Heute geht es um die Wurst, ach nein, den Wurst. Da hat ein
„Travestiekünstler“ diesen unsäglichen, aber dank seichtspülender Medien
populären ESC (Eurovision Song Contest) gewonnen. Normalerweise wäre das für den meist
wertkonservativen Konrad Kustos ein Anlass gewesen, gegen die Dekadenz des
Niedergangs zu wettern. Doch siehe da, es kommt ganz anders. Er hörte bei allem
Getöse den Geist der Innovation durchklingen. Die Dekadenz lag dann eher bei
der Begleitmusik und betraf die Jubelchöre, die Propaganda beim schlichteren
Teil des Volkes initiieren kann. Schlussakkorde in Moll müssen befürchtet
werden.
10.000 Zuschauer waren live in Dänemark dabei, 180 Millionen
weltweit, davon 8,2 Millionen in Deutschland. Sie hörten viel schlechte Musik, sahen
aufwändige Bühnentechnik und erlebten einen Hauptdarsteller, bei dem sich
irgendwie aufdrängte, eine an anderer Stelle so verteufelte Gender-Schreibung für
seinen Namen zu benutzen. Diese(r) Conchita Wurst aus Österreich ist nicht eine
grell geschminkte Karikatur eines Geschlechts, wie wir es von Transvestiten
normalerweise kennen. Er ist mit schönem Vollbart ein männlicher Mann und mit
feinen femininen Zügen eine schöne Frau. Er ist keine schräge Mischung, er ist
beides, und in beidem gut. Die Gleichzeitigkeit beider Geschlechter in dieser
so noch nicht gekannten Kunstfigur ist geradezu perfekt.
Er hat den schüchternen Charme eines David Bowie und die
Bühnenausstrahlung einer Shirley Bassey. Und er kann singen, aber hallo! Mit
seiner verstörenden Parallelität bringt er unsere eingefahrenen Synapsen zum
Flimmern und schließlich zur Neuordnung. Er schafft es mehr als seine
Vorgänger und alle ideologischen Geschlechter-Gelehrten zusammen, unser
Bewusstsein zu metaprogrammieren. Wir lernen: Egal ob männlich oder weiblich
oder irgendwo dazwischen oder jenseits davon - Hauptsache, es funktioniert und
ist nicht peinlich.
Natürlich geriet so die ganze Veranstaltung auch ein
bisschen zur Demonstration für die Rechte von Homosexuellen, was eine
Musikveranstaltung, die ausdrücklich der Beurteilung musikalischer Qualität
gewidmet ist, eigentlich nicht sein sollte. Aber diese Demo war unterlegt von
Argumenten in Person von Herrn Wurst und damit eindringlich, inhaltlich und glaubwürdig.
Dankbar nahmen wir diese Hilfe zur Erweiterung unserer doch immer wieder eingeengten
Wahrnehmungsmöglichkeiten entgegen.
Zwei Dinge deprimieren aber umso mehr. Erstens: Kein Medium
verzichtete bei der Berichterstattung darauf, den schrägen Spaß-Event als
Demonstration gegen Putin, den Krim-Besatzer, zu verwursten. Dafür gab es natürlich
keinerlei inhaltliche Anknüpfungspunkte. Eher nachvollziehbar wäre noch eine
Demonstration gegen Putin, den Schwulenfeind, gewesen, doch auch hier störte
dann der künstlich aufgebauschte Missbrauch einer im Grunde banalen
Showveranstaltung für ein ernstes Thema. Doch nichts anderes war zu erwarten
gewesen.
Doch zweitens war das Verhalten des Publikums in Kopenhagen
regelrecht erschütternd. Die russischen Teilnehmer wurden schon im Halbfinale
mit Pfiffen und Buhrufen überhäuft, und die ukrainische Interpretin bekam
übermäßig viel Applaus. Wie gedankenlos oder wie gedankenverformt muss man
sein, unschuldige „Künstler“ zu beleidigen und zu behindern, wenn man eigentlich
eine ferne Regierung meint, von der man nichts weiß, außer dem, was einem die
Medien erzählt haben?
Die dort anwesenden Menschen machten sich so unter
Verletzung aller sportlichen Regeln und ihrer eigenen Würde zum Hanswurst eines
Feindseligkeit und Konflikte provozierenden Propagandaapparats. Es zeigt, wozu
die Medien als Vasallen einer zunehmend amoklaufenden Herrschaft fähig sind.
Werden die Kopenhagener in ihrer Variante des Sportpalastes auch so aufgehetzt
skandieren, wenn die NATO zu den Waffen ruft? Der im Prinzip nebensächliche ESC
zeigt beispielhaft, dass es um die Wurst geht. Und Konrad Kustos ist ein heißer
Wurst lieber als ein kalter Krieg.
Sehr treffender und ausgewogener Text, tatsächlich nicht der erwartete Reflex. Was wirklich bedenklich stimmt, ist, dass das Wurst wahrscheinlich auch gewonnen hätte, wenn es überhaupt nicht singen könnte.
AntwortenLöschenLieber Frank,
Löschenman weiß es nicht, und somit ist Ihre Vermutung das, was Vermutungen sind: Spekulation.
Ich halte mich lieber an Fakten und freue mich, dass ein Mensch,
der absolut professionell auftritt und eine sehr gute Stimme hat, diesen Contest gewonnen hat.
Hinzufügen möchte ich, dass ich diese Art von Musik überhaupt nicht mag, aber das ist hier für mich zweitrangig.
Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschenohne Ihren Text hätte ich mir das Wurst-Video vermutlich niemals angeschaut, weil mir diese Art von Musik Conchitas Nachname ist.
So haben Sie mich kulturell wieder mal bereichert :-) - vielen Dank auch für den stilistisch sehr schönen Text.
Viele Grüße
Annette S. aus K.
Im Kopenhagener Sportpalast ist garantiert kein repräsentativer Querschnitt von Musikliebhabern anwesend gewesen. Ich kenne sehr viele Leute, die aus Putin geradezu einen Freheitskämpfer stilisieren, die in Rußland das Shangri-la der Bürgerlichkeit erkennen. So oder so, alles Mißverständnisse eben...
AntwortenLöschen