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| Quelle: toonpool.com |
Wenn Ihr Euch schon mal gefragt
habt, warum es Euch dauernd passiert, dass Ihr in einer Telefonwarteschlange
verhungert, dass Ihr die dringend erwartete Post nicht bekommt, weil der
Absender nachhaltig die Adresse falsch schreibt, oder dass die Autowerkstatt
nur die Sachen repariert, die schon vorher funktioniert haben (diese Aufzählung
bitte beliebig ergänzen), dann habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht
für Euch: 1) Ihr seid nicht allein. 2) Daran wird sich nichts ändern.
Was die meisten bisher wohl für
persönliches Pech halten, ist ein zwangsläufiges Strukturelement der
Niedergangsgesellschaft. Aus vielen Gründen, die ich in meinem Buch beschreibe,
kommt Chaos ins System, wird systematisch Chaos erzeugt. Je weniger die
Strukturen in der Lage sind, zivilisatorische Aufgaben zu erledigen, desto mehr
müssen die Verantwortlichen behaupten, sie hätten alles im Griff. Sie hoffen
sogar, mit diesen virtuellen Leistungs“beweisen“ die Düpierten überzeugen zu
können, dass alles in bester Ordnung sei.
Nun kommt dadurch weder die
telefonische Information, die Postsendung oder die Werkstattrechnung korrekt
beim Nutzer an, doch über den schmerzhaften Einzelfall hinaus zeigen die Schalmeienklänge durchaus
befriedende Wirkung. Das ist schade, aber verständlich, denn der Gelackmeierte
steht allein einem anonymen Apparat gegenüber und will sich ja geradezu
befrieden lassen, um mit der Situation überhaupt leben zu können. Der
Schlüssel-Euphemismus der Dienstleistungsunfähigen lautet
„Servicegesellschaft“. Gerne verweist man in Deutschland dabei auf das
Mutterland der Servicegesellschaft, die USA. In der Tat ist man uns hier
mindestens zehn Jahre voraus.
Ich pendle häufig zwischen hier und
dort, und bin aus verschiedenen Gründen auf Telefon und Internet angewiesen.
Weil ich meine Pappenheimer kenne, rief ich sicherheitshalber vier Tage vor der
Anreise bei der örtlichen Telefongesellschaft an. Nebenbei gesagt, nimmt man es
dortzulande mit der Marktwirtschaft
auch nicht so genau: Zwar gibt es einige große, scheinbar konkurrierende
Telekommunikationsbetriebe, doch im Grunde hat man sich das Land untereinander
aufgeteilt und regiert die Abhängigen nach Gutsherrenart.
Mir wurde also versichert, dass
meine Leitung rechtzeitig, wahrscheinlich schon zwei Tage vorher,
freigeschaltet werde. Beim Eintreffen ging stattdessen nichts (einem
mitreisenden Freund und Nachbarn erging es dafür ebenso). Am Folgetag fuhr ich
40 Minuten ins nächste Büro der Gesellschaft, die das Wort „Link“ im Namen
führt, wahrscheinlich, weil geheim davor gewarnt werden soll, dass man hier
nicht verlinkt, sondern gelinkt wird. Der „Beamte“ sah sich nicht in der Lage
zu helfen, da dafür die Hotline zuständig sei. Er gehe aber davon aus, dass am
Abend erfolgreich gelinkt worden sei. Denkste.
Nun ist es aber nicht einfach, eine
Hotline anzurufen, wenn man kein Telefon hat. Erst recht in einem Land, das
Münzfernsprecher mit einer Konsequenz abgebaut hat, die man ihm bei anderen
Unternehmungen durchaus wünschte (etwa bei der Modernisierung von
Stromleitungen und –produktion). Also wurde ein Handy gekauft, nur um
festzustellen, dass das am Ort des Desasters keinen Empfang hat. Zum Glück war
besagtem Freund inzwischen die Servicegnade zuteil geworden, wieder
telefonieren zu dürfen.
Um die Geschichte abzukürzen: Noch
vier Tage dauerte der Kampf. Jeden Tag verbrachte ich ca. 45 Minuten entweder
in der Warteschleife
(sinnvollerweise mit wohlklingender Eigenwerbung des Unternehmens unterlegt)
oder beim Durchwandern unsäglicher Computermenüs, die am Ende oft wieder an den
Anfang führten. Die irgendwann doch noch erreichten Mitarbeiter, waren perfekt
freundlich, so dass man sich wünschte, diese netten Leute zu anderen Anlässen
kennengelernt zu haben. Sie fragten nach meiner Telefonnummer (die
grundsätzlich schon am Beginn der Warteschleife angegeben werden musste, aber
das konnten die Kollegen wohl nicht wissen), wollten meine Adresse und meinen
Namen wissen und zum Glück nicht meine Schuhgröße und Sozialversicherungsnummer (die
Deutsche so ja gar nicht haben) .
Dann schauten alle in ihren
Computer, stellten fest, dass die Leitung versehentlich noch nicht
freigeschaltet sei, was aber bis zum Abend problemlos zu beheben sei und
flöteten ihren Standardabschiedsspruch. Natürlich geschah nichts. Vorsichtige
Vorschläge, es könne sich vielleicht um ein technisches Problem handeln, lagen
leider jenseits des Horizontes eines amerikanischen Hotline-Mitarbeiters und
wurden charmant überhört.
Des Problems Lösung verdanke ich
einem Zauberwort. So wie die Manager des Niedergangs mit dem Wort „Service“
schummeln, zog ich den Wunsch nach einem „Supervisor“ aus dem Zylinder
(bildlich gesprochen, in Wirklichkeit hatte ich aus Verzweiflung meinen Hut
schon verspeist). Und siehe da, den Anschiss ante portas, hörte die Dame am
anderen Ende plötzlich erstmals zu, fertigte ein gewissenhaftes Protokoll an,
entschuldigte sich siebenmal, sicherte eine Entschädigung zu und gab den Fall
an die Techniker weiter. Die hatten den Schaden in einer guten Stunde behoben.
Praktiker eben, nicht direkte Mitarbeiter eines virtuellen Service-Apparats.
Wer will übrigens mit mir wetten,
dass ich die Entschädigung nicht erhalten werde und stattdessen die
verbindungslose Zeit in Rechnung gestellt bekomme?
P.S.: Inzwischen wurde von der
Gesellschaft eine „Aktivierungsgebühr“ von 54 Dollar in Rechnung gestellt. Zu
unrecht, wie die zuständige Hotline bestätigte. Der Kampf geht weiter.

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