Wer damit Schwierigkeiten hat, die kleine Gleichung aus dem Vorsatz nachzuvollziehen, ist vielleicht einer derjenigen, die weniger Mängel bei den historischen als bei den mathematischen Fähigkeiten haben. Laut einer zweiten Studie sind nämlich die Leistungen Berliner Schüler innerhalb von wenigen Jahren in den Fächern Mathematik und Deutsch erheblich zurückgegangen. Das hat, wie Praktiker berichten, auch viel damit zu tun, dass den Schülern schlicht die sprachliche Kompetenz fehlt, beispielsweise mathematische Aufgabenstellungen überhaupt zu verstehen.
Wie auch immer, mit der Bildung geht es zügig bergab. In den
Stadtstaaten, also den Ländern mit vielen sozial Schwachen und Migranten,
verfehlten bei einem offiziellen Test 20% der Kinder die Mindeststandards im
Lesen. In Berlin muss schon jedes fünfte Kind die zweite Klasse wiederholen.
Jedenfalls sofern Sitzenbleiben politisch überhaupt noch korrekt und zulässig
ist.
Wie vor kurzem an dieser Stelle schon zum Thema
Zensuren-Virtualität beschrieben, werden die Ursachen dafür irgendwo, nur nicht in der Realität
gesucht. Die Verfasser der zitierten Studie beispielsweise finden solche in
einer „mangelhaften Fortbildung der Lehrer“, die „der heterogenen
Zusammensetzung der Klassen nicht gewachsen“ seien. Das ist der dreiste
Dyslogismus: Weil das Unterrichten in der Gesellschaft des Niedergangs immer
schwieriger wird, sind die Lehrer schuld, weil sie sich nicht fortbilden. Man
sollte bei solchen Aussagen immer schnell schauen, wer da „Haltet den Dieb“
ruft und warum.
Unbestritten ist, dass sich besonders die Leistungen der
Kinder in sozial schwachen Gebieten und/oder mit einer Migrantenbevölkerung verschlechtert
haben. Die schlechten Testergebnisse müssen also gar nicht auf mangelnde
Lernerfolge zurückzuführen sein, sondern können auch auf dem Zuzug kulturell
gehandikapter Familien beruhen. Kann, muss es aber nicht grundsätzlich, denn
der Verlust an Volksbildung ist seit Jahrzehnten ein gesamtgesellschaftliches
Phänomen. Wo früher ein strenges bürgerliches Dogma die Menschen zu der
Erkenntnis brachte, dass sie nur durch Bildung aus ihrer Unmündigkeit und
Abhängigkeit entkommen können, hat heute der scheinbar unendlich währende
Wohlstand, die soziale Absicherung und das Ersetzen bürgerlicher Werte durch
Täuschung und Virtualität dazu geführt, dass die Leute glauben, es reiche die
Surrogatversion von Bildung, die ihnen von RTL bis ARTE mit der medialen
Schnabeltasse eingeflößt wird.
Wir können das alles einmal provisorisch unter dem Begriff
Dekadenz zusammenfassen, und es wird untermauert durch eine Studie der OECD zur
Erwachsenenbildung, nach der auch die deutschen Nichtjugendlichen sich im
internationalen Vergleich ziemlich dämlich anstellen. Im Lesen liegen die
Deutschen danach sogar unter dem Durchschnitt der 24 untersuchten
Industrieländer, bei den Mathematik-Kenntnissen ein wenig darüber. 17,5 Prozent
der Deutschen können nur kurze Texte mit einfachem Vokabular lesen und ihnen
nur wenige Informationen entnehmen. 18,5 Prozent können in Mathematik nicht
viel mehr als zählen und sortieren. Na immerhin. Noch.
Natürlich gilt auch da der Grundsatz, mit Expertenstudien
vorsichtig umzugehen, erst recht wenn sie von der OECD, dieser fatalen Mischung
aus Political Correctness und Konzernkapitalismus, kommen. Solche Studien
täuschen, weil die kulturellen Leistungen in Ländern, die mit Migration zu
kämpfen haben, sowieso immer weitgehend am Ende rangieren: „Wegen momentale
schlechte Schulleistungen wieder Ärger mit der Leherin!“ postete eine besorgte
Mutter auf einer Frauen-Chat-Seite im Internet. Ja, wo das wohl herkommt?
Kommen wir noch einmal zurück zur Dekadenz und der damit
verbundenen Leistungsverweigerung. Seit den siebziger Jahren wird das Erbringen
von Leistung zunehmend nicht mehr als bürgerliche Tugend angesehen, sondern als
schwer zumutbare Forderung eines kapitalistischen Ausbeuterstaates.
Generationen von Sozialarbeitern, Pädagogen und Wissenschaftlern haben daran
gearbeitet, den bösen Leistungsdruck von den Schultern des Nachwuchses zu
räumen. Wie passend, denn die rundumversorgten Kleinen hatten sowieso immer
weniger Lust etwas für den Selbsterhalt zu tun, notfalls konnte man ja bei Mama
wohnen bleiben.
Wenn es um den Verlust nationaler Kompetenz geht, spielt
zusätzlich ein Faktor hinein, den ich in meinem Buch „Chaos mit System“ den „tendenziellen
Fall der Kulturrate“ nenne. Die desaströse Wirkung einer an sich vorbildlichen sozialen Komplettversorgung und die durch
interessierte Kreise
angekurbelte Geburtenförderung
führen seit Jahrzehnten dazu, dass sich die sozial schwachen Schichten, in
denen wir trotz aller politischen Korrektheit auch die geistig schwachen Schichten
vermuten müssen, überproportional vermehren. Für das gebildete Bürgertum, das
sein Glück sowieso zunehmend im Singledasein sucht, ist dagegen spätestens nach
dem zweiten Kind Schluss. Hier kostet es schließlich Aufmerksamkeit und Geld,
während es in den zuvor genannten Krisen-Kreisen zum Lebensunterhalt beiträgt.
Keine Schule der Welt kann gegen diesen Fall der Kulturrate
an-unterrichten. Erst recht nicht, wenn moderner, falsch verstandener
Humanismus dem Lehrer jedwede konkrete Motivationshilfe nimmt: Die Zensurengebung
wird, wie vor kurzem nachgewiesen, ihrer leistungsfördernden Substanz beraubt. Nachsitzen
ist Freiheitsberaubung, In-die-Ecke-Stellen gilt als unzulässiger Psychoterror.
Benachrichtigung der Eltern ist möglich, aber meist entweder ohne Resonanz oder
sie führt zum Aufstand betroffener Eltern gegen die Lehrkraft. Strafarbeiten
sind pädagogisch nicht korrekt - und was soll der Lehrer auch machen, wenn der
Schüler sie einfach verweigert?
Schließlich bleibt noch das Schelten, aber das ist nach
gegenwärtiger Lehr-Lehrmeinung schon fast so verwerflich wie Schlagen. Fast
alles, womit man junge Menschen zu einem kooperierenden Bestandteil der
Gesellschaft formen kann, haben die Gutmenschen abgeschafft. Am meisten
darunter leiden die Schüler selbst, die sich nach nichts mehr sehnen als nach
jemandem, der ihrer chaotischen Existenz Halt gibt. Auch die Eltern wünschen
sich im übrigen mehr Strenge (53% laut Studie). Doch dem Pädagogen bleibt trotz
aller Defizite seiner Klientel, nur zu streicheln und zu bestätigen - wie es
von den Fachleuten des Niedergangs auch immer wieder gefordert wird.
Weil aber trotz aller großartigen Theorie die Probleme
wachsen, greift das System zum bewährten Mittel Virtualisierung, wie folgendes
Beispiel wunderbar beschreibt: Eine verzweifelte Mutter wendete sich an eine
als Pädagogin vorgestellte Ratgeberin ihrer Zeitung. Ihre Tochter habe eine
Sprache angenommen, in der es heiße: „Morgen geh ich Schule“ oder „Ich bin
Bahnhof“. Die Pädagogin wusste gleich Rat: Das falsche Deutsch gehöre zur
Identitätsbildung und sei kein Grund zur Besorgnis, schließlich werde „das
sogenannte Kiezdeutsch von deutschen, arabischen und türkischen Jugendlichen gerne gesprochen“. Das Weglassen von
Artikeln, Personalpronomen und Präpositionen sei keine Verarmung der Sprache,
sondern eher eine Weiterentwicklung und
Bereicherung. (Hervorhebung: KK)
Es geht aber auch so: In Berlin kam kürzlich ans Licht, dass
die Schulverwaltung bei der Begabtenförderung Prüfungsergebnisse von
Migrantenkindern wegen deren hoher Durchfallquote nachträglich zum Besseren
korrigiert hat. Weil man aber in den Amtsstuben dank Datenschutz nicht wusste,
wer überhaupt ein Migrant ist und wer nicht, orientierte man sich pragmatisch
am Klang der Nachnamen! Wie viel Diskriminierung unter dem Mantel der
Gleichberechtigung doch möglich ist…
In beiden Fällen gilt, dass es in einem aus ideologischer
Rechthaberei geschaffenen virtuellen System spielend leicht ist, ein Dilemma
zum Erfolg umzudefinieren. Damit aber wird den jungen Menschen genau die
sprachliche und die daraus folgende intellektuelle Kompetenz vorenthalten, die
sie zur Überwindung ihrer misslichen Situation dringend brauchen. Ganz zu
schweigen davon, dass keine entwickelte Gesellschaft auf Dauer ohne sprachliche
und andere reale Kompetenzen überlebensfähig ist. Für die Manager des
Niedergangs im allgemeinen und des Bildungssystems im besonderen spielt das
aber keine Rolle. In ihrer individuellen und individualistischen, in ihrer aufgeklärten
Weltsicht können doch, wenn das eigene Handeln richtig ist, die Ergebnisse
nicht falsch sein.

Ein herrlicher Beitrag - und dann auch noch in bestem Deutsch ...
AntwortenLöschenVielen Dank für diese Erhellung im ansonsten wettermäßig tristen 7gebirge!
»Die Zensurengebung wird, wie vor kurzem nachgewiesen, ihrer leistungsfördernden Substanz beraubt. Nachsitzen ist Freiheitsberaubung, In-die-Ecke-Stellen gilt als unzulässiger Psychoterror.«
AntwortenLöschenHaben Sie mal Heinrich Mann gelesen? Oder den Schüler Gerber? Vielleicht solten Sie anstellen von Migrant/innen-Schelte mal in Betracht ziehen, daß Kinder und Jugendliche noch über ein gerüttelt Maß an Sensibilität verfügen, zu erkennen, in welcher Welt mit welchen Chancen und Spielregeln sie welche tatsächliche Bedeutung zugewiesen bekommen. Ihrer Rede nach sind es zu formende Werkstücke. Ein Glück, daß die Zeit diesem Gruselgarten des 19. Jahrhunderts zumindest vorläufig noch entronnen ist! Jedes Kind und jede/r Jugendliche/r, der/die sich dem Vernutzungswahnsinn unserer modernen Gesellschaft verweigert, und sei es auf Kosten der eigenen Bildung (hier bräuchten sie in der Tat weise Anleitung, aber sicherlich keinen Zensurenterror oder In-Die-Ecke-Gestellt-Werden, um zu erkennen, daß sie sich ins eigene Fleisch schneiden und die Gestalter ihrer desolaten objektiven Situation sich ins Fäustchen lachen ob dessen), hat meine allergrößte Sympathie.
Ihr Aufsatz hingegen ist nur eins: Reaktionär.
"Natürlich gilt auch da der Grundsatz, mit Expertenstudien vorsichtig umzugehen, erst recht wenn sie von der OECD, dieser fatalen Mischung aus Political Correctness und Konzernkapitalismus, kommen. Solche Studien täuschen, weil die kulturellen Leistungen in Ländern, die mit Migration zu kämpfen haben, sowieso immer weitgehend am Ende rangieren"
AntwortenLöschenHm. Also entweder die böse OECD hat massiv Daten gefälscht, oder ich habe den 2. Satz komplett missverstanden. Das PISA-Team der OECD stellt unter
http://gpseducation.oecd.org/ ein schönes Tool zur Verfügung, dass einem erlaubt, die Schülerleistungen verschiedener Länder gemittelt zu vergleichen. Ich habe mal die wichtigsten Einwanderungsländer, Deutschland und die USA mit dem PISA-Durchschnitt verglichen. Kanada, Australien und Neuseeland sind bei Lesen, Mathe & Wissenschaft alle über dem PISA-Schnitt, ebenso Deutschland, nur die USA und ziemlich deutlich Israel sind darunter.
Also SO schlimm kann Migration dann wohl nicht sein, es kommt vielleicht eher darauf an, wie mit Minderheiten umgegangen wird. Israel ist da ja leider kein Vorbild, und die USA haben einen extremen historischen Ballast.
Oder bezieht sich der 2. Satz des Zitats gar nicht auf Bildung, sondern auf kulturelle Leistungen? Klar, in Australien gibt es ja bekanntlich keinerlei Kultur...
Natürlich würde man gerne in die Sarrazin'sche Klage über den durch das Wachsen der Unterschicht hervorgerufenen kontinuierlichen Niedergang der Kultur einstimmen. Passt in die dunkle Jahreszeit. Aber vielleicht sollte man da vorsichtig sein - was kulturell wichtiges Wissen ist, ändert sich schnell. Wer kann heute noch eine Operette mitsingen, oder einen Hexameter zitieren? Dafür sind heute für viele Jugendliche Sachen selbstverständlich, die vor 30 Jahren noch extremstes Spezialistenwissen waren, und die ältere Erwachsene hoffnungslos überfordern. Natürlich gibt es auch die abgehängten Jugendlichen, und natürlich sind das oft auch Immigranten. Aber für deren Erfolg, und den der Gesamtgesellschaft, ist es besser, mit unzureichenden Mitteln zu versuchen, ihnen eine Chance zu geben, als sie einfach abzuschreiben.
Und gerade heute musste ich in dieser Richtung ein Vorurteil korrigieren - eine Kollegin hat mir von ihren im Ruhrgebiet lebenden Verwandten und deren Freunden mit Migrationshintergrund erzählt, die in der Schule ziemlich gescheitert waren, dann aber von einer allgemein als ganz böse beschriebenen Firma als Auszubildende übernommen wurden, nämlich Amazon. Und das zu überraschend guten Konditionen, und mit gutem Erfolg. Der Gruppeneffekt, der die Clique in der Schule runtergezogen hat, hält sie bei ihrem Arbeitgeber auf der Erfolgsspur.