Ambrose Bierce nannte Weihnachten schon vor mehr als 100
Jahren „einen „besonderen Tag der Völlerei, Trunksucht, Gefühlsduselei,
Annahme von Geschenken, öffentlichem Stumpfsinn und häuslichem Protzen“. Nun,
als Satiriker durfte er das, ohne befürchten zu müssen, dass Skeptiker ihn anschließend
zuhause selig unter dem Weihnachtsbaum enttarnten. Tatsache ist aber, dass die
freie, stille Zeit für viele zum Nährboden für die persönliche Krise wird. All
die negativen Dinge, all die Frustrationen, all die Ängste, all die Konflikte,
all die Trauer konnte man in den Zeiten von Stress und aufgeregter Lebensfreude
verdrängen, nun, in der Stille holt uns unser eigenes Bewusstsein ein. Die psychosozialen
Krisendienste könnten ein Lied davon singen, wenn sie dazu die Zeit hätten.
Besonders die wachsende Zahl der Einsamen, die das
zunehmende Alter und der ebenso zunehmende Individualismus mit sich bringt,
können sich nur bedingt mit den traditionell vom Fernsehen angebotenen
Horrorfilmen über die Zeit retten. Aber auch für andere ist das Dogma, eine
friedliche und glückliche Zeit zu verbringen, bisweilen eine Konfrontation mit
dem eigenen Versagen.
Zum Glück gilt das nicht für alle. Wer in einigermaßen
entspannten Umständen lebt, wird, falls die Energiewende ihm nicht überraschend
die Lichter am Baum ausbläst, Weihnachten auch als Chance begreifen können,
einmal aus dem Ritual des schneller, besser und mehr von allem für kurze Zeit
auszusteigen. Es muss ja nicht der jährliche Gottesdienst oder der ebenso
jährliche Begattungsakt sein, vielleicht reicht der besondere Geruch oder die
Musik, um sich in eine Vergangenheit zu versetzen, in der es noch leichter war,
einfach glücklich zu sein.
Schließlich ist Weihnachten traditionell das Fest der (Selbst-)Täuschung.
Jeder kennt den berüchtigten „Brief über den Weihnachtsmann“, in dem ein
amerikanischer Journalist der kleinen, aber glücklicherweise zweifelnden
Virginia dreist versichert, dass es den Weihnachtsmann tatsächlich gibt. Gehen
wir einmal davon aus, dass einiges dafür spricht, dass es ihn nicht gibt,
obwohl Heerscharen von Eltern es für ihre Bürgerpflicht halten, ihrem Kind
solange irgend möglich einen solchen Bären aufzubinden. Wie verwerflich ist es
dann, ein Kind so offensichtlich zu belügen, das doch in der Hauptsache eines
will und braucht: die Welt Stück für Stück zu verstehen?
Der Schreiberling holte in seinem Brief auch weit aus und
bezeichnete Virginias skeptische Freunde als „angekränkelt vom Skeptizismus
eines skeptischen Zeitalters“. Von sich auf andere schließend, unterstellte er
ihnen „einen kleinen Geist“, denn ohne den Glauben an den Weihnachtsmann müsse
der Glauben an alles Schöne und besonders das Licht der Kindheit erlöschen.
Wer bitte schön hat definiert, dass Kinder nur glücklich
sein können, wenn sie an lachhafte Phantasiegestalten glauben, die mit dicken
Bäuchen durch Schornsteine rutschen, die es nicht mehr gibt? Die Phantasie von
Kindern ist viel schöner und größer, als dass sie mit Erwachsenenkitsch
vollgekleistert werden müsste.
Der Lohnschreiber, der all dies auf Anweisung seines
Chefredakteurs von sich gab, begründet seine Lügen mit der scheinheiligen Logik
eines Adorno: „Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du auch den Märchen
nicht glauben.“ Der darin steckende Hinweis ist allerdings erhellend, weil auch
die Märchen seit alters her eine Einübung in das kritiklose Hinnehmen völlig
unglaubwürdiger Behauptungen sind.
Im Gegensatz zum Weihnachtsmann setzen die Märchen sogar
noch einen drauf. Hier wird fast durchgängig vermittelt, Ungerechtigkeiten und
Unterdrückung klaglos hinzunehmen, weil man nur so zur wirklichen Erfüllung
finden kann. Nur wer in der Asche sitzen bleibt und wartet, dem wird der Prinz
zuteil. Bezeichnend, dass gerade die ach so revolutionären Linken immer wieder
Märchen als Mittel der Volkserziehung propagiert haben. Irgendwie müssen sie wissen
und gewusst haben, dass ihr Sozialismus duldsame Untertanen braucht.
Wenn also die Mächtigen einem gerne erzählen, dass im Himmel
Jahrmarkt ist, um ungestört ihre wirklichen Interessen durchsetzen zu können,
ist es aus dieser Sicht sicher sinnvoll, schon den Jüngsten zu erzählen, dass
im Himmel der Weihnachtsmann Geschenke schnitzt, pardon: von irgendwelchen
willenlosen Kobolden schnitzen lässt.
Die Lüge vom Weihnachtsmann ist also für Kinder eine erste
Einübung in die Wirklichkeit. Es ist mit Rute und Geschenken die Gewöhnung an
ein System von Lohn und Strafe, in dem hauptsächlich der belohnt wird, der
alles so macht, wie die Weihnachtsmänner dieser Welt es wollen.
Wie kann man überhaupt glauben, Kinder mit Lügen glücklich
machen zu können? Das erinnert an amerikanische Filme, wo unter kollektivem
Weinen der Zuschauer der Vater dem Sohn schwört, dass die todkranke Mutter
bestimmt wieder gesund wird. Die Lüge als eines der destruktivsten
gesellschaftlichen Elemente wird so enttabuisiert, die Fähigkeit zu vertrauen
zerstört. Am Ende hat man dann eben ein ganzes Land voller Leute, die fanatisch
an Ufos und „intelligentes Design“ glauben, die die Probleme nicht ansprechen,
bis alles in Schutt und Asche liegt, die sicher sind, demnächst vom
Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen zu können, nur um am Ende auch noch den
Job als Tellerwäscher zu verlieren.
Wie und wann soll denn das Gehirn solch eine massive und
kollektive Frühkonditionierung des Glaubens an die Lüge kompensieren können?
Sicher, irgendwann lässt sich die Wahrheit nicht mehr verheimlichen, irgendwann
musste auch der Papst einräumen, dass die Erde um die Sonne kreist, doch
wie viel Schaden wurde vorher angerichtet? Den Glauben an den Weihnachtsmann
verlieren die Kinder, weil die offensichtliche Lüge irgendwann an der Realität und
an zunehmenden intellektuellen Fähigkeiten zerschellt. Was die meisten aber
nicht mehr verlieren können, ist der Glaube an das Glauben. So erklärt sich
unter anderem das weitgehende Fehlen eines gesunden Skeptizismus in unserem
Geistesleben, was sich Politiker, Verkäufer und Experten entsprechend zu Nutze
machen. Um nicht missverstanden zu werden: Der Weihnachtsmann alleine reicht
für dieses kollektive Versagen nicht aus, in der Hauptsache ist es der
menschenimmanente Wunsch, an funktionierende Systeme glauben zu dürfen, doch
der rotberockte Weißbart ist dafür ein Symbol und eine frühe
Institutionalisierung des Defizits.
Wollen wir diese Unmündigkeit verlassen, brauchen Kinder, solange
ihr Gehirn noch saugfähig wie ein Schwamm und unformatiert ist, die behutsame Einführung
in das Erkennen der Realität und in kybernetisches Denken. Ihr Geist muss sich mit
einer Vielfalt durchaus konkurrierender Phantasiegestalten bevölkern können,
die als mentale Spielfiguren begriffen werden, statt sie in eine absurde Realitätsbehauptung
zu zwängen. Sie müssen lernen, dass nicht alles, was in der Phantasie möglich
ist, auch Realität ist oder werden kann, und dass ihnen die Phantasie auch noch
bleibt, wenn die Realität unerfreulich sein sollte. Dass es nicht nur das
Grundgute und Ewigböse gibt, sondern ein ganzes Spektrum dazwischen.
Von selbstherrlichen Psychologen und Pädagogen
vorformatierte Weltbilder blockieren die Entwicklung des Kindes, das seine
Phantasie selbst entwickeln muss. Die Rattenfänger vom Nordpol, die sich
ergötzen, wenn die Kinder solchen einfachen, konstruierten Weltbildern
hinterherlaufen, und die predigen, das entspräche dem kindlichen Geist, haben für
ihre Ideologien keine Beweise. Sie bieten nur „erfolgreich“ billigen Konsum
für das Kind, das soviel mehr möchte und könnte.
Ich dachte schon, ich sei mit meinen krausen Gedanken :-) allein auf der Welt - und freue mich, dass es ganz offensichtlich noch mehr Menschen gibt, die den Weihnachtsmann, amerikanischen Kitsch und ähnliches Blendwerk nicht einfach kritiklos in ihre schöne heile Welt integrieren, sondern billige Klischees kritisch hinterfragen und Gegenentwürfe kreieren.
AntwortenLöschenHoffentlich verstehen immer mehr Eltern, dass Kinder gute Vorbilder und Entfaltungsmöglichkeiten brauchen, die pädagogisch im besten Falle begleitet werden.
Nur so wird meines Erachtens der Grundstein für Empathie, die Fähigkeit zum Glücklichsein, zum kritischen Denken und zum fantasievollen Umgang mit Problemen gelegt.
Ihnen wünsche ich ein schönes Weihnachtsfest ohne Weihnachtsmann und Plastiktannenbaum und einen guten Start in ein glückliches neues Jahr
Annette S.