Deshalb wollte auch eine sich so
selbstbezeichnende „Homöo-Akademie“ einen „Bachelorstudiengang zur praxisnahen
Ausbildung in klassischer Homöopathie auf wissenschaftlichem Niveau“ anbieten.
Wissenschaft und Homöopathie, das passt zusammen wie Menschenrecht und
Hexenverbrennung, aber erst energischer Widerstand von Anti-Esoterikern brachte
das Aus für den von bayerischen Behörden forcierten Studiengang. Angesichts
real (weiter-)existierender wohlklingender Institutionen wie „Homöopathen ohne
Grenzen“ bleibt es aber doch dabei: Die Bluffkultur des Expertenwahns ist eine
weltweite Pandemie. So legte es schon das Potpourri gescheiterter
Experten-Expertisen nahe, dass Konrad Kustos schon am 19. Mai 2012
präsentierte:
Obwohl sie es nicht nur zum ersten
weiblichen britischen Regierungschef gebracht hat, sondern auch soeben zu einer
berührenden Verfilmung ihrer Lebensgeschichte, konnte Margaret Thatcher
natürlich auch irren. Ein Recht, von dem sie ausführlich Gebrauch gemacht hat,
nicht nur als sie 1974 sagte „Es wird noch viele Jahre dauern - und dies nicht
zu meiner Lebenszeit - bevor eine Frau britischer Premierminister wird".
Experten, Fachleute, Spezialisten, Verantwortliche – sie alle können irren,
sollten es aber möglichst nicht. Schlimm wird es, wenn sie fahrlässig,
böswillig oder in Überschätzung ihrer Fähigkeiten oder Möglichkeiten ihre
Schlüsselposition missbrauchen.
Harald Uhlig beispielsweise ist
einer der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler und Professor in Chicago.
Er empfahl der Bundesregierung 2010, die gestiegenen Staatseinnahmen nicht etwa
zur Rückzahlung von Schulden oder für Investitionen in staatliche
Produktivmechanismen wie Schulbildung, Energiepolitik oder Straßenbau zu
verwenden, sondern in Steuersenkungen umzuwandeln. Jeder verschenkte Euro, das
hätten er und seine Kollegen zweifelsfrei wissenschaftlich ermittelt, würde
über kurz oder lang durch die Stimulierung der Wirtschaft zur Hälfte wieder
hereinkommen. Aha, Leute, die am zuverlässigsten von Börsen und
Wirtschaftskrisen überrascht werden, wollen so etwas Komplexes wissenschaftlich
ausrechnen können?
Selbst wenn wir mal davon ausgehen,
dass Uhlig glaubt, was er sagt, stellt er sich mit seiner Forschung in den
Dienst von Ideologie und Umverteilung. Er folgt unhinterfragt dem Dogma des
permanenten Wachstums, er unterschlägt, dass auch staatliche Investitionen die
Wirtschaft mindestens gleichermaßen ankurbeln, er nährt den Irrglauben, dass
komplexe, fast chaotische Prozesse mit den Mitteln der Wissenschaft
beherrschbar sind. Beinahe zynisch fügte er seinem Statement hinzu, dass
Steuersenkungen ja auch deshalb gut seien, weil der Staat angesichts sonst
weiter wachsender Schulden dadurch zum Verzicht auf „weniger sinnvolle
Ausgaben“ gezwungen werde. Sind weniger sinnvolle Ausgaben denn nicht dennoch
sinnvoll? Sinnvoller jedenfalls als Geschenke, von denen das meiste bei denen
ankommt, die ohnehin immer reicher werden.
Und überhaupt, als wenn eine
Regierung in der Not nicht gerne bei den sinnvollen Dingen sparen würde. Womit
wir schon beim nächsten Beispiel, dem der Bildungsexperten, sind. In ihrem
Bildungsbericht 2011 stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
(OECD), die ich gerne als den ideellen Gesamtkapitalisten bezeichne,
Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus. Hierzulande hätten ja nur 25,7% der
Bevölkerung einen höheren Bildungsabschluss, während es in den USA (woher
die OECD ziemlich sicher das meiste Geld bekommt) 41,1% seien. Wenn der
deutsche Wert schon fragwürdig hoch ist, ist der US-amerikanische absurd. In
einem Land, in dem jeder siebente Analphabet ist, also kein Formular ausfüllen
kann (und die haben die da reichlich), und in dem selbst einfachste
Dienstleistungen an der Dummheit der Zuständigen scheitern, sollen mehr als 40%
derart gut ausgebildet sein?
Ein Land, das für das
grottenschlechte Niveau seiner allgemeinbildenden Schulen sprichwörtlich ist,
steckt nach der Statistik 7,3% seines Bruttoinlandsprodukts in die Bildung
(international Platz 5) und verweist Deutschland mit 4,8% auf Platz 27, also
auch weit hinter Länder wie Brasilien, Chile, Portugal und Mexiko. Beschönigende
Zahlenakrobatik ersetzt bei dieser Wissenschaft die Realität – und keiner, der
da was zu sagen hat, benutzt seinen gesunden Menschenverstand und seine
Lebenserfahrung, um zu sagen: Da stimmt doch was nicht.
Weiter aus der Gerüchteküche der
Welterklärer. Ein Psychologe lässt Leute auf Fotos das Alter der
Fotografierten schätzen und kann daraus schließen, dass Lachen jung erhält. Die
asiatische Entwicklungsbank veröffentlicht eine Studie, nach der innerhalb von
zwei Jahren 42 Millionen Menschen im Pazifikraum vor dem Wetter geflohen sind.
Ob die inzwischen zurückgekommen sind, weiß die Studie nicht. Klar ist ihr
zufolge aber, dass die Erderwärmung schuld ist. Ein Londoner
Wirtschaftswissenschaftler will wissen, dass beim Elfmeterschießen diejenige
Mannschaft einen kleinen Vorteil hat, die zuerst schießen darf. Und wer will
das sonst noch wissen? Der Arbeitszeitenreport der EU hat ermittelt, dass nicht
die Griechen, sondern die Deutschen die meiste Freizeit haben. Zwar haben sich
die Europaspezialisten auch noch verzählt, aber wenigstens geht es den Griechen
nun mental besser, und die Deutschen wissen: Freizeit steigert anscheinend die
Produktivität.
Dieses Potpourri unergiebiger,
uninteressanter und schlampiger, vor allem aber oft im Auftrage eines
bestimmten Interesses hergestellter Expertisen könnte hier beliebig
weitergeführt werden. Es gibt sogar einen Ig-Nobel-Preis für besonders skurrile
Forschung. Die Preisträger 2010 hatten z.B. herausgefunden, dass Fluchen
erleichtert („Wir denken, dass beim Fluchen, eine innere Reaktion in einem
selbst erzeugt wird, die das Nervensystem anregt.“) Oder, dass Flughunde
Oralsex betreiben. Oder dass sich mathematisch beweisen lässt, dass jene
Organisationen am effizientesten arbeiten, die Beförderungen nach dem Zufallsprinzip
vornehmen.
Gleich 200 Wissenschaftler wollen
jetzt weltweit analysieren, wo Gefühle herkommen, und dabei haben
Literaturwissenschaftler aus Berlin endlich herausgefunden, dass der Reim im
Gedicht beim Adressaten gut ankommt. In einer Gefühlsschule habe sich gezeigt,
„Jungen profitieren von dieser Intervention und zwar fast (!) stärker als
Mädchen.“ Vorläufiges Gesamtergebnis bei diesem Spatzenschießen mit Kanonen:
Ästhetik ist empirisch nachweisbar (und der Spatz lebt).
Natürlich sind das alles nur böswillig
zusammengetragene Beispiele, und es gibt mit Sicherheit auch eine knallharte,
funktionierende angewandte Wissenschaft, denn ich schreibe dies auf einem
funktionierenden Computer am anderen Ende der Welt, wo ich mit einem nicht
abgestürzten Flugzeug hingekommen bin. Aber dass es diese Beispiele gibt, ist
ein Zeichen, dass im Überbau etwas schiefläuft. Täuschung und Bluff sowie eine
unglaubliche Bereitschaft der Menschen, sich Täuschung und Bluff auszuliefern,
sind ein elementarer Pfeiler der Niedergangsgesellschaft.
Um mich dazu frei aus einem anderen
Post selbst zu zitieren: Eine verunsicherte Gesellschaft, die einer lawinenhaft
wachsenden Menge von nicht mehr beherrschbaren Informationen ausgeliefert ist,
klammert sich an die Verlautbarungen der Experten, wie der kleine Junge sich
ans Bein des Vaters bei der Gegenüberstellung mit dem Weihnachtsmann. Meine
Mutter übrigens sagte immer, sie finde die moderne Kunst nicht schön, aber das
läge daran, dass sie nicht klug genug sei, um sie zu verstehen. Mit dieser
Untertanenmentalität treten wir nun an die noch geheimnisvollere Instanz des
Expertentums heran: Wer, wenn nicht die Studierten, so denken wir, soll uns
denn sonst durch diesen Wust an täglich Neuem leiten, für das wir nicht genug
Erfahrungswissen zur Einordnung und Verarbeitung besitzen?
Das Problem ist nur, dass es
Probleme gibt, die man lösen kann, wenn man immer genauer hinschaut, und
andere, die genau dazu im Gegenteil den größtmöglichen Überblick verlangen. Das
klassische Verständnis elaborierter Problemlösung in der westlichen Welt kennt
aber nur den Weg permanenter Vertiefung in Details. Ich nenne das in meinem
Buch "Chaos mit System" den
„Zoomeffekt“ und stelle ihm das vernetzende „Kybernetische Denken“ gegenüber.
Mit diesem untauglichen Zoomeffekt wollten schon die Scholastiker des
Mittelalters herausbekommen, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen
können. In einem solchen Mikrokosmos wird vieles ersichtlich, nur keine
Zusammenhänge – und genau derer bedarf die komplexe Informationsgesellschaft.
Stattdessen müssen wir uns von
Werbeprofis ausrechnen lassen, was Liebe kosten würde. Ein „Ich liebe Dich“ ist
danach 190.000 Euro wert und ein Lachen 125.000. Ein Kind bringt nur einen
Gegenwert von 143.000 Euro, da nehme ich lieber zwei Lachen. Oder wir müssen
ertragen, dass sich „Gähnforscher“ (Chasmologen) zu einem Weltkongress in Paris
treffen, und eine der gewonnenen Erkenntnisse ist, das Gähnen habe etwas mit
Müdigkeit zu tun. Für den einen Forscher wird dadurch das Gehirn gekühlt, für
den anderen werden die Muskeln erwärmt. Man rechnet mit Jahrzehnten weiterer
Forschung. Bei diesem Kongress dürfte viel gegähnt worden sein.
Die Experten merken natürlich, dass
sie die Priester einer neuen Endzeitreligion sind, und wie die alten Schamanen
nutzen sie das gründlich aus. Ihr Ego ist groß, und ihr Vermögen, sich selbst
und eigene Erkenntnisse in Frage zu stellen, ist umgekehrt proportional (um es
einmal wissenschaftlich auszudrücken). Obwohl man die anderen Experten nicht
leiden kann, stabilisiert man gemeinsam geheimbündlerisch das System der
Erkenntnisverwaltung.
Wer nicht detailbesessen den
Mikrokosmos untersucht und wer die wirkliche Welt in die virtuellen
Konstruktionen einfließen lässt, wird von den Kollegen ausgegrenzt. Das System
nimmt einen Logencharakter an: Wir, die Wissenden, sind weder den Menschen
noch der Welt verantwortlich – höchstens den Vergebern von Drittmitteln.
Nur ein Studium oder beruflicher
Erfolg qualifizieren zum Experten, Leistung zählt nicht nur nicht, sondern ist
suspekt. Kein Wunder, dass selbst bei Google unter dem Stichwort
„Expertenfehler“ nichts Substanzielles aufpoppt. Höchstens dieses: „Tipps der
Experten: Fehler vermeiden“.
Man kann es auch wie L. J. Peter sehen: "In einer Hierarchie steigt man auf bis zur Stufe seiner Unfähigkeit."
AntwortenLöschenDas (für mich) beste Beispiel bei ihm ist die Antwort auf die Anfrage eines Fahrgastes, warum der Bus an seiner Haltestelle immer ohne anzuhalten vorbeifährt: "Weil er sonst den Fahrplan nicht einhalten kann!"
Gruß Lotatar