Konrad Kustos mag kein Radio, und wenn eine solche Frohnatur
überhaupt hassen könnte, würde er dieses Medium wahrscheinlich sogar hassen.
Einst als erstes elektrisches Massenmedium angetreten, die Welt zu informieren,
kümmert es sich heute vornehmlich um das Deformieren im Zuge des Niedergangs.
Während TV-Konsum voraussetzt, dass man sich für bestimmte Sendungen mehr oder
weniger aufmerksam vor die Kiste setzt und welchen Inhalt auch immer
konsumiert, ist das beim Radio gar nicht möglich. Es dient seinem Wesen nach
der besinnungslosen Dauerberieselung, meist im Hintergrund und entsprechend
tückisch.
Das Radio als „Hintergrundrauschen“
besonders bei Sprachbeiträgen, schadet dem Hörer gleich auf mehreren Ebenen:
Zum einen hindert es das Gehirn, sich richtig auf jene Dinge zu konzentrieren,
die der Radiohörer eigentlich gerade erledigen will. Egal, wie sehr sich die
Radioten auch darauf berufen, dass sie als „Multitasker“ genügend
Hirnkapazitäten dafür übrig haben, blockiert es dennoch immer - und gerade die
komplexeren Denkvorgänge. Und weil dies unterbewusst zwangsläufig als störend
empfunden wird, macht es – je nach Nutzertyp - entweder nervös oder einfach nur
blöd.
Zum zweiten, wenn es denn überhaupt gesprochene
Informationen und nicht nur nahtloses Hitgedudel auf dem Sender gibt,
manipuliert es besser als jedes andere Medium. Weil Bilder (TV) oder
Themenvielfalt (Zeitung) fehlen, lässt sich das Gesagte kaum mit parallel
wahrzunehmenden Informationen abgleichen. Zwar kann die Botschaft vor dem
Hintergrund eigener Erfahrungen abgelehnt werden, aber die sie transportiert
keine zusätzlichen Inhalte, mit der sich die Information hinterfragen ließe.
Vertrauen beim Hörer zu Gesagten ist also Voraussetzung, eine ungesunde
psychologische Nähe entsteht, und dem Schöpfer des Beitrags stehen alle
Möglichkeiten der selektiven, meinungsgesteuerten Information zur Verfügung.
Marshall
McLuhan hatte schon in den späten 60ern festgestellt, dass das Radio
ein „heißes“, also gefährliches Medium sei, weil seine eingeschränkte,
bilderlose, Informationsvermittlung über den Umweg der Phantasie aus kleinen
hässlichen Diktatoren große Massenverführer machen kann. Ein Hitler, so der
amerikanische Medien-Guru, wäre im „kalten“ Fernsehzeitalter nicht möglich
gewesen.
Zum dritten und vielleicht wesentlichsten aber ist
Radiohören ein streng linearer Vorgang und damit eine Konditionierung zu einem
in der menschlichen Gesellschaft ohnehin problematischen Hang zum linearen
Denken. Durch den steten Fluss der Information bleibt keine Zeit, wirklich zu
verarbeiten. Es gibt kein Innehalten, kein Abgleich mit eigenen Erfahrungen,
kein Einbringen eigener Überlegungen zum Thema – die Botschaft des allmächtigen
und erleuchteten Schöpfers der Information dringt von keiner anderen Instanz
als dem Ausknopf zu stoppenden Schwall aus den Boxen. Irritationen und mögliche
und wenn auch nur im inneren Diskurs vorgebrachte Einwände des Hörers gehen im
unbeirrt dahinfließenden Gequassel unter.
Mit der sechsten Säule des Niedergangs beschreibe ich in
meinem Buch „Chaos mit System“ wie
dieses lineare Denken uns daran hindert, die komplexen Aufgaben des
Informationszeitalters zu bewältigen. Als Ausweg wird das „Kybernetische
Denken“ vorgeschlagen: ein aus vielen Fakten gespeistes intuitives Verarbeiten
komplexer Zusammenhänge.
Das Radio ist dazu der Gegenentwurf. Man wähnt sich
informiert und liefert sich doch nur einer äußerst selektiven Information aus.
Falls es wie gesagt überhaupt noch Information gibt und nicht bloß anbiedernde
Säuselstimmen mit Gewinnspielen, Hörerzuschaltungen und Programmansagen.
Lineares Denken wird in jedem der Fälle eingeübt.
Wo der so oft gescholtene Computerspieler trotz aller
Abwendung von gesellschaftlichen Realitäten und zwischenmenschlicher
Kommunikation noch seine eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse trainiert, ist das
moderne Radiohören als Massenphänomen ein Ergeben in von eigenen Gedanken
freien Konsum. Nicht „Soap Operas“, sogenannte Trivialliteratur oder Berichte
über Königshochzeiten sind das primäre Fluchtmedium der Gegenwart, sondern das
Radio. Es soll für den Nutzer genau das bewirken, was es tut: Ablenken vom als
unbefriedigend empfundenen Umfeld (Arbeit, Haushalt) und Ablenken von der
Verarbeitung einer gewiss auch oft schwer zu verarbeitenden Realität. Es soll
den Geist, der permanent vor der Entscheidung zwischen Bequemlichkeit und
Herausforderung steht, abhalten von eigener Gedankenarbeit, es soll Erkenntnis
und Selbsterkenntnis verhindern, es ist ausgerechnet als Informationsmedium die
Kapitulation vor dem Informationszeitalter.
Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschenvielen Dank für diesen Beitrag, der wieder mal die Diskussion lohnt …
Ich kann Ihre Argumente gut nachvollziehen und verstehe, dass Sie Radio hassen würden, so Sie hassen könnten.
Im Gegensatz zu Ihnen betrachte ich Radio allerdings grundsätzlich erst einmal neutral. Es hat – wie alles – zwei Seiten, und es kommt – wie immer – darauf an.
Zum Beispiel, welchen Sender man hört.
In NRW haben wir WDR 5, und das ist ein sehr informativer Sender, den ich gern (aber nicht dauernd) höre und keinesfalls missen möchte.
Hier werden politische Themen genauso abgehandelt wie Kunst und Kultur. Es gibt gute Kommentare und Hintergrundinformationen, die mich schon sehr oft zum Nach- und Weiterdenken gebracht haben.
Grundsätzlich kann man also nicht dem Radio - das übrigens ein elektronisches und kein elektrisches Medium ist, obwohl es die Elektrik benötigt, um seine Sendungen zu übertragen – die Schuld in die Schuhe schieben, sondern höchstens den MacherInnen, die Radiosendungen bestücken.
Und die wiederum setzen natürlich Maßstäbe, müssten aber – wenn genügend Menschen sich mit Informationen auseinander setzen würden und wollten – ihr Programm ebenso umstricken wie die Informationen, die sie bringen.
Und natürlich auch die Art und Weise, wie sie sie bringen.
Genau das ist ein System, das letztlich mindestens genauso von den HörerInnen gesteuert wird wie von den RadiomacherInnen.
Auf der anderen Seite kann ich aber auch Ihre Ablehnung verstehen, denn natürlich eignen sich Radiosendungen hervorragend, Menschen zu manipulieren. Und ich stimme Ihren Argumenten hier weitgehend zu.
Drei Punkten widerspreche ich allerdings:
1. Ein linearer Vorgang (streng genommen gibt es keine linearen Vorgänge in der menschlichen Informationsverarbeitung, weil der menschliche Geist IMMER auch Assoziationen hat, von anderen Dingen abgelenkt wird, eigene Gefühle hat und Gedanken entwickelt usw.) kann in der Regel unterbrochen werden.
Das setzt allerdings aktives Handeln voraus oder anders gesagt: die Selbstverantwortlichkeit der Involvierten.
Bei WDR 5 gibt es zwischen einzelnen Kommentaren übrigens immer auch ausgewählte Musik, die im Hinblick auf ihre Schwingungsqualitäten dem Denken eher förderlich als abträglich ist.
Ich persönlich halte „Soap Operas“, sogenannte Trivialliteratur oder Berichte über Königshochzeiten übrigens für erheblich gefährlicher als das Hören ausgewählter Radiosendungen von seriösen Sendern.
2. Kybernetisches Denken ist aus meiner Sicht nicht nur die intuitive Verarbeitung komplexer Zusammenhänge, sondern die weiterreichende kognitive Erfassung sowie prüfende und logische Verarbeitung von Zusammenhängen, die nur in der Gesamtheit Sinn erschaffen können, der „wirklich“ Sinn macht und sich zur Diskussion und Argumentation eignet.
3. Für mich sind viele Computerspiele eine weitaus bedenklichere Flucht aus der Realität als das Radiohören. Dass sie Fähigkeiten und Kenntnisse trainieren, ist aus meiner Sicht nur teilweise begrüßenswert.
Auch hier gilt: Es kommt darauf an - z. B. um welche Fähigkeiten es sich handelt und wie manipulativ das Spiel aufgebaut ist, sprich: ob es Menschen programmiert oder tatsächlich Möglichkeiten eröffnet, die kognitive Prozesse fördern.
Mit den besten Grüßen aus dem schrecklich heißen 7gebirge
Annette S. aus K.
Mit dem falschen Fuss aufgestanden - oder ist es einfach nur zu heiss?
AntwortenLöschenZu allererst: Mit dem Radio kann man Musik empfangen - im Gegensatz zu einer Zeitung...
Ohne Radio waere das "vormals staatliche Medienmonopol" vielleicht nie aufgebrochen worden, zumindest habe ich das so in den 80ern mit den ersten Privat-Radios aus Suedtirol/Italien erlebt.
Vor dem Internet war das Radio eine der wenigen Moeglichkeit einer "Buergerbeteiligung" an den Medien - in Hamburg der offene Kanal, Heute leider zu einem "Tide" ver-wirtschaftet(-wurstet), oder dem FSK (FreiesSenderKombinat).
Zur "gehaltvolleren" Text-Information koenntest Du NDR-Info oder DeutschlandRadio hoeren - es wird ja nun wirklich niemand gezwungen die anderen Seicht-Sender 'reinzudrehen.
Im Bereich der TV-Unterhaltung kann ich da bisher nicht viel vergleichbares finden - gut, Tide hat auch 'nen Fernseh-Kanal und das Staatsfernsehen glaenzt mit vermeintlichen Infosendern satt...
Zu "linear" unterstelle ich, dass auch Du mehr oder weniger nur in der Lage bist eine Info nach der anderen zu verarbeiten - also es zwingt Dich keiner 24 Stunden lang njoy zu hoeren,
sondern Du kannst, wie alle anderen Medien, eines nach dem anderen durchkaempfen und Dir dann aus allem zusammen irgendeine wie auch immer beeinflusste Meinung bilden.
So ein Kaese von wegen Radioten und Multitasking - oder liest/verstehst Du 3 Blogs simultan?
Ein ordentlicher Radio-Beitrag (nich' die 20 Sekunden Schnipsel) erlaubt es sich sogar die verschiedenen Meinungen aufzulisten und dem Hoerer naeher zu bringen - ein Luxus der bei der quasi komplett einseitigen Meinungsverbreitung ala Web 12.0 & TV nach dem Motto "Weisheit mit Loeffel gefressen" wohl leider als naechstes auf der Strecke bleiben duerfte.
Dank Web-Radio mit Seiten wie www.rad.io findet man jede erdenkliche Musik-Richtung - selbstverstaendlich werden da auch die Mist-Sender gelistet welche Grund Deines Hass-Artikels gewesen sein koennten - aber ich muss ja auch nicht die Bloed-Zeitung lesen nur weil es die gibt...
In einer Medien-Landschaft, in der nicht mal mehr das Gegenteil der Luege als Wahrheit bezeichnet werden kann - kann Radio Dir musikalische Unterhaltung liefern, ohne Propaganda oder Gehirnwaesche oder wirtschaftsfoerdernder Meinungs-Verarsche - da frage ich mich welches Medium da ueberhaupt mithalten kann ? ; )
Im Gegensatz zur Dosis beim Gift - macht's dann halt die Sender-Wahl beim Radio aus.
Was Heute in den ganzen Medien abgeht - da war der Hitler im Vergleich ein armes Wuerstchen.
Was hilft "kybernetisch" wenn alle ausschliesslich den Mist verzapfen der ihnen die Taschen fuellt?
Vielleicht - viel_leicht sind ja gerade die Menschen welche sich dem ganzen Wahn entziehen, und einfach nur Musik hoeren moechten die gluecklicheren - frei von der ganzen Manipulation, Stimmungsmache und Luegen-Verbreitung - und sicherlich muessen die sich ueber nix ; ) aufregen was sie irgendwo im Internet gelesen haben,,, B ))
Also ein abschliessendes Mittel-Hoch auf's Radio - Deine Radio-Kritik passt auch auf alle anderen Medien - und ich konnte sie (offensichtlich) nicht ohne Kommentar verdauen : )
Da kann ich nur zustimmen - auch als Selbst-Internet-Radiomacher fällt mir nicht viel weiteres zu dem Thema ein. Allerdings ist der Trend bei den immer noch entscheidenden UKW-Radiosendern schon eher negativ. Hierzulande (genauer in Bayern) macht sich das über das Abschieben von Bayern 4 Klassik auf DAB/Internet bemerkbar. Fröhliche Dummplauderwellen haben halt Vorrang, um die "Jugend" zu binden.
LöschenIch bin mal gespannt, was passiert, wenn der Netzausbau und die Preismodelle es erlauben, auch unterwegs auf Internetradio umzusteigen. Ich kann mir vorstellen, dass dann vielen etablierten Sendern die letzte Stunde schlagen wird.
Hallo, nur eine kurze und unvollständige, aber grundsätzliche Antwort aus dem Urlaub an alle Vorredner hier und anderswo. Natürlich kann man zu jeder These Gegenthesen finden. Wer Tod ist, kann beispielsweise nicht mehr krank werden. Oder, näher am Thema, wer gerne Auto fährt, kommt zwar flott voran, aber er belastet die Umwelt. Es hilft nicht wirklich weiter, dann möglichst viele Argumente und persönliche Vorlieben aufzuzählen, warum das eine gut und das andere schlecht ist. Hilfreicher wäre stattdessen der Versuch gewesen, meine Argumente zu entkräften, also darauf zusammenhängend einzugehen. Noch besser wäre, die Pros und Cons zu gewichten und zu bewerten (siehe dazu die 6. Säule in meinem Buch "Chaos mit System"). Nur dann kommt man zu qualifizierten Aussagen statt einer Aufzählung persönlicher Vorlieben. Ich hatte hier doch gerade versucht, auf die Metaebene jenseits einzelner Programmqualitäten zu kommen. Auch mit den besten Programmen kann man nämlich das Bewusstsein vernebeln, so lautete die Aussage. Da hätte ich mir schon gewünscht, Substanzielles dazu zu hören. Ansatzweise finde ich das bei buntebank. Nebenbei hat mich die naive Unterscheidung von gutem und bösem Radio schon etwas schockiert. Habt Ihr wirklich die Zeit und freie Gehirnkapazität Euch das ambitionierte Gelaber über politisch und künstlerisch bedeutungslose Details anzuhören? Das ist doch die eigentliche Gehirnwäsche: Das Wichtige, also Zusammenhänge zu ignorieren und dafür ein Banalitätenbombardement als Information zu verkaufen. Da kann ich ja gleich die Zeit lesen!
AntwortenLöschen