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| Bild: eurotransport.de |
Kissler hat erkannt, dass bei Merkel die Ähnlichkeiten der
Begriffe Kanzlerin und Kanzel nicht zufällig sind. Anstatt zu kommunizieren
predige sie und huldige einem fundamentalistischen Protestantismus. Kissler
bezieht sich dabei auf das Interview bei Anne Will, bei dem die Kanzlerin ihren
Kurs faktenresistent verteidigte. Dabei bediente sich Merkel „einer religiös
verdichteten Sprache, arbeitete mit Pathosformeln und wurde so zur ersten
Predigerin des Landes. Das Interview war eine liturgische Handlung. Es
beschwor. Es benannte nicht.“
Ihre Sprache offenbarte dabei Ego-Probleme: „Die enorme
Häufigkeit, mit der Merkel zur ersten Person Singular griff, ist bemerkt
worden. Das aufgeblasene Ich ist die öffentliche Letztinstanz, ist das
Großsubjekt, dessen Glaubensappell wie in jeder Predigt das Zentrum aller Rede
bildet. Immer und immer wieder, etwa jede zehnte Sekunde, muss das Ich sich zur
Sprache bringen, damit es nicht verkümmert.“
Drei Phrasen seien dabei das Kernstück ihres Denkens: „Europa,
Nachhaltigkeit und Glaube.“ Dabei ist „Europa der Universaljoker, der jeden
begrifflichen Einsatz für kleinere Entitäten vom Tisch fegt. Europa entscheidet
jede regionale, kommunale, nationale Debatte zu seinen Gunsten, weil es größer
ist und mächtiger, und weil das Ich groß sein will und machtvoll auch. Europa
ist der eine Gott inmitten falscher Götzen. Auf dem laut Merkel ‚schwierigen
Weg‘ zur europäischen Lösung … steht ihm die Nachhaltigkeit zur Seite. Die
ebenfalls vielfach beschworene Nachhaltigkeit scheidet die richtigen von den
falschen Weggabelungen, sie ist der Kompass. ‚Wirklich und nachhaltig
voranbringen‘ kann laut Merkel uns nur, was den Test der Zeit besteht; nur das
Nachhaltige ist nachhaltig und nur das Nachhaltige wirklich. Abseits
rhetorischer Binnensignale an den gewünschten grünen Koalitionspartner verbirgt
sich hinter solcher Tautologie ein Eingeständnis: dass der Wirklichkeit nicht
beizukommen ist, weshalb sie ins Zwingbett der Begriffe muss.“
In einer konservativen Version des Erlösung verheißenden
Glaubens hieße es ‚Glaube, Liebe, Hoffnung‘. Doch für die moderne Spielform des
Niedergangs bedarf es keiner Liebe. Und so virtuell wie diese Gesellschaft ist,
bedarf es auch nominell keiner Hoffnung, denn das Erhoffte wird jenseits aller
Wahrscheinlichkeiten als Gewissheit verkauft. Was bleibt, ist der Glaube, wie
Kissler dann auch bei Merkel notiert.
‘Ich glaube, dass wir auf einem Weg sind, und ich kämpfe für
diesen Weg‘, ‚Ich glaube, dass ich Deutschland diene, (…) wenn ich mich mit
vollem Einsatz in diese Sache hineinbringe‘, ‚ich glaube, (…) wir können
stärker aus dieser Herausforderung herauskommen, als wir in sie hineingegangen
sind‘.“ Und, die Einmischung sei mir an dieser Stelle gestattet, als Höhepunkt:
„‚Es zweifelt ja keiner an dieser Logik, leider glauben so viele nicht dran'.“
Hammer: Es zweifelt keiner, aber viele glauben nicht daran! Hat die Frau keine
Souffleuse? Müssen wir nicht nur ihre Politik ertragen, sondern auch noch ihr
peinliches Geschwätz?
Doch Kissler ist zu weise, um sich über vulgäre Dummheiten zu
ereifern, er bleibt auf der Metaebene und ordnet das Gesagte nach seinem Gehalt
ein und kommt zu erschreckenden Folgerungen: „Das sind Bekenntnisformeln. Wer
scheitert, scheitert demnach nicht an mangelnder Einsicht, sondern an
mangelndem Glauben. Und wer zweifelt, der hat den Sieg nicht verdient. Kaum
anders setzen Erweckungsprediger die Sprache ein und sich in Szene.
Folgerichtig endete Merkel mit einem Credo in eigener Sache: ‚Deshalb wünsche
ich mir möglichst viele, die mit dran glauben. Dann kann man auch Berge
versetzen‘.“ Das waren Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat! Doch
bedeutet die Verabschiedung einer Kanzlerin von der Realität leider nicht, dass
nicht viele ihrer Wähler gerne weiter ihre Märchen hören wollen.
Kissler sieht in Merkels Ausführungen aber auch kulturelle Wurzeln.
Für ihn trat in der als Talkshow verpackten Regierungserklärung „das Ungute am
politischen Protestantismus scharf hervor: die seifige Selbstzufriedenheit, der
Bekenntnistrotz, die Unterscheidungsgier, die sich als Abwägung verkleidet. Auf
dem Boden eines jeden Protestantismus ruht ein halbaufgeklärter Dualismus,
dieses hartnäckige Erbteil Luthers, so auch hier. Tief drinnen kämpfen immer Helle
gegen Dunkle, die Finsternis gegen das Licht – und um sich selbst zu
exorzieren, braucht es draußen, in der Welt voller Teufel, jene von Merkel
schwach eingeführte ‚gewisse Strenge‘. Es muss immer schon entschieden sein im
Herz des Predigers, bevor er die zur Weltkanzel mutierte Außenwelt betritt, wo
die Guten hocken und wo die Verstockten. Wo seinesgleichen sind und wo die
anderen. Der Widerwille war deutlich zu hören, als Merkel sich ein ‚auch ich
muss alle Argumente hören‘ abrang.“
In seiner Beschreibung des dichotomischen Weltbildes der
Kanzlerin offenbart sich aber auch die Dichotomie der neuen Hassgesellschaft. Merkel
erfindet nicht, sie lebt die Philosophie des gerechten Konflikts der
herrschenden Meinung gegen das schnöde Volk. Die Ideologie des Großbürgertums
ist endlich am Ziel. Deshalb hat Merkel längst vergessen, dass Demokratie
bedeutet, die Interessen des Volkes wenn nicht schon umzusetzen, dann
wenigstens zu berücksichtigen.
So traurig das auch ist, so lustig macht sich Kissler notgedrungen
über das Gesagte: „Am Ende ist es konsequent, wenn die ganze Welt zum
Sinnwidrigen zusammenschnurrt, erst Deutschland, dann Europa, bald vermutlich
das Universum dem reinen Ich nicht genügt. Demnächst dürften wir hören, ‚dann
ist das nicht meine Welt‘.“
Der Prediger, so Kissler, wisse „von der Welt nicht mehr zu
sagen, als dass sie defekt ist. … Der ‚humanitäre Imperativ‘ bedeckt alle
Fragen nach dem Warum der grenzenlosen Aufnahme: Deutschland muss unbegrenzt
viele Menschen aus unbegrenzt vielen Regionen zu unbegrenzt hohen Kosten
aufnehmen, weil das Gewissen praktisch werden soll.“
Deutschland hat also eine Religion gegen die andere
ausgetauscht. Es ist dabei egal, ob der Papst über dem Kaiser steht oder
umgekehrt, solange sie ein und dieselbe Person sind. Aus der Verirrung durch
das Christentum half uns einst die Aufklärung - inzwischen ist eine entartete Aufklärung
Teil des neuen Herrschaftsapparates. Was kann uns jetzt noch helfen?

„Nachdem die »Hölle« im 20. Jahrhundert wiedergekehrt war, hat sich der Teufel als Gutmensch verkleidet. Der Teufel ist heute jene Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Das Gute ist nämlich der Traum des Bösen. Das hat Nietzsches Genealogie der Moral genau so deutlich gezeigt wie Freuds Psychoanalyse. Und der Teufel selbst ist Logiker genug, um unwiderleglich zeigen zu können, wie gerade die Definition des Guten das Böse erzeugt. Das Böse ist also mit unserer Moralität koextensiv.“
AntwortenLöschenAber es tritt heute eben nicht mehr »satanistisch«, sondern gerade umgekehrt: »katharisch « auf. »Gutmenschen« - so haben sich die Katharer selbst genannt. Die »Gutmenschen« sind Sündenbockjäger zweiter Ordnung. Der Sachverhalt klingt kompliziert, wird aber sofort evident, wenn man ihn in theologische Begriffe übersetzt: Satan ahmt Christus nach. Die »Gutmenschen« sind die antichristliche Macht unserer Zeit; sie pervertieren die Sorge um die Opfer, die Toleranz und den Frieden. Mit anderen Worten: Der Teufel spricht heute die Sprache der Opfer.
Um das zu verstehen, ist es hilfreich, sich noch einmal daran zu erinnern, daß Satan der Ankläger ist - eine außerordentlich attraktive Position. J' accuse! Und spätestens seit den Nürnberger Prozessen ist es gerade unter deutschen Intellektuellen eine Klugheitsregel, sich in die Anklägerposition zu bringen. War zu Zeiten der Theodizee noch Gott der Angeklagte,so sind seit der Erfindung der Geschichtsphilosophie immer »die anderen« schuld gewesen. Im Blick auf die Anklagerituale der Massenmedien spricht man in den USA von » The Blame Game« - und dieses Spiel ist des Rätsels Lösung. Perfektioniert haben es die Deutschen durch die Form der Selbstanklage: Wir sind schuld an Armut, Krieg und Umweltverschmutzung.
Tribunalisierung ist das satanische Ritual der »Gutmenschen«. Sie warnen, mahnen und klagen an, um - das hat Odo Marquard ebenso klar wie folgenlos gezeigt - das Gewissen zu sein, das sie nicht haben. Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels, sagte Albert Schweitzer einmal. Und die »Gutmenschen« haben daraus ein gut florierendes Geschäft gemacht. Der Teufel tritt heute also gerade auch als Ethiker auf, der die Wut des Anklagens und Verfolgens entfesselt und die Religion der absoluten Humanität predigt. Damit zeigt er sich auf der Höhe der Zeit, denn durch nichts lassen sich moderne Menschen leichter verführen als durch das Versprechen von »pax et securitas« Frieden und Sicherheit.
Das satanische »Gutmenschentum« hat bekanntlich eine eigene Sprache entwickelt, und sprachlich leben wir heute immer noch im Jahre 1984. Die »Politische Korrektheit« ist Orwells Newspeak, in der die Lüge zur Moral erhoben wird. Daß der Teufel der Vater der Lüge heißt, macht seine brennende Aktualität aus. Er steht für den geistigen Selbstmord durch jene »Politische Korrektheit«, in der die Diffamierung als Aufklärung auftritt. Mit den Worten, die Arnold Gehlens Buch über Moral und Hypermoral beschließen: »der Antichrist trägt die Maske des Erlösers, wie auf Signorellis Fresco in Orvieto. Der Teufel ist nicht der Töter, er ist Diabolos, der Verleumder, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feigheit ist, wie im Menschen, sondern Herrschaft. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung, die Erkenntnis, er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten.« (Norbert Bolz)
Hervorragender Artikel und überaus anregender Kommentar - vielen Dank! Die "Herrschaften" (der Begriff trifft den Sachverhalt leider sehr genau) in der Regierung werden allerdings kaum das intellektuelle Profil haben, um beides zu verstehen oder gar zuzustimmen...
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