„Pakete zuzustellen, wird immer schwieriger“, beschwerte
sich beispielsweise gerade die Sprecherin von DHL, weil viele Empfänger
arbeiteten und tagsüber nicht zuhause anzutreffen seien. Als wenn Leute früher
nicht auch gearbeitet hätten und die Liste der Hartz-IV-Empfänger trotz aller
Parolen vom Arbeitskräftemangel nicht doch immer länger würde. Irgendwie
schafft es die DHL so, mit Unterstützung der Medien, die die Verlautbarungen
eifrig Nachplappern, den Schwarzen Peter dem Konsumenten unterzujubeln, während
man mit einem neuen Service prahlt.
Künftig könne man sich per E-Mail oder SMS informieren
lassen, wann der Zusteller zu erwarten sei. Auf ein Zeitfenster von vier Stunden
genau soll das beziffert werden können, beim Konkurrenten Hermes sollen es sogar
nur zwei Stunden sein. DPD behauptet sogar vollmundig, man mache künftig „den
Empfänger zum Regisseur seines Pakets“. Bei all dem wird unterschlagen, dass
die meisten Zustelldienste mit Subunternehmern arbeiten, denen solche virtuellen
Zeitfenster völlig Wurst sind.
Wie in der Praxis die Post abgeht, zeigt stattdessen ein
Fall, wie ihn Euer Konrad Kustos gerade selbst erlebt hat. Kurz vor der Reise
sollte noch ein neuer Navi her, kostengünstig aus dem Internet natürlich.
Pünktlich und zuverlässig lieferte der Versender den bei der DHL ab.
Dienstleistung funktioniert nämlich noch ziemlich gut, wenn die Firmen sich an
einem funktionierenden Markt um die Kunden bemühen müssen. Erhebliches Erstaunen
löste kurz darauf aber eine E-Mail aus, nach der das weiterhin abgängige Gerät
als erfolgreich zugestellt bezeichnet wurde. Eine aufwändige Recherche ergab,
dass der Navi bei einem Copyshop in der Nachbarschaft abgegeben worden war, der
wie viele andere auch inzwischen Postdienstleistungen übernimmt, weil die Post
keine Angestellten in eigenen Filialen mehr bezahlen möchte.
Auf der Suche nach Abhilfe für die Zukunft, immerhin hatte
der Paketbote nicht einmal eine Benachrichtigung an der Lieferadresse
hinterlassen, kam man mit dem freundlichen Copyshopbesitzer ins Gespräch. „Der
kippt hier täglich massenhaft Pakete bei mir ab, und ich muss die auf Geheiß
der DHL alle annehmen“, klagte der Copyshopper. Der Mann wusste auch Rat, warum
es, obwohl es doch wenigstens mit der DHL einige Zeit geklappt hatte, nun auch da
nicht mehr funktionierte: Die zuverlässige Botin hatte wegen zu geringer
Bezahlung gekündigt.
Blieb die Frage nach der Perspektive, und auch hier hatte
der Copyshop-Experte eine desillusionierende Meinung parat: „Beschweren hilft
nicht, denn dann fliegt das Arschloch raus und das nächste kommt.“ Post mortem
sozusagen. Entscheidenden Erkenntnisgewinn brachte schließlich der so notwendig
gewordene Weg zum Copyshop, denn hier lagerte doch unter anderem auch noch das
seit Wochenfrist erwartete und schon mit entsprechenden Vorwürfen an die
Adresse des Absender kommentierte Privatpaket für die Ehefrau sowie ein Paket
für die Nachbarn, das nun zurückgehen musste, weil jene bereits in den Urlaub
gefahren waren.
Als Einzelfall wäre das einfach als Betrug seitens des
Postboten zu betrachten, doch ein solcher ist es mitnichten. In Kurzform
ausgedrückt: Das System des Niedergangs errichtet kaum kontrollierbare, am
Kunden desinteressierte Dienstleistungsgesellschaften, die die Betriebskosten
senken, indem sie Leistung reduzieren und die Folgen auf den Verbraucher
abwälzen. Während die alte vielgescholtene Monopol-Post noch auf bürgerlicher
Werte und Beamtenmoral verpflichtet auf dem Posten war, wird jetzt Wettbewerb
vorgetäuscht, der sich aber auf betriebliche Rationalisierungen und
Preisabsprachen beschränkt. Dabei müssen Leistung und Zuverlässigkeit schon
deshalb den Bach runtergehen, weil der Empfänger mit der Auftragsvergabe gar
nichts zu tun hat, also keinen marktwirtschaftlichen Einfluss nehmen kann.
Immerhin sind bei DHL Beschwerden möglich, aber weil es
keine Rückkopplung gibt, weiß kein Mensch, in welchem Postkasten oder Papierkorb
diese landen. Die DHL führt so vor, wie Dienstleistung im Niedergang zu
funktionieren hat: Gekürzte oder versagte Leistungen werden mit hochtrabenden
Wortgeklingel virtuell kaschiert. Wie soll es auch anders sein, wenn die
Zusteller mit Hungerlöhnen abgespeist und mit wachsendem Arbeitspensum
überschüttet und demoralisiert werden? Wie soll es anders sein, wenn dem
Begriff Leistungsbereitschaft gesamtgesellschaftlich sowieso immer mehr ein
Charakter der Lächerlichkeit anhaftet? Wie soll es anders sein, wenn
verantwortungsvolle Arbeit immer mehr von billigen Aushilfen erledigt werden
soll? Kein Wunder, dass der Zusteller da oft „Prost“ versteht, wenn Post
gemeint ist.
Der angestellte oder nichtangestellte Zusteller, der das
körperlich noch leisten kann und dem noch so etwas Unzeitgemäßes wie Moral
innewohnt, wird gut daran tun, seine Dienste Unternehmen anzubieten, die für
diese Werte bereit sind, angemessen zu bezahlen. Die „Arschlöcher“, wie es der
gute Mann vom Copyshop formulierte, bleiben am Ende übrig. Was anderes, als das
Elend schön zu reden, bleibt den bedauernswerten Zustellunternehmen da
überhaupt noch?
Das Problem der unzuverlässigen Brief- und Paketzustellung ist schon ziemlich alt, schon die Römer hatten damit Probleme. Die Bezeichnung "Post" enthält, wenn auch sprachwissenschaftlich wohl falsch abgeleitet, die historische Lösung des Problems - das Porto wurde früher vom Empfänger NACH dem Empfang (post receptionem) gezahlt, damit hatte das Postunternehmen eine höhere Motivation, den Brief auch abzuliefern. Seit 1840 gibt es die unsägliche Vorausbezahlung durch sogenannte "Briefmarken", eine abstruse Erfindung...
AntwortenLöschenUm die Deutsche Prä (bislang als Deutsche Post bekannt, aber das stimmt ja nicht, heute gibt es ja fast nur Vorausbezahlung) wieder auf Vordermann zu bringen, muss das System also wieder umgestellt werden. Briefmarken werden durch klassische Portomarken ersetzt, die früher für die Nacherhebung des Portos verwendet wurden. Alternativ könnte der "gute Mann vom Copyshop" solche bei einem unabhängigen Markenhersteller ordern und ein kleines Entgelt bei der Übergabe einfordern. Die Marktchance für den flexible Kleingewerbetreibenden!
Vielleicht baue ich ein Franchise-System auf? Interessenten mögen sich bei dingodog melden, gerne per Blogeintrag.
Vielleicht sind aber auch nur einfach unsere Erwartungshaltungen im Lauf der Jahre gestiegen, in denen die Löhne parallel gesunken sind? In unserer Gegend nimmt der DHL Postbote auch mal schnell das Paket wieder mit, um es am nächsten Tag erneut zu versuchen. Freiwillig wohlgemerkt! Allerdings sind wir auch immer freundlich und nehmen auch für die Nachbarschaft ein Päckchen an. So ein Verhalten spricht sich bei den Zustellern natürlich herum. Es gibt nämlich auch sehr viele Mieter, welche das Paket vom Nachbarn nicht annehmen möchten. Und warum der Paketbote beim Hartz IV Nachbarn klingeln MUSS, erschließt sich mir nicht. Sonst sind uns doch unsere Mitmenschen auch egal. Andernfalls wären nämlich Hungerlöhne in einer sozialen Gemeinschaft gar nicht möglich. Aber ausgerechnet beim Paket sollen wir unseren Gemeinschaftssinn wieder entdecken? Es gibt Zustelldienste, die nur einmal für die Zustellung zahlen. Muss der Zusteller ein weiteres Mal zum Empfänger, macht er das ohne Entlohnung. Interessiert das den Empfänger? Natürlich nicht! Geben wir eigentlich Trinkgeld, wie es auch in der Gastronomie üblich ist? Der Kellner „bringt uns“ ja schließlich auch etwas und wird in den meisten Fällen nicht üppig entlohnt. Warum also nicht auch beim Postboten, der auch schnell mal in die vierte Etage laufen darf? Weil es uns egal ist, welche Arbeitsbedingungen herrschen oder ob wir überhaupt zu Hause anzutreffen sind. Wir haben einen Preis entrichtet und egal wie niedrig dieser ist und wie schnell und billig das Paket von Nord nach Süd auch transportiert wird, es muss bis an die Wohnungstür geliefert werden. Notfalls so oft, bis auch der letzte Empfänger aus dem Urlaub gebräunt und erholt zurück ist. Warum packen die eigentlich nicht gleich das Paket noch aus und nehmen den Verpackungsmüll wieder mit? Unverschämtheit eigentlich, oder?
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