![]() |
| "City-Cube: Quadratisch ja, doch Praktisch? Gut?" Foto: Konrad Kustos |
Dieser City Cube soll Berlins neue Kongresshalle werden.
Zwar hat die Stadt mit dem ICC ein stets ausgelastetes und international
berühmtes Kongresszentrum, doch finden das die Experten nicht mehr schick und
setzen die Politik seit Jahren unter Druck, das Milliardenobjekt abzureißen.
Wenn der rund 90 Millionen Euro teure Cube erst steht, wird wohl auch tatsächlich
dieser Abriss erfolgen. Dann ist einer der wenigen wirklich modernen, nämlich
nicht „klassisch modernen“, trotz seiner Größe filigranen Lichtblicke der Berliner
Nachkriegsarchitektur durch einen monumentalen düsteren Steinwürfel ersetzt.
Leider ist ein solcher Affront gegen die Lebensqualität
nicht die Ausnahme, sondern die Regel (wenngleich es davon durchaus erfreuliche
Ausnahmen gibt). Nicht nur in Berlin, sondern in praktisch jeder Stadt auf der
Welt. Das geschieht dann oft auch noch in Tateinheit mit der achselzuckenden Zerstörung
wertvoller Bausubstanz oder eines historisch gewachsenen Umfelds. Man denke an
das Centre Pompidou, Stuttgart 21, die Hamburger Hafen-City, die Berliner
Museumsinsel oder die Dresdner Waldschlösschenbrücke, für die sogar das ganze
Dresdner Elbtal von der Weltkulturerbeliste gestrichen wurde.
Bleiben wir der Anschaulichkeit halber aber in Berlin und
schildern ein bisschen die Spannweite vorgeblich moderner Umtriebe. Die neue
Zentrale des Bundesnachrichtendienstes für 4000 Mitarbeiter, dort wo früher das
Stadion der Weltjugend stand, kann in seinem düsteren QPG nicht mit einem
Massengefängnis verglichen werden, weil solche Gefängnisse gegen die
Menschenrechtskonvention verstießen. Nebenbei: Die Baukosten stiegen von 500
auf derzeit geschätzte 912 Millionen Euro. Jedes der sechs teilnehmenden
Architekturbüros in der Endausscheidung erhielt allein für die Vorplanung
350.000 Euro. Die Jury in ihrer unsäglich arroganten Distanz zur Wirklichkeit lobte
beim Sieger eine „noble Distanz zur Stadt“.
In Adlershof entstand ein „Landschaftspark“ von solcher
Künstlichkeit, dass man sich wundert, dass das Ganze nicht auch noch mit
Kunstrasen ausgelegt wurde. Sicher scheiterte das nur an den Kosten. Immerhin
formen sich die viele Meter breiten Betonwege nicht nur zu Quadraten, sondern
bisweilen auch zu Dreiecken.
Immerhin für 1,9 Millionen Euro wurde die Mittelpromenade
des Tauentziens umgestaltet. Die berühmteste Berliner Einkaufsstraße erhielt
statt freundlicher Blumenbeete neue rechteckige Betonwannen voller düsterer
Eiben. Langfristig sollen damit Kosten gespart werden, weil Blumenpflanzen zu
teuer sei. Bei solchen Argumenten für das Zentrum einer Touristenmetropole
fällt selbst Konrad Kustos nichts mehr ein. Selbstverständlich ging der
Entscheidung ein demokratischer Wettbewerb voraus.
Keinen Wettbewerb, sondern nur Kostengründe brauchte die
Stadtentwicklungsplanung des Senats dazu, das Aus für 10.000 historische Gasleuchten
zu beschließen. Die Umrüstung der Lampen von unermesslichem Wert für das
Stadtbild und die Lebensqualität kostet allerdings 30 Millionen Euro. Und wenn man weitere Gründe sucht: Angeblich
sinkt dadurch die CO2-Belastung um 9200 t. Was für ein schönes Beispiel, wofür
man das Phantom des Klimawandels alles benutzen kann.
„Buntes Wohnen“ nennt die örtliche Zeitung euphemistisch die
Planung eines Studentendorfs, in dem die Bewohner tatsächlich in 307 (QPG-) Frachtcontainern
wohnen sollen. Die Zeitung ist begeistert und setzt (ungewollt zynisch) noch
einen drauf: „Das Projekt lebt auch von seiner Ästhetik, jeder Container liegt
im Grünen, wo sie auch Gemüse ziehen dürfen.“ Die Ästhetik eines Bauwerks
entsteht also nicht aus sich selbst, sondern aus seiner Umgebung. Wozu aber,
braucht man für das Aufstellen von Containern dann hier einen
Architekturwettbewerb?
Neudeutsch „Green Village“ nennt sich ein
Wohnungsneubaugebiet in Friedrichshain. Doch dort entsteht kein Dorf und das
auch nicht im Grünen, sondern für 3300 Euro pro Quadratmeter gibt es bessere Plattenbauten im Stil QPG und einen
Hof mit Rasenfläche. Die Bauträger wissen also schon was die Menschen wollen,
sie wollen es denen nur nicht bauen. Bei solcher Namensgebungs-Virtualität geht
es sicher um Kosten, aber auch um das Expertenimage der Architekten, die
unerschütterlich zu wissen vorgeben, was schön ist und was nicht.
Die Menschen haben keine Lobby. Der Zirkel aus privaten
Planern und jenen in den öffentlichen Verwaltungen sowie den für propagandistischen
Begleitschutz sorgenden Architekturjournalisten braucht noch nicht mal
Schmiergeld, um zu funktionieren. Es reicht die gemeinsame Ideologie des
Bauhauses und der klassischen Moderne, die heutzutage so absurd ist, dass sie
sich sicher sein können, dass herrschaftssichernde Alleinstellungsmerkmal zu
behalten.
Wie über der Gesellschaft die Political Correctness, so
schwebt über dem Bauwesen die Ideologie des QPG wie ein tödliches Schwert. Wer da
vorsichtig anmerkt, in einer historischen Altstadt könnte auch eine historische
Rekonstruktion eines Hauses das Mittel der Wahl sein, oder wer sich gar
erkühnt, etwas wirklich Modernes, also beispielsweise etwas
Dekonstruktivistisches oder auch Naturalistisches zu fordern oder anzubieten,
der wird erst verlacht und dann bekämpft.
Wenn die Politik ausnahmsweise an bedeutenden Orten einmal
nicht treudoof mitspielt und beispielsweise die Rekonstruktion des Berliner
Stadtschlosses als ästhetischen Abschluss des ansonsten intakten historischen
Lindenboulevards wenigstens teilweise durchsetzt, ist eine Planerin wie die
Senatsbaudirektorin nicht weit, die einen gegenläufigen Wettbewerb für die
umliegenden Freiflächen auslobt. Ein Wettbewerb, der gar kein richtiger ist,
weil von vornherein alles ausgeschlossen wird, was nicht der so genannten
Moderne entspricht. Es reicht dort nicht, das Ergebnis nach gewohnter Methode
durch die Auswahl der Architekten und der Jury vorzugeben, es muss sicherheitshalber
auch noch die ausdrückliche Forderung nach moderner Architektur (übliches
Schlagwort: „zeitgemäße Form“) sein. „Das Konzept sollte die historische und
städtebauliche Kontinuität wahren, aber in einer zeitgemäßen Form umgesetzt
werden“, lautet die Kernformulierung, mit der jeder sensible Umgang mit der
Ortslage ausgeschlossen wird.
Falls sich jemand gewundert hat, warum bisher in jedem
Absatz von Wettbewerben die Rede war, folgt hier die Auflösung: Gerade weil das
ganze Prozedere ungefähr so demokratisch organisiert ist wie der Stalinismus,
braucht man den scheinbar unabhängigen und qualitätssichernden Wettbewerb als
Legitimation - gegenüber der Öffentlichkeit, aber auch, um Abweichler aus den
eigenen Reihen ruhigzustellen. Wer wagt es schon, dem Ergebnis eines seriösen Auswahlverfahrens
zu widersprechen, das mit angesehenen Vertretern des Berufsstandes besetzt ist.
Dies gilt, obwohl Insider natürlich ganz genau wissen, dass allein durch die
Auswahl des Juryvorsitzenden das Ergebnis im Grunde feststeht. Gleichermaßen
könnte man das Zusammenspiel von Teufel und Beelzebub als demokratischen
Prozess charakterisieren.
So kommt es, dass die Bürger, die mit der QPGen
Verwahrlosung ihres Lebensumfelds leben müssen, die Architektur so gut es geht aus
ihrer Wahrnehmung ausblenden, während sich die Verursacher für ihre
Kulturleistungen selbst und gegenseitig auf die Schulter schlagen. Nur die
Kneipen, Restaurants und edlen Geschäfte wissen, was die Menschen anzieht, und
siedeln sich in den Altstädten an.
Beim City Cube sollte aber diesmal alles ganz anders werden.
Zwar konnte man nicht guten Gewissens den Geschmack des Pöbels (so wird der
Bürger im privaten Gespräch von Planern gerne bezeichnet) berücksichtigen, doch
holte man sich weitere Expertenhilfe: Beauftragt wurde die Astrologin Birgit
von Borstel,
ein Bau-Horoskop zu erstellen. Sie versicherte dann in ihrer Expertise: „Das
Horoskop für die Grundsteinlegung des City Cube verspricht Wachstum und
gewinnbringenden Austausch." Willkommen an Bord, Frau von Borstel!

Lieber Herr Kustos, Sie sprechen mir aus der Seele! Zu allem Überfluß soll in Weimar noch ein Bauhaus-Museum entstehen! Ich würde es ja akzeptieren, wenn die Würfelarchitektur neben anderen Ausdrucksformen gleichberechtigt ihren Platz fände. Aber es hat sich wirklich eine geschmacksstalinistische Diktatur etabliert.
AntwortenLöschenDas Wettbewerbswesen hat übrigens auch Auswirkungen auf die vielgescholtenen Kostenexplosionen. Ich hatte dazu mal einen Eintrag geschrieben:
http://www.prabelsblog.de/2013/10/warum-die-kosten-bei-offentlichen-bauten-durch-die-decke-gehen/
Intransparente Vergabeverfahren führen notwendig zu intransparenten Baukosten.
Und anonym sind Wettbewerbe in der Regel nicht.
Ich brauch das garnicht zu lesen.
AntwortenLöschenDas passiert wohl überall in der Republik und wird auch nicht besser. Das Gelungene wird immer mit dem Hässlichen aufgewogen. In meiner Stadt gibt es zahllose Beispiele und ich sehe schon die nächsten zwei.
Ausnahmsweise kann ich KK hier mal fast vollständig zustimmen, bis auf einen einzigen eingestreuten Absatz, den ich einfach ignoriere. Heutige Groß-Architektur schafft es nur in den seltensten Fällen, etwas für das Stadtbild und das städtische Leben positives zu Wege zu bringen. Nichts gegen meine Lieblingsschokolade, aber Quadratisch Praktisch Gut ist für Architektur einfach zu wenig. Diese Bau"kunst" erinnert mich an meine Kindheit - ich hatte mal einen Riesenbeutel Korken und einen ebensogroßen Stapel Bierdeckel zur Verfügung und habe daraus ganze Städte gebaut. Ein Geschoss = 4 Korken + 1 Bierdeckel. Die Ausbildung heutiger Architekten muss so ähnlich laufen.
AntwortenLöschenWobei das schon länger so geht: Wenn man ehrlich ist, das neue Stadtschloss ist die Umsetzung von QPG mit Mitteln der Renaissance. Kein Wunder, dass so etwas heute so gut ankommt.
Ich weiss nicht, ob das ICC Berlin, 1979 eröffnet, wirklich abgerissen werden soll wie vor einigen Jahren der Palast der Republik. Dann hätte es gerade mal ca. 50 Jahre gehalten. Da sich heute alles beschleunigt, kann es sein, dass ich vielleicht noch den Abriss einiger heutiger "Neubauten" erleben werde. Die Hoffnung stirbt zuletzt!