit haben wir schon
die allgemeine Arbeitsfähigkeit ziemlich präzise irgendwo zwischen 50 und 60
finalisiert - und im Anschluss fängt die Quälerei an. Marode Rentenkassen (dazu
komme ich noch) ändern an diesem biologischen Grundsatz gar nichts. Diese
genetische Disposition ist in der Wissenschaft meines Wissens nicht umstritten,
und wenn Konrad Kustos sich noch wundern könnte, würde er sich schon sehr
wundern, dass ein hochdekorierter Wissenschaftler wie Vaupel über eine solche
Schlüsselfrage so locker wegschwadroniert.
Diese Sorte Wissenschaftler wollen aber auch gar keine
Erkenntnisse gewinnen - sie wollen Erwartungshaltungen befriedigen. Erwartungshaltungen
von Managern des Niedergangs, die glauben, dass man reale Probleme virtuell
lösen kann. Und die Denker unterwerfen sich gerne den Lenkern, das zumindest
ist nichts Neues. Für sie reicht dann der biedere Zirkelschluss „alte Menschen
kosten Geld, also müssen alte Menschen auch Geld verdienen“ aus, um alle
anderen Fakten diesem Grundsatz gefügig zu machen. Wir merken uns: Mangelnde
Leitungsfähigkeit ignoriert mangelnde Leistungsfähigkeit.
Noch schlimmer: Die Arbeitsbedingungen in der industriellen und
der postindustriellen Gesellschaft konnte die bedauernswerte Evolution schon
gar nicht „vorhersehen“. Deshalb setzt der Verschleiß an nicht optimierten
Stellen unseres Organismus und unserer Psyche an und ist allein durch die Dauer
von Spitzenbelastungen beispiellos in der menschlichen Geschichte. Überstunden,
permanente Präsenz, Mobbing und Vereinzelung sind dazu nur mal ein paar
Stichwörter. Über mögliche negative Folgen durch unsere Lebensumstände auf die
Leistungsfähigkeit könnte hier noch zusätzlich spekuliert werden. Es ist also
sogar zu erwarten, dass die Leistungsfähigkeit im Alter sogar sinkt.
Hinzu kommt, dass die schnelle Entwicklung der
Produktivkräfte es älteren Menschen immer schwerer macht, mit den technischen
und sozialen Abläufen Schritt zu halten. Da helfen auch keine löblichen
Computerkurse für Senioren. Der Zug fährt inzwischen so schnell, dass selbst
die Jungen Mühe haben, mitzukommen.
Kurz und gut, aus den Alten ist nichts mehr rauszuquetschen,
aber dennoch läuft die entsprechende Kampagne, und das weitgehend
widerspruchslos. Warum ist das so? Natürlich weil die Manager des Niedergangs,
also die, die gut davon leben, (um im Bild zu bleiben) für die Züge unseres
Überlebens die falschen Weichen zu stellen, ein Interesse daran haben. Umverteilung,
um das Schuldensystem noch ein bisschen am Leben zu halten, lautet ihr ehernes
Gesetz. Wenn die Schornsteine weiter rauchen sollen, so glauben sie, müssen
erst die Bänke und am Ende die Zugführer verheizt werden.
Sie interessiert nicht, dass in etlichen zurückliegenden
Jahrhunderten steigender Lebenserwartung immer die wachsende Produktivität der
Gesellschaft teilweise darauf verwendet wurde, die sich drastisch mehrenden
Alten mitzuversorgen. Ein archaisches, funktionierendes Solidaritätsmodell,
das nun plötzlich nicht mehr gelten soll, weil die Rente nicht mehr bezahlbar
sei.
Von welcher Rente ist dabei die Rede? Erst Adenauers
unsäglicher „Generationenvertrag“
von 1957 konstruierte einen Zusammenhang von Altersrücklagen,
gesellschaftlicher Bezuschussung und der Abhängigkeit der Altersversorgung von
der Einzahlung kommender Generationen. Der Plan für eine Eltern alimentierende
„Kinderrente“ wurde fallengelassen, wird aber gerade wieder zum
sozialpolitischen Thema.
Wird dieses System, das immerwährende Schulden und
immerwährendes Wachstum voraussetzt, abgeschafft, bekäme jeder wie bei einer
Lebensversicherung das, was er verdient, also kapitalbildend eingezahlt hat.
Wem das während seiner "verdienstvollen" Zeit nicht ausreichend
möglich war oder ist, der wird eben als Rentner aus dem erwirtschafteten
gesellschaftlichen Mehrwert subventioniert, wie es bei der als Hartz IV euphemisierten (verschleierten)
Sozialhilfe für die Arbeitsfähigen ja schon lange praktiziert wird.
Das ist natürlich nicht im Interesse derer, die die von der
Volkswirtschaft erarbeiteten Milliarden lieber zur Stützung sich
verspekulierender Banken, sich verspekulierender Länder oder sich
verspekulierender Unternehmen aufbringen. Dafür genau ist das Wort Umverteilung
gefunden worden. Für das rein rechnerische Funktionieren der
Rente trotz des Geburtenrückgangs müsste nur das Volkseinkommen weiter mit
dem Wirtschaftswachstum mitwachsen. Doch das mögen die Umverteiler nicht so
gerne hören - und deshalb ist dieses Faktum trotz heftigster öffentlicher
Diskussionen komischerweise so gut wie unbekannt.
Es sei in dem Zusammenhang daran erinnert, dass vor der
exzessiven Globalisierung und unter der Systemkonkurrenz des Sozialismus das
Renteneintrittsalter stramm auf die 55 nach unten marschierte, obwohl die
demografischen Trends nicht viel anders waren als heute. Übrigens: Die Renten
mussten soeben gesetzeskonform erhöht werden, weil die Rentenkassen derzeit
überquellen.
Weil sie Gefolgsleute der Umverteilung sind, fragen die
Lenker und Denker auch nicht, ob die mehr oder weniger arbeitsfähigen Senioren
überhaupt am Arbeitsmarkt zu vermitteln seien. Gerade in dieser Gesellschaft
des Jugendkultes, die das so wertvolle Erfahrungswissen der Älteren für eine
beinahe unanständige Behinderung des immerwährenden Fortschritts hält, dürfte
das weitgehend aussichtslos sein. Da kann Herr Faulpelz, äh, Vaupel in
Rostock soviel rechnen, wie er will, eingestellt werden die Alten dennoch
nicht. Die alten Werktätigen wissen, dass sie nicht mehr können, und ihre
theoretischen (aber de facto-Nicht-) Arbeitgeber wissen es auch.
Nach den Arbeitslosenzahlen 2009 sind die höchsten Quoten
einerseits bei den 25- bis 30-Jährigen (9,7%) und bei den 55- bis unter
60-Jährigen (10%) zu finden. Bei den noch Älteren fällt die Quote zwar wieder,
aber das liegt eben an einem hier noch einigermaßen funktionierenden
Frühverrentungsprogramm. Waren diese Zahlen Herrn Vaupel nicht zugänglich? Aus
diesen Werten erschließt sich kybernetisch zusätzlich, was jene, die dann doch
Arbeit finden sollten, tun würden: den ohnehin gebeutelten Jüngeren die Jobs
wegnehmen.
Auch diese Konkurrenz ist von den Umverteilern durchaus
beabsichtigt, denn jeder Arbeitslose hilft, die Löhne zu senken. Und natürlich,
ich scheue mich fast, es hier extra aufzuführen, geht es ja auch gar nicht um
das Arbeiten der Alten, sondern um eine scheinheilige Methode, Rentenkosten zu
senken notfalls bis unter das Plancksche Wirkungsquantum. Schließlich wird ein
arbeitsloser Senior über die Sozialhilfe direkt vom Staat, also vom
Steuerzahler, alimentiert und nicht von der Rentenkasse, in die auch die
Unternehmer einzuzahlen hätten.
Das Rentensystem wird also „wissenschaftlich“ legitimiert
angepasst, und aus einer längeren Lebenszeit wird virtuell längere
Lebensarbeitszeit und real eine längere Lebensarbeitslosigkeit mit allen
physischen und psychischen Folgen für die Betroffenen. Wenn altersschwache
Neo-Nichtrentner nach einem langen Arbeitsleben plötzlich vor der
Arbeitsagentur Schlangestehen dürfen, interessiert das doch nicht die kalte
Präzision des Max-Planck-Instituts.
Kein Wunder, dass auch unsere Freunde von der EU sich die
Gelegenheit nicht entgehen lassen, und hier wird es für die, die mir bisher
tapfer gefolgt sind, hochspannend: In der kommenden Woche (gerne darf auch über
zeitliche Zusammenhänge mit der Veröffentlichung aus Rostock spekuliert werden)
werden die EU-Kommissare für Soziales (!), für den Binnenmarkt und für
Wirtschaft ein Weißbuch vorstellen, in dem Europa „empfohlen“ wird, „das
Rentenalter mit der Steigerung der Lebenserwartung abzugleichen". Das
heißt mittelfristig nicht mehr und nicht weniger, als dass das
Renteneinstiegsalter den gesetzgeberischen Verfahren der einzelnen Länder
entzogen und Statistikern wie Vaupel unterstellt wird.
Damit wäre dann der Schwindel endgültig europaweit und wissenschaftlich
legitimiert abgesichert, falls die Alten sich eines Tages noch zum Widerstand
entschließen sollten. Bei diesem Weißbuch der EU-Kommission kommt das „Weiß“
nicht von Wissen, sondern von Weismachen. Aber dafür ist die EU ja auch da.
Solche Strategien können auch Dank der Ignoranz der (noch)
Jüngeren verfolgt werden, die sich nicht vorstellen können, dass auch sie mal
zu den Älteren gehören werden. Jedenfalls ist ein bisher falsch organisiertes
Rentensystem kein Grund, alle anderen möglichen Fehler auch zu begehen. Wichtig
ist, dass die Rente keine Nachtoderfahrung wird und dass die Menschen während
eines langen Arbeitslebens eine Perspektive spüren, die darüber hinausreicht,
nach der Arbeit noch ein langes Leben angeschlossen an Herzlungenmaschinen oder
weggeschlossen in Demenzkliniken zu führen.
Wer fit genug ist, auch bis 72 noch gesellschaftlich
nützliche Arbeit zu vollbringen, könnte das in Zukunft ja tun, weiter in die
(reformierte) Rentenversicherung einzahlen und sich dann über eine höhere Rente
freuen - bis er dann mit 103 (oder eben 73) ins Gras beißt. Auch Max Planck
arbeitete übrigens, bis er mit 89 starb. Noch mit 85 bestieg er im Urlaub in
den Alpen mehrere Dreitausender. Und noch jetzt ist er in Bewegung: Er rotiert
ob seines Rostocker Nachfolgers im Grab.
Hallo Konrad
AntwortenLöschenso ist es es geht nicht nur darum Rentenkosten zu senken, es geht darum die ganz zu beseitigen. Deutlich wird es wenn mal geschaut wird wenn der Staat angibt wie viel er für "Soziales" ausgibt, dabei vergisst er immer zu erwähnen wie viel davon Pensionen von Beamte ist.
Das unglaubliche ist das Deutschland mal "nur" vierzig Millionen Einwohner hatte.
Dennoch es gibt auch nachvollziehbare Wissenschaftler. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2014/07/Demagogie-mit-der-Demografie.pdf
2060 werden siliziumbasierte Intelligenzen darüber diskutieren, ob sie weiter diese destruktiven halbintelligenten Primaten in nennenswerter Zahl auf diesem Planeten dulden sollen. Ich vermute, sie werden uns auf einige Zoologische Gärten beschränken. Zurecht.
AntwortenLöschenInsofern ist die Prognose des Destatis leider nur begrenzt brauchbar.
https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2015/04/PD15_153_12421.html