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| Bild: "Vertreibung aus dem Paradies" © Lise Noergel, www.photocase.de |
Fast eine ganze Seite hatte Frau Katrin Meyer in der Neuen Zürcher Zeitung
zur Verfügung gestellt bekommen, um uns zu erklären, dass das Gender
Mainstreaming aus wissenschaftlicher Sicht quasi den Charakter eines neuen
Naturgesetzes hat. Um es kurz zu machen: Sie argumentiert nicht an einer
einzigen Stelle wissenschaftlich, erhält aber durch Sprache und Formulierungen
den Anspruch der Wissenschaftlichkeit aufrecht. Das wenigstens ist auch klug so, denn der Mensch
des Niedergangs glaubt ja in der Wissenschaft die Rettung zu finden, so wie
früher der den Naturgewalten ausgelieferte Mensch die Rettung in Gott und
Religion sah, und wird ihr deshalb eher glauben.
Da kann es kein Zufall sein, dass Frau Meyer sich in ihrem
Text als Prügel-Kasper den Churer Bischof Vitus Huonder gewählt hat, der in
einer Streitschrift den Begriff Genderismus prägte oder aufgriff. Für ihn ist
Genderismus in Abgrenzung zum Begriff Gender eine „tendenziell totalitäre
Ideologie, die gegen die Natur, gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse und
gegen die christliche Schöpfungsordnung“ verstoße. Das mit der
Schöpfungsordnung wollen wir hier einmal wohlwollend unter den Tisch fallen
lassen, ansonsten hat der Mann damit eine wundervolle sprachliche Handhabe
gegen die Vergewaltigung der Idee geschaffen, dass Männer und Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit
gemeinsam zum Nutzen aller leben und arbeiten können.
Meyer verschleiert also die Ideologie-Gemeinsamkeit von
Genderismus und Religion, indem sie versucht einen Gegensatz aus reaktionärer
Religion und fortschrittlicher Wissenschaftlichkeit zu konstruieren. Was für
ein primitiver Trick. Der funktioniert allein schon deshalb nicht, weil sie
niemals über das Niveau einer schlechten Polemik hinauskommt. Selbst wenn
vorausgesetzt wird, dass korrumpierte Wissenschaft inzwischen ein Normalfall ist,
ist eine solche Qualität an sich nicht tolerierbar.
Nach der neuen Meyerschen Schöpfungsordnung ist der
Genderismus, den sie natürlich nie so bezeichnen würde, der Sieg „liberaler
Rechtsstaatlichkeit“ über die Tradition (in diesem Falle der „heterosexuellen
bürgerlichen Kleinfamilie“). Objektiv hat sie damit natürlich recht, denn die
Tradition hat tatsächlich nur noch eine schwindende Kraft, gegen die
Unterwanderung des Rechtsstaates durch Ideologien aggressiver Minderheiten
standzuhalten. Deshalb bringt Meyer es sogar fertig, die Leugnung biologischer
Unterschiede zwischen den Geschlechtern zum elementaren Prinzip der
demokratischen Gesellschaft zu erklären.
In der Diktion nicht weit entfernt von früheren
kommunistischen Kampfschriften der Studentenbewegung schreibt sie: „Weil Gender
eine soziale Geschlechtsidentität bezeichnet, die durch kulturelle Normen und
gesellschaftliche Strukturen bedingt ist, werden Geschlechterverhältnisse als
historische Praktiken erkennbar - und damit prinzipiell veränderbar.“ Auf
Deutsch: Das jeweilige Geschlecht ist lediglich eine gesellschaftliche Praxis
und kann durch öffentlichen Druck abgeschafft werden. Letztlich heißt das so
ehrlich wie unbedarft, mithilfe eines neuen Wortes lasse sich die Wirklichkeit
verändern. Und ganz unrecht hat sie nicht, erleben wir doch täglich, wie mehr
und mehr irrwitzige ideologische Konstruktionen es schaffen, zumindest (traurige)
politische Realität zu werden.
Genau darauf zielt der Genderismus. „Das Genderkonzept öffnet
einer Gesellschaft somit einen geschlechterpolitischen Handlungsspielraum … und
transformiert die angeblich gottgegebene Geschlechterordnung in Kultur und die
vermeintlich unabänderliche Geschlechternatur in Politik.“ Genderismus ist also,
dass jede(r) mit muss. Wohlwollend zitiert sie eine amerikanische Kollegin
(Judith Butler), die sogar den biologischen Unterschied von Mann und Frau
leugnet. Nach Butlers verdienter „Forschung“ sei die „Unterscheidung von Sex
und Gender unhaltbar“ und es könne „erkenntnistheoretisch keine objektiven
biologischen Definitionsmerkmale der Geschlechter“ mehr geben.
Das ist so dreist, dass dem Leser der Atem stockt und er
sich sogleich ernsthafteren Themen zuwenden will. Doch genau diese Dreistigkeit
ist inzwischen zur Grundlage des politischen Handelns geworden, und wer das
ignoriert, ist genauso mitschuld an der aufkommenden neuen Diktatur, wie es die Deutschen vor Hitlers Machtergreifung waren.
Und die neue Diktatur muss von keiner Geheimpolizei gestützt werden, denn ein
perfektionierter Ideologischer Apparat sorgt schon im Vorfeld dafür, dass es
keinen Widerstand geben wird.
Diese neue „Mentaldiktatur“ konnte es früher nicht geben,
weil das Selbstbewusstsein der Menschen größer war. Erst der Niedergang mit
seiner hilf- und ratlos machenden Informationsüberflutung und in deren Folge aufkommenden
unbegreifbar komplexen Machtstrukturen stürzte die Menschen in die Sehnsucht
nach stabilisierenden Weltmodellen. Je einfacher diese dann strukturiert sind
und je gutmenschlicher sie zu sein behaupten desto größer ist die Akzeptanz bei
den Haltsuchenden.
Auffällig ist auch hier, dass besonders die sogenannten
Intellektuellen besonders anfällig gegenüber diesen Heilslehren sind.
Vermutlich liegt das daran, dass in deren abstrakten Denkstrukturen die
Realität leichter vernachlässigt werden kann. Deshalb keilt die Meyer auch so
heftig gegen den armen Bischof, wagt er es doch, seine Gedanken an der
Wirklichkeit auszurichten (jedenfalls solange es nicht um seine „Schöpfungsordnung“
geht).
Sie behauptet, dass mit dem Begriff Genderismus „der
Geschlechterforschung ihre Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird“. Als wenn
diese Forschung durch ihre ideologische Befangenheit nicht längst selbst jeden
Anspruch an Seriosität zertrümmert hätte. Zynisch fordert ausgerechnet dieses Musterexemplar
ideologischer Indoktrination, Wissenschaft müsse sich nicht am Glauben, sondern
an Kritik und Aufklärung orientieren. Ihr Wort in die Ohren des Fliegenden Spaghettimonsters.
In einem Punkt muss Konrad Kustos Frau Meyer aber gegen den
Bischof, wenn auch aus völlig anderer Perspektive, in Schutz nehmen:
Tatsächlich bringt es nichts, die Begriffe Gender und Genderismus
gleichzusetzen. Könnte es gelingen, mit Genderismus den ideologischen
Missbrauch einer wichtigen gesellschaftlichen Fragestellung zu brandmarken,
dann wäre der Begriff Gender wieder frei, um nach tatsächlich überwindbaren,
nicht biologisch bedingten Diskriminierungen welchen Geschlechts auch immer zu
forschen. Dies setzt aber eine Wissenschaft voraus, deren Ergebnisse nicht
schon vor der Untersuchung feststehen.
In dem Zusammenhang ist interessant, dass erst kürzlich eine
Studie veröffentlicht wurde, nach der sich die Unterschiede von Mann und Frau
umso stärker entfalten könnten, je freier eine Gesellschaft sei. Sollte das
wahr sein, und es spricht viel dafür, wirft der gleichmachende Genderismus ein
bezeichnendes Bild auf den Totalitarismus seiner Verfechter und der
Gesellschaft, in der jene Karriere machen können. Vorausgesetzt, Freiheit ist
ein erstrebenswertes Ziel, heißt das aber auch, dass der Genderismus
gleichermaßen sowohl gegen die Interessen von Männern als auch von Frauen arbeitet.

Fürwahr und trefflich auf dem Punkt – zumindest aus meiner Sicht.
AntwortenLöschenIm Übrigen sehe ich jeden Tag die biologischen Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein, denn ich habe Kinder beiderlei Geschlechts. Oder heißt das jetzt: Geguts?
Wenn Gender - und bitteschön, dieses Wort geht gar nicht, enthält es doch den männlichen Artikel! - zum hohen Gut der Menschlichkeit führt, in dem sich hoffentlich beide Gegüter wiederfinden dürfen, dann wäre ich ja zufrieden. Aber danach sieht es so gar nicht aus ...
Leider kann auch ich die Augen vor der Verblödung der Gesellschaft durch die Wissenschaft nicht verschließen und befürchte, dass meine Kinder dann irgendwann MaPa oder PaMa zu mir sagen müssen :-).
Wie schrecklich ist das denn !?
Ich wünsche allseits ein schönes Wochenende
Annette S. aus K.
Sehr guter Artikel!
AntwortenLöschenDie Gleichberechtigung der Geschlechter ist der Sieg liberaler Rechtsstaatlichkeit.
Der Genderismus ist, genau wie religiös motivierte Geschlechterhierarchien, ein ideologisches Hirrngespinst.
Nette Grüße
Harald H. aus Niedersachsen
Sehr geehrter Herr H. aus Niedersachsen,
Löschenwie darf ich Ihren ersten Satz verstehen?
Meinen Sie, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter der
liberalen Rechtsstaatlichkeit zum Sieg verholfen hat? Oder umgekehrt?
Gespannte Grüße aus der wettermäßigen Tristesse des 7gebirges
Annette S. aus K.